Erfahrungsbericht über

American Gods - Roman / Neil Gaiman

Gesamtbewertung (5): Gesamtbewertung American Gods - Roman / Neil Gaiman

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"Call no man happy until he's dead!"

5  01.06.2003 (03.06.2003)

Pro:
Brillanter Mix aus Mythologie, Pop - Kultur und Fantasie

Kontra:
bisher noch nicht ins Deutsche übersetzt

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

mehr


doeter

Über sich: Wat isn dat hier fürn Dörmekaar!!!?? - Es gibt Leute, die machen immer Fotos, damit sie hinterher ...

Mitglied seit:10.01.2001

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Vertrauende:53

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 93 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Die alten Götter wandeln auf Erden. Sie wandeln in Amerika, in den Vereinigten Staaten: Loki sitzt im Knast, Bilquis, die Königin von Saba, geht auf den Strich und Odin schlägt sich mit Taschenspielertricks und Betrügereien durch. Die Alten Götter sind heruntergekommen. Der schakalköpfige Anubis und der ibisköpfige Thoth haben es da als die Leichenbestatter Mr. Jacquel und Mr. Ibis noch vergleichweise gut getroffen.

Zu allem Überfluss droht den Alten Göttern, deren Verelendung die Entwurzelung der Immigranten widerspiegelt, die den Glauben an sie nach Amerika mitnahmen, ein Kampf mit den Neuen Göttern des Fernsehens, der Popkultur und des Internets.


*********
One question that has always intrigued me is what happens to demonic beings when immigrants move from their homelands. Irish-Americans remember the fairies, Norwegian-Americans the nisser, Greek-Americans the vrykólakas, but only in relation to events remembered in the Old Country.

When I once asked why such demons are not seen in America, my informants giggled confusedly and said, 'They're scared to pass the ocean, it's too far', pointing out that Christ and the apostles never came to America.
*********
[Quelle: Richard Darson, 'A Theory For American Folklore', American Folklore and the Historian, (University of Chicago Press, 1971)]

Dieses Zitat hat Neil Gaiman seinem Buch vorangestellt, weil es sehr gut auf ein Grundthema des Buches einstimmt. In mehreren in das Buch eingestreuten Abschnitten "Coming to America" wird beschrieben, wie die Alten Götter nach Amerika gekommen sind. Darunter sind Begebenheiten, die bis 14000 Jahre vor Christus zurückreichen. Andere sind mit Einwanderungswellen der jüngeren Vergangenheit verbunden.


Neil Gaiman gelingt es glänzend, dieses große Thema mit der Geschichte des Ex-Knackis Shadow zu verbinden:

Shadow hat seine Gefängnisstrafe wegen bewaffneten Raubs fast vollständig abgesessen. Schließlich wird er einige Tage vor dem geplanten Termin entlassen, weil seine Frau bei einem Verkehrsunfall getötet wurde. Der Tod der geliebten Frau dämpft natürlich die Begeisterung Shadows für die wiedergewonnene Freiheit. Da dem Verkehrsunfall neben seiner Frau auch sein bester Freund zum Opfer gefallen ist, in dessen Fitness-Studio Shadow seinen alten Job wieder aufnehmen wollte, muss Shadow alle seine Pläne über den Haufen werfen.

Mr. Wednesday, der sich später als der nordische Gott Odin erweist, heuert Shadow als Bodyguard an. Und der steckt damit mittendrin im Kampf der Alten Götter gegen die Neuen Götter Amerikas. Dass Shadows tote Frau Laura ihm im Verlaufe des Buches das Leben rettet und mit den Unbillen kämpft, die ein langsam zerfallender Körper für eine Untote darstellt, macht die ganze Geschichte nicht weniger übernatürlich.


Im Jahr 2000 wurde ich erstmalig auf Neil Gaiman aufmerksam: Ich las "Keine Panik", Sekundärliteratur zu Douglas Adams "Per Anhalter durch die Galaxis". Da schrieb ein Fan über den Anhalter: die Bücher, die Hörspiel- und Fernsehserien und auch über Bühnenversionen. Der Fan, der da kenntnisreich und begeistert schrieb, der da viele Interviews mit dem Autor, Sprechern, Produzenten, Redakteuren und Schauspielern geführt hatte, war der 1960 geborene Brite Neil Gaiman.

Die Vorschlagsliste von Amazon stieß mich dann mit der Nase darauf, dass ich mit "Ein gutes Omen" von Terry Pratchett und Neil Gaiman bereits ein weiteres Buch von Gaiman gelesen hatte.

Es muss der günstige Preis gewesen sein, der mich gleich die englische Ausgabe von "Neverwhere" von Neil Gaiman bestellen ließ. Ich hatte Glück! "Neverwhere" war nicht nur ein packendes und fesselndes Buch, es war auch in einem Englisch geschrieben, das ich mit Genuss lesen konnte.

"Stardust" bestellte ich später auch bei Amazon und stellte erstaunt fest, als ich es schließlich vom Stapel der ungelesenene Bücher nahm, um es zu lesen, dass die deutsche Übersetzung "Sternwanderer" im Stapel unmittelbar darunter lag.

Die Geschichtensammlung "Smoke and Mirrors" habe ich dann in der deutschen Übersetzung "Die Messerkönigin" gelesen. Diese Sammlung empfehle ich jedem, der Neil Gaiman kennenlernen möchte, als idealen Einstieg.

"American Gods" ist mit seinen 632 Seiten wesentlich umfangreicher als die anderen Bücher von Neil Gaiman. Mir ist das Buch aber zu keinem Zeitpunkt lang geworden. Das liegt zum Einen daran, dass Gaimans flüssiger Schreibstil mir das Lesen zum Vergnügen macht. Manchmal vergesse ich fast, dass das nicht meine Muttersprache ist, in der ich da lese. Dabei beschränkt sich Gaiman keineswegs im Vokabular.

Zum Anderen spielt Gaiman immer wieder mit dem Allgemeinwissen seiner Leser. Zu den Gottheiten und legendären Gestalten aus der nordischen, der irischen, der ägyptischen, der hinduistischen oder auch der Mythologie Osteuropas musste ich - das gestehe ich offen - dann doch das Lexikon oder Google konsultieren.

Über folgende Anspielungen auf "Lassie" und Edgar Allen Poes "Raven" konnte ich mich aber ganz ohne Rückgriff auf irgendeine Enzyklopädie amüsieren:

*********
The raven cawed from the edge of the clearing.
'You want me to follow you?' asked Shadow.
'Or has Timmy fallen down another well?'
[...]
'Hey,' said Shadow. 'Huginn or Munimm, or whoever you are.'
The bird turned, head tipped, suspiciously, on one side, and it stared at him with bright eyes.
'Say "Nevermore",' said Shadow.
'Fuck you,' said the raven.
*********

Das Zusammenspiel von Mythologie und Pop-Kultur macht mir Spaß und holt die Götter immer wieder auf Augenhöhe herab.

Noch ein Beispiel?

*********
There was a pause at the other end of the telephone. 'I'll be there in the morning,' said Wednesday. It sounded like the anger had died down. 'We're going to San Francisco. The flowers in your hair are optional.' And the line went dead.
*********

Ich mag es, wenn Odin Scott McKenzie veräppelt!


Als sich Shadow in der Mitte des Buches in eine abgelegen Ortschaft zurückzieht, schildert Gaiman diese perfekte Idylle so penetrant, dass langsam das Grauen im Leser aufsteigt. Auch dieses Klischee bedient Gaiman brillant.


Meine hohen Erwartungen an "American Gods" sind ohne Einschränkungen erfüllt worden. Anfangs hatte ich Vorbehalte gegen Gaiman, weil er sich ja bereits mit seiner Sandman-Reihe einen Ruf als Comic-Autor erworben hatte. Aber inzwischen ist er einer der Schriftsteller, deren neuestes Buch ich unbesehen kaufen würde. Die literarische Annäherung des Engländers an seine (Teilzeit-)Wahlheimat Amerika ist uneingeschränkt empfehlenswert!


Grundlage meines Beitrags ist die Taschenbuchausgabe von Headline Books.

American Gods
Sprache: Englisch
Broschiert. 632 Seiten
ISBN 0747263744
Preis: 10,66 Euro

Es gibt eine preisgünstigere Ausgabe von HarperTorch zu 7,44 Euro. Eine deutsche Übersetzung ist immer noch nicht verfügbar.

"As good as Stephen King or your money back" steht auf dem Buchumschlag. Und weiter: "We at headline are convinced that you'll find Neil Gaiman as good as Stephen King. If you disagree, we'll give you your money back.
[...]
Offer closes 31st May 2002."

Von Stephen King habe ich noch gar nichts gelesen. Irgendwie fehlte mir stets die Lust dazu. Alleine der Umstand, dass er hier mit Gaiman verglichen wird, lässt mich überlegen, ob das vielleicht ein Fehler war.

Aber das Angebot von headline habe ich zu keinem Zeitpunkt auch nur in Erwägung gezogen.


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
mama-von-paul

mama-von-paul

30.03.2008 06:32

Und hast Du immer noch keinen King gelesen? Auch wenn Stephen King Laymon empfohlen hat und ich ihm das wirklich übel nehme: King selbst hat ganz famose Romane und auch Kurzgeschichten geschrieben. Von Gaiman kenne ich bisher nur "Niemalsland", finde das aber überaus fantastisch. Das hier würde ich aber eher in deutscher Sprache lesen, wenn ich auch der englischen einigermaßen mächtig bin: Deine Versicherung genügt mir nicht ganz um es zu wagen. Die "Odin"-Verbindung hat mich gleich an ein Buch erinnert, ich hoffe ich erinnere mich richtig: Kennst Du die "Dirk Gently" (oder so) - Romane von Douglas Adams? Wenn nicht, dann empfehle ich auch die. Ganz anders als der "Anhalter" und seine Nachfolger, aber nicht weniger absurd. ;-)

TFaust99

TFaust99

10.08.2005 01:57

"Das Zusammenspiel von Mythologie und Pop-Kultur macht mir Spaß" - na dann aber flugs den 'Sandman' erworben, denn da zeigt Gaiman erst so richtig, was er drauf hat! Der erste Sammelband ist eher durchschnittlich (muss aber dennoch irgendwie runtergelesen werden), danach wird es immer brillianter. Zweifellos ein Fehler, daran vorbeizuschreiten, weil es "nur" Comics sind. Du wirst garantiert keine klügeren Comics finden, äh, nevermore. Schöne Grüße, Thomas

Trillian28

Trillian28

08.08.2005 16:30

Nach der Leseprobe zu Edgar Allan Poe bin ich mir sicher, dass ich dieses Buch auch lesen muss.

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