Anatomie eines Mordes
07.09.2004 (10.09.2004)
Pro:
Grandiose Wortduelle
Kontra:
Nothing, Nada, Zip
Empfehlenswert:
Ja
 WayfaringStranger
Über sich:
‚Ach Vater’, sagte Hänsel, ‚ich sehe nach meinem weißen Kätzchen, das sitzt oben auf dem Dach und wi...
Mitglied seit:01.09.2004
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Was mich als Filmfan wahnsinnig macht, ist die Tatsache, dass wunderbare Filme in der See des kollektiven Vergessens versinken, während viel schlechtere Machwerke Kultstatus erreichen. Im Jahre 1959 gewann ‚Anatomie eines Mordes’ sieben Academy Awards wurde aber von dem Sandalenmärchen ‚Ben Hur’ in den wichtigsten Kategorien ausgestochen. Das Charlton Heston den Oscar für die beste männliche Hauptrolle gewann und nicht James Stewart war damals und ist heute noch eine Ungerechtigkeit. Knapp 50 Jahre später hat jeder mal ‚Ben Hur’ gesehen (zu Weihnachten im Fernsehen) während ‚Anatomie eines Mordes’ nur Wenigen ein Begriff ist. Dabei hat es der Streifen mehr als verdient Einzug in die Klassikerlisten zu halten. Für mich ist es das Gerichtsdrama überhaupt, noch vor ‚Zeugin der Anklage’ und ‚Die 12 Geschworenen’. Ausschlaggebend für diese Einschätzung sind die hervorragend inszenierten und geschriebenen Schlagabtausche zwischen Verteidigung und Anklage im Gerichtssaal. Dabei glänzt James Stewart in der Rolle des leicht exzentrischen, jazzverliebten, angelnden und eben nur fast gutmütigen Sonderlings und Strafverteidigers (der als solcher eben auch vor dem einem oder anderem linken Tricks nicht zurückschreckt). Stewart, so sagt man, spielt sich immer nur selbst und ist irgendwie Gegenstück zu rebellischen Method-Actors vom Schlage Marlon Brandos’. Dennoch, obwohl man ihn eben deshalb selten zu den ganz Großen der Zunft rechnet, löst er mit seinen schlaksigen Gesten und Durchschnittstyp-Art schnell Kinogefühle und Identifikation aus. Die Rolle in ‚Anatomie’ ist seine Beste. Stewart ist Paul Biegler, der seinen Job als Staatsanwalt verloren hat und sich jetzt als Verteidiger durchschlägt. Er übernimmt, zunächst recht wiederwillig die Verteidigung eines Army Lieutenant Frederick Manion (gut: Ben Gazzara als leicht schmieriger aber blitzgescheiter Angeklagter). Dieser steht wegen des Mordes an einem Barbesitzer vor Gericht, der offensichtlich Manions Frau (Lee Remick, ebenfalls grandios als lasziv clevere Femme fatal) vergewaltigt hatte. Der Plot läuft schnurstracks aus die Gerichtsduelle zu in denen sich Biegler und die Staatsanwälte (George C. Scott und Brooks West) wie Florettkämpfer mit Worten bestreiten. Der Zuschauer bleibt auf der Hut, fühlt sich fast selbst in die Rolle eines Geschworenen versetzt und wird sich über die gesamten 160 Minuten schwer tun sich eine Meinung zu bilden. Gott sei Dank bleiben die fabrizierten und irgendwie überhaupt nicht cleveren Wendungen moderner Kriminal- und Gerichtsfilme hier völlig aus, auch ein Grund, warum man das Gefühl hat am Geschehen beteiligt zu sein – ein ‚so was gibt’s nur im Film’-Gefühl bleibt aus. Gerichtsszenen werden von den Nachforschungen Bieglers unterbrochen, sowie von skandalösen Flirtattacken Laura Manions.
Das Geschehen wird zusätzlich von einem nervösen, herrlichen Jazz-Soundtrack (Duke Ellington, auch in einer kleinen Nebenrolle) vorangetrieben, der immer sinnvoll über die Filmlänge verteilt bleibt. Wall to Wall Sound gab es damals (zum Glück) noch nicht. Der Film lebt in erster Linie also von den schauspielerischen Leistungen und dem ausgezeichneten Drehbuch (Wendell Mayes nach einer Romanvorlage von John Voelker) letztlich aber auch von der unaufdringlichen Regie des großen Otto Preminger (Porgy and Bess, Fluss ohne Wiederkehr) die schauspielerischer Präsenz durchweg mehr Raum gibt als effektheischerischem Bombast.
Der wichtigste Qualitätsmaßstab, den ich für meine persönlichen Filmvorlieben anlege, ist der Zahn der Zeit. Es gibt Streifen, die mich noch während und kurz nach dem ansehen total begeistern und nach wenigen Tagen denk ich mein Leben lang nicht mehr an das Gesehene zurück. Andere – und das sind eben die, die mir ans Herz wachsen – regen immer wieder ihr scheues Haupt und linsen über die Oberfläche meines Unbewussten. An manche denke ich jahrelang nicht und dann sind sie plötzlich wieder da, mit Gefühlen, die so frisch sind wie beim ersten Ansehen. Wer das hinbekommt (und sei es Schauspieler oder Regisseur) ist für mich nicht nur ein großer Künstler, sondern auch ein Meister seines Fachs. ‚Anatomie’ schafft es ohne reißerisches Beiwerk ein wichtiger Film zu sein. Das erreichen in diesem Genre nur ganz wenige. Die DVD bietet zusätzlich Trailer sowie Filmografien der Schauspieler und Premingers – nichts besonderes also. Bild- und Tonqualität sind jedoch gut.
Anatomie eines Mordes (Anatomy of a Murder) Produktion: 1959, USA Laufzeit: 160 Minuten Farbe: Schwarz-weiss Bildformat: 16:9, 1.85:1 Soundmix: Mono FSK: ab 16
Darsteller: James Stewart, Lee Remick Regie: Otto Preminger DVD Sprachen: Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch DVD Untertitel: Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Polnisch, Tschechisch, Ungarisch, Türkisch, Arabisch, Dänisch, Schwedisch, Finnisch, Niederländisch, Norwegisch, Isländisch, Portugiesisch, Griechisch, Hebräisch, Spanisch
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17.09.2004 21:58
Ich schwanke zwischen Bh und SH. Schauen wir mal, wie mein 24-Stunden-Konto aussieht!
17.09.2004 14:28
Deine Meinung zur DVD im speziellen kommt etwas kurz. LG, Angelika
11.09.2004 11:21
Ich glaube, den habe ich vor circa 100 Jahren mal gesehen, als ich vermutlich noch viel zu jung dafür war. Ich erinnere mich nicht richtig daran, aber bei Deiner Besprechung sprangen in meinem Gehirn ein paar Alarmlämpchen an. Da war doch was? Muß mal sehen, ob die Videothek meines Vertrauens den im Programm hat. lg