Das Ende eines Clowns

5  20.07.2008 (06.08.2008)

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Der Roman, erschienen im Jahre 1963, wurde zunächst aufgrund seiner antiklerikalen Ausrichtung sehr heftig diskutiert. Der gesamte Inhalt packt die Masse der zu bewältigenden Geschichte in den knappen Zeitraum eines einzigen Tages zusammen.

Augenfällig ist das direkte Nebeneinander von Jetzt und Einst, das ganz ohne komplizierte epische Vermittlung die bestehende Existenz autoritärer Machtbestrebungen unter dem Mantel von christlichen und demokratischen Schlagworten demonstriert. Diese Machttendenzen werden in bissig, bitteren Satiren heftig attackiert...

Der (Anti-) Held dieses Romans ist - wie schon im Titel zu erahnen - der als Gestalt schon in der Romantik gern genommene Außenseiter einer Gesellschaft, der reine Narr, zum Selbstmitleid neigend, leicht zu Tränen gerührt, in einer Welt des Ehrgeizes und der Heuchelei und kalter Intellektualität der ganz natürliche und nicht verbogene Mensch rousseauischer Qualität und Prägung.
Er ist allergisch gegen alle Formen von Macht und sieht in jeder, noch so legitimen Art von Organisation Zeichen von Unterdrückung gegen das Individuum.
Deren undurchsichtigen "Ordnungsprinzipien" stellt er die konkrete Realität des mit den Augen eines Kindes erfassten Details entgegen, Augen, denen auch und vor allem das Banale noch einzigartig und wunderbar, "ganz ohne Ordnung" erscheint.

Dieser Clown, Hans Schnier, ist der aus der Art geschlagene Sohn eines nordrhein-westfälischen Kohlemillionärs und einer naiv-dummen Mutter - noch im letzten Kriegsjahr 1945 schickte sie die einzige Tochter, Henriette, als Flakhelferin gegen die Amerikaner ("jüdischen Yankees") in den sicheren Tod: nach dem Zusammenbruch des Naziregimes wurde sie Vorsitzende des Komitees der Gesellschaft zur Aussöhnung rassischer Gegensätze …

Hans Schnier war seit seinem 21. Lebensjahr mit Marie, der katholischen Tochter eines deutschen Kommunisten, in nicht gesetzlich anerkannter Ehe zusammen. Nach sieben Jahren hat Marie ihn nun, heftig von katholischen Glaubensgenossen beeinflusst, verlassen, um den angesehenen und einflussreichen Katholiken Züpfner zu ehelichen.
Grund dieses Beziehungsbruchs war Hans Schniers strikte Weigerung, sich schriftlich zu einer streng katholischen Erziehung künftig zu erwartender Kinder aus dieser unehelichen Beziehung zu verpflichten; aber eigentlich steht hier der Anspruch einer über das Individuum gestellten Ordnung dem Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung gegenüber.
Ganz seinem Wesen entsprechend unterliegt Hans Schnier in diesem Konflikt. Nicht in der Lage, weiter zu arbeiten, ohne Geld, krank, gibt er sich im Grunde selbst auf. Am Ende des Romans sitzt er, mitten im Karnevalstreiben, singend und Gitarre spielend, auf den Stufen des Bahnhofs, aus dem Marie, gerade von ihrer Hochzeitsreise zurückkehrend, am Arm ihres Mannes Züpfner heraustreten wird.
Das erste Geldstück, das ein mitleidiger Passant ihm in den Hut wirft, degradiert ihn schließlich zum Bettler und besiegelt Hans Schniers Schicksal.


Nachwort

Die Resonanz dieses Bestseller-Romans in der Öffentlichkeit war zwiespältig. Man kritisierte Heinrich Bölls ungewöhnliche Darstellung des katholischen Milieus und setzte allzu leicht den Autor mit seinem Protagonisten, der aggressiv auf religiöse und politische Themen jeglicher Art reagiert, gleich: Katholiken und Protestanten, Rechte und Linke, Atheisten, Proletarier und Kapitalisten erscheinen in gleichen Maßen fragwürdig.
Der Clown Hans Schnier kämpft für seine individuelle Freiheit gegen jede Form von gesellschaftlicher Macht, die über ihn bestimmen oder ihm seine letzte Zufluchtmöglichkeit, die Liebe zu Marie, nehmen will.
Ohne Zweifel die Diabolik der Herrschaft unkonkreter Ordnungsprinzipien nicht erkennbar, da ihre Exponenten zu "miesen Spießern", "eitlen Phrasendreschern" oder "Idioten" verkleinert werden und Hans Schnier in seinem Selbstmitleid und seiner Sensibilität eher traurig als tragisch wirkt, und auch in seiner Beziehung zu Marie von einem Egoismus getrieben wird, die dem Aufklärungspotential Schniers wie dem Roman als ganzem enge Grenzen setzt.

"Ich bin ein Clown … und sammle Augenblicke", dieses Selbstbekenntnis des Protagonisten Schnier umschreibt die Verfahrensweise des Romans, der mehr auf Momentaufnahmen der bundesdeutschen Wirklichkeit fixiert ist als auf eine breit angelegte Bestandsaufnahme.
Die Wirkung dieses Romans beruht vor allem auf den vielmals bis zur Groteske gesteigerten, zielsicheren und witzigen Satiren und trotzdem beinhaltet das Buch eine Absage an die Hofnarrenrolle und die Satire, die Satiriker zu spielen haben.
"Ich war es leid zu karikieren", erinnert sich Hans Schnier selbst an seine Clowns-Spielereien und Heinrich Böll stellte ein Jahr später in seinen Frankfurter Vorlesungen fest: die, welche er ganz speziell angreifen wollte, "ob es sich nun um selbstgefällige Industrielle handelt oder um Kleriker - sie erwarten Prügel und seitdem mir das bewusst geworden ist, bin ich nicht mehr bereit, Prügel, wenn auch nur scheinbare, auszuteilen".

Fazit

Ansichten eines Clowns ist der Roman von Böll, der mich am meisten bewegt und beeindruckt hat. Vielleicht liegt das daran, dass es der erste Böll-Roman war, den ich jemals gelesen habe. Damals war ich 18 und mich hat vor allem der Bruch der Liebesbeziehung zwischen Hans und Marie getroffen.
Es wäre so einfach für Hans gewesen, die Beziehung zu halten. Er hätte sich lediglich verstellen müssen und zu einer katholischen Erziehung möglicher Kinder sein Einverständnis geben .... so dachte ich damals mit 18. Heute denke ich, dass Hans in bezug auf Marie richtig gehandelt hat. Eine Beziehung auf einer solchen Täuschung oder Lüge basierend hätte keine Zukunft gehabt.
Zusätzlich betroffen hat mich aber auch sein Fatalismus, die Ergebenheit in sein Schicksal als Clown und Außenseiter. Er war immer nur der Sohn, der Reagierende, der Bemitleidenswerte etc. ... er hätte sein Leben mehr in die Hand nehmen sollen und damit auch mehr Widerstand gegen die Mächtigen bewirkt.
Mit diesem Verhalten steht Hans aber in der deutschen Gesellschaft nicht allein. Er ist zwar kein Mitläufer, aber Selbstmitleid und Aufgabe weisen die Mächtigen auch nicht in ihre Schranken.


Einige Daten zum Autor

- geboren am 21.Dezember 1917 in Köln
- 1924-1928 Besuch der katholischen Volksschule
- 1937 Abitur und anschließend Beginn einer Buchhändlerlehre (Abbruch nach 11 Monaten)
- 1939 Beginn des Studiums der Germanistik und der klassischen Philologie
- Spätsommer 1939 Einberufung in die Wehrmacht und Soldat bis zum Kriegsende
- April bis September 1945 in amerikanischer Kriegsgefangenschaft
- Nach dem Krieg Forstsetzung des Gemanistik-Studiums
- In der Ära Adenauer profilierte er sich als Widerpart des Kanzlers
- 1970 Ernennung zum Präsidenten des deutschen PEN-Clubs
- 1972 Nobelpreis für Literatur
- bis zu seinem Tod im Juli 1985 beschäftigte sich dann Böll zunehmend mit den politischen Themen in Deutschland (z.B. Unterstützung der Friedensbewegung 1983)


Hauptwerke

- Wanderer, kommst du nach Spa … (1950)
- Wo warst du, Adam? (1951)
- Haus ohne Hüter (1954)
- Irisches Tagebuch (1957)
- Billard um halbzehn (1959)
- Ansichten eines Clowns (1963)
- Gruppenbild mit Dame (1971)
- Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1974)
- Frauen vor Flusslandschaft (1985)

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Ansichten eines Clowns / Heinrich Böll Heinrich Böll
1917 in Köln geboren
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
t.schlumpf

t.schlumpf

02.02.2009 16:36

Ich ziehe meinen Hut!

golden_rose

golden_rose

19.11.2008 18:05

Lieben Gruß

s333

s333

09.11.2008 10:02

wieder ein BH

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