Einstieg in die "Trilogie der Einsamkeit"
14.10.2001
Pro:
unbeschreiblich fesselnd auf einer völlig neuen Ebene
Kontra:
nichts
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 daedalos
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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 76 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Amerika kann wohl ohne Bedenken als Einstieg in die "Trilogie der Einsamkeit" bezeichnet werden, die Franz Kafka, Horrorgestalt für viele Schüler und unbegreiflicher Geist für zahlreiche Leser, mit seinen drei Romanen "Amerika", "Der Prozeß" und "Das Schloß" in der, von dem Terror des NS-Regimes und den Judenrepressalien überschatteten, von den Schrecknissen des Zweiten Weltkriegs gezeichneten, Zeit in den 30er und 40er Jahren des 20. Jahrhunderts verfaßt hat. Ohne Zweifel sollte zumindest ein Roman dieser "Trilogie" gelesen werden - finde ich persönlich zumindest - da er weit mehr als nur ein "Roman mit nachdenklichen Zügen" ist. Ein Kurzes zum Inhalt:Hauptfigur des Romans, der in dem ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts, möglicherweise noch vor der Jahrhundertwende, seine zeitliche Heimat hat, ist ein Junge in nicht genau bestimmbaren Alter namens Karl Roßmann, der, angetrieben von einer nach heutigem Verständnis eher obskuren Moralvorstellung, seine mehr oder weniger gesicherte kleinbürgerliche Existenz in Europa - der Alten Welt - aufgegeben hat und nach Amerika - der Neuen Welt - gekommen ist, um ein neues Leben zu beginnen. Dabei stolpert der naive und als weltfremd zu erachtende Charakter von einem "Fettnäpfchen" in das andere und versucht mehr als einmal, durch Anschluß an ihn nur nachteilig Gesinnte gerade einen Vorteil zu ziehen. Anfangs scheinbar noch ohne Probleme, überwirft er sich unbewußt wenige Wochen nach seiner Ankunft mit seinem Onkel, einem wohlhabenden US-Senator, der ihm daraufhin jeglichen Kontakt oder Hilfe verweigert. Verloren und verlassen im "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" und in der Unternehmung, von der Ostküste ohne große Ausgaben an die Westküste zu gelangen, schließt er sich zwei suspekten Landstreichern an, die ihm am Ziel ihrer Reise eine gute Arbeit und bis dahin alle nur erdenkliche Hilfe versprechen. Zwischenzeitlich von diesen getrennt und als Liftboy in einem Hotel arbeitend, verfällt Karl Roßmann diesen jedoch wieder, nachdem er infolge des Auftauchens eines der beiden Gesellen seine Anstellung im Hotel unter nicht gerade gerechten Umständen verliert und, dem Verdacht der Polizei ausgesetzt, nur Zuflucht bei den beiden suchen kann. Am Ende einer längeren Zeit mehr oder weniger einsichtiger und nachvollziehbarer Demütigungen schließt er sich schließlich den Verlockungen eines Werbeplakates folgend einem Zirkus an, wobei mehr als die Aussicht auf ein - für kafkaische Verhältnisse eher ungewöhnliches - positives Ende nicht im Roman geschildert wird.Der ein oder andere geschätzte Leser dieser meiner Meinung wird sich sicherlich daran stören, daß ich dem Inhalt des Buches, das in der mir vorliegenden Suhrkamp-Ausgabe von 1997 immerhin 313 Seiten umfaßt, lediglich zwei nicht gerade opulente Absätze gewidmet habe. Wer jedoch schon einmal seine Nase in einen Roman von Franz Kafka "gesteckt" hat, wird mir sicherlich zustimmen können, daß jeder Versuch, den Inhalt auf ohne Verzerrung oder Verfälschung zusammenfassend darzustellen, alles andere als leicht ist oder sogar als unmöglich angesehen werden muß. Im übrigen war es nicht mein Bestreben, eine Inhaltsangabe über ein von mir gelesenes Buch hier einzustellen, sondern vielmehr meine Meinung und Ansicht über eben dieses kurz vorzustellen. Und diese läßt sich noch weit kürzer wiedergeben als der Versuch über den Inhalt selbst: lesen, lesen, lesen! Nach meinem Empfinden sollte jeder, der sich über das Buch eine Meinung bilden oder die zahlreichen "Gerüchte", die ihm vielleicht vom Hörensagen begegnet sind, nachprüfen will, dieses sicherlich nicht sehr leicht geschriebene, Werk kaufen oder zumindest ausleihen und in einer ruhigen Stunde mit dem Lesen beginnen. Denn zum einen verträgt das Buch mit seiner Geschichte kein ständiges Auf- und Zuklappen, etwa beim Warten auf den nächsten Bus oder ähnlichen Angelegenheiten, zum anderen fesselt es auch nicht auf die Weise, wie es etwa ein Krimi oder anderer belletristischer Unterhaltungsroman tut: nach wenigen Seiten oder eben gar nicht! Der Roman entfaltet eine gewisse Tiefe und Spannung auf eine Weise, die ich nur schwer in Worte fassen kann, die aber nach meinem Empfinden Kafka als Meister seines Faches auszeichnet, da er, nichts weiter als skurrile Lebenssituationen beschreibend, die bei näherer Betrachtung zumindest fragmentarisch jedem begegnen können, doch weit mehr zum Nachdenken und Interpretieren anregt, als es viele andere Autoren verstehen. So klingt in dem gesamten Roman eine Art lautloses Flüstern, das auch nach den letzten Seiten nicht so richtig verklingen, sondern vielmehr als unbewußter Nachhall zwischen Alltag und Phantasie fortdauern wird, und bei dem man sicherlich auch nicht bei der zuerst gefaßten Interpretation über die Intention des Autors bleiben wird. Und vielleicht ist das auch genau der Punkt, an dem Schüler und Studenten entsprechender Fachrichtungen ihren Anstoß für die nicht selten vorfindbare Abneigung gegenüber Franz Kafkas Werken haben: das Nebulöse und trotz aller Alltäglichkeit und "Banalität" - wobei letzteres in keiner Weise abwertend oder negativierend gemeint ist - irgendwie Surrealistische, daß sich nie mit einem endgültigen Urteil belegen und schon gar nicht für jeden anderen nachvollziehbar fixieren läßt. Daher auch mein Rat an alle, für die Lesen weder ein notwendiges Übel noch eine stumpfe Waffe gegen Langeweile ist: das Buch einfach mal "Anlesen" und sich eine eigene Meinung darüber bilden. Denn wer gerne liest und dabei nicht immer nach dem Mörder suchen muß, wird sicherlich auf "seine Kosten kommen"!
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11.09.2002 08:18
Ich hab das Buch auch gelesen und war beeindruckt. Schöner Bericht, Steffen;-)
12.05.2002 02:13
Grandioser Artikel! Bin wirklich begeistert. Einzige Einschränkung: Da Franz Kafka am 3. Juni 1924 gestorben ist, dürfte es ihm etwas schwer gefallen sein, seine Trilogie "in den 30er und 40er Jahren" zu verfassen. Tut aber meiner Wertschätzung dieses Berichts keinen Abbruch.
14.10.2001 02:23
Ein Buch *erschreck* WAAAAAAAAAH........Bücher sind Symbole des Grauens für mich *gg* Ne so schlimm dann auch wieder nicht......super Ebricht! cya Koecki