Das höchste der Gefühle
30.04.2004
Pro:
Geballte Energie, unendliche Dynamik, die Dramaturgie der Genialität, Spacey, Soundtrack, einfach alles ! !
Kontra:
nichts
Empfehlenswert:
Ja
 Quines
Über sich:
Mitglied seit:05.09.2001
Erfahrungsberichte:68
Vertrauende:10
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 68 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
„Mein Name ist Lester Burnham …das ist mein Stadtviertel … das ist meine Straße … das ist mein Leben. Ich bin 42 Jahre alt, in weniger als einem Jahr … bin ich tot. Natürlich, weiß ich das jetzt noch nicht In gewisser Weise … bin ich bereits tot … . Sehen sie mich an, ich hol mir unter der Dusche einen runter. Das wird der Höhepunkt meines Tages sein, von jetzt an geht’s nur noch bergab …“ Alan Ball’s „American Beauty“ beginnt schon gleich mit einem Geniestreich. Die wacklige Kamera eines (noch) Unbekannten zeigt die hübsche Jane Burnham (Thora Birch), liegend auf einem Sofa. „Ich brauche ein Vater der ein Vorbild ist …“ jammert sie. Auf die Frage des Kameramanns, ob er ihn für sie umbringen solle erwidert sie kaltblütig: „Ja, würdest du?“. Natürlich wollen uns Drehbuch- und Romanautor Alan Ball und Regisseur Sam Mendes auf eine falsche Fährte locken, doch schon bald wird klar, dass Jane und ihr späterer Freund Ricky Fitts (Wes Bently) nicht die einzigen sein werden die etwaige Mordgedanken an Lester Burnham (Kevin Spacey) verschwenden.
Lester ist gefangen in einer Welt die ihn diktiert. Seine karrieregeile Frau Carolyn (Annette Bening) spielt den Inbegriff einer Fassade. Nach außen hin wirkt sie glücklich und zufrieden, ihr Rosengarten umrandet das scheinbar unzerbrochene Familienbild. Doch Lesters Worte - “Früher war sie mal glücklich … früher waren wir mal glücklich.“ – lassen erahnen das dieses Bild trügt. „Sehen Sie, wie der Griff der Baumschere farblich zu ihren Gartenschuhen passt? Das ist kein Zufall.“ Sie hält eine rote Rose hoch, ihr aufgesetzter Blick verrät mehr als tausend Worte. “Man, es macht mich schon fertig wenn ich ihr nur zusehe.“ Schon jetzt sollte uns bewusst werden, dass Lester aus dem Jenseits spricht. In jenes wird er also zweifellos verfrachtet. Das Ende scheint also vorhersehbar. Und doch, es ist alles andere als das. Nachdem auch Lesters Tochter Jane (Thora Birch) vorgestellt wurde, die den typisch unspektakulären „frustrierten“ Teenager propagiert, endet die Einleitung. Die Burnhams gehen ihrem alltäglichen Schul- und Arbeitstrott nach und fahren in ihrer Familienkutsche gen Stadt. Welche sich behutsam annähernde Genialität uns noch erwartet kann in folgendem Zitat auf den Punkt gebracht werden:
„Ich habe etwas verloren […] aber wissen sie was? Es ist nie zu spät es sich zurück zu holen.“ Szenenwechsel. Lester sitzt an seinem Arbeitsplatz. Er schreibt für ein imaginäres Magazin. Die alltägliche Routine und das gerade laufende Kundengespräch lassen sofort seinen unverschämten Zynismus herausbrechen. Man merkt dass ihm so manches gegen den Strich geht. Dass seine Frau und seine Tochter ihn für einen absoluten Loser halten, nicht zuletzt. Nachdem er von seinem Chef aufgefordert wird, ein Protokoll zu seiner Arbeit zu schreiben um eine mögliche Kündigung durch selbigen vorzubeugen, merkt man die in ihm aufsteigende Rebellion schon fast an. Derweil sehen wir Carolyn, wie sie in ihrem unverschämten, aufgesetzten (man kann es gar nicht oft genug erwähnen)
Bilder von American Beauty (DVD)
Dasein versucht ein Haus zu verkaufen. Sie arbeitet für eine Immobilienfirma. Ihr größter Konkurrent Buddy Kane (Peter Gallagher), der, wie sich schon bald herausstellt, in Wirklichkeit ihr größtes Vorbild ist, ziert die Werbetafeln der hiesigen Straße. Nach dem harten „Arbeitstag“ der Burnhams, treffen sich alle zum alltäglichen Abendessen, im (wahrscheinlich) wohl temperierten, perfekt eingerichteten Speisezimmer um die, ja schon fast spektakuläre, Zeremonie des Abendessens zu gestalten. Neben Dinner Musik und den roten Rosen auf dem Tisch, wird schnell klar, wer der eigentliche „Herr“ im Haus ist. Keine andere als Carolyn, die diesen Sachverhalt auch schnell ihrer Tochter klar macht, welche sich über die sog. „Fahrstuhlmusik“ in einer provozierend, langweiligen Tonart beschwert hat.
Am selben Abend besucht das freudlose Ehepaar ein Basketballspiel. In der Halbzeitshow hat Jane einen Auftritt, also versucht die Familie ihre (nicht vorhandene) Zuneigung gegenüber ihrer Tochter zu demonstrieren und sieht sich die Show (gezwungenermaßen) an. Doch Lester, der enorme Opportunitätskosten verbüßt, denn er verpasst den James Bond Marathon im Fernsehen, hat in gerade dieser Halbzeitshow ein Schlüsselerlebnis: Die tanzende Angela (Mena Suvari) scheint ihn an seine High School Zeit zu erinnern, er ist hin und weg als er ihr später auf dem Parkplatz begegnet. Die folgende Szene lässt den Film erst richtig „beginnen“ und meine (sehr ausführliche) Nacherzählung enden: Lester liegt im Bett, den Blick zur Decke gerichtet, rote Rosen fallen vom „Himmel“: „So was merkwürdiges, ich fühle mich als hätte ich 20 Jahre im Koma gelegen und würde gerade erst aufwachen. SPEKTAKULÄR“
Es fällt schwer, die dutzenden Metaphern in Worte zu fassen die uns Mendes in atemberaubender Perfektion vermittelt. Auch ist es falsch von Mendes, der mit diesem Film sein Regiedebüt gab, als einzig wahren Schöpfer von American Beauty zu reden. Er und Alan Ball, der die Romanvorlage liefert, bilden ein unschlagbares Team, das in Folgendem nur noch als solches erwähnt sei. Alan Ball drehte zuvor Seifenopern, was sich unschwer erkennen lässt. Dennoch werden sämtliche amerikanische Klischees so eindrucksvoll verkauft, dass man schon fast zu weinen anfangen kann. Beispielsweise Ricky Fitts, der nach Hause kommt und sich neben seinen Vater und seine Mutter Barbara (Allison Janney), die von ihrem Mann vermutlich ins psychologische Nichts getrieben wurde, setzt, die Kamera einen Moment auf das schwarz weiß Bild (im Übrigen werden alle Fernsehbilder nur in schwarz weiß gezeigt) im Fernseher zeigt (und zugleich Colonel Frank Fitts’ (Chris Cooper) Vorlieben für das Militär zum Besten gibt) und dann auf dem tristen Familienbild hängen bleibt. Das schwule Nachbarpaar, Jim Olmeyer (Scott Bakula) und Jim Berkely (Sam Robards) werden vom recht konservativ eingestellten Colonel schon gar nicht toleriert. Doch Mendes und Ball gehen noch weiter. Mit eindrucksvoll klaren Zitaten wissen sie, die Sympathien zweifellos zu verwerfen. „Tu so als wärst du glücklich“, sagt Carolyn zu ihrem Mann als sie mit demselben eine Firmenfeier besucht und sich mit ihm nur zur Schau stellt. Es gilt ein Image zu verkaufen und auch der Immobilien König Buddy Kane weiß dies zu schätzen: „Wenn man Erfolg haben will, muss man das Image des Erfolgs ausstrahlen und zwar jederzeit.“ – Bei solchen Zitaten läuft es dem - an eine heile Welt glaubenden – Otto Normalen eiskalt den Rücken herunter. Die nach außen hin strahlende und nach innen zerbrochene Welt wissen Mendes und Ball perfekt nahe zu bringen. Dabei werden die rote Rose, bzw. deren knallrote Blätter in nahezu jeder Schlüsselszene eindrucksvoll inszeniert. Man könnte das Erscheinen der Rosenblätter als Inbegriff der Fassade (ich liebe diesen Begriff) interpretieren. Die schöne Angela die in einer solchen regelrecht badet. Badet sie nur in ihrer Unschuld die in dieser Szene zum Ausdruck kommen soll, oder versteckt sie ihren waren „Geist“ hinter den wunderschönen Blütenblättern, die auch das Haus der Burnhams nach außen hin strahlen lassen? Rote Rosen zieren den Abendtisch, als Lester an jenem Abend auf den Tisch haut, sind sie verschwunden. Auch könnten sie für Umschwung wie Verderbung gleichermaßen stehen. Nicht zuletzt weil Lesters neues Ich im Regen der roten Blätter geboren wird und gleichermaßen im Schatten des Straußes zu Boden fällt. Eine schier unendlich erweiterbare Metapher.
Man liebt es, Lester zuzuschauen wie er aus seinem alten, verkommenen Dasein beginnt, ein neues frisches, vollkommenes Leben im Einklang mit sich selbst zu finden. Ganz nach dem Motto „back to the rules“ fängt er (wieder) an zu trainieren, er raucht Gras (welches er von dem Drogendealenden Nachbarn Ricky erhält), hört wieder alte Pink Floyd Platten, startet ein beispielloses Lauftraining, er erpresst seinen Boss um ein Jahresgehalt (+ Prämien) und finanziert sich dadurch einen feuerroten 1970er Pontiac Firebird und er beginnt in einem Burgerladen zu arbeiten. Natürlich lassen diese Eskapaden seine Familie nicht kalt. Seine Frau fühlt sich entfremdet, flüchtet vor Lesters aufkommender Dominanz in eine Affäre mit Buddy Kane, hinter dessen Egozentrik sie sich gut zu verstecken weiß. Jane verliebt sich in Ricky und bewundert dessen Hingabe für die Natur und den Lauf der Dinge. Die Szene in der er ihr ein mehr minütiges Video von einer einfachen, im Wind fliegenden Plastiktüte zeigt, bleibt nicht umsonst eine der schönsten und kunstvollen des Films. Warum sich die recht gut bestückte Jane noch immer eine Brustvergrößerung wünscht, bleibt wohl für immer ein Rätsel. Oder wird auch hier ein Link zur Idiotie der (nicht nur) amerikanischen Gesellschaft gesetzt, für die Schönheit oder gutes Aussehen als einziger Maßstab verblieben ist, nach dem es zu streben gilt? Immer wieder wird uns bewusst, in welcher Welt wir eigentlich leben. Auf so kleine Details wie die frustrierte Burgerverkäuferin die mit „Bitte lächeln, sie sind bei Mr. Smileys“ ihre Kunden bedient, möchte ich gar nicht erst eingehen. Und es gibt so viele Szenen, die man nicht einzuordnen weiß. Dramaturgie oder Satire? Komödie oder Zynismus?
„FICKT MICH EURE MAJESTÄT.“ – ist das beste Beispiel dafür. „Erinnern sie sich an die Plakate auf denen draufstand: „Heute ist der erste Tag vom Rest deines Lebens.“? Nun, das trifft auf jeden Tag zu, außer auf den Tag, an dem man stirbt.“
Und wie genial kann das Ende eines Films noch suggeriert werden? ~ Spoiler ~ Nachdem Carolyns Affäre in einer fast schon zu peinlichen Szene aufgeflogen ist, und sie mit einem Schrei und dem darauf folgenden Soundtrack von „Free – All Right Now“ das glorreiche Finale einläutet, beginne ich die ganze Energie des Films auf einmal zu spüren. Lester sitzt nun im Einklang mit der geballten Musik wild trainierend auf einer Bank, was für ein GENIALER Schnitt !!! Er scheint nun Realität und Traum nicht mehr unterscheiden zu können, so interpretiere ich jedenfalls die „stehst du auf …. Muskeln“ Szene. Die Zuschauer wissen, dass er den Höhepunkt seines Lebens erreicht hat. Am Ende scheint er glücklich, wenigstens EINER. Zum Schluss wird klar, dass er mehr Liebe für Angela als für seine Tochter empfindet. Auch wenn er seit einem Jahr davon geträumt hat, mit deren bester Freundin zu schlafen, steckt er zurück, als diese ihm beichtet sie sei noch Jungfrau. Ein moralisch unantastbarer Charakterzug wie ich finde, nachdem er ihr zuvor noch im Bild der roten Rosen vorlog, dass sie alles andere als gewöhnlich sei. ~ Spoiler Ende ~
Fünf Oscars (Spacey als bester Hauptdarsteller, bester Film, beste Regie (Mendes), beste Kamera (Conrad Hall), bestes Buch (Alan Ball)). Drei Golden Globes (bester Spielfilm, beste Regie, bestes Drehbuch) und zusätzlich noch sechs Brit Awards. Zu Recht. Geniale Leistungen der Schauspieler. Manch einer hat wohl Scott Baluka als alten „Mr. Zurück in die Vergangenheit“ wieder erkannt. Kevin Spacey liefert, wie schon in unzähligen Filmen zuvor (das Glücksprinzip (2000) übrigens einer meiner Geheimtipps), eine Meisterleistung der Schauspielkunst. Mena Suvari werden viele aus dem Teeniefilm „American Pie“ kennen, wobei sie sich hier ganz klar aus der Komödienschiene heraushebt und beweist, dass sehr viel mehr in ihr steckt. Ganz zu schweigen von Annette Bening… Einfach genial.
Ein Film der der amerikanischen Gesellschaft bewusst auf den Zahn fühlt. Der amerikanische Traum scheint nichts mehr Wert. Wir erleben den Aufstieg eines gefallenen Helden, den Untergang einer einst glücklichen Familie, die Zerberstung einer zweiten … Zum Schluss treffen alle noch einmal zusammen und alles endet in einem großen Knall. Die abschließenden Worte Lesters sind ein solch hinreißender „Ohrenschmauß“ dass ich sie niemandem verraten möchte, ich empfehle zu einer Überdosis um hinter deren absolute Genialität zu kommen. Aufstieg und Zerfall (so auch die Metapher, des sich im verschlossenen, gut behüteten Schrank des Vaters befindlichen Nazitellers) einer Gesellschaft und der Beweis dass diese beiden Substantive so eng miteinander verwandt sind wie Vater und Sohn (oder Tochter). Das alles bieten uns Mendes und Ball auf 122 Minuten die vom ersten bis zum allerletzten Moment voller Energie, Witz, Dramaturgie und Kunst sind, dass es einem das Wasser in die Augen treibt. Es kommt der unendlich geniale Soundtrack hinzu (zum größten Teil von Thomas Newman, der auch schon für Mendes letztes Meisterwerk „Road To Perdition“ die Musik schrieb und die auch zweifellos wieder zu erkennen ist) der es einem eiskalt den Rücken runter laufen lässt. Ein MUSS für jeden, der dieses Genre genauso liebt wie ich. 10 von 10 Punkten und (wie „Posdole“ sagen würde) Prädikat: besonders wertvoll
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27.08.2004 02:10
Ich fand den Film GENIAL - etwas bis zur Mitte. Danach ist er meiner Meinung nach eher abgeflacht. Vielleicht muss ich ihn mir noch einmal reinziehen.
26.08.2004 09:25
Einen so detaillierten und ausführlichen, vor allem wortgewandten Filmbericht habe ich selten gesehen! Hut ab! Macht Spaß zu lesen, und ich denke ich sollte mir den Film doch ansehen - damals als der im Kino lief hatte ich mir irgendwie was ganz anderes darunter vorgestellt.
18.08.2004 16:04
guter bericht