Do you love me?
22.01.2011
Pro:
Dialoge, Darsteller, entflieht dem Einheitsbrei
Kontra:
langsame Inszenierung, schlechte DVD - Ausstattung
Empfehlenswert:
Ja
 Isolation
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:23
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 48 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Ich weiß gar nicht mehr, wann und wo ich "Anatomie einer Entführung" das erste mal gesehen habe. Ob es im Kino war, auf ausgeliehener DVD oder im Fernsehen. Wobei man wirklich feststellen muss: Der Film ist erschreckend unbekannt und das trotz großer Besetzung. Im Kino ist er gefloppt, auf DVD kam er schnell raus und im Fernsehen - ich kann mich jedenfalls nicht daran erinnern - habe ich ihn noch nicht gesehen. Ich glaube, dass ich mir den Film vor 4 bis 5 Jahren auf DVD ausgeliehen habe und danach war ich begeistert - auch die Menschen, mit denen ich den Film bisher gesehen habe, fanden ihn wirklich gut. Als ich dann vor ein paar Tagen zufällig im Internet wieder auf den Film gestoßen bin, beschloss ich ihn mir zu kaufen. Die 2 Euro, die ich in den Film investiert habe, haben sich in meinen Augen vollkommen gelohnt und ich bin froh, dass ich "The Clearing" nun auch endlich in meiner Sammlung habe.
"The Clearing" - Die Handlung Wayne Hayes (Robert Redford) ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Mit seiner Frau Eileen (Helen Mirren) führt er auf den ersten Blick eine glückliche Ehe. Doch es dauert nicht lange, bis man die Kälte zwischen ihnen spührt. Ihr Mann hatte einige Zeit eine Affäre mit einer anderen Frau und dieser Schlag sitzt bei Eileen immer noch tief. Als Wayne eines Tages zur Arbeit fahren will, wird er von einem - auf dem ersten Blick - unbekannten Mann (Willem Dafoe) in einen dichten Wald entführt. Wer er ist und was er überhaupt will, bleibt lange Zeit im Dunkeln. Während der Entführung, muss sich jede Person aus verschiedenen Blickwinkeln fragen, wie weit er geht. Wie viel riskiert Wayne um seine - immer noch - geliebte Frau Eileen wiederzusehen? Kann er den Entführer zur Vernunft bringen oder gar die Flucht wagen? Wie weit wird Waynes Frau gehen, damit sie ihren Mann wiedersehen kann?
"The Clearing" - Die Meinung zum Film
Ist zwar nicht gerade schön, aber ich beginne wohl gleich mit dem größten Kritikpunkt: Der Film ist spannungsarm. Er ist sogar so spannungsarm, dass ich mit Sicherheit sagen kann, dass wohl viele Zuschauer frühzeitig den Film ausschalten wollen. Und auch mich hat es stellenweise etwas geärgert. Obwohl ich mich nie gelangweilt gefühlt habe, hätten einige Momente und Szenen doch etwas mehr Pepp vertragen können. Doch solch ein Film ist mir immer noch lieber als diese Filme, die aller 2 Sekunden den Schauort wechseln und so rasant schnell sind, dass ich mit den Zuschauen gar nicht mehr hinterherkomme. Ich hasse solche Filme und es ist gleichzeitig - in meinen Augen - so traurig, dass viele Leute solche Film bewundern
Bilder von Anatomie einer Entführung (DVD)
und ihnen eben deutlich mehr Beachtung schenken als beispielsweise "Ananatomie einer Entführung". In der heutigen Zeit muss es in jedem Thriller mindestens einen brutalen Serienkiller geben, es müssen mindestens 10 Personen auf die blutigsten Weisen getötet werden und die Polizei muss natürlich auch einen Bösewicht in ihren Reihen haben, damit es gegen Ende noch einen richtig schönen Twist gibt. Ja, das sind die Ansprüche in der heutigen Zeit - jedenfalls für eine breite Zuschauerzahl. Das wundert man sich auch nicht, dass "The Clearing" im Kino und auf DVD nicht beachtet wurde und gleichzeitig in vielen "neutralen" Film-Kritiken mit negativen Eindrücken überschüttet wurde. Und an dieser Stelle wurde mir mal wieder gezeigt, wie man sich auf diese ganzen Reviews verlassen kann - nämlich gar nicht. Anstatt einen Film mal auf das "Innere" zu untersuchen, den Film zu hinterfragen, wird nur die äußere Hülle bewertet. Und diese ist - zugegeben - nicht besonders spektakulär und schnelle Schnitte gibts hier auch nicht."Anatomie einer Entführung" ist ein leiser und sehr langsamer Film. Er zeigt in ebenfalls leisen und langsamen Bildern eine Handlung, die nicht weit hergeholt scheint und - soweit man das behaupten kann - sich so abspielen könnte. Es ist kein klassischer Thriller, die Entführung ist nichts weiter als ein Mittel, um Dialoge und Szenen kräftiger erscheinen zu lassen. Niemals würde ich "Anatomie einer Entführung" als Thriller bezeichnen, auch wenn er in dieses Genre oft gerückt wird und man somit als Zuschauer mit den üblichen Thriller-Erwartungen in den Film geht. "The Clearing" ist vielmehr ein Drama oder ein Film über das Leben. Wie hart und ungerecht es sein kann und wie weit man - in den jeweiligen Lagen - bereit ist zu gehen, um das Leben besser zu machen bzw. den zu retten, den man liebt. Der Entführer im Film wird nicht als Monster dargestellt, als Bestie ohne Gefühle und Verantwortung. Er ist auch ein Mensch, hat Probleme und das Leben hat ihn - dies erfährt im Laufe der Handlung - oft mit Füßen getreten. Auch die beiden FBI-Beamten, die von der Familie gerufen wurden, entfliehen dem klassischen Schema. Sie zeigen viel Migefühl, verhalten sich höflich und sind frei von den üblichen "Ich-bin-ein-böser-Cop" Typen. Schon damit kann man beweisen, wie anders der Film ist - lobenswert.
Im ganzen Film gibt es immer wieder Zeitsprünge. Am Anfang waren diese etwas verwirrend, aber im Laufe des Films ergeben sie einen Sinn und man versteht die Abläufe. Nur so viel: Man verfolgt auf der einen Seite die Familie von Wayne (Ehefrau, die beiden Kinder und die FBI-Beamten) und auf der anderen Seite steht dann Wayne und dessen Entführer. Beide Geschichten - so viel kann ich verraten - spielen nicht identisch zur selben Zeit, aber dies wird dann im Laufe der Geschichte deutlich und erklärt. Das Prinzip funktioniert jedenfalls gut und die Zeitsprünge erweisen sich als abwechslungsreich. Es wäre - in meinen Augen - langweilig gewesen, wenn man nur der Familie oder eben Wayne während des Films zugeschaut hätte. Da bringen die beiden zeitlich versetzten Handlungsstränge doch deutlich mehr Abwechslung. Um noch einmal kurz auf die zwei verschiedenen Handlungen einzugehen: In der ersten Linie geht es um Eileen, ihre beiden Kinder und die Suche nach ihrem Mann/Vater. Während der Entführung ihres Mannes muss sie auch immer wieder die Affäre von ihm aufarbeiten. Helen Mirren spielt dabei ihre Rolle schlicht grandios. Nur selten kann das Schauspiel so überzeugen, wie bei dieser Person, in diesem Film. Die Kälte und doch gleichzeitig Wärme, die sie in den verschiedenen Situationen wiedergibt ist einfach ganz großes Kino und sie gehört - auch wenn die anderen Darsteller sehr gut sind - zu der überzeugensten Darstellerin im Film. Man sieht bei ihr, welche Kraft sie ausstrahlt und merkt doch immer wieder, wie kraftlos und hilflos sie eigentlich ist. Allgemein geht es hier auch darum, wie die verschiedenen Personen die Entführung verkraften und wie versucht wird, Kontakt zu den Entführern aufzunehmen. Wie gesagt: Nicht wirklich spannend, aber grandios gespielt und schon deswegen lohnt sich das Ansehen. In der zweiten Handlung geht's dann um Wayne und seinen Entführer. Man hat es hier mit keinen Duell zu tun, was sich auf der brutalen und blutigen Ebene befindet, sondern viel mehr auf der geistlichen und psychischen. Dabei liefern sich Robert Redford und Willem Dafoe immer wieder beachtliche Kämpfe - in Dialogen. Jeder versucht den anderen auszuspielen, zu verunsichern und auch gewisse Standpunkte zu erklären. Diese Dialoge sind wirklich klasse geschrieben und bieten viel Stoff zum Nachdenken. Dazu sorgt die stimmige Naturkulisse für eine tolle Atmosphäre - ebenso die eintretenden Wetterbedingungen. Beide Darsteller liefern dabei eine erstklassige Vorstellung ab, auch wenn sie nicht ganz an Helen Mirren anknüpfen können. Das ist aber nicht weiter schlimm. Doch ich möchte - wie bereits gesagt - nicht behaupten, dass der Film ohne Fehler sei. Um ein breiteres Publikum anzusprechen, hätte man einfach etwas mehr Action und ein paar schnellere Szenen einbauen müssen. So wirkt der Film eben durch die langsamen Einstellungen, langweiliger als er eigentlich ist. Ich würde dem Film aber niemals durch seine Dialoge als "langweilig" hinstellen. Es ist eher die Inszenierung, die den Film so negativ hinstellt.
"The Clearing" - Die DVD, das Bild, der Ton und das dazugehörige Bonusmaterial
Bild- und Tonqualität:
Die DVD ist aus dem Jahre 2004 und bietet dafür ein erstaunlich gutes Bild. Die Aufnahmen sind scharf und schön anzusehen. Da macht sich eben ein etwas langsamer Film besser als ein überdurchschnittlich schneller. Besonders gefallen haben mir die Naturaufnahmen im Wald und auch die kühlen Bilder im Haus der Hayes. Hier wird gut mit der Kälte und der Wärme in Bildern gespielt und man wird sehen, dass die aufgenommenen Bilder, mit ihren Farben, perfekt in die jeweiligen Situationen passen. Die Tonqualität ist auch als sehr gut zu bezeichnen. Die Aufnahmen wurden entsprechend deutsch vertont, sind gut verständlich und Nebengeräusche wurden auch in einem klaren Sound eingefangen. Der Soundtrack ruhig (wie der Film selbst), setzt nur selten zu schnellen Fahrten an und passt deshalb perfekt.
Das Bonusmaterial: Neben der recht einfallslosen Aufmachung, gibt's das dazugehörige recht einfallslose Bonusmaterial. Kann man das überhaupt Bonusmaterial nennen? Das einzigste, was man sich in der Hinsicht anschauen darf, sind gelöschte Szenen. Dazu darf man noch entscheiden, ob man das englische Audio-Kommentar von Pieter Jan Brugge, Justin Haythe und Kevin Tent anhören will. Es ist ja ganz interessant, wenn man wissen will, was alles so aus dem Film gestrichen wurde und man dazu noch paar Worte von dem Regisseur und Drehbuchautor hören darf, aber trotzdem ist das Bonusmaterial erbärmlich. Doch halt, es gibt noch was: den "Inside-Look"! Was'n das? Ja, keine Ahnung... in diesem tollen Inside-Look darf man sich nämlich ein 58 Sekunden langen Trailer zu den Film "Kinsey" ansehen und ... Ach nein, das war's ja schon. Ich habe keine Ahnung, was der Sinn dahinter ist. Das hätte man sich sparen können.
"The Clearing" - Allgemeine Daten zum Film Originaltitel: The Clearing Deutscher Titel: Anatomie einer Entführung Entstehungsland: USA, Deutschland Entstehungsjahr: 2004 Laufzeit: ca. 91 Minuten FSK: ab 12 Jahren
Regisseur: Pieter Jan Brugge Musik: Craig Armstrong Drehbuch: Pieter Jan Brugge, Justin Haythe Producer: Palmer West, Jonah Smith Kamera: Denis Lenoir Schnitt: Kevin Tent Wayne Hayes: Robert Redford Eileen Hayes:_Helen Mirren_ Arnold Mack (Entführer): Willem Dafoe Tim Hayes (Sohn): Alessandro Nivola Jill Hayes (Tochter): Melissa Sagemiller Agent Ray Fuller: Matt Craven
"The Clearing" - Mein Fazit zu dem Film In meinen Augen ist der Film zu unrecht untergegangen. Sicherlich ist die Inszenierung langsam und es fehlt an der Spannung, aber dafür ist der Film glaubwürdig und mit fantastischen Dialogen ausgestattet. Die Spannung entsteht bei "Anatomie einer Entführung" nicht durch schnelle Kamerafahrten, einen außer Kontrolle geratenen Serienkiller oder aus solchen Klischees, sondern aus tiefen und ehrlichen Gesprächen zwischen den betreffenden Personen. Die Darsteller vermitteln alle ihre Rollen glaubhaft und besonders Helen Mirren ist hier noch einmal hervorzuheben. Sie spielt diese gebrochene Ehefrau einfach nur perfekt und wenn man - so schreiben einige andere Kritiker von Zeitschriften - behauptet, dass sie zu kalt spielt und zu wenig Mimik bietet, dann - Entschuldigung - hat man den Film nicht verstanden. Tja, in der heutigen Zeit muss in jeden Film mindestens einmal die Welt untergehen, ein Superheld muss dies verhindern und zum Abschluss muss es dann einen spektakulären computeranimierten Endkampf zwischen Gut und Böse geben. Da hat man für solch einen Film, wie z.B. "The Clearing" nichts mehr übrig - traurig, aber wahr. Trotz der fehlenden Spannung und der mageren DVD-Ausstattung, hat er so ein Schicksal nicht verdient. Ein Pluspunkt gibt es von mir noch für das Ende. Ich vergesse im Laufe der Zeit viele Filme, aber das Ende von "Anatomie einer Entführung" ist mir immer im Kopf geblieben.
Info: Es ist kein Thriller, sondern ein tiefgreifendes Drama. Bitte seht ihn euch nicht mit diesen Erwartungen an! Zum Abschluss noch ein kleines Zitat, was gleichzeitig auch dafür spricht, wie emotional der Film ist und in welchem Genre er wirklich spielt:
Wayne Hayes: "Do you love me?" Eileen Hayes: "Yes." Wayne Hayes: "Then I have everything I need."
8/10 Punkten -> 4 Sterne
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Anatomie einer Entführung (DVD)
Wayne Hayes (Robert Redford) und seine Frau Eileen (Helen Mirren) scheinen alles ...
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Bisher produzierte Pieter Jan Brugge intelligente, ambitionierte und ...
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01.02.2011 13:55
Wenn dann schau ich mir den im TV an, wenn er dort ausgestrahlt wird. :L_)
24.01.2011 19:46
bh
23.01.2011 16:03
Toll. Informativ und ausführlich.