Judsein - eine erschreckende Geschichte

5  22.06.2002 (11.06.2004)

Pro:
was kann daran gut sein, ausser das es zum Nachdenken zwingt? Aber wenn es das schafft, dann ist es sehr gut .

Kontra:
Leider viel zu realistisch

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Wie ergreifend ist die Story?

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princesse

Über sich: man möge von leserundenangeboten absehen, derart verblödet bin ich zum guten glück noch nicht.

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Liebe Caroline

Nun habe ich mich doch noch durch Max Frisch's Andorra gekämpft, eine besonders unterhaltsame Lektüre war es nicht, zumindestens nicht für mich. Ich mag im Grunde keine Stücke, und Andorra ist eines, eines in 12 Bildern, aber das weisst du ja bereits.

Max Frisch zeichnet uns ein Bild von einer Gesellschaft in einer fiktiven Zeit an einem fiktivem Ort, der Andorra heisst, jedoch nichts gemein hat mit dem geografischen Andorra oder dessen Bewohnern. Statt Andorra hätte er es zum Beispiel auch "Schweiz" nennen können, sein Heimatland. Und möglicherweise dachte er auch an die Schweiz als er dieses Stück schrieb, zumindestens finden sich im Stück einige Ausdrücke wieder die man ausserhalb der Schweiz in dieser Bedeutung nicht kennt. Du willst ein Beispiel? Bitte, ich meine zum Beispiel "Krämpfe" einer sagt im Stück "ich mache keine Krämpfe" Krämpfe heisst in diesem Zusammenhang " krumme Tour" "linke Dinger", ich erinnere mich nicht diesen Ausdruck mit dieser speziellen Bedeutung je ausserhalb der Schweiz gelesen oder gehört zu haben. Und da gibt es noch einen oder zwei. Das kann aber natürlich genauso gut daran liegen dass Frisch eben Schweizer ist und sich dieser lokal geläufigen Ausdrücke bedient.

Lass uns aber zu dem Stück selber kommen. Es ist im Grunde schnell nacherzählt, die Protagonisten sind weisse Andorraner, denen gegenüber stehen feindlich gesinnte "Schwarze" welche beide für sich leben.
Nur einer erwies sich, wenn auch ungewollt und ungefragt, als Grenzgänger, Andrie, der Pflegesohn des Lehrers, der als Judenkind vor den "Schwarzen" gerettet und durch den ach so selbstlosen Lehrer und dessen Frau aufgezogen wurde.

Andrie wurde schnell klar, dass er anders ist, zumindestens wurde seine Umgebung nicht müde, ihm zu erklären dass er anders sei und das ein Jud sich so und so verhalte und Andrie sich selbstverständlich auch so und so verhalte. Und wenn er denn diese so und so Eigenschaften noch nicht hatte so nahm er sie denn an oder glaubte sie bei sich wiederzufinden.

Andrie ist frustriert, weil er nicht die Tischlerlehre machen kann und weil ihn alle für anders halten und man ihm erklärt dass er als Jud wohl eher und besser mit Geld umgehen könne. Sein einziger Sonnenschein ist Barblin, die Tochter seines Pflegevaters, doch als der Vater davon erfährt versucht er die Beziehung zu unterbinden. Und bald werden wir auch wissen weshalb, eine Senora kommt in den Ort und quartiert sich im Gasthof ein, sie ist eine Schwarze, und wir erfahren dass sie die leibliche Mutter ist von Andrie und dieser gar kein Jud ist und der Lehrer der richtige Vater ist und somit Barblin sein Halbschwester und das war auch der Grund weshalb der Vater gegen die Beziehung war. Auch Andrie erfährt davon und bald das ganze Dorf nur keiner will die Wahrheit hören denn mittlerweile wurde die Senora ermordet und die Schwarzen hielten eine "Judenschau" ab und ermittelten Andrie als den Juden und Täter obwohl er sich ganz woanders aufgehalten hatte und dies auch einige bezeugten.
Und obwohl der Lehrer mittlerweile Andrie als seinen eigenen Sohn ausgibt und Barblin ihn als ihren Bruder interessiert es keinen mehr, man braucht einen Schuldigen und einen Juden.
Max Frisch zeichnet hier ein erschreckendes Bild, und treffend wird es in einer Art Vorwort oder Kommentar in diesem Buch beschrieben:

" [...] Die Kernzelle von Andorra findet sich in Max Frisch's Tagebuch als Eintragung des Jahres 1946. Andorra ist der Name für ein Modell: Es zeigt den Prozess einer Bewusstseinsveränderung, abgehandelt an der Figur des jungen Andrie, den die Umwelt so lange zum Anderssein zwingt, bis er es als Schiksal annimmt. Dieses Schicksal heisst in Max Frisch's Stück "Judsein". [...] Frisch hat das Drama eines unheilbaren Vorurteil geschrieben. Er hat sich .... dabei auf die Frage nach dem WIE beschränkt. Nicht WARUM die Andorraner antisemitisch reagieren. Das Drama fragt sich nicht in die Menschen hinein, sondern es stellt fest. [...] Joachim Kaiser, Süddeutsche Zeitung. "

Dieses, was ich da zitiere, liebe Caroline, steht ganz am Anfang, noch vor dem eigentlichen Stück, eigentlich dort, wo sonst die Informationen stehen zu Erscheinungsdatum, Verlag und so weiter. Es sagt uns einiges, nicht wahr? Zumindestens können wir jetzt tatsächlich davon ausgehen dass Andorra hier ein völlig fiktiver Ort ist. Wobei Parallelen nicht zu übersehen sind. Nur Parallelen zu was? Nicht zu Andorra, nein, sondern Parallelen zu fast überall hin, und selbst wenn es in dem geografischen Andorra auch Antisemitismus gäbe würde das in Zusammenhang mit diesem Stück keine besondere Bedeutung haben, da bin ich mir sicher.

Dieses Bild, welches Max Frisch uns da entworfen hat, ist mitten aus dem Leben gegriffen, damals als es entstand so wie heute auch. Wenn du einem Menschen lange genug sagst dass er anders sei ist er eines Tages wahrscheinlich davon überzeugt und verhält sich dementsprechend, seine Umgebung sieht sich bestätigt und dann ist er so und so.

S64 " Pater - Kein Mensch, Andrie, kann aus seiner Haut heraus, kein Jud und kein Christ. Niemand. Gott will, dass wir sind, wie er uns geschaffen hat. Verstehst du mich? [...]"

S65 " Pater (kniet) Du sollst dir kein Bildnis machen von Gott, deinem Herrn und nicht von den Menschen, die seine Geschöpfe sind. [....] Auch ich habe mir ein Bildnis gemacht von ihm, auch ich habe ihn gefesselt, auch ich habe ihn an den Pfahl gebracht. "

Andorra ist vor unserer Haustür und wenn wir nicht aufpassen dann erklären auch wir jemandem in aller Freundschaft, dass er halt anders sei und man sich damit abfinden müsse und dass es ja nicht grundsätzlich etwas Schlimmes sein muss anders zu sein, andererseits verhalten sich die die anders sind nun mal so und so, und wenn wir nicht acht geben dann erzählen wir dies auch einem von dem wir annehmen dass er so und so zu sein hat aufgrund seiner vermeintlichen Andersartigkeit. Seien wir doch mal ehrlich, wir haben die Klischees im Kopf wie sich ein Franzose, ein Afrikaner, ein Amerikaner, ein Jude, ein Moslem, wie sich ein Italiener, ein Deutscher und wer auch immer verhält, was für besondere Eigenschaften jeder dieser Vertreter von Gruppen hat oder haben sollte und es beginnt damit dass wir sagen, die .... verhalten sich so und so. Punkt. Das hast du schon erlebt genauso wie ich auch.

Natürlich finde ich es gut, dass sich Schüler mit diesem Stoff auseinander setzen müssen, und wenns erwachsene Schüler auf dem zweiten Bildungsweg (so sagen die dem, was du gerade machst, hier) aufgebrummt bekommen ist das auch nicht das schlechteste, es steckt viel drin und wenn sie einen guten Lehrer haben dann bleibt auch etwas hängen, wenigstens bei dem einen oder anderen. Nur , unterhaltsam ist es nicht. Allerdings, und das halte ich dem Stück und dem Autor zugute, es ist sehr lebendig geschrieben, ich konnte die Bühnenbilder einigermassen klar sehen, ich sah die Protagonisten, wenigstens einige, andere blieben eher verschwommen und ich konnte sie - während ich las - reden hören. Ich wurde als Leser zum Zuschauer, und sollte es einmal aufgeführt werden und ich habe dann gerade Zeit könnte ich mir durchaus vorstellen es anzusehen.

Nun, Caroline, ob dir dies nun geholfen hat, weiss ich nicht, ich hoffs aber, wenigstens ein bisschen.

(Nun denn, dann mach ich mich mal ans nächste unserer drei Bücher).

erschienen bei Suhrkamp
ISBN 3-518-36777-3, ? 5,50, Taschenbuch, 127 Seiten

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
silbertanne3

silbertanne3

21.08.2007 20:05

Klasse Bericht und Meinung über die negative Rolle, in die Juden oft gedrängt wurden. Ich hatte mich mal mit dem Thema beschäftigt, das Ergebnis war, das alles (wirklich alles) an Anschuldigungen (angefangen mit angeblichen Fememorden in London) erfunden war, das ging bis zu dem Protokollen der Weisen von Zion, die so plump gefälscht wurden, daß man kaum glauben kann, darauf reinzufallen. Oder der angebliche Konflikt in Deutschland um 1920 / 30 hat niemals real existiert, er war eine reine Erfindung (für die Projizierung der eigenen Fehler). Und heute ist es schon eine Schande, daß viele Europäer diesen Riesen-Schuttberg der Vergangenheit (den heute kaum ein Israeli noch nachtragend erwähnt, ich wurde in 6 Monaten Kibbutzaufenthalt kein einziges Mal auf sowas angesprochen) nicht sehen wollen und so tun als hätte es das alles nie gegeben ... und den unehrenhaften - die sind viel schlimmer - wie unzutreffenden Vergleich machen, das dies alles "Peanuts" gewesen waren im Vergleich zur heutigen Politik Israels (die natürlich nicht ok ist). . D.h. der isral. Regierung, wobei wiederum alle Einwohner Israels und der Restwelt in einen Topf geworfen werden ... Andorra ist gut beschrieben, mir hat das Buch noch zu sehr Schul-Pflicht-Erinnerungen, daher kaufte ich es mir nie ... LG

Doofmatz

Doofmatz

18.07.2004 19:25

Ich hab dieses Buch letzte Woche gelesen und danach einige Rezensionen durchgestöbert, die mich allesamt enttäuscht hatten, deshalb hab ich wohl knapp vor Deiner aufgehört. Ich freu mich, daß ich sie jetzt doch noch gesehen hab.

peregrinus

peregrinus

13.06.2004 23:07

Ich mag das Buch seiner Pointe wegen nicht: Der "Jude" ist gar kein wirklicher, er wird "zu Unrecht" verfolgt. Der unbedarfte Leser mag draus lesen: Wäre er einer, ginge das Verfolgen schon in Ordnung. :-/ - Max Frisch ist da über jeden Verdacht erhaben, aber beim Publikum bin ich mir nicht so sicher - wenn Du mal viel Zeit hast, such mal zum Thema Georg Kreisler, "Sodom und Andorra" und "Das Tabu" ein wenig herum. Ist ganz aufschlußreich. :-/

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