Kinderbuchklassiker verständlich beurteilt
21.04.2012
Pro:
sehr informativ, ausgewogen, Index, Bibliografie, Chronologie
Kontra:
gibt's noch nicht auf Deutsch, erfordert beste Englischkenntnisse, Überblick endet 1992
Empfehlenswert:
Ja
 mima17
Über sich:
Ich wünsche allen meinen Lesern ein gesundes, erfolgreiches Jahr 2013! +++ Bitte keine Leserunden-An...
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Der britische Dozent führt den des Englischen mächtigen Studenten in das Thema der Kinder- und Jugendbuchliteratur ein, ein Gebiet, das vor 1744 nicht einmal existierte. Neben der Würdigung der wichtigsten Klassiker finden sich hier auch Ansätze zu einer kritischen Betrachtung der Wertungskriterien, die bislang an diese Literatur gestellt wurden. Auch das erweist sich als sehr aufschlussreich, denn in die Wertung fließen beileibe nicht nur ästhetische Maßstäbe ein - Kinder sollen immer auch erzogen und gebildet werden. Doch was ist schon 'politisch korrekt'? Korrigierte Verlagsinfo: "Children's literature is a remarkable area of writing and a growing area of study. Its characters - Pooh Bear, the Wizard of Oz, the Famous Five, Peter Rabbit - are part of most people's psyche and have strong links to basic myth and archetypes. They arouse strong feelings, as demonstrated by recent debates over political correctness. 'An Introduction to Children's Literature' combines a history of writing for children with an assessment of its literary, sociological, and pedagogical roles. Fundamentally a history of British children's literature, Hunt identifies fantasy, nostalgia, nature images, a sense of place of territory, testing and initiation, and warmth and security as all key characteristics of children's literature." Der Autor °°°°°°°°°°°°°Dr. Peter Hunt, geboren 1945, war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung (1994) Leitender Dozent an der School of English der Universität von Wales in Cardiff. Er hat Romane, Kinderbücher und kritische Werke veröffentlicht. Das Seminar, das er 1994 an der Uni Cardiff leitete, war das erste seiner Art im Vereinigten Königreich, er ist also ein akademischer Pionier. Inhalte =======1) Einleitung °°°°°°°°°°°°°°°°°° Kinderliteratur - dieser Begriff wurde lange Zeit für einen Widerspruch in sich selbst gehalten. Erstens gab es vor 1700 gar keine Wahrnehmung für "Kindheit" und Kinderbücher wurden erst ab 1744 veröffentlicht. Obendrein gelten Kinderbücher zunächst oft als Bücher für Erwachsene, so etwa "Robinson Crusoe" oder "Die Schatzinsel". Schließlich fanden es viele Akademiker - bis Peter Hunt kam - als unter ihrer Würde, überhaupt Kinderliteratur als als solche Wahrzunehmen, geschweige denn, sie überhaupt zu analysieren. So tief wurde sie im Kanon der Literatur angesiedelt. Es erscheint folgerichtig, dass der Autor dafür plädiert, Kinderliteratur als eigenes Genre zu definieren und aus dem Kanon auszugrenzen, sozusagen als Paraliteratur. Das ist nicht neu; auch Science Fiction und Fantasy, teils Kinder- und Jugendbuchbereich zu finden, gelten als Paraliteraturen und wurden so auch analysiert. Überhaupt tun sich Akademiker schwer mit der Populärkultur. Hunt ist viel großzügiger: Für ihn gehören auch Comics und der gesamte Multimediamarkt teils zur Kinder- und Jugendliteratur. Aufgrund des modernen Medienverbunds sind die Grenzen fließend. 2) History and HistoriesEs gibt mehrere englische Geschichtswerke über die Kinderliteratur, teils von 1932, teils von 1965. Alle unternehmen es, das Gebiet einzugrenzen, was naturgemäß schwierig ist. Man ist sich einig, dass es um Bücher FÜR Kinder und nicht nur um Bücher ÜBER Kinder, aber FÜR ERWACHSENE geht. Deshalb ist es unerlässlich für diese Historien, die Einflüsse der Erwachsenen gemäß ihren Intentionen zu untersuchen. Religionstraktate, Morallehren, Erziehungsratgeber und dergleichen spielen v.a. im 17. und 18. Jh. eine wichtige Rolle. Im 19. Jh. wurde etwa die Fantasy aus dem Mainstream vertrieben, weshalb man von "Realismus" spricht. Im 20. Jahrhundert kehrte sie wieder zurück, was sich in den Werken von Edith Nesbit, George Macdonald und JRR Tolkien niederschlug. Interessant zu untersuchen ist der Umstand, dass der Großteil aller Autoren weiblich war und ist, die Illustratoren aber fast alle männlich. 3) Early History of Children's Literature Die Frühgeschichte der Literatur, die für Kinder GEEIGNET war, begann mit dem Buchdruck, wurde aber als solche erst nach 1700 wahrgenommen, denn davor gab es keine Definition von "Kindheit". Kinder waren einfach nur kleine Erwachsene. Im Jahr 1744 gab es in Großbritannien die ersten beiden Veröffentlichungen für Kinder bzw. für deren Mütter, die sich um die Erziehung und die Unterhaltung der Kleinen zu kümmern hatten. Von Anfang an übernahm der Puritanismus das Zepter, wenn es um die Gestaltung der Inhalte ging. Da alle Kinder von Natur aus als böse galten, musste man sie durch verschiedene Maßnahmen zu gutem Benehmen und guter Geisteshaltung zwingen. Dabei spielte die Literatur eine untergeordnete, aber über die Bewegung der Sonntagsschulen wohlorganisierte Bildungsrolle. Eine Gesellschaft für religiöse Traktate wurde gegründet, die über hundert Jahre lang wirkte und Unmengen von Gedankengut druckte, verteilte und mitgestaltete. In den USA waren die Quaker nur ein klein wenig liberaler als die Puritaner, aber genauso rührig. Erst mit dem Zurückdrängen des kirchlichen Einflusses durch die Aufklärung gewann der Gedanke der Sozialkonformität durch Bildung, ja, sogar der der Unterhaltung die Oberhand. Wobei allerdings die Reformer der Romantik eine nur sehr geringe Rolle spielten. Bevor 1860 das erste Goldene Zeitalter der Kinderliteratur anbrach, fand man neben vielen von Frauen geschriebenen Romanen die ersten Schul- (d.h. Internats-) Romane, etliche Seefahrergeschichten von Kapitän Charles Marryat und die ersten Abenteuergeschichten für Jungs, die sie auf den Einsatz im Empire vorbereiten sollten. Bücher für Mädchen UND Jungs gab es praktisch keine, es sei denn man zählt Bücher für die ganz Kleinen dazu.4) Maturity (Reife), 1860-1920 Wichtige Werke wie Carrolls "Alice in Wonderland" (1864) und Kingsleys "The Water Babies" (1863) bezeichnen den beginn dieser Epoche. Aber statt nun ausgetretene Trampelpfade mit Interpretationen dieser bedeutenden und folgenreichen Werke zu beschreiten, begibt sich der Autor lieber in jene Regionen, die man im Filmgeschäft als C-Movies bezeichnen würde: die Penny Dreadfuls oder "Pulp Fiction". Die billigen Produktionen für einen halben oder ganzen Penny waren das, was die Arbeiterklasse und die untere Mittelschicht sich wirklich leisten konnten. Demgegenüber würde ein Buch wie "Alice in Wonderland" ein Drittel eines Arbeiterwochenlohns verschlingen - unverantwortlich in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit und Überbevölkerung in London. Die Alphabetisierungskampgane der britischen Regierung von 1870 führte zu einer Million mehr lesefähigen Kindern, und deren Lesehunger wollte gestillt werden. neue Druckmethoden ermöglichten hohe Auflagen zu niedrigen Kosten. Rund zwei Dutzend Jungen-Magazine und ein halbes Dutzend Mädchenmagazine entstanden - sie bestanden teils bis 1967. Illustratoren wurden gesucht, die ersten Comic-Strips entstanden. Sogar Kinderlyrik wurde produziert, wobei v. a. Robert L. Stevenson einflussreich war, was Stil, Sprache und Themen anbelangt, ein einfacher Stil, den viele Kinder verstehen konnten und der abseits von dämlichen Nursery Rhymes existierte. Erste Massenautoren feierten Erfolge, so etwa E.R. Burroughs (USA), H. Rider Haggard, G.A Henty und W.H.G. Kingston. Obwohl viele davon heute vergessen sind (außer Haggard und Burroughs), so produzierten sie doch in ihrer Zeit bis zu vier Romane pro Jahr. Das british Empire umspannte die Welt, folglich war dies für Jungs und Jünglinge ihr künftiger Spielplatz, wo sie kuriose (und amouröse) Abenteuer erleben konnten, suggerierten die Pulp-Fiction-Autoren. Ein weiteres Argument, das diese "Empire-Building-Romane" transportierten: Um das glorreiche Imperium aufrechtzuerhalten und das Christentum zu verbreiten (was manchmal identisch war), müssten die jungen Männer mindestens so tapfer wie ihre Ahnen sein, die es errichteten. Religiöse Magazine wie "Boy's Own Paper" (Auflage: 250.000 pro Woche) trugen diese Botschaft ebenfalls hinaus in die Welt. Das nächste Thema auf der B-Movie-Ebene sind Märchen, die ab ca. 1888/90 ein Revival erlebten. Der Grund dafür wird nicht genannt, aber es gab wohl einige neue Märchensammlungen, evtl. vor dem Hintergrund der nationalistischen Rückbesinnung auf frühere Werte wie etwa das Irish Revival (W.B. Yeats). "The Wizard of Oz" (1900) und "Uncle Remus" (USA) spielen eine wichtige Rolle, nicht nur, weil sie so erfolgreich waren, sondern weil "Brer Rabbit, als told by Uncle Remus" mittlerweile negativ bewertet wird: eine gewisse Herablassung gegenüber den Schwarzen bemängeln die Kritiker. Schlimmer sind nur noch die Geschichten um weitere "kleine, arme schwarze Kinder", die nach "Onkel Toms Hütte" geschrieben wurden. Den zahlreichen weiblichen Erfolgsautorinnen wie Lucy maud Montgomery ("Anne of Green Gables", 1906) folgen mit George Macdonald und Kingsley zwei Autoren, die beinahe schon wieder vergessen sind. Aber sie bereiteten den Boden für die erfolgreichsten Kinderbücher ihrer Epoche. Diese A-Klasse-Autoren wie Lewis Carroll, R.L. Stevenson, Rudyard Kipling, Frances H. Burnett und Edith Nesbit, würdigt der Autor in eingehenden Untersuchungen. Dabei kommen einige der Kultbücher, die längst Eingang in die englische Kultur (und somit Weltpopliteratur) gefunden haben, nicht besonders gut weg. So erweist sich Stevenson als Plagiator und Carrolls letzter Roman "Sylvie und Bruno" wird als Rückfall in den lispelnden Tonfall der Verniedlichung kritisiert. Erstaunlicher war es Edith Nesbit, die den modernen Ton der Kinder- und Jugendabenteuer erfand. Man sollte mehr über sie herausfinden.5) The Long Weekend (Verlängertes Wochenende), 1920-1939 Nach dem Ersten Weltkrieg, den nur die wenigsten Autoren thematisierten, war die Blütezeit der weiblichen Serienautorinnen (bis auf Enid Blyton inzwischen fast alle vergessen), der Serienfiguren (Nancy Drew) und der Comics (Superman etc.). Das klingt, als ob hier Nebensächliches passiert wäre. Das ist beileibe nicht der Fall, denn mit A.A. Milnes Büchern über "Winnie the Pooh" erschien 1926 ein absoluter Klassiker, der selbst heute noch hohe Verkaufszahlen erzielt - ebenso wie "The Hobbit" (1937) von JRR Tolkien, dessen erste (!) Verfilmung 2012/13 in die Kinos kommt. 6) Equal Terms: 1940 to the Present Während des 2. Weltkriegs fand kaum irgendwelche publizistische Arbeit im Kinderbuchbereich statt, weil das papier rationiert war. Nur die unermüdliche Enid Blyton fand Mittel und Wege, ihre Geschichten drucken zu lassen. Außerdem wurden Unmengen an Büchern durch die deutschen Luftangriffe zerstört: Allein Tolkiens Verleger Unwin verlor so über eine Million Titel in seinem Lagerhaus (nachzulesen im "Großen Hobbit-Buch", 2012 bei Klett-Cotta). Nach dem Krieg war Wiederaufbau angesagt, so dass die ersten Publikationen erst um 1950 begannen, aber dann mit aller Macht. Der komplette NARNIA-Zyklus erschien zwischen 1950 und 1956. Er bezeichnete einen kuriosen Schwenk der Themen zur Fantasy hin. Das hatte positive Folgen, wie man an den tollen Romanen von Alan Garner ("Elidor") und Richard Adams ("Watership Down"), sowie natürlich Tolkiens "Herr der Ringe" ablesen kann. Aber dieser Trend war britisch, und die Amerikaner veröffentlichten den "neuen Realismus", der schließlich auch seinen Weg nach England fand. Dort entwickelte er sich über Zwischenstufen zur Behandlung von "political correctness": Die Autoren griffen alle möglichen Ismen auf: Rassismus, Sexismus, Minorismus (die Diskriminierung von Minderheiten) usw. Aber was hatte das alles mit Kindern zu tun, fragt man sich? Offenbar war eine neue Kategorie vonnöten: Die Amis erfanden die "Yound Adult Novel" und exportierten die Kategorie weltweit. Sie ist die erfolgreichste Jugendbuchsparte überhaupt, wenn man an Bestseller wie "Tintenherz", "Harry Potter" und "Percy Jackson" denkt. Das Empire war ca. 1960 untergegangen (sein Unterhalt war zu teuer), doch der Commonwealth besteht fort. In Australien, Neuseeland und Kanada begann eine neue Generation hervorragender Autoren zu veröffentlichen, ebenso in Indien. Die letzten beiden genres, die der Autor betrachtet, sind Bilderbücher und Gedichte, beides lange und arg vernachlässigte Bereiche, die von der Kritik hartnäckig gemieden werden. Was sehr schade ist, denn immer mehr Bilderbuchklassiker werden als Animationsfilme realisiert, so etwa "Wo die wilden Kerle wohnen", das Maurice Sendak erstmals 1967 veröffentlichte. 7) Uses and Abuses, Themes and VariationsDer Autor sieht sich nach diesen Überblicken zu einigen Aufräumarbeiten veranlasst. Der erste Abschnitt befasst sich mit Zensur und "Social Engineering", also Indoktrination. Das Problem, mit dem sich Kinderliteratur seit Anbeginn auseinandersetzen müssen, ist nämlich der doppelte Anspruch, dass Kinderbücher sowohl kulturell bilden als auch zum Lesen erziehen sollen. Diese "Bildung" wird jeweils von der dominanten Klasse (weiß, Mittelklasse, patriarchalisch, hetero usw.) festgelegt. Die Leseerziehung hingegen ist im Zwiespalt zwischen dem "Realismus" der Geschichte und dem, was der Autor vermitteln wollte, egal ob "realistisch" oder "phantastisch". "Realismus" ist wie die Kindheit eine Erfindung des 18. Jahrhunderts. Folglich handelt es sich um eine sehr relative Kategorie, die nicht immer sonderlich hilfreich ist. Wie realistisch sind etwa "Pu der Bär" und "Der kleine Hobbit"? Dennoch zählen sie zu den erfolgreichsten Büchern des 20. Jahrhunderts. Das Thema Realismus wird am Beispiel des Bilderbuchs erörtert.Diese Probleme werden noch verschärft, wenn Lehrer sich mit ihnen befassen und Lösungen dafür finden müssen. Ich war selbst ein Jahr lang Lehrer an einer englischen Schule (die zum Glück gemischtgeschlechtlich war, was ja auch in D der Fall ist) und durfte keineswegs irgendwelche Tabuthemen wie etwa Sex oder Tod ansprechen, von Gewalt ganz zu schweigen. (Aber Musik und Bücher waren OK.) An der Schule stehen sich die Fronten wie in einem ideologischen Krieg gegenüber: Hier die auf Wertevermittlung (Bildung) bedachten Erziehungsfachleute, dort die Leute, die die Rechte von Kindern, Autoren und Büchern vertreten sehen wollen. Der vierte Abschnitt befasst sich mit dem Imageproblem, das Kinderbücher haben: Sie werden als Spiel und Unterhaltung abgetan, natürlich von Erwachsenen. Sie stellen keine Arbeit dar, sind also minderwertig. Und am minderwertigsten ist demzufolge jede Fantasy, weil sie "nicht realistisch" ist und nichts mit der Arbeitswelt zu tun hat. Dem Autor gelingt es, jede Menge überzeugende Gegenargumente aus der Literatur abzuführen. Am besten ist jedoch der letzte Abschnitt dieses Kapitels, in dem es um das Motiv von Reisen und Orten geht. Wie jeder junge Leser weiß und jeder Erwachsene wissen sollte, ist eine Reise ein Symbol für eine innere, seelische Weiterentwicklung. Missionen sind Prüfungen, um die nächste Stufe zu erreichen. Die Aneinanderreihung von Prüfungen ("Zweikämpfen") ist das zentrale Strukturprinzip der meisten Computerspiele. Zirkuläre Reisen finden sich in vielen Kinderbüchern, so etwa im "Hobbit or There and Back Again". Die Weiterentwicklung hat ein offenes Ende, so etwa "Der Herr der Ringe", was Frodo, Bilbo und die Elben anbelangt. Aber Reisen führen an Orte, und auch Orte sind Symbole für innere Verfassungen, ja, sogar die einer ganzen Nation. "Der Herr der Ringe" etwa führt den Leser vom Arkadien des Auenlandes (es mag vor dem 17. Jahrhundert wirklich existiert haben, denn viele der Namen existierten auf alten Karten tatsächlich) über Zwischenstationen sowohl in die Frühzeit Gondors zurück als auch vor ins 19. und 20. Jahrhundert, wenn es um die Industrie geht, die Saruman in Isengard und im Auenland einführt. Das Flussufer in "Der Wind in den Weiden" ist ebenso arkadisch wie das Land der Kaninchen in "Watership Down". Dennoch kommt es zum Sündenfall, zur Bedrohung und schließlich zur Befreiung bzw. Erlösung davon. 8) Conclusion: Stalking the Pefect Children's Book Wie sieht also nun das ideale Kinderbuch aus? Begeben wir uns auf die Pirsch. Der obige historische Überblick gibt ein paar Anhaltspunkte aufgrund regelmäßig auftretender Merkmale: 1) dominante nostalgische bzw. Natur-Bilder; 2) ein deutlicher Sinn für Orte bzw. ein Territorium; 3) Egozentrismus (das Kind und sein Platz als Nabel der Welt); 4) Prüfungen und Initiationsriten; 5) Beziehungen zwischen Außen- und Innenseitern; 6) gegenseitiger Respekt von Kindern und Erwachsenen füreinander; 7) (emotionale und/oder seelische) Abschlüsse und Problemlösungen; 8) emotionale Wärme & Geborgenheit - und Nahrung; 9) das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Phantasie (am wichtigsten). Bei der Untersuchung, ob einige dieser Merkmale oder Kombinationen davon selbst heute noch relevant sind, stößt der Autor auf etliche Paradoxa, die v.a. mit dem tabuisierten und tabuisierenden Denken bzw. Moralempfinden der Erwachsenen zu tun haben. (Beispiele würden zu weit führen.) Aber die Paradoxien machen es dem kindlichen Leser nicht gerade einfacher, an wirklich gute Bücher heranzukommen. Als Filter und Barrieren gelten Eltern, Lehrer, Bibliothekare und natürlich das Verlagswesen (Lektoren, Agenten), die Kritiker und die öffentliche Meinung (Moral). Aber es gibt Hoffnung: In einem Uni-Kurs durften die Studenten selbst über Wertungskriterien für Kinderbücher entscheiden. Auf diese Weise erlangten sie einen von der Literaturkritik unverstellten Blick auf die Primärliteratur, die sie schon liebten bzw. schon immer mal lesen wollten (aber nie durften). Das machte ihnen richtig Spaß. Die Botschaft: Wer Kindern keinen geistigen Scheuklappen verpasst, wird mit viel mehr Spaß belohnt als erwartet. ANHÄNGE 9) A Chronology of Children's LiteratureDie acht Seiten Chronologie umfassen fast exakt 600 Jahre, vom Jahre 1391, als Chaucer auftrat, bis zum Jahr 1992, als ein guter Roman des fleißigen und gelobten William Mayne veröffentlicht wurde. Bemerkenswert: Zwischen 1391 und 1791 erschienen gerade mal 16 Werke, in den restlichen 200 Jahren aber über 250 (eine grobe Schätzung) wichtige Titel, die es in diese Auswahliste geschafft haben. 10) Anmerkungen, Kurze Bibliografie, StichwortregisterDie Anmerkungen sind v.a. Quellenverweise, v.a. zu weiterführender Sekundärliteratur z.B. vom Autor), aber auch zur Primärliteratur. Eine kurze Bibliografie von zwei Seiten führt die wichtigsten relevanten Titel in englischer Sprache auf. Der Index hilft, Namen, Titel und Orte zu finden. Unterm Strich °°°°°°°°°°°°°Wegen des sehr hohen Sprachniveaus war es nicht immer einfach, dieses Buch im Original zu lesen. Aber da es sehr viele Bücher beurteilt, die ich seit Jugend und Kindheit als meine Lieblinge ansehen (etwa "Alice in Wonderland" oder Tolkien), gestaltete sich die Lektüre v.a. im historischen Überblick als recht interessant. Dabei wird nicht bloß die britische, sondern die gesamte angelsächsische Kinderliteratur einbezogen (GB, USA, Kanada, Australien, Neuseeland). Es half auch sehr, dass der Autor erstaunlich unvoreingenommen ist, was den Zugang zu und die Wertung von Kinderliteratur anbelangt. Am besten gefielen mir die Textstellen aus den Quellen. Nicht immer kommen selbst bedeutendste Klassiker wie etwa "Der Wind in den Weiden" gut weg, und auch das spricht für die objektive Haltung des Autors. Die Zielgruppe Die Zielgruppe sind allerdings nicht Privatleser, sondern Studenten der Literatur-, Kultur- und Bibliothekswissenschaften sowie der Pädagogik. Um diesen Interessierten Kriterien an die Handzu geben, was denn nun ein gutes Kinderbuch ausmacht, ist es erforderlich, dass man sich mit der Theorie der Literatur, der Kritik und deren Vertretern auskennt. Diese Einführung kann zwar nur diese Themen anschneiden, aber immerhin gelingt es dem Autor, einen kritischen Ansatz herauszuarbeiten, mit dessen Hilfe man das Thema Kinderliteratur anpacken kann, ohne als Ideologe verschrien zu werden. Die Theorie ist genauso wichtig wie der historische Überblick, studiert man dieses Gebiet. Die Bibliografie enthält deshalb nicht bloß Literaturgeschichten für das Genre, sondern Theoriewerke. Wer sich lieber mit der Primär- statt der Sekundärliteratur befasst, dem hilft sicher die Chronologie, einen ersten Überblick zu erarbeiten. Zu fast jedem der hier aufgeführten Werke hat der Autor etwas zu sagen. Der Index hilft, die entsprechende Würdigung zu finden. AusblickInhaltlich konnte ich zufrieden feststellen, dass sich der Kinderbuchmarkt zu einem der lukrativsten überhaupt entwickelt hat. Wenn J.K. Rowling 400 Millionen Exemplare ihrer Harry-Potter-Romane weltweit verkaufen kann, so steht eine riesige Produktions- und Vermarktungmaschinerie dahinter. Dieses System agiert in einem Medienverbund, der Verfilmungen, Game-Versionen, Graphic Novels und vieles mehr herstellt - eine Milliardenindustrie, die Erwachseneninhalte glatt an die Wand spielt. Dieses Szenario war allerdings 1992, als Hunts Überblick endet, noch kaum absehbar (obwohl er bereits erste Computerversionen anspricht). Deshalb konzentriert sich das Buch auf die gedruckten Werke, die auch heute noch vielfach die erste Produktionsform darstellen. Mindestens ebenso wichtig ist die Erarbeitung einer kritischen Theorie, um die Flut an Publikationen bewerten zu können. Wer dieses Buch aufmerksam durcharbeitet, erhält daher Werkzeuge an die Hand, um die Spreu vom Weizen trennen zu können. Das ist also auch für Literaturkritiker (wie mich) von Interesse. Der Preis Ich habe mein Exemplar, das vor Marker-Unterstreichungen wimmelt, für lau beim Second-hand-Bookshop erhalten. Im deutschen Handel kostet es 38,50 Euro - falls man es findet! Selbst Gebrauchtexemplare aus UK kosten mindestens 13 Pfund plus Porto. Diese barriere ist wirklich bedauernswert und sollte durch eine deutsche Ausgabe beseitigt werden. Fazit: vier von fünf Sternen. Michael Matzer © 2012ffInfo: Oxford University Press, 1994, Taschenbuch 241 Seiten; ISBN 0-19-289243-6
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29.06.2012 11:28
Nach langer Geduld deiner- und meinerseits darf ich nun endlich bewerten, sorry fürs Warten ,o)
16.05.2012 20:27
bh
07.05.2012 21:11
BH & LG Thomas