Fremdenhass muss aufhören!
07.08.2010
Pro:
ein wichtiger, packender und spannender Film mit einem großartigen Hauptdarsteller
Kontra:
dürftige DVD - Extras
Empfehlenswert:
Ja
 Schlucke
Über sich:
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Hate is baggage Life’s too short to be pissed off all the times [Danny Vinyard] Als drei schwarze Jugendliche sein Auto stehlen wollen, rastet der Neonazi Derek [Edward Norton] aus: in einem Akt hemmungsloser Gewalt tötet er die jungen Männer. Für diese schreckliche Tat wird Derek von der Polizei verhaftet und für mehrere Jahre ins Gefängnis gesteckt. Während er dort einsitzt, bieten sich ihm viele Möglichkeiten, über seine eigenen Taten nachzudenken. Zur gleichen Zeit macht sein Bruder Danny [Edward Furlong] eine beängstigende Entwicklung durch; Danny verehrt seinen Bruder wie einen Helden und schließt sich dessen Freunden, Ideologien und dem rassistischen Lebensbild an.
Derek wird schließlich geläutert aus dem Gefängnis entlassen. Ihm ist bewusst geworden, wie falsch sein Rassenhass gewesen ist. Und nun möchte er alles dafür tun, um seinen Bruder ebenfalls aus diesem Strudel aus Fremdenhass, Gewalt und Propaganda zu befreien. Ein Unterfangen, das unmöglich erscheint… Inszenierung
Wie man auf zahlreichen Quellen im Internet nachlesen kann, hat sich Regisseur Tony Kaye von der endgültigen Fassung seines eigenen Films distanziert. Glaubt man den Gerüchten, dann haben Verleih und auch Hauptdarsteller Edward Norton die Schnittfolge so verändert, dass letztlich ein anderer Film entstand als der, der Kaye ursprünglich vorschwebte. Gleichgültig, ob man diesen Gerüchten glaubt oder nicht: Was letztlich in den Kinos lief und auf DVD erhältlich ist, gehört erzählerisch zu einem der besten Hollywoodfilme, die ich kenne. Interessanterweise wird American History X aus verschiedenen Blickwinkeln erzählt. In der Jetztzeit fungiert Danny als Erzähler; der Film startet an dem Tag, an dem sein verehrter Bruder Derek aus dem Gefängnis entlassen wird. Dank zahlreicher Rückblenden darf der Zuschauer daran teilhaben, weshalb Derek ins Gefängnis musste, was ihm dort widerfahren ist und weshalb er schließlich alle rassistischen Gedanken aus seinem Kopf verbannt hat. In diesen Szenen, die in Schwarz-Weiß gezeigt werden und sich daher optisch deutlich von der Jetztzeit abheben, wechselt die Perspektive hin zu Derek, der nun den Erzählpart übernimmt. Beide Erzähler kommentieren das Geschehen mehrfach aus dem Off.
Auch über die Erzählweise hinaus kann der Film inszenatorisch vollends überzeugen. Allein schon die Anfangssequenz lässt den Zuschauer ob der passenden Musik,
Bilder von American History X (DVD)
der Zeitlupeneinstellungen und der Kompromisslosigkeit den Atem stocken; die Kameraarbeit und die Musik überzeugen auch danach bis zum Ende des Films. Ein handwerklich hervorragendes Werk also.
Darsteller Edward Norton gehört zu den besten Schauspielern der Welt. Zweifelt daran irgendwer? Falls ja, dann sollte American History X problemlos Überzeugungsarbeit leisten können. Als Lohn für seine Mühen wurde Norton mit einer Oscar-Nominierung bedacht, konnte die begehrte Trophäe jedoch nicht gewinnen. Nichtsdestotrotz bleibt seine darstellerische Leistung lange im Gedächtnis; Nortons Charakter vereint zunächst allen Hass des Publikums auf sich. Wenn er nur mit Boxershorts bekleidet und mit einem großen Hakenkreuztattoo auf der Brust in der Eröffnungssequenz in einem Akt blinder Brutalität die Jugendlichen erschießt oder wenn er bei seiner Verhaftung beinahe schon dämonisch in die Kamera lächelt, dann möchte man ihn als Zuschauer nur hassen.
Wenn er dann jedoch im Knast von Mithäftlingen vergewaltigt wird oder sich danach rührend um die Seele seines Bruders sorgt, dann wundert man sich als Zuschauer: empfinde ich nun gerade Mitleid, ja sogar Sympathie für diese Figur? Dass dem Zuschauer solche Gedanken im Kopf herumspuken, ist einzig und allein dem großartigen Spiel von Norton geschuldet, der jeden Charakterzug seiner Figur absolut überzeugend darstellt. Eine großartige Leistung, ohne jeden Zweifel! Neben Norton können alle anderen Darsteller beinahe nur verblassen. Trotz dieses Umstands spielen auch die anderen Darsteller ihre Rollen mit viel Glaubwürdigkeit und Emotionen. Edward Furlong habe ich noch nie zuvor so gut spielen sehen, auch wenn sein Charakter letztlich flacher gezeichnet ist als der seines Bruders. Beverly D’Angelo kenne ich ansonsten nur aus Komödien, hier zeigt sie sich in einer sehr ernsten Rolle als Dereks und Dannys Mutter und kann überzeugen.
Kritik Wenn man ohne Vorwissen die ersten Minuten von American History X sieht, dann überkommt einen ein schreckliches Gefühl. Was für ein Film soll das sein, fragt man sich, in dem ein offensichtlicher Neonazi ein paar Schwarze über den Haufen schießt und von der Kamera auch noch wie ein Filmheld umkreist wird? Wie kann so ein offensichtlich rassistischer Film den Weg in den normalen Handel gefunden haben?
In anderen Worten: der Film geht direkt zu Beginn ein sehr hohes Risiko ein. Er verurteilt nämlich das, was er zeigt, nicht – es ist und bleibt allein Aufgabe des Zuschauers, dies zu tun. Hat man den ersten Schock überstanden, bewegt sich American History X sehr oft nahe am Rand des Unbedenklichen. In den gefährlichsten Momenten des Films wird beispielsweise Derek gezeigt, der seinen „Anhängern“ Gründe nennt, warum Farbige, Ausländer und (illegale) Einwanderer schlechtere Menschen sind als Weiße. Sie kosten, so Derek, den Staat nur Geld, sind kriminell und nehmen auf Grund von Gleichberechtigungsquoten besser qualifizierten weißen Arbeitnehmern die Arbeitsplätze weg. In einer Stadt wie LA (hier spielt der Film), in der zahlreiche junge Leute keine Arbeit finden und in Armut leben müssen, treffen solche Thesen auf offene Ohren. American History X zeigt damit nicht nur, wozu blinder Fremdenhass führt, sondern auch, wie er entsteht. In einer ähnlich eindrucksvollen Szene wird dem Zuschauer klar, dass in der Vinyard-Familie schon lange ein latenter Fremdenhass geherrscht hat. Wir lernen Derek als intelligenten, aufgeweckten Schüler kennen, der beim Essen seinem Vater von seinem neuen Lehrer und einer Einheit über „schwarze Literatur“ erzählt. Im Gespräch erfährt der Zuschauer dann, wie Dereks Vater, ein angesehner Feuerwehrmann, seinem Sohn klar macht, dass man nicht alles glauben sollte, sondern sich immer ein eigenes Bild machen muss.
Propaganda, Ideologie, Weltanschauung. Kayes Film spielt mit diesen Begriffen und nutzt dann Derek als Beispiel um zu zeigen, wie schwer es ist, vollends mit dieser Szene abzuschließen. Wie weiter oben erwähnt, fungiert Derek als wichtigste Figur des Films, die es schafft, sowohl Hass als auch Sympathie auf sich zu vereinen. Wenn man sieht, wie sich seine Nazi-„Verbündeten“ im Gefängnis gegen ihn wenden und ihn schließlich unter der Dusche vergewaltigen, dann kann man sich des Gefühls des Mitleids kaum erwehren. Das ist wichtig, denn nur so kann man wirklich nachvollziehen, warum Derek den Schritt weg von seinem alten Leben wählt. American History X ist mehr als ein Film über Rassismus. Er portraitiert auf gelungene Art und Weise die (amerikanische) Gesellschaft am Ende des 20. Jahrhunderts und zeigt, welche Blüten Unzufriedenheit, Hass und Perspektivlosigkeit treiben können. Wie weiter oben schon erwähnt: Die Gründe, die Derek seinen Mitstreitern als Rechtfertigung für seinen Fremdenhass liefert, klingen beinahe schon plausibel - American History X versucht gar nicht, diese Thesen im Film selbst zu entkräften. Aufgaben dieser Art überlässt er dem Zuschauer. Ein Tanz auf dem Drahtseil: in der rechten Szene besitzt der Film ebenfalls einen Kultstatus, obgleich sich der Streifen natürlich deutlich von Rechtsextremismus distanziert…wenn man ihn denn versteht bzw. verstehen will.
Emotional gehört American History X mit Sicherheit zu den gelungensten Filmen aller Zeiten; kein Zuschauer wird von dem, was auf der Leinwand bzw. dem heimischen Fernseher geschieht, unberührt bleiben. Der Film reißt mit, er schockiert, er provoziert. Wie gerne hätte ich, als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, laut aufgeschrien, wenn die ersten Propagandakanonaden auf die Filmcharaktere und das Publikum einprasseln. Es ist ein Film, der zum Nachdenken und zum Diskutieren anregt. Und der aufzeigt, dass das Problem des Rechtsradikalismus weiterhin ein wichtiges ist, das man nicht totschweigen oder ignorieren darf. Auch bei uns haben Gedanken wie „Die Türken liegen dem deutschen Staat nur auf der Tasche“ oder „Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg“ leider eine hohe Popularität, was beweist, wie weit verbreitet solche Gedanken auch heute noch sind. Filme wie American History X, die konsequent aufzeigen, wohin blinder Hass auf Fremde führt, helfen hoffentlich dabei, solche Gedanken aus unserer Gesellschaft zu verbannen. Nach so viel Lob: kann ich auch ein negatives Wort für den Film finden? Ja, kann ich. Allerdings fällt mein einziger Kritikpunkt sehr klein aus; zudem ist er dem zeitlichen Konzept des Filmes geschuldet: Dannys Verwandlung verläuft zu schnell; mehr will ich hier gar nicht verraten, daher soll dieser Hinweis reichen. Ansonsten finde ich auch bei intensiver Suche kein Haar in der Filmsuppe.
DVD Technisch kommt die DVD sehr solide daher. Bild und Ton überzeugen, setzen aber keine Maßstäbe – was auch nicht notwendig ist. Von der Ausstattung her enttäuscht die DVD: nur drei kurze geschnittene Szenen, die den Film nicht wirklich weitergebracht hätten und daher zu Recht der Schere zum Opfer gefallen sind, der Trailer und Informationen über die wichtigsten Schauspieler und Filmmacher, das wars. Schade. Denn gerade bei diesem Film hätten mich Hintergründe, ein Making Of usw. durchaus interessiert.
Fazit Falls ihr zu den Menschen gehört, die diesen wichtigen Film noch nie gesehen haben, dann solltet ihr nicht lange warten, sondern dies so schnell als irgendwie möglich nachholen. American History X ist ein sehr spannender und faszinierender Einblick in die rechtsradikale Szene der USA, der zeigt, wie Fremdenhass entsteht und zu welchen Folgen er führen kann. Hinterfragt und kommentiert wird im Film sehr wenig – dies bleibt dem Zuschauer überlassen. Und der hat nach dem bedrückenden Ende des Films genügend Gelegenheit, dies zu tun.
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06.10.2010 07:55
Erstklassige Abhandlung dieses emotionalen Breitwanderlebnisses. Ich bin jedes Mal erneut gefesselt, wenn ich den anschaue. Die Information über die veränderte Schnittfolge hatte ich schon mal irgendwo gelesen und wollte das eigentlich mal recherchieren. Hmpf. Mal nachholen. Bewerten kann ich nicht anders, sorry.
14.09.2010 07:48
Sicherlich ist mir der Titel schon längst ein Begriff gewesen. Allerdings hat es wohl deines Beitrages bedurft, mich wirklich neugierig darauf zu machen. Besonders dein Satz, dass du fast Mitleid empfunden hast finde ich beachtlich.
28.08.2010 13:57
Ich habe ihn erst vor zwei, drei Wochen mal wieder gesehen, auch auf DVD. Wirklich ein sehr beeindruckender Film, und ebenso wie du empfinde ich zum Beispiel das wahnsinnige Glitzern in den Augen, als Derek sich mit überschränkten Armen der Verhaftung hingibt, als eine der denkwürdigsten Szenen überhaupt. Ebenso ging mir Dannys Wandlung etwas zu schnell, manchmal sogar Dereks Wandlung selbst, aber nun gut, so ein Film ist eben zeitlich begrenzt. Norton weiß jedenfalls - wie auch in "Fight Club" - als einer meiner Lieblingsdarsteller überhaupt hier zu überzeugen. Feine Rezension!