Im Vorgarten des Fegefeuers
17. Sep 2009
Pro:
Hervorragende Darsteller, Satire vom Feinsten
Kontra:
siehe Bericht
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Action:
Anspruch:
Humor:
Romantik:
Spannung:
mehr
 Dante07
Über sich:
Gegen Angriffe kann man sich wehren; gegen Lob ist man machtlos.
Mitglied seit:12.09.2007
Erfahrungsberichte:101
Vertrauende:99
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Trügerische Idylle Kann man der Oberfläche schon nach dem ersten flüchtigen Eindruck trauen? Wenn man im Kino auf der Leinwand eine vorbildliche amerikanische Vorstadtsiedlung sieht, dazu eventuell noch wie aus dem Ei gepellte Eigenheimbesitzer strahlend im Vorgarten stehen, was sehen wir dann? Wir erkennen natürlich gleich, ganz intuitiv, jede Menge Unglück auf uns respektive die strahlenden Lächler zukommen. Sicher liegt hinter den Mauern, in den Familien, einiges in Schieflage, was nach und nach hervorkommt, eskaliert, vielleicht sogar den Tod zur Folge hat. Beschaulichkeit, das weiß man, ist stets trügerisch. Im Happy End huldigt man ihr zwar weiterhin, aber zu Beginn ist sie einem gleich verdächtig. Regisseur David Lynch hat dieses Misstrauen einst zu Beginn von „Blue Velvet“ (1986) in eine perfekte Form gepackt, mit seiner legendären Kamerafahrt an Rasensprengern und Vorgartenzäunen vorbei, unmittelbar aufs grausige Gewürm unter dem grünen Rasen zu. Heute spielt sich beinahe automatisch im Kopf der Kinobesucher, die auf der Leinwand eine nette Fassade vorgesetzt bekommen, eine ähnliche Kamerafahrt ab. Ich scheue daher etwas davor zurück, Sam Mendes' „American Beauty“ grob zu umschreiben. Im Grunde geht es nämlich um diese alte Leier, um den Blick in Nachbars Garten, über die Türschwelle, mitten ins eiskalte Herz amerikanischer Familien. Ein Mann hat genug von seiner Frau, seiner Tochter und der Arbeit; die ganze freundliche alltägliche Routine ist nur Augenwischerei, tatsächlich ist dieser Mann innerlich tot; und plötzlich verliebt er sich aufs Neue, die Gefühle erwachen wieder zum Leben, aber die Umstände sprechen gegen ihn, und irgendwann knallt es richtig. So weit, so gut. Eigentlich ist damit der Enthüllungsbedarf in dieser Angelegenheit abgedeckt. Aber es ist wie mit Junge trifft Mädchen. Man braucht das Ganze nur in etwas anderer Form zu erzählen, und schon fühlt es sich wieder spannend und neu an, genau wie in „American Beauty“. In einem Jahr werde ich tot sein Der Regisseur bearbeitet den Film zunächst mit einem Kunstgriff, den er wohl von Billy Wilders „Sunset Boulevard“ gelernt hat. Die Geschichte wird von einem bereits toten Mann erzählt; dieser Erzähler zeigt noch einmal die Vorgeschichte auf. Bei Billy Wilder sieht man, wie die Kamera zu Beginn auf den Erzähler herabfährt, wie er regungslos im Swimmingpool liegt; ohne Zweifel eine Leiche. Auch Sam Mendes zeigt den Protagonisten zuerst von oben. Ausgestreckt liegt Lester Burnham (gespielt von Kevin Spacey) auf dem Ehebett. Eben hört man noch seine Stimme: "In weniger als einem Jahr bin ich tot. Selbstverständlich weiß ich das noch nicht."
Bilder von American Beauty (DVD)
Jetzt sagt die Stimme: "Aber irgendwie bin ich heute schon tot." So eine Aussage kann durchaus leicht Fettflecken verursachen. Die Struktur von American Beauty wird allerdings nicht angegriffen. Ganz im Gegenteil: Die Androhung von Tod imprägniert den Film vielmehr mit einem unangenehmen Gefühl von Aussichtslosigkeit. Das widerspricht der heiteren Note, dem Pioniergeist, den Sam Mendes stets hervorhebt, aber ohne, dass er ihn siegen lässt. Die Besetzung der Rolle des Lester Burnham durch Kevin Spacey ist dabei in jeder Hinsicht genial. Die Kombination aus Lässigkeit und verborgener Energie entspricht exakt seinen Vorlieben. Schon seine Stimme (natürlich die Originalstimme) bewegt sich unentwegt zwischen einer scharfen und einer gedämpften Note, und dahinter spitzt immer noch ein spöttischer Unterton hervor. Charaktere, die auf den ersten Blick eine gewisse Schlaffheit vermitteln, sich schließlich aber als sehr present erweisen (wie Spacey in „Die üblichen Verdächtigen“), scheinen ihm besonders zu liegen, und die Figur des Lester Burnham stellt genau diesen Charakter dar. Burnham tritt seiner kontrolliert hysterischen Frau Carolyn (gespielt von Annette Bening) zu Beginn noch als Pantoffelheld entgegen, möchte dann jedoch wieder zum Herr des Hauses werden, der er scheinbar schon einmal in seiner wilden Vergangenheit gewesen ist.
Wie vom Blitz getroffen Doch dazwischen ereignete sich Entscheidendes, und es passt zu den tollen Ideen des Drehbuchautors Alan Ball und von Sam Mendes, diese entscheidende Begebenheit zwar gebührend darzustellen, seine Banalität aber dennoch deutlich zu kennzeichnen. Als Lester und Carolyn Burnham lustlos eine Vorstellung der Cheerleadertruppe, der auch ihre Tochter Jane (gespielt von Thora Birch) angehört besucht, erscheint ihrem Vater schlagartig deren mithüpfende Klassenkameradin Angela (Mena Suvari) als eine übermäßig attraktive und begehrenswerte Sexgöttin. Für einen kurzen Augenblick steht die Welt still, und Lester der Mund regelrecht offen, dann ist die Darbietung vorüber, Lester ist um eine unerwartete Manie reicher und glaubt von da an sein Leben ändern zu müssen. Er hat einen Blick mitten ins Herz einer amerikanischen Schönheit getan, sie hat langes blondes Haar und wäre in der Lage problemlos jeden lokalen Miss-Wettbewerb zu gewinnen. Selbstverständlich ist sie dumm wie Brot.
Das letzte Wort ist damit jedoch zu der "amerikanischen Schönheit" aus dem Titel noch längst nicht gesagt. Womöglich ist das auch der überkanditelte Name von Carolyns Rosen. Auf jeden Fall überschwemmen diese beinahe den Film, nett gebündelt und geschnitten, sieht man sie bei den Burnhams in Vasen; in seiner Fantasie geht Lester sehr verschwenderisch mit diesen Rosen um: Er stellt sich Angela, splitternackt gebettet auf Rosenblüten oder regelrecht in diesen badend vor, wodurch selbstverständlich auch ihre erhoffte Entblätterung aufs Klarste zum Ausdruck gebracht wird. Erfrischend direkt Überhaupt packt Sam Mendes alle Themen sehr direkt und unmissverständlich an. Da wird nichts sanft enthüllt, alles wird eindeutig dargestellt. Die Dialoge des Drehbuchautors Ball sind witzig bis zum Explodieren, tauchen Schlag auf Schlag auf und erfordern nahezu eine besondere Aufmerksamkeit und Disziplin der Regie. Der Regisseur schafft diese Balance, und zwar nicht trotz, sondern vielleicht weil „American Beauty“ sein erster Film ist. Der Engländer Sam Mendes, damals gerade 34 Jahre jung, hat bis zu diesem Zeitpunkt nur für das Theater gearbeitet, meistens in London, anschließend am Broadway in New York mit einem erfolgreichen Remake von „Cabaret“. Ein Hauch von Theater offenbart er auch in American Beauty. Allerdings liegt ihm mehr das Fließende, der Fluss der Erzählung liegt ihm am Herzen. Ganz deutlich hat er den Film aus vielen Einzelszenen aufgebaut und diese dann aus weiteren einzelnen Teilen miteinander verbunden. Mendes setzt die kräftig leuchtenden Farben deutlich voneinander ab, Dekor wird bewusst sparsam verwendet, jede Kameraeinstellung wird gleichsam frisch geschält den Zuschauern dargeboten. Gewissermaßen präsentiert Sam Mendes den Film und seine Protagonisten, er schlüpft nicht in diese hinein, er spielt um sie herum, bewahrt Abstand und schafft dabei dennoch Nähe, bei aller satirischen Einstellung. Als Carolyn Burnham, eher mit wenig Erfolg als Immobilienmaklerin tätig, einmal ein Haus mit Grundstück verkaufen will, macht sich der Regisseur zunächst geschickt über ihre Verkaufstaktik lustig (wie in der Ehe redet sie auch im Job die Fassade schön); als sie sich dann aber selbst für ihr Versagen ins Gesicht schlägt, kommt umgehend ein dramatischer Tonfall zum Vorschein. Zwischen Ernst und Komik versteht es Mendes mühelos umzuschalten, in diesem Punkt (und in seiner dezenten Direktheit) erinnert mich „American Beauty“ zum Teil an die Werke von Pedro Almodóvar.
Die Schönheit der Schöpfung verbirgt sich hinter der Fassade Am Ende folgt der Film einer ganzen Reihe Personen, hält diese auf einzigartige Weise zusammen, philosophiert auf unterschiedlichen Ebenen über Reize und Fluch des Oberflächlichen und behält dabei stets seine gute Laune. Das ist überraschend und faszinierend zugleich, und in den USA hat der Film schon so viele Zuseher in Enthusiamus versetzt, dass er als größter Erfolg im Jahre 1999 neben Blair Witch Project und The Sixth Sense galt. Dies wurde durch 5 Oscars im Februar 2000 noch bestätigt. Aber ehe ich vollends von einer Welle der Begeisterung davon geschwemmt werde, noch ein kleines Faltenrunzeln über das "Dasein hinter den Dingen".
Hinter besagten Dingen ist natürlich auch wieder Schönheit das zentrale Thema, um das es geht. Der Nachbarsjunge Ricky beschwört Jane Burnham, beinahe zu Tränen gerührt, indem er ihr ein Video präsentiert; das Video zeigt eine Tüte aus Plastik, die im Wind die Straße entlang fliegt. "Manchmal ist diese Welt so voll von Schönheit, dass ich es kaum aushalten kann", sagt Ricky und glaubt eine "unglaublich gute Kraft" in allem Seienden zu spüren. Lester, nach seinem Tod, greift diesen Gedanken im Off erneut auf und erkennt nun seinerseits, urplötzlich, auf der Erde umgeben von Schönheit zu sein und Dankbarkeit zu fühlen für jeden verdammten Moment seines vergangenen Lebens. Sam Mendes hat auch diese eigenartige Versöhnlichkeit noch meisterhaft in den Film eingeflochten. Dennoch passt sie meiner Meinung irgendwie nicht richtig. Sie macht auf mich den Eindruck, wie ein schlampig eingeführter pantheistischer Tranquilizer gegen die eigene Desillusionsbewegung. Womöglich hat hier eben doch die Produktionsfirma DreamWorks ein Wörtchen mitgesprochen, auch in Gedenken an den letzten Skandal über ein ganz ähnliches Werk: 1998 hatte Universal einer Tochterfirma untersagt, Todd Solondz' grandios unversöhnliche Satire „Happiness“ zu verleihen; menschenverachtend, so das Urteil von Universal. Mein Fazit Ich habe in meinem Bericht ganz bewusst auf eine chronologische Darstellung des Filminhalts verzichtet. Diejenigen unter euch, die „American Beauty“ schon gesehen haben, bedürfen dieser nicht und allen anderen wollte ich einfach auch nicht zuviel verraten. Mir ging es vor allem darum, euch meine persönliche Meinung zu diesem wunderbaren Film zu vermitteln. Ich wollte euch zeigen, wie ich die Dinge sehe und interpretiere, die der Regisseur Mendes und sein Drehbuchautor vollbracht haben. Egal ob Kevin Spacey, Annette Bening oder der den Nachbarsjungen spielenden Wes Bentley, alle Darsteller spielen ihre Rollen überragend. Es ist ein schneller Film, mit perfekt eingesetztem Soundtrack und genialen Dialogen. Ich hoffe, es ist mir gelungen, euch neugierig zu machen, um euch diesen großartigen Film anzusehen bzw. – wenn schon geschehen – diesen erneut unter dem einen oder anderen Gesichtspunkt aus meinem Bericht zu schauen. Es lohnt sich so oder so, denn, was auch Schlimmes passiert - Hollywood wird immer noch einen ideellen Vorgartenzaun finden, um das Böse damit einzufrieden.
Hier noch einige Links zu besonderen Szenen im Film: http://www.youtube.com/watch?v=x_-0CMMN2PY&feature=related (Trailer) http://www.youtube.com/watch?v=UDXjnW3nIWg (Plastiktüte im Wind) http://www.youtube.com/watch?v=okaWTEnU4j0 (Lesters Rosentraum) http://www.youtube.com/watch?v=RilaxU045Nw (Cheerleader Performance) http://www.youtube.com/watch?v=9lBOaSbq8W4&feature=related (Szene am Kühlschrank) http://www.youtube.com/watch?v=qNq_WMRTOAY&feature=related (Szene am Esstisch)
Wissenswertes zum Film- Originaltitel: American Beauty
- Erscheinungsjahr: 1999
- Produktionsland: USA
- Spieldauer: ca. 117 Minuten
- Regie: Sam Mendes
- Wichtigste Darsteller:
- Kevin Spacey (Lester Burnham) - Annette Bening (Carolyn Burnham) - Thora Birch (Jane Burnham) - Mena Suvari (Angela Hayes) - Wes Bentley (Ricky Fitts)
- American Beauty erhielt im Jahre 2000 fünf Oscars in den Kategorien Bester Film, Beste Regie, Bester Hauptdarsteller (Kevin Spacey), Beste Kamera und Bestes Originaldrehbuch
Der Regisseur- Sam Mendes wurde am 1. August 1965 in England geboren
- 1987 Abschluss des Englisch-Studiums an der Cambridge Universität
- Nach Tätigkeit an Theatern in London wurde Mendes Anfang der 1990er Jahre von Steven Spielberg nach Hollywood geholt.
- Wichtigste Werke und Auszeichnungen:
- Cabaret (Fernsehfilm, 1993) - American Beauty (1999) - 5 Oscars für American Beauty - Road to Perdition (2002) - Zeiten des Aufruhrs (2008)
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Ich liebe diesen Film.... LG Nici
31.10.2009 13:18
Spitzen Bericht über einen genialen Film! BH!!! glg Christina
13.10.2009 18:56
ein spitzenmäßiger Film und ein ebenso gelungener Bericht - klasse und für mich ein klar verdientes *BH* - GLG Sven