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Alternativtitel: Angel of Vengeance
Produktionsland & -jahr: USA 1981
Regie: Abel Ferrara
Darsteller: Zoe Tamerlis, Steve Singer, Jack Thibeau, Albert Sinkys, Adida Sherman, Jimmy Laine, Peter Yellen, Darlene Stuto
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Erfahrungsbericht von CiscoGianino über Angel of Vengeance (1981) 13.08.2004
Produktbewertung des Autors:
Humor
kein Humor
Spannung
ziemlich spannend
Anspruch
anspruchsvoll
Action:
geht so
Romantik:
null
Pro:
Zoe Tamerlis, großartige Neubetrachtung eines eigentlich längst abgegriffenen und häufig falsch angegangenen Themas
Kontra:
teilweise etwas sperrig inszeniert
Empfehlenswert?
ja
Kompletter Erfahrungsbericht
Die stumme Thana (Zoe Tamerlis) arbeitet als Näherin in einer New Yorker Bekleidungsfirma. Als sie eines Tages auf dem Weg nach Hause ist, wird sie von einem Maskierten (Regisseur Abel Ferrara in einem Cameo-Auftritt) in eine Seitenstraße gezogen und auf einer Mülltonne vergewaltigt. Nach dem Ereigniss schleppt sie sich in ihre Wohnung, in die gerade eingebrochen wird. In einem Handgemenge gelingt es Thana, den bewaffneten Täter (Peter Yellen) mit einem Bügeleisen zu erschlagen. Da sie nicht weiß wohin mit dem Toten, zerstückelt sie die Leiche und bewahrt die Teile im Kühlschrank auf. Sie beseitigt die Körperteile, indem sie diese überall in der Stadt in Mülleimern deponiert. Als sie von einem jungen Mann bei der Leichenentsorgung gestört wird, der glaubt, sie habe ihre Tasche verloren, schießt sie ihn im Affekt mit der 45er Magnum des Einbrechers nieder. Von jetzt an beginnt ihre Wandlung zum eiskalten Racheengel: Vorher wurde die graue Maus kaum von jemandem wahrgenommen, doch nun beginnt sie sich zu schminken, ihre Haare ordentlich zu frisieren und immer aufreizendere Klamotten zu tragen. Episodenhaft erzählt der Film von nun an wie Thana langsam ihre Wirkung auf Männer kennen lernt und diese immer skrupelloser umbringt. Ihr Treiben erreicht den Höhepunkt als sie auf der Halloween-Party ihrer Firma Amok läuft. Zur gleichen Zeit findet ihre neugierige Nachbarin (Adida Sherman) den abgetrennten Kopf des Einbrechers in Thanas Wohnung und ruft die Polizei...
Abel Ferraras „Die Frau mit der 45er Magnum“ wird häufig mit Meir Zarchis „I spit on your Grave“ oder Lamont Johnsons „Lipstick“ in die Schublade der Rape-and Revenge-Movies gesteckt, doch ist dieser Vergleich im Grunde ziemlich unpassend: Thana wird im Gegensatz zu den Protagonistinnen der anderen Filme nicht als sexuell aktiv dargestellt, sondern lebt regelrecht isoliert, was von ihrer Stummheit zusätzlich unterstrichen wird. Außerdem befindet sie sich in einem permanenten Zustand der Angst. Hier kommt der nächste Unterschied zu den gängigen Rape-and-Revenge-Filmen auf: Ferrara drängt den Betrachter in seinem Film immer wieder in die Opferposition, was bereits am Anfang äußerst eindrucksvoll inszeniert ist: Als Thana und ihre Kolleginnen nach der Arbeit gemeinsam nach Hause gehen, werden sie pausenlos von irgendwelchen Männern angemacht oder belästigt; die komplette Szene ist mit wackliger Handkamera aus der Perspektive der Frauen aufgenommen.
Thana bereitet ihr mörderisches Treiben auch nie ein gewisses erotisches Vergnügen, wie z.B. Camille Keaton in „I spit on your Grave“; sie erlebt sich vom eigenen Körper entfremdet. Diesen Selbstekel projiziert sie nach außen, indem sie die Leichenteile überall in der Stadt verteilt. Woher dieser Selbstekel kommt ist schwer zu ergründen: Der Film gibt nur in einer einzigen Szene einen kurzen Hinweis: Bevor Thana die Leiche des Einbrechers zerstückelt, betrachtet sie sich im Spiegel und der Zuschauer wird Zeuge eines unheimlich kurzen Flashbacks, der recht schwer zu deuten ist, da er sich fast ausschließlich aus Geräuschen und nicht aus Bildern zusammensetzt. Es wird ein kleines Mädchen porträtiert, das entweder Zeuge einer sexuellen Handlung oder Opfer von Kindesmissbrach wird. Leider geht Regisseur Ferrara nicht weiter darauf ein und belässt es bei der bloßen Anspielung.
Ferrara scheut auch nicht vor Klischees zurück, so taucht z.B. eine lateinamerikanische Streetgang oder ein schwarzer Zuhälter auf, aber anders als in Michael Winners „Ein Mann sieht rot“ scheinen diese Minderheiten hier zufällig gewählt zu sein, was typisch für Thanas Rachefeldzug ist, der sich schon bald verselbstständigt: Anfangs darauf bedacht die Welt von widerlichen Macho-Arschlöchern zu befreien, trachtet sie bald der gesamten Männerwelt nach dem Leben. In einer Sequenz versucht sie einen Asiaten zu töten, der mit seiner Freundin vorher alles andere als grob umgesprungen ist. Mit ihrem Ausrottungswahn steigern sich auch ihre nonverbalen, sexuellen Signale, die sie an ihre Umwelt aussendet: Nachdem sie anfangs nur leicht geschminkt auf die Jagd geht, trägt sie bald einen Lippenstift auf, der so grell ist, dass er schon fast grotesk erscheint; selbst ihre Nachbarin ist erbost über ihre "Kriegsbemalung", wie sie es nennt. Auch wenn das Wort "Kriegsbemalung" von der deutschen Synchronisation wahrscheinlich eher zufällig gewählt wurde, so passt es doch ausgezeichnet, denn Thana zieht tatsächlich in ihren eigenen Krieg, auch wenn dieser mit dem sexualisierten Geschlechterkampf üblicher Rape-and-Revenge-Szenarien recht wenig zu tun hat. Ferrara stilisiert seine Todesikone sogar zu einer Art Heiligen: Kurz vor dem finalen Massaker auf der Halloween-Party kostümiert sich Thana als Nonne, die jede einzelne ihrer Patronen weiht, indem sie diese küsst. Diese Szene inszeniert der Regisseur als eine der wenigen sinnlich anmutenden im ganzen Film überhaupt: Das Set ist mit warmen Farben ausgeleuchtet und von einer geradezu meditativen Stillen umgeben. Nicht ganz unbeabsichtigt ist sicherlich auch Thanas Name gewählt, der an das griechische Wort „Thanatos“ (die Bezeichnung für den Tod) erinnert. Das großartige Ende zeigt, wie sehr sich Thana in ihrem Wahn verrannt hat: Sie glaubt anscheinend, ihren Geschlechtsgenossinnen mit ihrem Amoklauf einen Gefallen zu tun, aber als diese zum Schluss angsterfüllt zu ihren männlichen Begleitern eilen, zeigt Ferrara wie falsch ihre Annahme doch war. Zu guter Letzt beendet eine von Thanas Arbeitskolleginnen deren Gewaltexzess und sticht sie mit einem Messer nieder. „Schwester?“ fragt Thana völlig fassungslos und verwirrt mit weit aufgerissenen Augen. Ihr erstes Wort soll auch ihr letztes sein, denn kurz darauf haucht sie ihr Leben aus und Ferrara zeigt, dass ihre Rache an der Bestie Mann sie nur weiter von ihren Freundinnen entfremdet hat. Insgesamt kann man den Film mit seiner Attitüde schon fast als Anti-Rape-and-Revenge-Movie sehen.
Hervorheben muss man auf jeden Fall die hervorragende darstellerische Leistung von Zoe Tamerlis, auf die sich der Film vollkommen konzentriert. Sie meistert ihre extrem schwierige, weil stumme Rolle wirklich brillant. Ihr Kommunikationsverhältnis zu den Figuren im Film ist nahezu identisch mit dem zum Zuschauer: Sie kann mit niemandem direkt sprechen, sondern sich nur über Taten, Gesten und Blicke ausdrücken. Leider sperrt sich Ferrara mit aller Macht gegen gängige Erzählstrukturen und versucht eigene Ansätze zu entwickeln, was nicht immer ganz gelingt. So wirkt der Film teilweise recht sperrig und nicht ganz rund, aber insgesamt liefert Ferrara hier einen der besten Filme seiner Karriere.
Originaltitel: Ms. 45 Alternativtitel: Angel of Vengeance Produktionsland & -jahr: USA 1981 Regie: Abel Ferrara Darsteller: Zoe Tamerlis, Steve Singer, Jack Thibeau, Albert Sinkys, Adida Sherman, Jimmy Laine, Peter Yellen, Darlene Stuto