I am dead already
23.05.2005
Pro:
ein grandioser Film
Kontra:
man muss genau hinsehen
Empfehlenswert:
Ja
 23Skeebob
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:194
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 103 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Lester Burnham ist ein Loser. Ein Loser, der sich seinem Loserdasein selbst bewusst ist. Sein Job ödet ihn an, seine Tochter respektiert ihn nicht, seine Frau geht fremd. Puh. Kein Wunder, dass Lesters Lebensmut auf dem Nullpunkt ist. Die Wendung setzt ein, als er Angela, die Freundin von Tochter Jane kennen lernt.
Sofort fühlt er sich von ihr fasziniert, malt sich in seiner Fantasie eine Affäre mit der blonden Schönheit aus. Der ideale Startpunkt, sein Leben umzukrempeln, nicht wahr? Denkt sich auch Lester und kündigt seinen wenig fordernden Job, tauscht ihn gegen einen absolut verantwortungslosen Posten und die Familienkutsche gegen einen Sportwagen aus, trainiert nackt mit Gewichten in der Garage und freundet sich mit Nachbar Ricky Fitts an, der ihn nebenbei mit Marihuana versorgt. Lester ist glücklich mit seinem neuen Leben - und so zerbricht seine Familie mehr und mehr, was schließlich ihren dramatischen Höhepunkt in Lesters Tod findet.
Wer meint, dass ich jetzt zu viel von der Story verraten hat, der irrt. Schließlich erfährt man von Lesters Tod schon in der ersten Szene. Der Weg zu diesem Tod ist das, was interessant ist - und bis es soweit ist, bietet "American Beauty" dem Zuschauer einigen Stoff zum Nachdenken. Fünf Oscars konnte der Film im Jahr 1999 abräumen, darunter den für die beste Regie und den besten Film. Als ich dann "American Beauty" zum ersten Mal gesehen habe, konnte ich nicht verstehen, weshalb. Okay, es war damals schon ziemlich spät und ich nicht mehr vollständig aufnahmefähig, das kann aber nicht die Erklärung dafür sein, dass ich den Film langweilig fand. Zum Glück kauften dann meine Eltern den Streifen als Video und ich hatte die Gelegenheit, meine Meinung noch einmal zu überdenken.
Wo soll man anfangen, wenn man diesen Streifen ausreichend würdigen will? Wohl da, wo alles beginnt: in der ersten Szene. Und die gibt schon die Stoßrichtung vor für den bitterbösen, zynischen Grundton des Films. Wir sehen Lester, der frühmorgens aufsteht und aus dem Off kommentiert. "Seht her, ich stehe unter der Dusche und hole mir einen runter - das wird der Höhepunkt meines Tages sein" (nicht wortwörtlich zitiert) - die erste Ohrfeige ins Gesicht derer, gegen die der Film wettern will: gegen die Leute im Amerikanischen Kleinstadt-/Vorortidyll, die nach außen stets den perfekten Schein wahren wollen. Auch bei den Burnhams könnte man eine glückliche Familie vermuten; sie bewohnen ein schönes Haus, beide Elternteile verdienen gut, die Tochter ist hübsch und clever. Innerhalb der Familie brodelt es, da kommt kein Familienleben auf. Und wie dieses genau auseinander bricht, ist das Hauptthema des Films. Der setzt dabei auf seine Charaktere und die Schauspieler, die sie verkörpern. Für die Leistung, die Hauptdarsteller Kevin Spacey abliefert, kann man ohne Zögern alle möglichen Superlative in den Mund nehmen. Sein Oscar für die beste männliche Hauptrolle ist absolut berechtigt. Sein Minenspiel, sein Auftreten, seine Gestik ist grandios. Wenn er zum Beispiel freundlich lächelnd seiner Ehefrau die Wahrheit ins Gesicht klatscht oder seine neue Erfüllung im Fast-Food-Restaurant findet: Spacey meistert jede Szene mit Souveränität und Hingabe...eine famose Leistung.
Aber nicht nur Spacey, auch die anderen Schauspieler liefern eine beeindruckende Leistung. Als seine Frau glänzt Annette Bening - eine Karrierefrau, die gerne alles perfekt hätte und für die hauptsächlich der äußere Schein zählt, der aber nach und nach alles zu entgleiten droht. Thora Birch gibt überzeugend die depressive Tochter Jane, die sich doch so gerne die Brüste vergrößern lassen und ihren Vater tot sehen würde. Ihre beste Freundin wird von Mena Suvari (American Pie) verkörpert, die hier eine beeindruckende Leistung als Lesters Lustobjekt zeigt. Nicht weniger brillant werden die Nachbarn der Durhams verkörpert, insbesondere Wes Bentley als Ricky spielt sich in den Vordergrund. Keiner der Darsteller fällt in irgend einer Weise vom Rest des Ensembles ab, was ein wichtiger Grund dafür ist, dass der Film eine solche Wirkung erzielt. Der Film stellt nämlich einige Fragen: warum soll ich mich an Regeln halten? Warum soll ich tun, was andere von mir erwarten? Warum soll ich mich nicht so verhalten, wie ich es für richtig halte?
genau diese gedanken gehen lester durch den kopf, der daraufhin sein komplettes leben umkrempelt und auch mal hinter die fassade von menschen blickt. und was "american beauty" in diesem punkt zeigt, ist wirklich beeindruckend. schonungslos und provozierend offenbart der film, was sich hinter den blitzblank geputzten fenstern der gepflegten vororthäuser abspielt. die durhams sind da natürlich nur die spitze des eisberges; so wie ihre familie zer brö ckelt, so geschieht das auch nebenan bei den fitts. da regiert nämlich der strenge ex-soldat, der frau und sohn verprügelt. sein sohn verkauft drogen und konsumiert sie, rennt ständig mit seiner videokamera umher und wirkt weltfremd. dabei sehnt er sich nur nach freiheit, wie sein lieblingsvideo beweist. das zeigt eine einfache plastiktüte, die vom wind hin und her geweht wird. keiner der figuren im film ist "normal". sie alle haben ihre probleme, über die sie aber nicht reden können/wollen und die sie daher verstecken. selbst die anbetungswürdige angela ist nicht das, als was sie sich ausgibt. hier trifft dann wieder die titelzeile des filmes voll und ganz zu: sehen sie genau hin.
wer das nicht tut, wird mit "american beauty" wenig freude haben. der film ist äußerlich sehr behäbig inszeniert; das tempo ist langsam und im grunde genommen passiert eher wenig - wer aber genau hinsieht und hinter die fassade blickt, bemerkt, dass dieser film weit mehr als langatmig ist. nichts ist in dieser vordergründig perfekten welt in ordnung und hier steckt das diskussionspotential des filmes. weil er einfach in knapp 2 stunden alle themen anspricht, die in anderen filmen tabu waren - oder in den idyllischen vorstadtkreisen, die der film entzaubert. er thematisiert ehebruch, drogenkonsum, homosexualität. Gleichzeitig behandelt er aber uach den wunsch danach, aus diesem system auszubrechen - was jedoch für die einzige person, die das versucht, tödlich endet. es bleibt jedem selbst überlassen, was er mit diesem film anfängt, doch möglichkeiten zum nachdenken werden in jeder szene geboten. was natürlich auch mit der inszenierung zusammenhängt - und die ist einfach grandios; allein die erste szene ist ein einziger genuss: die kamera fährt über die hübsche wohnsiedlung, auf die die sonne vom wolkenlos blauen himmel scheint. lester stellt sich uns vor: er ist 42 jahre alt, hier wohnt er, in einem jahr ist er tot, natürlich weiß er das noch nicht, aber im grunde genommen ist er schon heute tot. der tonfall, in dem dies alles gesagt wird, ist völlig emotionslos und gerade deswegen so faszinierend. momente wie diese zeichnen den film aus.
dabei bietet der film eine mischung aus dramatischen und schwarzhumorigen szenen; es scheint oftmals auch den figuren so zu gehen - sollen sie denn nun lachen oder weinen? insbesondere lesters ehefrau geht es so - da kann sie ständig ihr 100watt-strahlen anknipsen, innerlich ist sie mindestens ebenso frustriert wie ihr mann - nur dass sie es nicht zugeben kann. die kommentare, die lester ihr gegenüber abgibt, sind beißend zynisch und gleichzeitig traurig: "früher war sie einmal glücklich...früher waren wir einmal glücklich" heißt es gleich in der anfangsszene, als uns carolyn burnham vorgestellt wird. die worte werden von einer strahlenden frau unterstrichen, die im gepflegten garten ihren rosenstrauch auf vordermann bringt. aber nicht nur die worte, auch die bilder lohnen einen zweiten blick. genial in szene gesetzt ist z.b. die szene mit der im wind umherfliegenden tüte...wortlos, dennoch beeindruckend - und es spricht für den film, dass diese szene keinen lächerlichen touch erhält. ebenso müssen auch die rosen rosen genannt werden, die in jeder "traumsequenz" lesters zu sehen sind - sie bilden einen scharfen kontrast zum grau des alltags. sam mendes ist mit seinem regiedebüt ein unglaublich faszinierender film gelungen, der definitiv als "must see" bezeichnet werden muss. genial und eindrucksvoll wird der traum der amerikanischen vorstadtidylle auseinander genommen - gekleidet in wirkungsvolle bilder, zynische dialoge und einem stets passenden, aber unauffälligen score. dazu wird die fantastische story von famosen schauspielerleistungen gestützt.
es stimmt allerdings schon: der film ist keine leichte kost, sondern hochgradig anspruchsvoll. man muss schon genau hinsehen, um die genialität dieses filmes zu erkennen. wer das jedoch tut, wird belohnt. reichlich.
Bilder von American Beauty (DVD)
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08.12.2005 22:42
Der Film, der Kevin Spacey in meinem Schauspielhimmel auf die vordersten Plätze katapultiert hat - zwar lauerte er schon seit "se7en" und den "usual suspects". Aber diese Vorstellung ist einfach göttlich..... PS: Chris Cooper verprügelt aber nicht seine Frau!
23.07.2005 13:19
Hab ihn grade gestern gesehen...faszinzierend. Bin übrigends ein großer Fan der Synchronstimme von Kevin Spacey, die macht alles nochmal so gut. PS Boygroup-guide wird in der nächsten Zeit wohl online gehen....hört auf eure Innere_Stimme
21.07.2005 10:29
Klasse Bericht! Lieben gruß Plätzchen