Analphabetismus - Tipps & Tricks

Analphabetismus - Tipps & Tricks

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Schreib dich nicht ab. Lern Lesen und Schreiben
Erfahrungsbericht von slobbo über Analphabetismus - Tipps & Tricks
19.02.2005


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Kompletter Erfahrungsbericht

1. Allgemein

Warum muss man eigentlich lesen und schreiben können? Diese Frage kann sehr unterschiedlich beantwortet werden, je nachdem aus welcher Perspektive diese Fragestellung betrachtet wird. Eine Welt ohne Schrift ist schwerlich denkbar. Das Alphabet gilt als „Grundpfeiler“ der menschlichen Zivilisation. Es transportiert Wissen, und erst mit dem Schreibwissen kann sich ein Individuum Zugang zu Informationen verschaffen.

2. Analphabetsimus

Aufgrund der Schulpflicht, die in Deutschland besteht, kann davon ausgegangen werden, dass der Großteil der Erwachsenen Lesen und Schreiben erlernt hat. Erstaunlich scheint es daher, dass von drei bis vier Millionen Menschen ausgegangen wird, die diese Fähigkeiten nicht oder nur in einem geringen Maße besitzen. Die Frage und die darauf folgende Antwort, was man unter dem Begriff „Analphabetismus“ versteht, wo die Bedeutung des Wortes scheinbar doch so klar zu sein scheint, ist umfassender als ich vermutete.
Zunächst einmal gibt es keine naturgegebene Zweiteilung der Gesellschaft in die Gruppe der ausreichend Alphabetisierten und die Gruppe der unzureichend Alphabetisierten. Die Grenze zwischen diesen beiden Gruppen wird bestimmt durch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen.

Die eigentliche Definition von Analphabetismus wird zunächst in zwei Kategorien unterteilt:

•primärer Analphabetismus
•funktionaler Analphabetismus

Als primäre, oder „totale“ Analphabeten werden Menschen bezeichnet denen das Erlernen der Schriftsprache dadurch verwehrt wird, dass ihnen aus verschiedenen Gründen ein Schulbesuch unmöglich ist oder war. Eine große Gruppe stellen hier zum einen körperlich beeinträchtigte Menschen dar, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Verfassung nicht in der Lage sind eine Schule zu besuchen, um dort Lese- und Schreibkenntnisse zu erwerben. Zum anderen weist Deutschland einen hohen Anteil an ausländischen Mitbürgern auf, denen es nicht möglich war in ihren Heimatländern eine Schule zu besuchen, bevor sie emigrierten. Daher ist es nicht schwer zu beantworten, warum diese Migranten in Deutschland als totale Analphabeten bezeichnet werden können.

Zu den „funktionalen“ Analphabeten zählt man jene Menschen, die trotz eines Schulbesuches nicht über ausreichende Lese- und Schreibkenntnisse verfügen. Der entscheidende Unterschied zum natürlichen bzw. primären Analphabetismus besteht vor allem darin, dass der funktionale Analphabet den größten Teil seiner Pflichtschuljahre absolviert und somit gewisse Fähigkeiten im Lesen und Schreiben erlangt hat. Diese bereits erworbenen Fähigkeiten verliert die betreffende Person aus unterschiedlichen Gründen wieder.
Ob jemand als funktionaler Analphabet gelten muss, hängt nicht allein von seinen individuellen Lese- und Schreibkenntnissen ab. Vielmehr muss berücksichtigt werden, welcher Grad an Schriftsprachbeherrschung in der betreffenden Gesellschaft erwartet wird. Denn nur so kann man beurteilen, ob diese Person mit ihren Kenntnissen in dieser Gesellschaft zurecht kommen kann.


Welche Kenntnisse und Fähigkeiten muss ein alphabetisierter Mensch aufweisen?
Wo ist die Grenze zwischen einem funktionalen Alphabetisierten und einen funktionalen Analphabeten zu ziehen?

Ist jemand ausreichend alphabetisiert, wenn er die Aufschrift „Durchgang verboten“ entziffern kann? Würde es in diesem Falle genügen Wörter entziffern zu können, um in diesem Sinne „alphabetisiert“ zu sein, und im häuslichen Umfeld, am Arbeitsplatz, im sozialen und politischen Alltagsleben angemessen mit schriftlichen Informationen umzugehen? Funktionale Analphabeten können gewissermaßen nicht schriftsprachig „funktionieren“. Sie entsprechen nicht den an sie gestellten Anforderungen, sei es im Alltagsleben, im Berufsleben oder in der Schule. Sie sind nicht in der Lage die Sprache aktiv für sich zu nutzen.


3. Mögliche Ursachen für den Anlaphabetsimus

Einer Lese-und Schreibschwäche können vielfältige Ursachen zugrunde liegen. Die Betroffenen berichten alle übereinstimmend von einem vielfältigen schwierigen Familienverhältnissen. Einige Beispiele für diese gespannten Verhältnisse sind zum Beispiel:

• Alkoholmissbrauch der Eltern
• Gewalterfahrungen
• Instabilität von Beziehungen
• negative Kommunikationserfahrungen
• Ablehnung
• Entmutigung der eigenen Person
• beengte Wohnverhältnisse
• Eineltern-Familien

Nicht nur bei Kindern in milieugeschädigten, sondern auch bei Kindern aus intakten Familien kommt es vor, dass der Lernprozess des Lesens und Schreibens ausbleibt.
Kann ein Kind gut mit Papier und Stift umgehen und kann es verschiedene Formen oder Figuren abmalen, ist dies im Schulalltag auf die deutsche Schrift zu übertragen. Können Kinder allerdings mit Bilderbüchern und zum Beispiel Märchen wenig anfangen, kann dies zu erheblichen Problemen im Lernprozess führen.

Meiner Meinung nach sollten beide Elternteile ihre wichtige und prägende Rolle sehr ernst nehmen. Es macht einen großen Unterschied, ob Eltern ihrem Kind eine Videokassette mit einem Märchen in das Abspielgerät schieben, oder diese Geschichte mit ihm zusammen lesen und auf die Emotionen des Kindes eingehen. Bei einem „interaktiven“ Märchen wird die Sprachfähigkeit des Kindes gefördert, was eine Eingliederung in das Schulsystem positiv beeinflusst.

Die Ursachen dürfen aber nicht nur im Elternhaus gesucht werden. Die Hauptursachen liegen in der Gesellschaft. Durch die zunehmende Bildsprache in den Medien ist das Lesen nicht mehr unbedingt notwendig und wird von vielen vernachlässigt.
An die Schule haben lese- und schreibunkundige Erwachsene durchweg negative Erinnerungen. Manche von ihnen sind regelrecht traumatisiert. Durch die einprägenden Schulerfahrungen manifestierte sich die negative Einschätzung der eigenen Person und der eigenen Fähigkeiten.

4. Stigmatisierung der Analphabeten

Fallen die massiven Lese-und Schreibschwächen erst in höheren Schulklassen auf ist es meist für eine ausreichende Förderung innerhalb des regulären Unterrichts zu spät. Wenn es ein Schüler in den ersten zwei Schuljahren nicht schafft Lesen und Schreiben zu lernen, besteht für ihn in den weiteren Schuljahren kaum eine Chance diese Fähigkeiten nachzuholen.

Nicht selten sind die Erfahrungen von funktionalen Analphabeten geprägt durch:
• Gleichgültigkeit
• Abwertung
• Vernachlässigung
• Strafen
• Einnahme einer „Außenseiterrolle“

Es stellt sich nun die Frage: “Wie meistert der Analphabet seinen Alltag und besteht für ihn heutzutage überhaupt noch die Möglichkeit auf dem Arbeitsmarkt vermittelt zu werden?“

Eine Tatsache ist, dass Analphabeten so genannte „Überlebensstrategien“ entwickelt haben, um ihren Alltag geschickt mit „Tricks“ bewältigen zu können. Damit wollen sie verhindern, dass ihre Mitmenschen auf ihr Defizit aufmerksam werden. Ihnen geht es hauptsächlich darum, nicht mit ihrem Problem konfrontiert zu werden und sich jeglicher Art von Diskriminierung zu entziehen. So verzichten Personen, die eine Schreib-und Leseschwäche haben, aus Angst entdeckt zu werden, auf zahlreiche Aktivitäten und Kontakte, wie beispielsweise Elternabende in der Schule, Arztbesuche, Wahllokale, Weiterbildungs-veranstaltungen, Restaurantbesuche usw.

Als Ausreden werden zum Beispiel folgende benutzt:

• “Ich habe meine Brille vergessen“
• “Ich kann die Schrift nicht entziffern“
• “Ich habe jetzt keine Zeit“
• “Mach ich später…“

Und so unglaublich es auch klingen mag werden auch schwerwiegende Handverletzungen mit bandagierten Händen vorgetäuscht.

Trotz der Vielzahl der Ausreden gibt es im Leben eines Analphabeten eine Vertrauensperson, die über sein Problem unterrichtet ist. Sei es die Ehefrau, der Ehemann, der Freund, die Freundin oder Verwandte. Es gibt viele Möglichkeiten diese Personen in Kenntnis zu setzten und sie somit in die „Rolle des Lesers und/oder Schreibers“ zu drängen.

Auch ohne die Schriftsprache haben funktionale Analphabeten mit der Zeit gelernt sich im Leben zu orientieren. Sie trainieren in ganz besonderer Weise ihre geistige Speicherfähigkeit. Diese hilft ihnen, unentdeckt die alltäglichen Dinge größtenteils selbständig zu bewältigen. Besonders ausgeprägt ist bei ihnen die Merkfähigkeit, die sich durch intensives Zuhören und Zusehen entwickelt und auf die stets angewiesen sind. Analphabeten lernen viel auswendig, sie trainieren ihr Gedächtnis täglich, um ihr Defizit zu kompensieren. Ihr gutes Erinnerungsvermögen lässt sie Symbole, Farben, und Formen wieder erkennen und hilft ihnen dabei, sich in unserer Umwelt zurechtzufinden.

5. Alphabetisierungskurse

Als sehr effektiv hat sich die Kombination von Bild-und Schriftsprache in Lektüren herauskristallisiert. Durch kurze Bildunterschriften werden die Neugier und die Motivation der Analphabeten gefördert. Durch stärkeres Papierformat wird dem Analphabeten
zusätzlich das Gefühl vermittelt, trotz eines kurzen Textes ein richtiges Buch gelesen zu haben.
Bei der Auswahl der Kurslektüre sind folgende Anforderungen zu erfüllen:

→ große Schrift und großer Zeilenabstand
→ kurze spannende Texte
→ einfache, übersichtlich gegliederte Texte mit vielen Zwischenüberschriften
→ einfache Sprache und einfache Erzählstruktur
→ jugend-und erwachsenengerechte Themen, die zum Lesen motivieren
→ nicht voll beschriebene Seiten
→ Zeile nicht länger als sieben bis neun Worte, aufgrund der Speicherfähigkeit des Kurzzeitgedächtnisse
→ die Zeilen müssen so umgebrochen werden, dass das Erkennen der Sinnstruktur und der Sprung in die nächste Zeile erleichtert wird

6. Sensibilisierung der Öffentlichkeit

Ein direkter Appell an die Zielgruppe gestaltet sich wegen der hohen Anonymität und zum anderen wegen der Untauglichkeit des Mediums Schrift als höchst schwierig. Daher ist auf die anderen Medien, wie Radio und Fernsehen, zurückzugreifen. Eine andere Variante sind Plakataktionen an öffentlichen Plätzen oder an Orten mit viel Publikumsverkehr, wie zum Beispiel in Nahverkehrsmitteln. Bei allen Arten der öffentlichen Publikationen ist es von großer Notwendigkeit eine Telefonnummer zu nennen, an die sich die Lerninteressierten oder deren Vertrauenspersonen wenden können.
Des weiteren wären die Fernsehspots des Bundesverband Alphabetisierung e.V. zu nennen. Im Rahmen der Kampagne „Schreib dich nicht ab. Lern lesen und Schreiben“ wurden insgesamt 4 Spots produziert. Die Öffentlichkeit muss durch die Medien kontinuierlich über das Themenfeld Analphabetismus informiert werden, um einerseits zu einer Aufhebung der Stigmatisierung beizutragen und andererseits die Betroffenen und ihre Vertrauenspersonen auf bestehende Hilfsangebote aufmerksam zu machen.
Auch Menschen mit Lese- und Schreibproblemen sollen in Deutschland dazu ermutigt werden ihre Interessen und Bedürfnisse selbstbewusst in der Öffentlichkeit und gegenüber bildungspolitisch Verantwortlichen zu vertreten. Doch dazu müssen verschiedene geeignete Maßnahme entwickelt und erprobt werden. Aus meiner Sicht ist die Zusammenarbeit der verschiedenen Instanzen bei der Alphabetisierungsarbeit am wichtigsten. In Deutschland ist die Kooperation der Volkshochschulen leider noch sehr gering. Es müssen Aufregungen zur Einrichtung von Alphabetisierungskursen gegeben und über notwendige Standards informiert werden. Diese motivierende Öffentlichkeitsarbeit ist von größter Bedeutsamkeit, da es nach wie vor kein flächenübergreifendes Angebot an Alphabetisierungs- und Grundbildungskursen in der Bundesrepublik Deutschland gibt.

   

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