Fußball spielen damit sie nicht an Mädchen denken

4  03.10.2002 (04.04.2003)

Pro:
zynisches Porträt Nachkriegsdeutschlands; schlüssige Charaktere; angenehmer Stil; Identifikationsfigur; einfach zu lesen

Kontra:
wirkt durchkonstruiert; sehr beispielhafte Charaktere

Empfehlenswert: Ja 

logan

Über sich: Wir brauchen mehr "UH!".

Mitglied seit:21.02.2000

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Hans Schnier ist Komiker; Pantomime, um genau zu sein. Ein talentierter sogar. Im Job hält er den Mund - das kommt gut an im Nachkriegsdeutschland. Privat, als er uns an seinem Leben und seiner Geschichte teilhaben lässt, ist er scharfzüngig. Er ist einer, der nicht vergessen oder verdrängt hat, was "vor der befreiung" passiert ist. Wie er als zehnjähriger von einem vierzehnjährigen Jungscharführer und einem jetzigen Pädagogikprofessor verhört wurde, weil er das Schimpfwort "Nazisau" benutzt hat, ohne sich was dabei zu denken; wie Achtjährige im Garten seiner eltern den Umgang mit Panzerfäusten übten, um "Werwölfe" zu werden, und wie Georg dabei ums Leben kam, der aber "zum Glück nur ein Waisenkind" war; oder wie seine Mutter die gefallene Schwester mit 17 Jahren yum Flakhelfen geschickt hat.
Doch Hans ist bei all seinen treffenden, bitteren Betrachtungen auch ein selbstgerechter Alkoholiker, der auf dem absteigenden Ast ist, seit seine Marie ihn verlassen hat. Doch ist der Ruf erst ruiniert...


Die Handlung setzt sich aus zwei Teilen zusammen:
Zum einen die Situation Schniers nachdem er verlassen wurde, zum anderen, wie es dazu kam, dass er Marie kennenlernte und sie verlor. Der erste Bereich ist der Erzählrahmen, aus dem Schnier immer wieder auf bezeichnende Szenen zurückblickt, an die er sich gerade erinnert. Das Springen zwischen den Zeitebenen, die eingestreuten Vorausdeutungen, Rückbezüge, Anspielungen und Zwischenbetrachtungen, machen das Buch interessanter. Aus den Tiraden eines gefrusteten Säufers ergibt sich nach und nach ein klareres Bild. Wir lernen sowohl die Geschichte, als auch Hans Schnier besser kennen.


Ansichten eines Clowns ist die Abrechnung mit einer Gesellschaft der Heuchelei und der Seilschaften, in der die tragische Figur des stillen Beobachters mit Pauken und Trompeten in Selbstmitleid und Alkohol untergeht. Das ist bitter, aber auch komisch - wenn man sich nicht am "geschmacklosen" Sarkasmus des Protagonisten stört, der allerdings kein Selbstzweck ist, sondern ausschließlich in der erzählung (in der keineswegs unwahrscheinlichen Fiktion des Buches) wahrer Begebenheiten zum Vorschein kommt - also durchaus gerechtfertigt ist und der Aufdeckung realer Mißstände dient.

Da wird um nichts lange herumgeredet - Hans Schnier kommt ziemlich direkt auf den Punkt, auch wenn es um ihn selbst geht:
"Ich selbst bin nicht religiös, nicht einmal kirchlich, und bediene mich der liturgischen Texte und Melodien aus therapeutischen Gründen: sie helfen mir am besten über die beiden Leiden hinweg, mit denen ich von Natur aus belastet bin: Melancholie und Kopfschmerz. Seitdem Marie zu den Katholiken übergelaufen ist (obwohl Marie selbst katholisch ist, erscheint mir diese Bezeichnung angebracht), steigert sich die Heftigkeit dieser beiden Leiden, und selbst das 'Tantum Ergo' oder die lauretanische Litanei, bisher meine Favoriten in der Schmerzbekäpfung, helfen kaum noch. Es gibt ein vorübergehend wirksames Mittel: Alkohol -, es gäbe eine dauerhafte Heilung: Marie; Marie hat mich verlassen. Ein Clown, der ans Saufen kommt, steigt rascher ab, als ein betrunkener Dachdecker stürzt."
Neben einer, wie er selbst sagt, mystischen Begabung, den Geruch von Leuten durchs Telefon wahrnemen zu können, verfügt Bölls Protagonist auch über eine ausgezeichnete Menschenkenntnis, die er sich zum einen praktisch zu Nutze macht, die ihn aber auch zur galligen Charakterisierung der anderen Personen befähigt: "Ich ließ den christlichen Herrn Kostert da hinten am anderen Ende der Leitung schwitzen; um Mitleid mit mir zu bekommen, war er zu klein, aber es reichte bei ihm zum Selbstmitleid, und schließlich murmelte er: "Machen Sie mir doch einen Vorschlag, Herr Schnier."
Schniers Abneigung gegen den Katholizismus schöpft aus einer von ihm beobachteten Scheinheiligkeit in diesen Kreisen und aus der Tatsache, dass "seine" Marie nun mit einem Katholiken zusammen ist.

Das Buch stellt sowohl Doppelmoral, als auch ideologische Verblendung bloß, es zeigt auch, wie beide (jeweils auf ihre Weise) menschliches Zusammenleben unmöglich machen. Damit sind die "Ansichten eines Clowns" mehr als nur eine Momentaufnahme Deutschlands in der Nachkriegszeit, mehr als eine Satire auf menschliche Schwächen im allgemeinen, mehr als beides zusammengenommen: Böll hielt der Gesellschaft den Spiegel vor - doch anstatt von der Kanzel herab den moralischen Zeigefinger belehrend zu heben, oder ihn uns drohend ins Gesicht zu schütteln, begab er sich lieber herab ins pralle Leben eines Außenseiters, um dort den Finger in die klaffenden Wunden zu legen. Er weiß, dass er kein Doktor ist - aber weiß, dass vor einer jeden Heilung die Diagnose und die Einsicht des Patienten in die Krankheit zu stehen hat; und auch, dass falsche Rücksichtnahme unangebracht ist. Also drückt er herum, am deutschen Volkskörper - dort, wo es weh tut.


Klar ergeben sich so zahlreiche Klischees; aber eben vortrefflich lebendige, realistisch dargestellte, lebensnahe. Wie Böll seine Sterotypen mit Leben erfüllt ist meisterlich, und durch das komplexe Zusammenspiel aller Personen entwirft er einen Mikrokosmos, wie er realistischer nicht sein könnte, denn "Life is a cabaret, old chum!"
Die Stärke Bölls - seine genaue Beobachtungsgabe, der Blick für's Unscheinbare und seine handwerkliche Fähigkeit, scheinbar harmlose Details auf den Punkt gebracht in Kontext zu stellen - ist aber zugleich auch seine Schwäche: Die von ihm entworfene Welt ist fast schon zu stimmig; wie ein Uhrwerk sind die Elemente der Erzählung zusammengesetzt, sodass der Leser dem scheinbar zwingenden Handlungsverlauf nur zusehen und zustimmen kann "jawoll, so sieht's aus!"
Das Werk entzieht sich jedem kritischen Ansatz, denn da es eben die "Ansichten eines Clowns" sind, der selber so seine Schwächen hat, wird der Autor Böll unangreifbaf: Mit doppelt gebrochener Perspektive und aus der Distanz heraus, lässt er seinen eRzähler/Protagopnisten Hans Schnier den Leser durch die von ihm erschaffene Welt, die ja die unsrige sein soll (bzw. die Deutschlands im Jahre 1963), führen. Dadurch, dass wir den Spiegel ausgerechnet von einem Herren vorgehalten bekommen, der einerseits moralischer Freigeist, andererseits angepasster, doch letztlich scheiternder Verlierer ist, wird das Buch sicherlich niemandes Weltbild erschüttern. Inwiewiet man der Haltung des Erzählers zustimmt, ist letztlich jedem selbst überlassen, und Bölls Position ist im Einzelfall nicht zu erkennen. Spottet er nun über das Erzählte, über den Erzähler, oder gar über beides?
Dass das Buch bei seinem ersten Erscheinen dennoch für Unruhe sorgte, wirft eher ein bezeichnendes Licht auf die Verklemmtheit der 60er Jahre als auf die Bissigkeit des Autors, der im Wesentlichen nämlich das Fehlen recht traditioneller/konservativer Werte wie Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit, persönliche Konsequenz, soziale Verantwortung, Respekt, Selbstdisziplin und Gerechtigkeit aufzeigt. Dies geschieht in einem recht nüchternen, schriftstellerisch sogar eher biederen Stil - wobei der Ton mal hintersinnig, mal zynisch ist. [Zynisch, wenn Böll die Mutter Schniers porträtiert; hintersinnig, wenn er Hans sagen lässt, er liebe Chopin und Schubert, ausgerechnet weil sie so "irdisch, wie ich es wohl bin" seien - und damit dessen romantische Ader bloßstellt.]
Durch die verschachtelte Erzählweise und die Zwischenbemerkungen des Erzählers gelingt es Böll trotz einiger klischeebehafteter oder stereotypischer Darstellugen, die Geschichte voranzutreiben, ohne dass der weitere Handlungsverlauf offensichtlich wäre, oder die Lektüre gar langweilig würde.
In Hans Schnier kann man sich ganz gut hineinversetzen, da er vor allem eins ist: menschlich.
Eigentlich verfolgt Böll also, bei aller ironischen Distanz, einen humanistischen Ansatz. Einziger Schwachpunkt: Am Ende ist (um die von MMR so vielgebrauchte Phrase noch weiter zu strapazieren) "der Vorhang zu und alle Fragen offen".
Gefallen hat's mir nichtdestotrotz.

Ebenfalls empfehlenswert ist das "Irische Tagebuch" des Autors.

[ Hommage an Heinrich Böll: http://www.zeit.de/2007/32/Boell?page=all ]
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Slei

Slei

17.06.2003 07:29

Verflixt! 25 Jahre erfolgreich um Herrn Böll gedrückt - wir bekamen "Im Namen der Rose" vorgesetzt - und nun das... Das zweite Buch mit dessen kostenpflichtiger Entfernung aus dem Regal ich wegen ciao meinen Buchhändler beglücke. Langsam wird das teuer...

mickeyd95

mickeyd95

09.04.2003 17:25

Guter Bericht! Mittlerweile habe ich auch schon einige Bücher Bölls gelesen, und auch einen Bericht darüber für den Bücherfrühling verfaßt. Kannst ja mal reinschauen, wenn Du magst. Gruß, mickeyd95.

AlaMoana

AlaMoana

08.04.2003 12:57

der bericht ist wirklich klasse!!!! gefällt mir... und von dem buch hab ich auch schon einiges gehört :) vielleicht sollte ich s auch mal lesen? lg monja

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