Über das Totschweigen und dagegen anschreiben

5  08.04.2005

Pro:
ein mutiges, wichtiges, lesenswertes Buch

Kontra:
nichts

Empfehlenswert: Ja 

StonerMcT

Über sich: Im Moment steht mir nicht so der Sinn nach Ciao. Das CIS für Privatnachrichten ist aber an, ich bin ...

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Kürzlich las ich Auszüge aus einer repräsentativen Studie über Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Das Interessante: Die meisten Befragten waren sich durchaus der Verbrechen des Hitler-Regimes bewusst, brachten diese aber nicht mit ihrer persönlichen Familiengeschichte in Verbindung. „Opa war kein Nazi“, dachten die allermeisten, während lediglich 1 Prozent sich vorstellen konnte, dass ihre Verwandten direkt an den Verbrechen beteiligt waren. Ganze 26% waren der Meinung, ihre Angehörigen hätten „Verfolgten geholfen“.

Statistisch ein Ding der Unmöglichkeit. Nun haben wir es ja nicht mit Holocaust-Leugnern zu tun – jedenfalls dürften auch die statistisch in der Minderheit sein – sondern mit ganz normalen Nachkommen ganz normaler deutschen Familien. Noch dazu: Je gebildeter sie waren, je besser sie also historisch Bescheid wussten, desto mehr „beschönigten“ sie ihre Familiengeschichte.
Entlarvend, denn auch mir geht das so, dass ich wenig darüber weiß. Aber was ist das: Vergesslichkeit, Verdrängen, Rücksichtnahme?

„Am Beispiel meines Bruders“ ist das 2003 erstmals erschienene, wohl persönlichste Buch des Schriftstellers Uwe Timm („Die Entdeckung der Currywurst“, „Rot“), das sich mit eben dieser innerfamiliären Verarbeitung bzw. dem Verschweigen und Verdrängen der Nazivergangenheit auseinandersetzt und seit kurzem erstmals als Taschenbuch vorliegt.

Uwe Timm hat es nicht gewagt, an die Vergangenheit seiner eigenen Familie zu rühren, solange seine Eltern und die Schwester noch lebten. Zu viele Emotionen waren mit dem Nachfragen verbunden, zu sehr wurde das Thema vereinfacht oder gänzlich unter den Teppich gekehrt. Noch in den 50er Jahren, schildert er, war es normal, in der Stammkneipe darüber zu diskutieren, wie der Krieg doch noch hätte gewonnen werden können. Es war eher die Rede von eigenen Leid, den Ausbombungen, den Tagen im Luftschutzbunker, über die eigene Schuld schwieg man sich aus. Nazis waren immer nur die anderen.

Der Autor selbst ist 1940 geboren, ein Kriegskind mit vagen Erinnerungen an die Zeit, in der der Vater ihm auf „Fronturlaub“ das Hackenzusammenschlagen beibrachte, um es ihm nach 1945 strengstens wieder zu verbieten. Und auf keinen Fall mehr „Heil Hitler“ sagen durfte. „Auf gar keinen Fall. Hörst du?“

Weil er bei dessen Tod erst drei Jahre alt war, erinnert sich Uwe Timm auch kaum noch an den Bruder, der im Alter von 19 Jahren in einem Feldlazarett in der Ukraine starb.
Der 16 Jahre ältere Karl-Heinz Timm - der große Bruder, das Vorbild - hat sich mit 18 Jahren freiwillig zur Waffen-SS gemeldet. Warum hat er das getan? Die Erklärungsmodelle dafür waren später vielfältig. Der Bruder wollte nicht zurückstehen, tapfer sein, gehorchen. Weil das eben einfach so war damals.

Was von ihm blieb, wurde der Familie nach seinem Tod in einem kleinen Pappkästchen von den Nazibürokraten zugeschickt: ein Tagebuch, eine Handvoll Briefe, ein Orden, ein paar Foto, Zahnpasta und einen Kamm. Dieses „Erbstück“ in den Händen zögerte Timm lange, bis er ausgiebig darin las. Immer wieder nahm er das Kästchen zur Hand, las ein paar Zeilen und scheute dann die weitere Auseinandersetzung. Er vergleicht es sehr treffend mit dem Märchen vom Blaubart, dessen grausames Ende als Kind auch nie hat hören wollen: das Blut, das herausströmt, wenn man die Tür öffnet – und wenn man es auf der einen Seite abwischt, kommt es auf der anderen Seite wieder zum Vorschein. Die Geister, die ich rief…
Denn: Der tote Bruder war stets präsent in seiner Kindheit, durch die Trauer der Eltern. Durch das, was erzählt wurde und vielleicht ganz besonders durch das, worüber man in den Nachkriegsjahren nicht sprach.

Eine Mischform aus Dokumentation, literarischer Annäherung und intensiver Recherche hat Uwe Timm auf schlanken 155 Seiten zusammengetragen. Am Beispiel nicht nur des Bruders, sondern auch des Vaters, der ebenfalls im Krieg war und heimkehrte. Am Beispiel vieler kleiner Beispiele wird Geschichte höchst lebendig und vieles deutlich, was für uns Nachgeborene sonst nur ein Zahl, ein Datum war.

Sein Standpunkt ist dabei ganz klar: Natürlich hält er es für möglich, dass sein Bruder direkt an den Naziverbrechen beteiligt war, natürlich verteidigt er in keinster Weise die Unmenschlichkeit des Tötens, des Krieges, und dennoch merkt man an vielen Stellen, dass er involviert ist in diese Fall-Geschichte. Dass der Bruder vom Bruder erleichtert ist, dass sich im Tagebuch kein direkter Hinweis auf dessen antisemitische Einstellung findet. Dass er sich an der lapidaren Notiz „Futter für mein MG“ abarbeitet und sich an drei Fingern abzählen kann, was dieser Ausdruck bedeutet.

Das alles ist inhaltlich schnell erzählt und hat sich wohl in vielen Familien so zugetragen. Mir war das alles nicht neu - theoretisch. Psychologisch jedoch habe ich die menschlichen Tragödien, das Dilemma der Kriegs- und Nachkriegsgeneration noch nie so gut verstanden wie bei Uwe Timm.


Es ist gar nicht so leicht zu beschreiben, dieses Buch. Das liegt im Wesentlichen daran, dass der Titel eigentlich trügt: Es müsste heißen „Am Beispiel meiner Familie“. So dunkel wie das Schicksal des Bruders letztlich bleibt, so viel sagt es aus über die Zurückgebliebenen. Über Vater, Mutter, Schwester und den Bruders des Bruders, also den Autor selbst. So fügt sich aus dem Flickenteppich, dem lückenhaften Mosaik über den Bruder eine durchaus exemplarische Familiengeschichte zusammen.

Dadurch, dass Timm uns an seiner ganz persönlichen Reflexion teilhaben lässt, zieht er den Leser in den Sog seiner Gedanken. Ein heikles Unterfangen: Einerseits verurteilt er niemanden. Was ihn umtreibt, ist immer der Versuch, zu verstehen. Man ist dann aber auch ganz schnell dabei, etwas rechtfertigen zu wollen. Das macht Uwe Timm ganz und gar nicht. Zwar merkt man ihm durchaus an, dass er es manchmal gern tun würde – sonst würde er ja nicht so inständig hoffen, dass sein Bruder nicht einfach nur ein fieser, skrupelloser Antisemit war. Höchstwahrscheinlich war er das ja auch nicht. Er war ein ganz normaler Mensch. Das macht es ja so erschreckend.

Es gibt in diesem Jahr unglaublich viele Neuerscheinungen zum Zweiten Weltkrieg. Vieles davon ist gut gemeint, einiges sehr interessant, manches wichtig, anderes eben bloß eine plumpe Vermarktungsstrategie von Jahrestagen: Schiller, Andersen, Kriegsende.

Dieses Buch ist nur als Taschenbuch neu und kommt leiser daher. Es beantwortet auch nicht viele Fragen. Es wirft welche auf. Gerade deshalb sollte man es lesen.

- „Am Beispiel meines Bruders“ erschien erstmals 2003, die Taschenbuchausgabe ist gerade bei dtv herausgekommen, Kostenpunkt 8,50 €, ISBN 3423133163 –


P.S.: Dies ist natürlich schon wieder ein Beitrag zum Bücherfrühling - Infos bei Espionne.


Bilder von Am Beispiel meines Bruders / Uwe Timm
Am Beispiel meines Bruders / Uwe Timm Bild 2180337 tb
Die ungekürzte, vom Autor durchgesehene Taschenbuchausgabe April 2005
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Mareike22

Mareike22

21.09.2007 09:52

*leise von dannen zieh und mir das Buch aus dem Regal nehm*

mozarteum

mozarteum

06.07.2005 01:28

das klingt interessant ... lg mozarteum

SusiG

SusiG

17.04.2005 03:12

Eine sehr interessante und ausführliche Rezension. LG Susi

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