André Franquin, Comic-Künstler
29.07.2006
Pro:
Großartiger Comic - Zeichner und Autor; sehr einflussreich; enscheidend für die Weiterentwicklung der europäischen Comics .
Kontra:
nichts
Empfehlenswert:
Ja
 KaiRabe
Über sich:
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In Kürze: Es ist inzwischen rund 30 Jahre her, dass ich dem Werk André Franquins zuerst begegnet bin. Diese Begegnung bestand darin, dass ich in den "Fix und Foxi"-Heften meiner Jugend einige Epioden von André Franquins "Gaston" (dort als "Jojo" bezeichnet) gelesen habe. Die überragende Zeichenkunst des Belgiers war selbst in diesem billig gedruckten Heft nicht zu übersehen, und dass obwohl einige Strips nur in Schwarz-Weiß abgedruckt waren. Leider endete die Veröffentlichung von Franquin-Comics sowie anderer "importierter" Ware in den Jahren 1977 / 1978. So endteckte ich den Künstler erst in den achtziger Jahren wieder, als bei Carlsen "Gaston" und "Spirou und Fantasio" als schöne Alben veröffentlicht wurden. Bald folgte auch die erste deutsche Albumausgabe der wundervollen "Schwarzen Gedanken" (Volksverlag), und dann gab es auch noch die Gesamtausgabe von "Mausi und Paul" (Comicplus). André Franquin hat viele andere Zeichner beeinflusst, nicht nur solche die wie Tome und Janry seine mehr oder weniger direkte Nachfolge antraten. Noch wichtiger scheint mir aber die Entwicklung, die sein Werk exemplarisch wiederspiegelt: anfangs gehorchte Franquin wie alle anderen Künstler seiner Zeit den Geboten, die für wohlanständige Comics für Kinder zu gelten hatten; es mussten "saubere" Abenteuer um vorbildliche Figuren sein, die dem jugendlchen Leser neben Spannung und Abenteuer auch stets eine gewisse moralische Orientierung zu geben hatten. Dies galt lange für "Spirou und Fantasio". Dann aber änderte Franquin den Kurs und schuf den Antihelden Gaston - auch dieser ist ein Vorbild, aber nur wenn es darum geht, seinen Pflichten aus dem Weg zu gehen und nur seinem Privatvergnügen nachzugehen. Noch weiter ging Franquin später mit seinen "Schwarzen Gedanken": in diesen schwarzhumorigen Strips verarbeitete er die eigene Befindlichkeit und manche Probleme des modernen Daseins auf eine Art, wie sie nur für den aufgeschlossenen, erwachsenen Leser zugänglich ist. Einige biographische Daten:3.Januar 1924: André Franquin wird in Brüssel geboren 1929: das erste erhaltene "Werk" von André Franquin; er zeichnete mit Kreide einen Hund und eine Blumenvase auf eine Tafel - der Vater lässt das Bild für die Nachwelt fotografieren1943: Franquin kommt in die Kunstakademie Saint-Luc 1944. die Akademie schließt wegen des Krieges; Franquin geht zum Zeichentrickstudio CBA1945 / 1946. Ende der Zeichentricklaufbahn und Beginn der Mitarbeit an der Zeitschrift "Spirou" beim Verlag Dupuis; Franquin übernimmt die Titelserie "Spirou" 1948 / 1949: Studienreise in die USA, Kollege Morris ("Lucky Luke") ist mit dabei und profitiert wohl am meisten davon1950: erstes langes "Spirou"-Abenteuer: "Der Zauberer von Rummelsdorf" 1952: das Marsupilami taucht erstmals in "Spirou" auf1955: nach einem Streit mit Dupuis geht Franquin zur Konkurrenz Lombard und entwickelt die Serie "Modeste et Pompon" für "Tintin" (er zeichnet die Serie bis 1959) 1957: Franquin, der längst auch wieder bei Dupuis tätig ist, erfindet den Antihelden "Gaston"1961: Ende des Jahres erkrankt André Franquin und kann die Arbeit an der "Spirou"-Episode "QRN ruft Bretzelburg" erst 1963 fortsetzen 1969: Franquin übergibt die Arbeit an "Spirou und Fantasio" an Jean-Claude Fournier1974: Franquin erhält beim ersten Comic-Festival in Angoulême den Hauptpreis für sein Gesamtwerk 1977: die ersten "Schwarzen Gedanken" erscheinen, erst in einer "Spirou"-Beilage, ab Jahresende in der Zeitschrift "Fluide Glacial"Ab Mitte der achtziger Jahre ist Franquin
Bilder von André Franquin
wegen Krankheit nur noch sporadisch tätig.5.Januar 1997: André Franquins Leben endet. SPIROU UND FANTASIO André Franquin gestaltete die Serie von 1946 bis Ende der sechziger Jahre. Hauptfigur ist der ehemalige Hotelpage Spirou; die Uniform seines Berufsstandes trug er noch lange. Ansonsten ist er ein abenteuerlustiger Held ohne besondere Eigenschaften oder so etwas wie ein eigenes Leben. Ähnliches gilt für seinen Freund und Begleiter Fantasio, der immerhin als Journalist eine gelegentlich bedeutende berufliche Tätigkeit ausübt. Tierischer Begleiter der beiden ist anfangs nur das Eichhörnchen Pips. Wesentlich aufregender ist das berühmte Tier, das ursprünglich aus dem Urwald Palumbiens stammt und zum ständigen Begleiter der Helden wird: das Marsupilami. Mit seinem langen, multifunktionellen Schwanz kann das Marsupilami sich so manches Gegners erwähren und sorgt immer wieder für witzige Situationen. In "Das Nest im Urwald" erhält der geneigte Leser wertvolle Einblicke in das Leben der in Palumbien wildlebenden Marsupilamis. Im Laufe der Episoden sammeln sich zunehmend Freunde und Feinde der Hauptfiguren an. Zum wichtigsten menschlichen Freund wird der Graf von Rummelsdorf, dessen "geniale" Erfindungen auf Pilzbasis immer wieder für Aufregung und Spaß sorgen. Unter anderem brütet er lange vor "Jurassic Park" ein Dinosaurierei aus, natürlich mithilfe modernster Technik. Wiederkehrende Gegner der Helden sind vor allem Fantasios krimineller Vetter Zantafio und der Zyklotrop, ein verkrachter Wissenschaftler, der einst beim Graf in die Lehre ging. Weibliche Figuren spielten in den Stories (noch) keine Rolle - so bleiben hauptsächlich die Gastauftritte der nervigen Journalistin Steffanie in Erinnerung; ihr ist die Dokumentation über das Leben der wilden Marsupilamis zu danken. Die Orte der Handlung wechselten desöfteren und sollten ähnlich wie bei "Tim und Struppi" dem jugendlichen Leser auch Einblicke in ferne Gegenden gewähren. Absolut heimatlich wirkt das urige Rummelsdorf, wo ja der gleichnamige Graf ein guterhaltenes Schloss besitzt. Exotisch wirken dagegen der palumbische Urwald und das "Tal der Buddhas", wohin es die Helden in einem Abenteuer verschlägt. Eine Art Lehrstunde über Deutschlandklischees bietet "QRN ruft Bretzelburg", das in seiner bedenkenlosen Mischung von Bayern- und DDR-Klischeees befremdlich wirken kann. Die Krankheit, die Franquin während der Arbeit an der Story Ende 1961 befiel, führte sicherlich mit zum Ende seiner Arbeit an der Serie. Sein allerletzter Beitrag zur Serie "Schnuller und Zyklostrahlen" beweist seine Abkehr von einigen Zwängen der Tradition (fast verzichtet er sogar auf ein Happy End für die Helden) und leitet neue Wege ein, die er allerdings im Rahmen dieser Serie nicht weiterführen konnte. MAUSI UND PAUL Die Serie, die im Original "Modeste et Pompon" hieß, gestaltete Franquin von 1955 bis 1959. Sie wurde von anderen Zeichnern weitergeführt. Im Mittelpunkt stehen diesmal ein Mann und eine Frau, deren genaue Beziehung zueinander allerdings nie beim Namen genannt wird. Da Franquin schnell eine neue Serie entwickeln musste (und sich gleichzeitig die Arbeit erleichtern wollte), schuf er diese Serie, die aus "one page gags" besteht und somit kurze, witzige Stories zu bieten hat. Für Spaß sorgen auch der aufdringliche Vertreter Felix, der einige ungewöhnliche Artikel anzubieten hat sowie auch Pauls kleine Neffen. Außerdem gibt es zwei nervtötende Nachbarn. Einige Episoden der Reihe wurden von bedeutenden Autoren gestaltet; insbesondere sind Greg und René Goscinny zu nennen. Mit letztgenanntem hat Franquin leider nur bei "Mausi und Paul" zusammengearbeitet. Ein wunderschöner Hardcover-Band mit allen Episoden der Serie erschien 1993 beim Comicplus-Verlag. Abschlie0end bleibt noch zu erwähnen, dass Franquin hier den Stil gefunden hatte, der dann konsequent weitergeführt hat: ausgefeilte "one page gags", die er mit "Gaston" und den "Schwarzen Gedanken" zur Vollendung gebracht hat.GASTON André Franquin gestaltete die Serie von 1957 bis Anfang der achtziger Jahre regelmäßig. Danach schuf er noch sporadisch weitere Folgen; einige blieben bei seinem Tod unvollendet. Gaston, der auf Französisch noch den sprechenden Nachnamen "Lagaffe" hat, ist ein echter Antiheld. Schon sein allererstes Erscheinen in "Spirou" sagt deutlich, wo die Reise hingeht: er ist eines Tages auf einem Einzelbild im Heft zu sehen und scheint keine rechte Funktion zu haben. In einem kurzen frühen Comic gibt er denn auch an, nicht zu wissen, was er eigentlich da soll. Gaston erhält eine Stelle im Verlag, er wird so etwas wie ein Mädchen für alles. Diese "Arbeit" bleibt aber graue Theorie: in Wahrheit lebt Gaston nur für seine Hobbys, darunter seine Tiere und überrascht seine Umwelt immer wieder mit ausgefallenen Kochrezepten und merkwürdigen Erfindungen. Legendär sein Gastophon, dessen liebliche Klänge den Putz von den Wänden des Büros fallen lassen. Während die meisten Leute im Verlag Gaston eher gleichgültig bis ablehnend gegenüberstehen, gibt es eine Person, die sich nach ihm verzehrt: es handelt sich um Fräulein Trudel, deren naives Begehren nicht zu übersehen ist, andererseits aber im Rahmen der Serie auch zu nichts führen kann. Einen waschechten Feind zieht sich Gaston im Laufe der Zeit auch heran: Herrn Bruchmüller. Dieser werte Geschäftsmann taucht regelmäßig im Verlag auf, um irgendwelche megawichtigen Verträge zu unterzeichnen. Dies scheitert aber stets an Gaston selbst, einer seiner Erfindungen oder einem seiner Haustiere. Über mehrere Jahre entsteht ein faszinierender "running gag". Neben all dem Spaß gibt es bei "Gaston" auch Episoden, die einen depressiv wirkenden Gaston ins Bild setzen; noch deutlicher trifft das aber auf Gastons Freund Berti zu: bei seinen gelegentlichen Auftritten soll er stets aufgeheitert werden, so mit einem Soufflé, das bald in sich zusammenfällt... Carlsen hat im Laufe der Zeit mehrere Serien mit "Gaston"-Alben auf den Markt gebracht, die aber beim Verlag inzwischen vergriffen sind. Immerhin gibt es einen Band mit älterern "Gaston"-Strips in der FAZ-Bibliothek der Comic-Klassiker. SCHWARZE GEDANKEN Die Serie entstand zwischen 1977 und 1983. Mit dieser Reihe schwarzhumoriger Strips konnte der Zeichner sein Werk krönen. Ohne die Zwänge bei der Arbeit an Comics für Kinder und Jugendliche lebte André Franquin seine Ängste und Leidenschaften voll aus und schuf eine im Grunde fast schon private Serie, die diverse Probleme aufgreift und in sehr bösen Episoden behandelt. Wiederkehrendes Thema ist unter anderem Franquins konsequente Ablehnung des Tötens; zum einen macht er sich über Jäger lustig und lässt deren Attacken auf Tiere gerne nach hinten losgehen, zum anderen gibt er satirische Kommentare zur Bedrohung des menschlichen Lebens, sei es durch die Todesstrafe oder, noch schlimmer, durch die Gefahren des atomaren Wettrüstens. Franquin zeigt Probleme auf, bietet aber keine Lösungen an; im Grunde herrscht ein Grundton der Verzweiflung, wie er an einem Strip besonders merklich ist: ein Mann wird dazu verurteilt, sein weiteres Leben in einem Labyrinth zu verbringen. Er freut sich darüber, da er davon ausgeht, bald den Ausweg aus dem Irrgarten zu finden. Im großen Schlussbild sehen wir, wie aussichtslos dieses Unterfangen ist: er befindet sich auf einem Planeten, dessen ganze Oberfläche von dem Labyrinth eingenommen wird - es gibt also keinen Ausweg. Es gibt noch eine direkte Fortsetzung dieses Strips - ungewöhnlich in einer Serie ohne festgelegte Hauptfiguren. Die Strafe des Mannes wird verschärft und er erhält eine Raubkatze zur "Gesellschaft"... Auch für das Ende der menschlichen Zivilisation findet der Künstler brillant gezeichnete Bilder. Zwei hochintelligente Fliegen unterhalten sich über den angeblichen Fortschritt ihrer Zivilisation; die eine ist der Meinung, man solle bloß nicht die Fehler der Menschen wiederholen. Die andere wiegelt ab, und zwar mit Hinweis auf die schönen Städte, die die Menschen den Fliegen hinterlassen haben - tatsächlich wohnen die Fliegen in "Häusern", die aus menschlichen Schädeln und Knochen bestehen. Das alles präsentiert der Künstler in einer Graphik, die in vielen Fällen eine Art Umdrehung des Schwarz-Weiß-Comics ist. Die Figuren werden oft ganz in Schwarz modelliert und wirken so wie weiß auf schwarz gezeichnet. Dieser aufwändige Stil passt hervorragend zu den hier gebotenen Inhalten.Meinung: Ich lese viele Comics von André Franquin immer wieder gerne. Er hat ein Werk hinterlassen, das in mehrfacher Weise maßgebend war. Zunächst einmal gelang es ihm, den "one page gag" so zu etablieren, dass weitere Zeichner daran anknüpfen konnten und bis heute erfolgreich damit arbeiten. Dazu zählen sein direkter Schüler Jean Roba (1930 bis 2006), dessen schöne Serie "Boule & Bill" heute von Laurent Verron erfolgreich fortgesetzt wird. Auch die erfolgreichste Serie der letzten Jahre in Frankreich, "Titeuf" von Zep, ist dem Stil des "one page gags" verpflichet. Abgesehen von diesem formalen Punkt gelang Franquin auch die Etablierung eines echten Antihelden, und dass in einer Comic-Welt, die ganz dem pädagogisch-vorbildlichen Aspekt ihrer Helden verpflichtet war. Da dies so war, wirkten viele traditionelle Comics und ihre Protagonisten irgendwann lächerlich und waren nur noch Anlass zur Parodie. Franquin gab nicht umsonst die Serie "Spirou und Fantasio" auf und widmete sich seinem Antihelden "Gaston" und später auch den "Schwarzen Gedanken". Ale einer der wenigen Zeichner seiner Generation entwickelte sich Franquin weiter, ähnlich wie es sicher auch vielen Lesern ergangen ist: weg vom abenteuerlustigen, vorbildlichen Helden, der nicht mehr zeitgemäß erschien, hin zum Antihelden, dessen Verweigerungshaltung allerdings auch ihren Vorbildcharakter hat...Nicht nur bei den abschließenden "Schwarzen Gedanken", auch schon in seinen frühreren Arbeiten, war Franquin ein überragender Zeichner, der sich nicht mit dem Erreichten zufriedengab, sondern sich auch in diesem Punkt gerne weiterentwickelt hat. Franquin erreichte eine großartige Plastizität seiner Schöpfungen, seien es menschliche Charaktere oder seine berühmten Tiere, allen voran das von ihm ersonnene Marsupilami. Einfallsreich war Franquin natürlich nicht nur da, sondern auch bei den zahlreichen Erfindungen in allen seinen Serien. Dieser Erfindungsreichtum findet sich natürlich auch in den "Schwarzen Gedanken" - hier dem Stil der Serie angepasst z.B. in Jagdgewehren, die den Jäger töten, das Wild aber unbeschadet lassen. Ausgaben: "Spirou und Fantasio" und die "Schwarzen Gedanken" siehe unter carlsencomics.de. "Gaston" und "Mausi und Paul" sind früher bei Carlsen bzw. Comicplus erschienen, dort aber nicht mehr lieferbar. Fazit: Ich kann jedem nur empfehlen, sich die Comics des Künstlers vorzunehmen. Im Grunde ist die Graphik so ausgefeilt, dass jede verbale Beschreibung völlig unzreichend ist und nichts von der Brillanz des Zeichners erkennen lässt. Vor allem dank seiner inhaltlichen wie stilistischen Weiterentwicklung hat Franquin ein überragendes Werk hinterlassen. Bleibt vielleicht noch zu erwähnen, dass Franquins Namenszug unter vielen Comics einen weiteren kleinen Gag enthält; Franquin verbindet seinen Namen mit einer kleinen Zeichnung, die in der Regel in enger Beziehung zum Inhalt der Seite hat.
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08.08.2006 00:35
Gaston liebe ich, Franquin deswegen auch...Muss mir mal Schwarze Gedanken angucken.
04.08.2006 16:09
ich liebe die gaston-geschichten, unter anderem vor allem die mit dem polizisten ("ist das ein riesenlutscher oder ein stop-schild?" einfach herrlich... lg, esther
04.08.2006 11:44
Danke, dass Du an diesen großartigen Künstler erinnerst. Ich habe alles von Franquin (Gaston in der Carlsson Erstauflage) Grüße manwah