Erfahrungsbericht über

Anna Karenina / Leo N. Tolstoi

Gesamtbewertung (17): Gesamtbewertung Anna Karenina / Leo N. Tolstoi

 

Alle Anna Karenina / Leo N. Tolstoi Testberichte

 Eigenen Erfahrungsbericht schreiben


 


Meine Zeit mit Anna Karenina...

5  12.11.2009

Pro:
Vielseitigkeit, Charaktere, Sprache .  .  .

Kontra:
nichts

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

mehr


Christin78

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:639

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 112 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Ich möchte heute den Versuch starten und euch ein bißchen über das Buch „Anna Karenina“ von Tolstoi erzählen.


Lesemotivation

Es gibt Bücher die lassen mich nicht eher Ruhe bis ich sie gelesen habe und zu diesen Büchern gehörte auch „Anna Karenina“. Schon vor Jahren kaufte ich dieses Buch, stellte es ins Regal und von dort rief es mir immer mal wieder zu: „Ich möchte gelesen werden!“. Ich versuchte diese Rufe zu ignorieren, da mir sehr lange die Motivation fehlte mich durch 1200 Seiten zu arbeiten und nebenbei und ohne rechte Motivation wollte ich es nicht lesen. Vor einiger Zeit nahm ich es, wie schon sehr oft, aus dem Regal, blätterte aber nicht wie sonst in dem Buch umher, sondern begann es von vorne zu lesen und ehe ich recht begreifen konnte, was ich tat, war ich schon auf Seite 50 angelangt und beschloß es weiter zu lesen, was ich dann auch tat.


Der Autor

Leo Nikolajewitsch Tolstoi wurde am 09.09.1828 geboren und starb 20.11.1910. Er war einer der rätselhaftesten Gestalten der russischen Literatur, Edelmann, reicher Grundbesitzer, strotzend von Lebenskraft, ein Genie das die Grenzen von Nation und Zeit überragte, weltberühmt, bricht plötzlich mit der Gesellschaftsschicht der er angehört und bekennt sich schuldig seine Mitmenschen ausgebeutet zu haben. Er bezeichnete die westliche Kultur als leer, die Kirche als heuchlerisch und wird aus der Gemeinschaft der Gläubigen ausgeschlossen. Er selber hatte 12 Kinder, forderte aber die Enthaltsamkeit auch in der Ehe.
Ich möchte es bei den wenigen Daten über Tolstoi belassen und mich seinem Roman „Anna Karenina“ widmen.


Von Liebe, Leidenschaft, Kunst, Bildung und noch so viel mehr...

Ich stehe jetzt vor der Aufgabe den Inhalt dieses 1204 Seiten umfangreichen Werkes zusammenzufassen und das ohne zu viel vorweg zu nehmen. Ich bezweifle, dass mir dieses Unterfangen gelingen wird, werde mich aber dennoch bemühen den Inhalt so kurz wie möglich vorzustellen.

Der Titel dieses Buches lautet „Anna Karenina“; es liegt nahe das angenommen wird, eben jene Frau Karenina sei die Protagonistin dieses Werkes. Die Vermutung ist richtig, nur ist sie nicht DIE Protagonistin, sondern nur eine, neben einer Vielzahl von anderen Mitwirkenden, die ich euch etwas vorstellen möchte. Eigentlich ist es nicht meine Art in einer Rezension zu intensiv auf die mitwirkenden Personen einzugehen, zumindest nicht, wenn es darum geht den Inhalt zusammenzufassen, aber bei diesem Buch finde ich keinen anderen Weg zu der Handlung als über die Personen.

Ich hoffe es wird nicht zu verwirrend werden:
Anna Karenina die Ehefrau von Alexej Alexandrowitsch, die Mutter von Serjosha und spätere Geliebte von Wronskij, einem jungen Offizier, der es versteht seine männlichen Freiheiten auszuschöpfen. Eine Liebe zu Zeiten des zaristischen Rußlands, die nicht sein darf und doch so groß ist, das Anna Ehebruch begeht um mit ihrem Geliebten leben zu können. Eine Liebe, eine Beziehung die mit so viel Hoffnung beginnt und ein trauriges Ende zu nehmen droht.

Dolly Oblonskaja, die Frau von Stepan Arkadjitsch Oblonskij, Mutter von, ich glaube 5 Kindern, die Kinder spielen eine nebensächliche Rolle, so dass ich mich auf die genaue Anzahl nicht konzentriert habe. Stepan ist der Bruder Annas und der Roman beginnt mit ihm und seiner Frau, die sich von ihm trennen möchte, da er zu viele Verhältnisse zu anderen Frauen hat. Anna wird gerufen um die Ehekrise der Oblonskijs zu beenden.

Kitty ist Dollys Schwester und die jüngste Tochter ihrer Eltern. Bevor Wronskij sich in Anna verliebt, macht er Kitty den Hof, die ganz verzaubert von ihm ist und seinetwegen den Heiratsantrag von Lewin ablehnt und später sehr krank wird, als sie bemerkt das Wronskij für sie in weite Ferne gerückt ist und es doch besser gewesen wäre Lewins Heiratsantrag anzunehmen.

Lewin lebt auf dem Lande und ist Gutsbesitzer und er ist meiner Ansicht nach mit die interessanteste Person in diesem Buch. Ein verworrener Geist, der auf der Suche nach dem Sinn seines Daseins ist und nach der bestmöglichen Gestaltung seiner Landwirtschaft. Ein Mann der, wie es mir scheint, sehr viel Ähnlichkeit mit dem Autor hat und dem der Leser im Laufe der 1200 Seiten mit am häufigsten begegnet.

Dann wären da noch die Brüder Lewins, die aber für mich nebensächlich waren, die Eltern von Dolly und Kitty, irgendwelche Grafen, Fürsten, Prinzessinnen die namentlich erwähnt werden, mal eine größere mal eine kleinere Rolle spielen und die hauptsächlich dafür vorhanden sind um den Hauptcharakteren mehr Leben zu verleihen.

Die Geschichte spielt, wie schon erwähnt, zu Zeiten des zaristischen Rußlands und betrachtet die sogenannte höhere Gesellschaft, den Adel Rußlands und die Liebe zwischen Anna und Wronskij ist nur einer von vielen Handlungssträngen, wenn auch wohl der interessanteste. Es wird die Geschichte einer Liebe erzählt, die Geschichte von ehelichem Leid und Freuden, von Tod und Geburt, von der Suche nach dem Sinn des Daseins, von Bildung und Kunst, von Politik und Geschichte, von der Entwicklung der Landbevölkerung.


Das Buch und ich

Ich habe über 1200 Seiten Tolstoi hinter mir und als ich die letzte Zeile las, hätte ich am liebsten gleich wieder auf der ersten Seite mit dem Lesen beginnen wollen. Das alleine spricht schon für dieses Buch und warum ich dieses Buch so beeindruckend und nachhaltig finde, möchte ich euch im Folgendem etwas näher bringen.

Als ich mit dem Lesen angefangen hatte, dachte ich tatsächlich das sich dieses Buch nur mit der Liebe zwischen Anna und Wronskij beschäftigt, dass dieses Buch so viel mehr bietet, war für mich eine große Überraschung und ich finde es schade, dass selbst die Inhaltsangaben in den jeweiligen Ausgaben dieses Buches fast nur auf diese Liebe ansprechen, von einer Frau sprechen die aus den Fängen ihrer glücklosen Ehe ausbricht, um mit ihrem Geliebten leben zu können, von der Gesellschaft ausgestoßen, immer das glücklose Ende ihrer Leidenschaft vor Augen.

Die Handlung spielt zum größten Teil in Moskau, St. Petersburg und auf dem Lande, wir befinden uns für eine kurze Zeit auch in Deutschland und Italien. Ich schrieb eben von der Gesellschaft, die Anna ausstieß, eine Gesellschaft von Menschen die sich zu einer Art gebildeten Elite zählt, russischer Adel der in Überfluß lebt und auf die Zerstreuungen der Gesellschaft angewiesen ist: Feste, Bankette, Opernaufführungen, opulente Abendessen, Pferderennen, Landpartien. Woher das benötigte Geld dafür kommt ist erst einmal nebensächlich, wenn keines mehr vorhanden ist, dann werden Schulden gemacht, wie es auch Oblonskij tut, der mit vollen Händen das Geld heraus wirft, ohne daran zu denken, dass er zu Hause Frau und Kinder hat, die versorgt werden müssen. Die Frauen in diesem Buch befinden sich in Abhängigkeit von ihren Ehemännern und ein Ausbrechen ist für sie fast unmöglich und wenn sie es dann doch machen, dann droht ihnen der völlige Ausschluß aus der doch so benötigten Gesellschaft und das Alleinsein mit sich und ihren Gedanken. Keine Zerstreuung mehr von Außen. Anna wählt für sich den Schritt und verläßt die Gesellschaft um mit Wronskij zusammenzuleben, so opfert sie sogar für diese Liebe ihren Sohn. Was ich nur sehr schwer nachvollziehen konnte. Der Leidensweg einer Frau beginnt, wenn er nicht schon viele Jahre zuvor begonnen hat. Vergleicht man die heutige Situation der Frauen mit der damaligen, wird einem erst einmal so richtig bewußt, wie viele Freiheiten man doch heutzutage als Frau hat, auch wenn es natürlich immer noch Frauen gibt die in Abhängigkeit von ihren Männern leben, aber dieses Verhältnis gibt es ja mittlerweile auch schon andersherum, Männer die von ihren Frauen abhängig sind.

Beim Lesen fielen mir immer wieder die Wörter „voluminös“ und „großartig“ ein. Es gibt in diesem Buch 4 Szenen die mir besonders in Erinnerung geblieben sind: der erste Auftritt Anna Kareninas – sie steigt aus dem Zug und ist präsent. Mächtig, nachhaltig, eindringlich. In diesem ersten Auftritt hat Tolstoi schon so viel von ihrem Charakter hineingelegt und die Entwicklung die sie von diesem ersten bis zu ihrem letzten Auftritt macht sucht seinesgleichen in der Literatur. Sie begegnet dem Leser zuerst auf einem Bahnsteig und dort verläßt sie den Leser auch wieder.
Die zweite Szene stellt ein Pferderennen dar: Anna schaut Wronskij zu wie er an einem Rennen teilnimmt, zu diesem Zeitpunkt weiß ihr Mann noch nichts von ihrer Affäre und nach diesem Rennen wird sie ihm erzählen, dass sie einen anderen Mann liebt. Das Rennen wurde so spannend beschrieben, das ich über die Seiten geflogen bin und mein Gefühl für Raum und Zeit verloren hatte. Diese Szene wurde mit einem sehr großen Tempo beschrieben und ich konnte nicht verhindern dass sich vor meinem inneren Auge ein Film abspielte. Der Leser wechselt zwischen den Emotionen Annas und denen Wronskijs hin und her, die Stürze der Pferde, die Reaktionen der Gesellschaft, die Ängste und Leiden der Protagonisten kommen in dieser einen Szene so deutlich herüber, wie in nur wenigen anderen.
Die dritte und vierte Szene sind jeweils der Tod von Lewins Bruder und die Geburt von Kittys erstem Kind. Die Szenen liegen mehrere hundert Seiten auseinander, mir kam es aber so vor als würden sie zusammengehören. Tolstoi beschreibt das Sterben ohne Verschönerungen und ich kam mir vor als wäre ich mit im Sterbezimmer. Normalerweise überlese ich solche Szenen, da sie mich zu sehr mitnehmen. In „Anna Karenina“ habe ich sie nicht überlesen und sie nahm mich auch nicht mit. Tolstoi nimmt den Leser an die Hand und führt ihn, er vermittelt den Eindruck der Tod würde zum Leben dazugehören, was er auch genauso ist, ein sich schließender Kreislauf. Die Fragen, durch Lewin gestellt: was verbirgt sich hinter dem Tod, was erlebt der Sterbende, was wird sein, wenn der Tod gekommen ist. Genauso werden diese Fragen von Lewin während der Geburt von Kittys erstem Kind gestellt. Er versucht hinter das Geheimnis des Lebens zu kommen und droht an diesem Unterfangen zu verzweifeln. Es gibt Szenen in Büchern die werden einen nicht mehr loslassen und mit ihnen wird man das jeweilige Buch immer verbinden, die eben kurz angeschnittenen Szenen zählen für mich dazu.

Wie ich schon erwähnte, ist Lewin für mich einer der interessantesten Charaktere in diesem Buch. Seine Suche nach dem Sinn, sein Verzweifelung daran, die Verwirrtheit die durch die Lektüre von philosophischen Werken nur noch verschlimmert wird, seine Flucht vor dem Stadtleben, sein schlechtes Gewissen gegenüber der Landbevölkerung auf Grund seiner privilegierten Stellung, gleichzeitig sein Unvermögen diese Stellung aufzugeben. Ein stets suchender Mensch und die Fragen die er sich stellt sind heute immer noch aktuell und es gibt gegenwärtig sehr viele Menschen die an den Fragen der Existenz zu verzweifeln drohen, denen es schwer fällt einen Sinn in dieser alltäglichen Hatz zu finden, die suchen und die Gegenwart darüber hinaus vergessen.
Lewin, ein Mensch ohne wirklich feste Ansichten und wenn er glaubt eine gefunden zu haben, wird sie durch die Lektüre des nächsten Buches, oder ein Gespräch wieder zunichte gemacht.

Anna und Wronskij – eine Liebe ohne Hoffnung. Ich nehme mit dieser Aussage nicht viel vorweg, man merkt es schon während ihrer ersten Begegnungen. Sie werden aneinander zerbrechen, die Liebe des anderen aus den Augen verlieren, den anderen und sich selber im Laufe ihres Beisammenseins immer mehr anzweifeln. Anna hat für ihn ihr Leben aufgegeben um Leben und Lieben zu können. Während sie sich nach der Trennung von ihrem Mann nicht mehr in der Gesellschaft aufhalten kann, so verkehrt Wronskij dort nach wie vor. Anna, die, wie so viele andere auch auf die Zerstreuungen der Gesellschaft angewiesen war, steht vor der Aufgabe die in der Gesellschaft verbrachte Zeit nun irgendwie alleine zu verbringen. Die Eifersucht auf Wronskijs Freiheit wächst, die Angst das er andere Frauen haben könnte, nimmt zu. Den Weg der Liebe zwischen diesen beiden Menschen habe ich als Leidensweg empfunden, so euphorisch dieser Weg anfing, desto trauriger wurde er. Mißverständnisse, Verleumdungen, Unterstellungen, Zweifel, Eifersucht, eine Liebe die sie beide zu zerstören droht.
Aus der anfangs so leidenschaftlichen Frau, voller Hoffnung, Liebe und Zuversicht wird eine Frau an der man wohl sehr viele psychische Erkrankungen finden kann, ein Charakter der wohl so manch einem Psychologieinteressierten viel Gesprächsstoff bieten wird und über deren Entwicklung man stundenlang reden könnte.

Normalerweise erlebe ich es beim Lesen eines Buches immer so, das mir einige Charaktere besonders sympathisch sind, andere weniger, auch wenn es kindisch ist, kann ich oft nicht verhindern, dass ich eine Einteilung in „Gut und Böse“ vornehme. Das konnte ich bei „Anna Karenina“ nicht machen, dazu gab mir Tolstoi keine Möglichkeit. Er stellt die Charaktere so intensiv dar mit all ihren Stärken und Schwächen, er polarisiert nicht und dadurch bekommen die Charaktere so viel Leben eingehaucht, dass sie lebendiger kaum wirken könnten. Dieses wird noch dadurch verstärkt, dass der Leser die Möglichkeit bekommt, die Handlung durch die Augen verschiedener Personen zu betrachten. Ein Mensch hat sehr viele Facetten, die sich einem unmöglich auf den ersten Blicken erschließen können und auch wenn ein Mensch noch so schlechte Taten und Handlungen begannen hat, kann man nicht sagen, dass dieser Mensch nur schlecht sei und genau das wird im Laufe der Handlung immer wieder aufgezeigt. So war es keineswegs der Fall, das mir Anna besonders sympathisch war, dennoch habe ich mit mir gelitten, genauso wie ich manche Taten von ihr verurteilt habe und dieses möchte ich nicht nur auf Anna beziehen, sondern auch auf Wronskij, auf Lewin, Kitty, Dolly, Annas Mann und auch Kittys Mann.

Eine sehr zentrale Rolle in diesem Roman spielt die Religion. So wie Tolstoi die Kirche als heuchlerisch bezeichnet hat, so stellt auch Lewin die Kirche, die Religion immer wieder in Frage. Es ist ein Kampf vom Glauben weg und wieder zu ihm hin. Die Angst falsch liegen zu können, wenn man sich komplett vom Glauben abwendet, aber auch die Erkenntnis das ihm der Glaube nicht hilft und doch immer wieder das Anflehen um Gottes Hilfe in Notsituationen. Ich glaube, so ergeht es heute auch noch vielen Menschen, wenn auch in abgewandelter Form.

Kommunikation ist mit das Wichtigste in einer Partnerschaft, in einer Ehe, aber auch in einer Freundschaft. Zwischenmenschliche Beziehungen sind kompliziert und können nur durch das miteinander Reden einfacher werden. So kann eine Beziehung nicht funktionieren, zumindest nicht auf Dauer, wenn nicht miteinander geredet wird. Genauso bedarf jede Beziehung zwischen Menschen Kompromisse und Eingeständnisse und genau das wird im Laufe des Romans sehr deutlich, besonders an dem Verhältnis zwischen Lewin und Kitty, Anna und Wronskij.

Nun kann man von einem Roman der über 1200 Seiten hat nicht erwarten, dass man sich auf jeder Seite, jeder Zeile, mit jedem Wort unterhalten fühlt. Solche Bücher haben Längen, Themen die einen weniger interessieren und genauso erging es mir mit diesem Buch auch. Dennoch bin ich im Nachhinein überrascht wie wenige Längen es für mich hatte und wie selten ich mich gelangweilt habe, was sicherlich sehr für diesen Roman spricht. Ich möchte bei diesem Buch sogar von Spannung schreiben, so habe ich manchen Abend länger gelesen als ich eigentlich vorhatte, nur um zu erfahren wie es weiter gehen wird. Ich bleibe eigentlich nur sehr selten länger auf nur um in einem Buch weiterzulesen, egal wie spannend das jeweilige Buch ist. Bei „Anna Karenina“ hatte ich es des Öfteren und war jedes Mal erstaunt darüber, da ich das zu Beginn der Lektüre gar nicht erwartet hatte. Dazu beigetragen hat aber nicht nur die Handlung und die Entwicklung der Charaktere, sondern auch die wundervolle Sprache in der dieser Roman verfasst wurde. Für manche mag die Handlung vielleicht etwas zu ausschmückend dargestellt worden sein, ich fand es großartig. Diese grandiose, klare Sprache die sehr ausschmückend erzählt und das ohne sich vom Eigentlichen weit zu entfernen. Es gibt ja Romane die ebenfalls sehr ausschmückend und umfangreich geschrieben wurden und bei denen ich das Gefühl hatte mich durch 100 Seiten lesen zu müssen, um auf einen Gedanken des jeweiligen Charakter zu kommen und bei denen mir der Satz: „Viele Wörter um Nichts“ nicht aus dem Kopf ging. Bei „Anna Karenina“ habe ich diesen Satz nicht einmal gedacht und fand jedes Wort notwendig und bestens gewählt. Die Geschichte wird erzählt und Dialoge kommen vor, wenn auch selten, genauso wie ich es mag und die Dialoge die vorkommen machen Sinn und bieten dem Leser die Möglichkeit noch intensiver in die Gedankenwelt der Protagonisten einzutauchen. Besonders gelungen fand ich auch die Stellen in dem Buch, in welchen der Leser direkt in die Gedanken von den Protagonisten eintauchen konnte, diese Stellen kommen recht häufig vor und sind dann dementsprechend gekennzeichnet.
Das Verständnis des Textes fiel mir nicht schwer und ich war verwundert darüber, wie flüssig er sich lesen ließ. Ich stockte lediglich an den doch recht zahlreich vorhandenen französischen Passagen, die in meiner Ausgabe des Buches leider nicht übersetzt wurden. Ich weiß nicht ob diese Passagen in anderen Ausgaben übersetzt werden, für angebracht würde ich es halten, denn es ist schon mühsam diese Stellen ohne französisch Kenntnisse zu übersetzen und so habe ich die ein oder andere Aussage überlesen, in der Hoffnung das dadurch das Verständnis nicht leidet. Es gibt übrigens auch einige englische Passagen, die ebenfalls nicht übersetzt wurden, deren Verständnis für mich aber auch kein Problem darstellten.
Ein paar Anlaufschwierigkeiten hatte ich mit den russischen Namen und es dauerte ein paar Seiten bis ich wußte wer denn nun genau wer sei. Die Namen ähneln sich schon sehr und ein Protagonist hat nicht bei jeder Erwähnung den gleichen Namen, aber man kann sich ja auch eine Art Namenslegende anlegen, die das Verstehen und Zuordnen erleichtert.

Ich habe einmal gehört das es Menschen gibt, die „Anna Karenina“ nicht weiter gelesen haben, nachdem das Schicksal von Anna geklärt war. Ich habe das Buch weiter gelesen, bin aber der Meinung, dass man das Buch wirklich weglegen sollte, nachdem man das letzte Kapitel gelesen hat in dem Anna auftritt. So fand ich das Ende gemessen an dem Vorangegangenem unangebracht, auch wenn Lewin auf diesen letzten Seiten noch so einiges für sich klären konnte. Ich wußte vor der Lektüre dieses Buches wie Annas Schicksal enden würde und das war gut so, auch wenn ich damals, als ich das Ende in einem anderen Buch las, nicht begeistert war und ich sogar darüber nachgedacht habe „Anna Karenina“ nicht zu lesen. Im Nachhinein hat mir dieses Wissen das Lesen sogar erleichtert, da ich mich nicht nur auf Anna konzentriert habe, was ich ansonsten wohl getan hätte und das wäre sehr schade gewesen, denn wie schon mehrmals erwähnt, bringt dieses Buch noch so viel mehr mit sich.

Nun stellt sich natürlich auch die Frage, ob man einen solchen Klassiker in der heutigen Zeit überhaupt noch lesen sollte, oder ob dem nicht andere, zeitgenössische Lektüre, vorzuziehen sei. Ich denke das sollte jeder selber entscheiden und man sollte diesbezüglich nicht versuchen ein allgemeingültiges Urteil abzugeben. Ich kann nur so viel dazu sagen, dass ich jeden verstehen kann, der dieses Buch liest und vielleicht sogar mehrmals, ich kann es aber auch nachvollziehen wenn jemand sagt, dass er mit dieser Art von Lektüre nichts anfangen kann. Man darf eines nicht vergessen: Lesen kostet Zeit und ich glaube man sollte wissen warum man welches Buch liest, denn die Zeit vergeht zu schnell und ist zu kostbar um sie Lektüre zu widmen, die einem letztendlich nichts bringt. Ich habe das Lesen nicht bereut und es wird ein Buch sein, dass ich zu gegebener Zeit sicherlich noch einmal lesen werde, da mir beim ersten Lesen ganz sicher einiges entgangen sein wird, das sich mir erst beim mehrmaligem Lesen erschließen wird.


Sonstiges

Ich habe vor mir die Taschenbuchausgabe des insel Verlages liegen, sie hat 1204 Seiten, kostete 15,00 Euro und hat folgende ISBN Nr.: 3-458-34660-0.


Mein Fazit

Ein großartiges Buch, dessen Lektüre ich nicht bereut habe. Ein überraschendes Buch mit vielseitigen Charakteren und Themen. Ein nachhaltiges Buch, welches viel Gesprächs- und Diskussionsstoff bietet, ein Klassiker, der meiner Ansicht nach zu Recht als solcher bezeichnet wird. Ich kann dieses Buch jedem Interessierten empfehlen und jedem der im Zweifel steht ob er dieses Buch lesen möchte oder nicht, dazu raten sich dieser Lektüre zu widmen.
In diesem Sinne bedanke ich mich bei denjenigen unter euch, die sich durch meine Zeilen gelesen haben, für ihr Interesse.


Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
TukTukTukTuk

TukTukTukTuk

03.06.2011 01:28

BH

TukTukTukTuk

TukTukTukTuk

03.06.2011 01:28

BH

pinkdawn

pinkdawn

13.12.2009 21:07

eine schöne, ausführliche rezension über einen klassiker der weltliteratur, der schon mehrere male verfilmt wurde und dabei genauso spannend war wie der roman. - jaja, jede gute geschichte beginnt an einem bahnhof, sagt man. manche leben enden auch dort ... ich weiß nicht, ob ich heute noch die ausdauer und kraft hätte, dieses dicke buch zu lesen - ich habe es vor mehreren jahren aber sehr gern gelesen, und zwar bis zur letzten seiten ... glg doris

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Ähnliche Angebote
Anna Karenina, Leo N. Tolstoi (CD) Anna Karenina, Sonderausgabe, Leo N. Tolstoi Anna Karenina - Leo N. Nach dem Roman Tolstoi
Anna Karenina, Leo N.​ Tolstoi ​(CD) Anna Karenina, Sonderausgabe, Leo N.​ Tolstoi Anna Karenina -​ Leo N.​ Nach dem Roman Tolstoi
Weltbild Weltbild thalia.de
€ 18,99 *

Händler kann Preis
erhöht haben

€ 12,50 *

Händler kann Preis
erhöht haben

€ 9,95 *

Händler kann Preis
erhöht haben

Versandkosten: 0.​00
mehr
Versandkosten: 0.​00
mehr
Versandkosten: 0,00
mehr
 zum Shop  zum Shop  zum Shop
Weltbild Weltbild thalia.​de
* Alle Preise inkl. gesetzl. MwSt.; Alle Angaben ohne Gewähr.
Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 415 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"besonders hilfreich" von (23%):
  1. TukTukTukTuk
  2. pinkdawn
  3. wuzelduzel
und weiteren 23 Mitgliedern

"sehr hilfreich" von (77%):
  1. marbie
  2. Micaela030
  3. Race
und weiteren 83 Mitgliedern

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.