Musik als der formschöne Spielgefährte des Todes
01.03.2005
Pro:
Eindringliche Synthese aus Bildästhetik und schwarzem Humor
Kontra:
Einige soziale Hemmschwellen werden während des Films unterbewusst neu gesteckt
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Humor
Spannung
Anspruch
Action:
Romantik:
mehr
 Aderlass
Über sich:
Die Umfragen sind Verarsche! Die Leute geben INformationen preis und bekommen keine Kohle! Selbst na...
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American Psycho (DvD-Version) Eines vorweg: für technische Daten zu der DVD schauen Sie bitte in einen der über 230 anderen Berichte. Dies ist ein Spezialbericht!
Ich möchte dieses Meinungsspektrum um eine szenenweise, musikfixierte Filmanalyse bereichern, damit Ihnen eine eventuelle Kaufentscheidung leichter fällt: Handlung:
Die Hauptfigur Patrick Bateman ist ein smarter, junger Finanzmakler, der in der riesigen Firma seines Vaters „arbeitet“ und ein Leben in Saus und Braus führt. Doch „unter der Oberfläche des aalglatten, perfekt gestylten Yuppies im New York der 80er Jahre verbirgt sich ein sadistischer Psychopath“ (Zitat: DVD-Booklet). Ein Mensch, der innerlich so gut wie nichts mehr mit einem Menschen gemein hat, jemand, der seine Seele gegen Prestigeobjekte eingetauscht hat, jemand, der seinen ganz persönlichen, egozentrischen und blutrünstigen amerikanischen Traum lebt. Eigentlich hat dieser Patrick Bateman alles, wovon der Durchschnittsbürger träumt: einen überbezahlten Job, viel Geld, ein exklusives Apartment, Designeranzüge, eine gut aussehende Freundin und eine noch besser aussehende Geliebte. Das Einzige, was ihm zu fehlen scheint, ist nach eigenen Aussagen etwas, das einer Seele gleichkommen könnte, er selbst meint sogar, dass sie gar nicht existiert. Bateman besitzt viele Hobbys: Musik, in Szene-Clubs und Nobelrestaurants gehen, Frauen, heiße Sexspielchen auf Kokain...Unschuldige zu erniedrigen, zu schlagen und zu töten. Mit seinem immer stärker werdenden Blutdurst scheint er seine innere Leere ausgleichen zu wollen, wobei ihm das letzte bisschen Verstand langsam droht verloren zu gehen. Auf den ersten Blick scheint es wirklich keinen kränkeren, oberflächlicheren Menschen als Patrick Bateman zu geben, aber mit fortschreitender Filmdauer erkennt man, das er sich kaum von seinen Mitmenschen unterscheidet. Wie ein Verrückter trainiert er seinen Körper, zieht sich sehr gut und vor allem teuer an, verbraucht mehr Schönheitsprodukte als die meisten Frauen und streift sich vor lauter Eitelkeit sogar einen Regenmantel über, bevor er jemanden in seiner Wohnung mit einer Axt erschlägt. Interessanterweise ist Patrick ein großer Musikkenner der Achtziger, was nicht weiter erstaunt, wenn man merkt, dass er sowieso schon alle Clubs und Restaurants zu kennen scheint, die auch nur irgendwie gesellschaftlich relevant sein könnten. Diese unverbindliche aber genaue Kenntnis macht auch vor sozialen Ideologien nicht halt: So lässt er Sprüche wie „Wir sollten uns mehr für die Jugend einsetzen und die Apartheid abschaffen.“ allein, um sich Respekt zu verschaffen, sich zu profilieren. Seine Gewalt resultiert (für meine Begriffe) aus dem inneren Zwiespalt, einerseits zu der elitären Gesellschaft, zu den „coolen“ Manager-Gentlemen gehören zu wollen, dabei aber immer wieder an ebendieser Hürde zu scheitern und diese Gesellschaft zu verfluchen. So haben auf einmal alle Arbeitskollegen, als er ihnen stolz seine neue Visitenkarte präsentieren will, viel bessere und teurere Visitenkarten als er (die Karte seines ärgsten Konkurrenten hat sogar ein Wasserzeichen!) oder bekommen andere problemlos Reservierungen im angesagten Nobelrestaurant „Dorsia“, bei dem man ihn hingegen nur am Telefon auslacht. Christian Bale, der die Rolle des Patrick Bateman spielt, verkörpert einerseits das perfekte Böse, ist unfähig, eine normale menschliche Beziehung zu führen, ist aber andererseits gerade deswegen auch ein bemitleidenswerter Charakter, mit dem man sich zwangsläufig während des Films identifizieren muss (da er der Hauptcharakter ist). Liebe, Vertrauen, Freundschaft oder Begriffe wie Bewusstsein und Realität sind ihm fremd. Er ist dermaßen in seiner eigenen Welt bzw. selbstbezogen, dass er beispielweise beim Sex mit zwei Frauen mehr sich selbst im Spiegel betrachtet, als alles andere. Hintergrund:
Als Vorlage für Mary Halmons Verfilmung (2000) diente der gleichnamige Roman „American Psycho“ von Bret Easton Ellis, der bei seiner Veröffentlichung 1991 in den USA wie auch hierzulande zu heftigen Diskussionen über die im Buch detailversessen beschriebenen Gewaltexzesse (speziell gegen Frauen) führte. Erst 2001 wurde der Roman in Deutschland vom Index gestrichen und ist mittlerweile ein internationaler Bestseller. Meiner Meinung nach zeigen diese zeitversetzten Reaktionen auf das Buch eindeutig, wie zutreffend seine satirische Charakterisierung der späten Reagan-Ära, also dem Höhepunkt des Materialismus, war und heute noch ist. Man missverstand das Buch damals (vielleicht absichtlich) als Horrorroman, und übersah dabei, dass es eigentlich nur auf gnadenlose Weise aufzeigte, was eine Gesellschaft, in der das, was man kaufen kann, definiert, was man ist, mit einem Individuum äußerstenfalls anstellen kann. Patrick Bateman, als Mensch, der alle moralischen und das Bewusstsein betreffenden Grenzen in seinem Rücken lassen will, und gerade deswegen kaum noch als Mensch wirkt, ist personifizierte Frage und Antwort in einer Person, welcher Gesellschaftstyp denn schlimmstenfalls aus der geldgenährten Metamorphose der „Schönen Neuen Welt“ hervorgehen könnte. Natürlich stellt sich bei einer solchen Thematik, die Frage nach der Gewaltdarstellung bzw. ob man dies überhaupt in Bilder fassen kann oder sollte. Ich empfinde es so, dass es die Regisseurin (!) durch Auslassung allzu morbider Details schafft, das Buch allein auf seinen Geist zu reduzieren, seinen gesellschaftskritischen Extrakt im Film vollends zum Vorschein zu bringen, obwohl einige Handlungsstränge hinzugefügt wurden, um dem Film einen roten Faden zu geben. Das Buch ist nämlich eher eine lose Aneinanderreihung von Ereignissen. Die knapp zwei Filmstunden sind derart eng gespickt mit schwarzem Humor, dass es schon peinlich und erschreckend ist, wie witzig Gewalt teilweise sein kann – den mit vollem Ernst darf man diesen Film keinesfalls anschauen, um die Lächerlichkeit der New Yorker High Society in ihm repräsentiert zu sehen. Bemerkenswert finde ich auch die Leistung der Requisiteure, denen es gelungen ist, alles haargenau wie in den Achtzigern aussehen zu lassen.
Die musikalisch analysierten Szenen: 1. Filmanfang: Ab der ersten Sekunde erklingt ein bedrohliches Streicherfundament (Fremdton): dies ist quasi die Vorankündigung des Schockierenden. Die mit den Bluttropfen hinzukommende Musik ist zunächst nur lauthaft, den Bildgestus unterstreichend, (also aus Fragmenten bestehend, wie einzelne Tropfen, keine durchgängige Melodie) und spiegelt durch ihren zu Beginn „zuckenden“ Charakter jene Angstgefühle wieder, die jedermann beim Anblick von Bluttropfen empfindet. Schon vor der Titeleinblendung schwenkt sie aber um ins schamlos Kontrastierende (ist nun eine harmonische Melodie, durchgängig wie der anschließende konstante rote Schwall, mit dem eine Violine einsetzt). An diesem Punkt verstummt das bedrohlich wirkende, offenbar wie nach der Cluster-Technik konzipierte Streicher-Fundament. Das niedersausende Messer mit dem übersteigerten Geräuscheffekt ist nur noch mal eine „Nachwehe“ der Anfangsstimmung. Dieser fließende Übergang von spannungsgeladener, von einem chromatisch dominierten Streicherfundament und hart gezupften Celli charakterisierter Musik bzw. Lauten zur harmonischen, dadurch fast sarkastischen Kammermusik läuft parallel mit der abfallend dramatischen Entwicklung von im Bild gezeigtem Blut zu Himbeeren und indiziert bereits, dass die Grenzen zwischen der ausgeglichenen Fassade, dem kühlen Benehmen und der unbändigen Mordlust beim Protagonisten Patrick Bateman fließend sind, ständig vorhanden und sich immerneu in sich verweben. Genau dort liegt die Funktion des Fremdtons: Verharmlosung, Verniedlichung von Gewalt, Bedrohung in Harmonie überfließen zu lassen, Sympathie für einen blutrünstigen Protagonisten zu erzeugen, selbst wenn der noch gar nicht im Bild ist. Die Musik greift also durch ihre ambivalente Haltung im Grunde das Verschwimmen von dunklem Innenleben und strahlender Hülle auf, auch wenn sie rhythmisch den Bildgestus die ganze Zeit über flankiert, Bildsequenz und musikalische Sequenz sich die ganze Zeit über entsprechen („syntaktische Paraphrasierung“). Mit dem Geigenaufschwung, der exakt da einsetzt, wo das Fleischgericht fertig zubereitet ist, wird eine Überleitung in die Atmosphäre des Restaurants geschaffen. Die Musik geht dabei über in eine Komposition, die nach dem Prinzip der dreiteiligen Liedform aufgebaut ist (diese ist keinesfalls absolute Musik, sondern gezielt für den Film komponiert von dem darauf spezialisierten US-Amerikaner John Cale). Während dem Blick auf die Essensteller und Tische läuft eine Art Exposition (laut), während des Dialogs demnach eine vom Charakter her andere, von Variation geprägte Durchführung (leise) und zum Ende hin wieder lauter Teile einer Art Reprise. Während der gesamten Essensszene betont die (homophone) Kammermusik in ihrer Starrheit die ganze Etikette, das Essen wird regelrecht zum Bankett, zur reinen Präsentation seiner selbst bis hin zum Konkurrenzkampf („Ist das nicht Paul Allen da hinten?“). In ihrem zugleich aber feierlichen Charakter liegt die weitere semantische Funktion der Musik, die Selbstzelebrierung der einzelnen Personen auszudrücken
2. Disco-Szene: Genau auf den Bildschnitt zur zweiten Szene erfolgt ein musikalischer Stil- und Stückwechsel, was eine scharfe Kontrastwirkung erzielt, die Musik hat hier also die syntaktische Funktion den Bildschnitt mit einem kompletten Gesichtswandel zu unterstreichen. Die dunklen, dumpfen Bässe des 80er Jahre Popsongs „True Faith“ von der Gruppe „New Order“ (absolute Musik), intensivieren die parallel dazu dunklen Bilder. Dahinter, dass alles (also Bild und Ton) eben sogar ein wenig zu intensiv ist, steckt die semantische Funktion, den Rausch des Kokains aufzugreifen. Abgesehen davon, dass das Poplied natürlich einen zugespitzten Kontrast zur nüchternen Atmosphäre des Nobelrestaurants darstellt, bringt es durch seine Oberflächlichkeit und Kurzlebigkeit zum Ausdruck, wie oberflächlich auch die menschlichen Beziehungen untereinander und die ganze Ära sind (semantische Funktion). 3. Verspätete Selbstvorstellung: Diese Szene ist geprägt von einer durchgängigen, durch Leichtigkeit und Klarheit ausgezeichneten Klaviermelodie, die wiederum im direkt einsetzenden Kontrast zur vorangegangenen Szene steht. Die gezeigten Bilder werden bis kurz vor Schluss der Szene syntaktisch paraphrasiert. Die Musik (ein Fremdton) verdeutlicht dem Zuschauer in ihrer Reinheit aber auch das Ganze Streben des Protagonisten nach Perfektion, das sich in der Einrichtung der Wohnung wiederspiegelt, ist nahezu im Rahmen der Quadratur voraussehbar, geometrisch - wie der räumliche Aufbau der gezeigten Bilder, Kompositionsästhetik paraphrasiert architektonische Ästhetik: erneut wird klar – in dieser Welt dreht sich alles allein um das pure Äußere! Die Musik ist also gleichzeitig unterstreichend eingesetzt und in ihrer darüber hinausgehenden semantischen Funktion auch als funktionale Musik zu identifizieren. Während der monologischen Selbstcharakterisierung wird die Musik leiser, tritt in den Hintergrund für die wohlklingende Stimme wie eine Begleitung für eine Melodie. Am Szenenende ist das Klavierstück in seiner unbefangenen Leichtigkeit ähnlich wie bei den Blutstropfen in der Anfangsszene kontrastierend eingesetzt zu den dunklen Gedanken des Protagonisten, wobei auch noch parallel dazu, wie der Hauptcharakter die Maske abzieht, wieder „sirrende“ Geigen aufkommen, die Spannung und Gefahr verkünden und damit einen weiteren Bezug zu den aller ersten Klängen des Films knüpfen. Die ganze Szene ist geprägt von stark bedeutungsschwangeren Bildern (ganz metaphorisch gemeint ist natürlich das Abziehen der Haut-Maske), die sich in den harmlosen Mantel der seichten Klaviermelodie hüllen. Beispielsweise blickt Bateman auf ein Poster des Musicals „Les Miserables“, bei dem ein Mann in den Wirren der Französischen Revolution auf der Suche nach sich selbst ist, wovon man ableiten darf, das auch Bateman mit seinem strengen Tagesablauf ein „Verirrter“ ist). Die Musik besitzt diesbezüglich eine Leichtigkeit, die Bateman ebengerade fehlt, hat aber einen periodischen Aufbau, der seinen immergleichen Tagesabläufen entspricht (Kontrastierung und Paraphrasierung in einem Atemzug!). Dadurch, dass die Stimme teilweise fast so dominant wie eine Melodie wirkt, die Klaviermusik demnach also die Begleitung darstellt, wird außerdem indiziert, das sich alles um das „Ich“ des Hauptcharakters dreht, dass ihm nach ja gar nicht vorhanden sein soll (eine „verirrte“ Situation, s.o.).
4. Arbeitstag: Diese Szene setzt ein mit actiongeladenen, bewegten Hubschrauberaufnahmen von New Yorks Skyline, zu denen ein fetziges Poplied („Walking on Sunshine“ von Katrina and the Waves) erklingt - eine klischeehafte Bild-Ton-Konstruktion nach dem von Adorno und Eisler so kritisierten Prinzip „Music sings, birdy sings“. Wieder ist das Phänomen des szenengenauen Wechsels von Musikstil und natürlich auch Titel zu beobachten, dass den Bildschnitt unendlich zuspitzt. Wieder (wie bei der 2. Szene in der Disco) handelt es sich um absolute Musik, woraus sich ein Schema eines Hin- und Herpendelns zwischen klassischer Filmmusikkomposition und Popsongs abzeichnet (Szenen 1/2/3/4). Dies kann man sicherlich als Anspielung auf den inneren Zwiespalt des Protagonisten interpretieren. Die Musik erscheint zunächst als Fremdton, weist sich dann aber mit dem Schnitt in die Innenräume des Hochhauses als Bildton aus. Dadurch, dass also nur der Hauptcharakter die Musik über seinen Walkman hört, wird erneut seine ganze Egozentrik ausgedrückt. Gleichzeitig hört er aber eindeutig „Mainstream-Music“, was Rückschlüsse darauf erlaubt, dass alle seine Zeitgenossen selbstbezogen sind und diese als eine Art qualitatives Ziel fördern. 5. Die erste Visitenkarten-Szene: (Szene5) In die beklemmende Stille hinein ertönt allein das parallel mit jeder Bewegung der Visitenkarten erklingende bedrohliche Rauschen, das mit jeder weiteren Visitenkarte an Lautstärke und Instrumentalisierung zunimmt: zunächst ist es nur ein Lufthauch, dann fast ein „Sirren“ oder „Kreischen“ in der Luft. Dies deutet darauf hin, dass eine Visitenkarte die andere aussticht wie bei Trümpfen in aufsteigender Reihenfolge! Die letztendlich auch noch einsetzenden Geigen spiegeln die innere Anspannung Batemans wieder, die Gewissheit, vollkommen unterlegen zu sein in einem Spiel, das er eröffnet hat. Der Kontrast zwischen der Banalität des Gegenständlichen (einer Visitenkarte) und den dazu eingesetzten, bedeutungsschwangeren, wuchtigen Lauten ist als eine Farce auf den Materialismus zu verstehen (hier zeigt sich eine unheimlich ausdifferenzierte semantische Funktion). Am Ende dieser Szene erklingt kurz der Beginn einer ebenfalls von Streichern gespielten, szenenüberleitenden Musik.
6. Das „Texacana“: In der Atmosphäre des mexikanischen Restaurants erwartet man beinahe den hier gewählten klischeehaften Einsatz von Musik (ein mexikanisches Jazzquartett), der sich allerdings dadurch entschuldigt, dass es sich eindeutig um einen Bildton handelt. In der danach folgenden, absoluten Stille wird der Zuschauer wie von der Hand gelassen, er soll orientierungslos sein (wie der betrunkene Paul Allen), Angst bekommen, Angst vor etwas Plötzlichem, Lauten, Grauenhaften, sich sehnen nach etwas wie dem zum Beispiel in der aller ersten Szene vorkommenden Streicherfundament, dass ihn auf das Geschehen vorbereiten könnte. Es schließt sich an der kontrastierende Einsatz von Musik bis hin zum Perversen: Der optimistische Popsong „Hip to be Square“ von Huey Lewis and the News erschallt als Bildton zur Übertönung einer Exekution. Diese vorsätzliche Vergewaltigung der Popmusik wird durch das übertriebene Tanzen des Protagonisten schamlos aufgedeckt, der Zuschauer soll auf das kranke Verhältnis zwischen Ton und Handlung mit der Nase gestoßen werden und dadurch Batemans geistige Krankheit begreifen (als wäre das nicht genug, schluckt er während dieser Szene sogar noch Antidepressiva!). Nach dem barbarischen Mord genießt Bateman das Lied in klischeehaft amerikanischer Siegerpose (Scotch und Zigarre), wodurch dieses in seiner Bedeutung um eine weitere Nuance weiterpervertiert wird: nun soll es eine Art Siegeshymne sein! (In einem Untermenü der DVD las ich, dass die Musik in dieser und auch in einigen anderen Szenen Batemans Gefühle wiederspiegelt. Dies halte ich für falsch. Ich sehe in ihr eher etwas, was er gerne fühlen will, er aber genau wie die Anerkennung seiner Mitmenschen nicht erreicht.) 7. Visitenkarten (2): (Szene10) Diese Szene spielt in aller Öffentlichkeit, was Musik und Handlung noch einmal gleichermaßen dramatisiert. Auf das Vorzeigen der neuen Visitenkarte hin taucht erneut das „Visitenkartenrauschen“ auf. Diesmal ist die Situation für Bateman noch schlimmer zu ertragen als im Konferenzraum (Paul Allen hat Bateman ja in der Zwischenzeit umgebracht), was durch die ausgeprägte Instrumentalisierung ausgedrückt wird, die Batemans innere Unruhe, seinen Schock über diesen für ihn „persönlichen Angriff“ ausdrückt. Die Streicher arbeiten hier ab dem Punkt, wo Bateman sich aus dem Sessel erhebt, ähnlich wie bei Autoverfolgungsszene von „Charlie Chaplin: A Dog´s Life“ viel mit Chromatik und Sequenzierung, insgesamt aber im Rahmen einer aufsteigenden Bewegung. Das Ganze ist eindeutig funktionale Musik: Man ahnt schon, dass einem dramatischen Höhepunkt entgegengesteuert wird, da die Instrumentalisierung auch stärker wird und die Klänge immer „spitzer“ werden und schließlich auf sozusagen „finalen“, längeren Tönen ankommen. Ein frecher Witz (schwarzer Humor) ist auch hier der klischeehafte Einsatz von handlungskonträren Lauten, nämlich das Summen des ahnungslosen Opfers. Auf dem absoluten Gipfel der Spannung herrscht plötzliche Stille, der Zuschauer wird erneut von der Hand gelassen. Provokant ist dabei natürlich, dass man einzelne Soundeffekte wie das Schmatzen der Lippen genau hören kann, was aber umgekehrt auch einfach den Humor dieser Szene (resultierend aus der absolut unerwarteten Handlungswendung) unterstützt. Die Orientierungslosigkeit des Protagonisten wird ebenfalls durch die Stille wiedergespiegelt. Auf die Dramatik des Abgangs, bei dem Bateman aber auch keine Peinlichkeit erspart bleibt, setzen nun verstärkt Blechbläser ein, die in hinein in virtuose Streichermelodien mit absteigenden Bewegungen entgegen dem vorherigen Melodiegestus (jener bis zum Klimax) spielen und damit ein vorausstehendes Ende der Szene ankündigen. Peinlichkeit, Anspannung und Unkontrolliertheit werden über die ganze Szene hinweg in den zahlreichen Disharmonien zum Ausdruck gebracht.
Der (deutsche) Kinotrailer „American Psycho“ - ebenfalls auf der DVD - enthält eine ähnliche Kombination von „cooler“, oberflächlicher Popmusik, bedrohlichen Lauten und klassischer Kammermusik wie. Dort ist letztere sogar zynischerweise ein feierlicher Walzer (durch den der Mord an seinem Nächsten wie zum Zeremoniell wird).
Beim Schlussbild fährt die Kamera in einem langen Zoom auf Batemans Augen zu. Dazu erklingt ein sirrender, disharmonischer Streicherton. Erst spät erkennt man, dass Bateman ein blaues und ein braunes Auge besitzt, eine Sekunde später ist der Film vorbei. Dies indiziert nicht nur die innere, bis über das Handlungsende hinausreichende Spannung Patricks, das, was er auch selbst monologisiert, es zeigt auch noch ein letztes Mal seinen Zwiespalt zwischen „Dazugehören“ und „totaler Abkehr“ gegenüber der Kapitalgesellschaft, diese 2 Seelen in seiner Brust a la Postmoderne. Dass sein Herz einen anderen Puls zu schlagen scheint als der seiner Mitmenschen, indiziert die vorherige Zeitlupe und die Verzerrung der Stimmen und Geräusche in den unteren Frequenzbereich. Gleichzeitig wird durch diese Verfremdung der Realität klar, dass Bateman auf seine Mitmenschen blickt wie auf Fremdwesen, auf Außerirdische, dass er sich im Grunde für den einzigen Menschen hält, auch, wenn er nach eigenen Aussagen ja nicht fühlt und blutrünstige Triebe auslebt. Geld macht die Menschen unmenschlich. Ist das die Botschaft des Films? Vieles spricht dafür. Schließlich ist Bateman doch ein bestialischer Bonze. Aber worin genau unterscheidet er sich von seinen Mitmenschen? Dies bleibt unklar, wahrscheinlich mit Absicht. Denn Bateman ist als Protagonist der Einzige, dem man privat über die Schulter schauen kann. Andere Personen trifft er nur auf öffentlich-geschäftlicher Ebene, egal ob das im Büro oder an der Bar ist. Bateman ist also genau wie alle anderen? Was die dunkle Hälfte seines Innenlebens angeht: leider JA! Nur ist er der Einzige, der seine verderbenden Gedanken, die mit dem alltäglichen „Gimme High-Five“-Gehabe im unüberwindbaren Kontrast stehen, durch Gewalt nach außen stülpt. Fazit:
Es bleibt unleugbar, dass Bateman mit der Ermordung seiner Konkurrenten und eitler Models genau das tut, was jeder von uns sich schon mal als Gedankenspiel vorgestellt hat (hey Jesus, sei mal ehrlich zu dir). Da der Film zeigt, wie so etwas endet, ist es einer der wichtigsten Filme des ausklingenden 20. Jahrhunderts. Einer Welt des „one click ahead“, einer Welt der Konkurrenz, einer Welt ohne irgendwelche unerschütterlichen moralischen Grundfesten, einer Welt des neotechnokratisch-materialischen Größenwahns.
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18.07.2006 12:16
Ich selbst sah den Film vor einigen Jahren. Empfand ihn damals als hart, aber nicht aussagekräftig genug. Nach deiner hervorragenden Rezension werde ich wohl nochmals den Film schauen und evt. mein Urteil überdenken. LGB
12.07.2005 22:16
Sehr umfangreich!
26.06.2005 22:42
Exzellent geschrieben, scharf analysiert, auch wenn mir die exzessive Auseinanderfrickelei einzelner Szenen in puncto musikalischer Konturen im Bezug auf den Film als Ganzes nicht immer schlüssig erscheint. Ein qualitativ hochwertiger Text ist dies allemal und daher mit Recht zu adeln!