Am Rand unserer Lebenszeit
03.04.2003
Pro:
Themenvielfalt, regt zum Nachdenken an
Kontra:
- - - -
Empfehlenswert:
Ja
 Thalaia
Über sich:
Mitglied seit:04.07.2002
Erfahrungsberichte:80
Vertrauende:25
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 60 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Eine Buchrezension ist schon bei einem Roman sehr schwer, um so schwerer wird es wenn es sich um eine Geschichte von weniger als 100 Seiten handelt. Doch alles ist noch im Bereich des machbaren. Nun tut sich mir aber die Frage auf wie man ein Buch behandelt, dessen Inhalt nur aus Gedichten besteht. Denn genau hierbei handelt es sich um das Buch „Am Rand unserer Lebenszeit“ von Erich Fried, es ist ein Gedichtband. Einziemlich dünner noch dazu. Erich Fried wurde 1921 in Wien geboren, in seiner frühen Jugend beteiligte er sich an einer Theatergruppe und betätigte sich als 16jähriger als Erfinder mit recht erfolgreichen Ideen. 1938 gründete Fried eine Widerstandsgruppe nach der Besetzung Österreichs, bald darauf wurden seine Eltern verhaftet. Sein Vater starb bei Verhören der Gestapo und Fried floh über Belgien nach Großbritannien. Dort veröffentlichte er 1940 erste Gedichte und 1944 erschien sein erster Gedichtband. Erst 1953 betrat er mit bei einer Reise nach Berlin, erstmals wieder den Kontinent. Erich Fried war bis zu seinem Tod 1988 Politisch sehr engagiert und wurde auch mehrfach für seinen vielen Werke ausgezeichnet, laut Einband allerdings erst nach seinem 60 Lebensjahr. Seine Werke lösten einige Kontroversen aus sowie im November 1977, als ein Missbilligungsantrag der CDU in der Bremer Bürgerschaft gegen Fried Gedichte einging. Der Vorsitzende der CDU-Fraktion Bernd Neuman erklärte: „...so etwas würde ich lieber verbrannt sehen...“! Obwohl auch die CDU selber gerne Fried in Reden zitierte.Über diesen Ausspruch, der nun wirklich in die unterste Kategorie gehört, werde ich nun nicht näher eingehen, sondern mich lieber mit dem Buch beschäftigen. Dieses ist in 5, nennen wir es Kapitel, eingeteilt, wobei die Gedichte jeden Kapitels einen näheren Bezug zueinander haben. Im ersten Kapitel sind vor allem Gedichte abgedruckt, bei denen es um zwischenmenschliche Beziehungen und Auseinandersetzung mit seinem Inneren selbst und vielleicht auch Einsicht geht. Wenn man es sich grob wagt die unterschiedlichen Gedichte zusammenzufassen. Es soll auch nur ein kleiner Einblick sein und keine Interpretation. Liebesantwort>>Was soll unser Leben sein?<< fragten wir uns zwischen zwei Küssen >>Was soll unser Leben sein?<< fragten wir uns zwischen zwei Schüssen >>Ein Kampf darum nicht nur um unser Leben Kämpfen zu müssen<< Im zweiten Kapitel wird das Zeitgeschehen berücksichtig, hierbei werden Gedanken sowohl zur Vergangenheit geschaffen, als auf zu Gegenwart, auch wenn es außer einem Titel keine direkte Ansprache an eine Zeit oder einen Ort gibt. GegenwartsmusikAlso weiterhin: Grenzschutz für die schweigende Mehrheit Chemische Keule für störende MinderheitNachrüstung der Polizei für Ruhe und Ordnung Abhöranlagen zum Schutz der InformationsfreiheitViehwagen für die Ausreise von Asylanten Salzbergwerke und Särge für EndlagerungenUnd alle hundert Meter ein Wachturm für das Wachstum? Das dritte Kapitel ist einfacher zu erläutern, steht es doch ganz im Zeichen der Politik, bzw. politischen Kritik in Bezug auf jede Epoche des 20. aber auch zutreffend auf das 21. Jahrhundert.Wegzeichen Wo noch Lügen liegen wie unbegrabene Leichen dort ist der Weg der Wahrheit nicht leicht zu erkennen und einige sträuben sich noch oder finden ihn zu gefährlichDie Wahrheit dringt vor und schickt zugleich ihre Sucher in die Geschichte zurück und beginnt aufzuräumen mit den Verleumdungen und mit dem Totschweigen der Toten Vieles wird wehtun manches verlegen machen aber die Wahrheit ist der Weg der Notwendigkeit wenn das Reich der Freiheit nicht wieder nur ein leeres Wort bleiben soll und nur ein Gespött für Feinde und für Enttäuschte Die vierte Einteilung ist wieder schwieriger zu bezeichnen, es behandelt wieder den Menschen und Zwischenmenschliche Gefühle, allerdings nicht in so intimer Art wie im ersten Abschnitt, sondern so wie wir unserem Nächsten begegnen. Vielleicht ist es besser zu sagen das alltägliche Miteinander. Die lautere WahrheitDie ganze Unwahrheit setzt sich aus lauter ganz wahren Wahrheiten oder Teilwahrheiten zusammen Nur haben sich die miteinander noch nie ganz auseinandergesetztSo ist die ganze Lüge möglich geworden Das fünfte und letzte Kapitel setzt sich mit der Lyrik, den Gedichten und Autoren auseinander, so haben die Gedichte auch Titel wie „Gedanken an Ernst Fischer“ und „Exkurs: Paul Celan“.Auf der Suche Nacht für Nacht suche ich Trost und Ermutigung in den Gedichten Toter und LebenderNacht für Nacht enttäuschen mich ihre Gedichte weil ich in ihnen so wenig Trost und Ermutigung finde Nacht für nacht helfen mir ihre Gedichte weil sie Ermutigung suchten und Trost wie ich. Es ist wirklich schwer ein Buch zu beschreiben in dem nur Gedichte stehen, deshalb habe ich versucht einen halbwegs akzeptablen Satz für die einzelnen Einteilungen zu finden und ein kurzes Gedicht als Beispiel aus diesen. Erich Fried ist ein vielseitiger Lyriker und in diesem Buch ist die Vielseitigkeit allein schon durch die ganz unterschiedlich Auswahl von Themengebieten gegeben. Es sind vor allem Gedichte zum Nachdenken, nicht einfach in die Ecke zu legen und wieder hervorzukramen nach Lust und Laune ohne einen Gedanken an den Sinn verschwendet zu haben. Das Buch „Am Rand unsere Lebenszeit“ ist im Wagenbach Verlag erschieben und kostet 7,90 €. ISBN 3 8031 2261 9 Antwort Zu den Steinen hat einer gesagt: seid menschlichDie Steine haben gesagt: wird sind noch nicht hart genug ~ ^v^~^v^~^v^~^v^~^v^~ Dieser Autor gibt sich der Mittäterschaft am BÜCHERFRÜHLING zu erkennen. Näheres findet ihr bei BlankAttack oder Espionne im Profil. Dort findet ihr auch die Beteiligten ;-) Der weiteren Mittäterschaft schuldig sind: ahtiberius, ausforming, bee000, Bjoern.Becher, botskiller, Brisella, ChopSuey, Die_Buchhaendlerin, easywk, elslaesstgruessen, eschwarzer, Espionne, FrankyMarc, galeria, Gina_012, gnu2901, Greifenklaue, grantlsack, homorphus, howlingnightwolf, hr.biernot, IlkaSehnert, Joey2510, LaJungle, leabest, logan, Longasc, Lost_Hero, Lucky2112, marenmoon, metalqueen86, Michi78, mickeyd95, Miss_Mauve, MOEV, Moira79, Muesli11, Myhnegon, Nahue, Nicosternchen, Nillepu, Nilote, OllerTeddy, Orlan, pandolito, pantherhh, postth, shily, sp_66, sillepupille, Sven792, TFaust99, Kirinsche, Thalaia, The-Wishmaster, Thomas-Groh, tigerkrallequeen, Tut_ench_Amun, Vampiria, Vanessa.Kensington, Waterdrop, Winfried_Koelsch, Yju2001, Zomtech
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14.04.2003 22:12
Du bist wohl sehr poetisch veranlagt. Was ich noch wissen wollte, welche von den beiden Mädchen auf dem Bild bist du?
05.04.2003 14:43
Ein gut gelungener Bericht über ein Werk dieses schwer be-schreibbaren Lyrik-Meister!! Ihr hattet Neumann, wir in Österreich haben immernoch J. Haider & Co (leider). Menschen, die nichts aus der Vergangenheit gelernt haben wird es immer wieder geben; bloß warum müssen sie dann ausgerechnet in die Politik? LG, Suerte
04.04.2003 12:47
Ein toller Fried-Beitrag ist Dir da gelungen. Gruß zum Wochenende Reverend