Erfahrungsbericht über

Anvil! - Die Geschichte einer Freundschaft (OmU) (DVD)

Gesamtbewertung (1): Gesamtbewertung Anvil! - Die Geschichte einer Freundschaft (OmU) (DVD)

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Richtig Happy wird's erst nach dem End

5  20.10.2010

Pro:
Ein Film über Träume und Beharrlichkeit, die zum Ziel führt  -  auf einer gut ausgestatteten DVD .

Kontra:
nix

Empfehlenswert: Ja 

Spassprediger

Über sich: “We're all mad here. I'm mad. You're mad.” “How do you know I'm mad?” said Alice. “You must be,” sai...

Mitglied seit:21.08.2005

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Vertrauende:64

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 67 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Niemals einen Hit zu haben mag für einen Musiker schwer erträglich sein. Wahrscheinlich aber ist es sogar noch frustrierender, einmal einen Hit zu landen – und dann nie wieder an den Erfolg anknüpfen zu können.

Eine 18 Jahre junge Praktikantin wusste jüngst Erschröckliches zu berichten: Die meisten Jungs in ihrer Klasse, so lautete die Ansage, strebten eine Karriere als Immobilienmakler an. Ich weiß ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde die Vorstellung, tagein, tagaus Häuser zu begehen, weniger spannend als vieles, das ich mir sonst vorstellen kann. Sicher, die Tätigkeit als Immobilienmakler ist bestimmt nicht schlecht bezahlt – aber macht das den Job deshalb schon zum Traumberuf? Sehen Sie, Sie schütteln auch den Kopf.

Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Berufswünsche? Als Sie klein waren, wussten Sie bestimmt ganz genau, dass Sie Feuerwehrmann werden wollen. Oder Rennfahrer. Oder war es doch Tierärztin, Astronaut, Balletttänzerin oder Lokomotivführer ... ? Wenn Sie Sigmund Jähn, Ulf Merbold oder auch Michael Schumacher heißen, kann man Sie nur beglückwünschen: Offensichtlich haben Sie einen Beruf ergriffen, von dem wir anderen irgendwann aufgehört haben, intensiv genug und auch mit offenen Augen zu träumen.

Steve Kudlow, seines Zeichens Sänger der Heavy Metal-Band „Anvil“ hat man es sicher auch nicht an der Wiege gesungen, dass er irgendwann einmal seinen Lebensunterhalt damit verdienen würde, Tiefkühlgerichte an Kindertagesstätten auszuliefern. Wenn wir Kudlow zu Beginn des Films als „Essen auf Rädern“-Fahrer erleben, bedeutet das allerdings noch lange nicht, dass Kudlow sich von seinen Kindheitsträumen verabschiedet hat.

Eine Zeit lang sah es so aus, als könne die Heavy Metal-Band „Anvil“ zu den ganz Großen des Genres aufschließen. Es war die Zeit, in der den Scorpions der ganz große Durchbruch gelang, in der Metallica sich vom Insidertipp zusehends zum “household name“ entwickelten und in der Iron Maiden Schritt für Schritt den Olymp des Heavy Metal erklommen. Anvil spielten auf den gleichen Bühnen wie sie alle, und die Massen, die ihre Fäuste den Scorpions entgegenreckten, die Songs von Metallica mitgrölten und zur Musik von Iron Maiden die Köpfe schüttelten, jubelten auch Anvil zu – es schien, als sei der weitere Weg der Band vorgezeichnet.

Bilder
Anvil! - Die Geschichte einer Freundschaft (OmU) (DVD) Anvil
Echte Fründe stonn zesamme - und außerdem seit Schulzeiten auf Heavy Metal: das Cover des UK-Imports gefällt mir besser als das der deutschen Fassung.
Von nun an geht’s bergab

Und dann? Muss irgend etwas kräftig schief gelaufen sein: Während es für andere Bands steil bergauf ging, versanken Anvil in der Bedeutungslosigkeit.

Auch in meiner CD-Sammlung klafft zwischen „Anthrax“ und „Black Sabbath“ eine Lücke – dass es eine Band namens Anvil gab, wusste ich damals in den Glanzzeiten des Heavyrock zwar, aber das war’s auch schon. Ich glaube, ich kenne auch niemanden, der seinerzeit irgendein ein Album von Anvil besessen, geschweige denn, mir eines zum Kauf empfohlen hätte. Warum? Ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen, glaube aber, dass man Anvil damals möglicherweise wirklich nur schlecht vermarktet hat. Das, was ich im Film gehört habe, klang jedenfalls für meine Ohren so schlecht nicht.

Der Vergleich mit "Spinal Tap" drängt sich förmlich auf

Dass ich auf den Film überhaupt aufmerksam geworden bin, verdanke ich einem im Metier äußerst bewanderten Tippgeber, auf dessen Hinweis hin ich mir die DVD im blinden Vertrauen auf die Musik- und Filmkompetenz meines Gegenübers zugelegt habe. Um es gleich vorweg zu sagen: Ich habe den Kauf nicht bereut. „Anvil – Die Geschichte einer Freundschaft“ (O-Titel: “The Story of Anvil“) ist ein Film, der so wirkt, als wolle er den Beweis antreten, dass das Leben die Kunst viel öfter imitiert, als es umgekehrt der Fall ist. Wer Rob Reiners geniale Mockumentary „Spinal Tap“ kennt, wird sich vielleicht wie ich zunächst verblüfft die Augen reiben und in “The Story of Anvil“ eine Art Remake vermuten. Tatsächlich aber ist die Anvil-Story kein Spielfilm, und je länger man zuschaut, desto mehr ahnt man, wie sehr die Bandmitglieder der Vergleich schmerzen muss.

Und doch scheint es so, als sei der Film das Beste, was „Anvil“ überhaupt passieren konnte: Dem Vernehmen nach hat erst die 77-minütige Dokumentation bei vielen Zuschauern das Interesse an den Alben der Band geweckt. Es scheint deshalb in diesen Tagen, als werde der Traum der Bandmitglieder von einer einkömmlichen Berufsmusiker-Karriere doch noch Wirklichkeit. Zwischen anfänglichen Erfolgen und später Anerkennung liegt freilich eine Durststrecke von gut und gern einem Vierteljahrhundert, in dem Sänger und Gitarrist Steve „Lips“ Kudlow und sein Busenfreund Drummer Robb Reiner Rückschlag um Rückschlag verkraften mussten.

Zu Beginn des Films erleben wir Kudlow deshalb eben auch nicht als gefeierten Bühnenstar, sondern als Kurierfahrer, der Kindertagesstätten mit Fertigmenüs beliefert – nicht gerade ein Traumjob, und Kudlow macht auch keinen Hehl daraus, dass er die tägliche Routine herzlich verabscheut.
14 till they die

Mit ihr abgefunden hat Kudlow sich aber augenscheinlich nicht. Für Kudlow ist der Job nur Mittel zum Zweck: Von irgendwas muss der Schornstein schließlich rauchen – und von irgend etwas will auch der Urlaub finanziert sein, den Kudlow dazu nutzt, mit der Band auf Tour zu gehen. Ja, richtig gelesen: Kudlow hat seinen großen Traum nicht aufgegeben – mit 14 haben sich die Kumpels Robb und Steve geschworen, ihr Leben dem Rock’n Roll zu widmen. Die Entschlossenheit, mit der vor allem Kudlow den alten Idealen aus Schulzeiten treu bleibt, wirkt zu gleichen Teilen komisch und tragisch – man weiß beim Zuschauen zeitweise nicht, ob man Kudlow lieber kräftig durchschütteln und dazu auffordern möchte, sich ins Schicksal zu ergeben und sein Heil in einem „richtigen“ Job zu suchen, oder ob man ihn zu seinem Durchhaltevermögen beglückwünschen soll. Kudlows Schwester, deren Leben im Gegensatz zu dem ihres Bruders in sehr geordneten Bahnen verläuft, scheint es da ganz ähnlich zu gehen – der Dame ist anzusehen, was sie von Brüderchens Teenie-Rockstar-Träumen hält, trotzdem wird sie Steve unter die Arme greifen, als der ein neues Album auf eigene Faust finanzieren muss, nachdem die “suits“ in den großen Musikverlagen mal wieder gekniffen haben.

Wirken die Hauptfiguren anfangs noch wie der belächelnswerte Inbegriff des Heavy Metal-Klischees, wachsen einem Kudlow & Co. im Laufe von 77 Minuten ans Herz – es fällt schwer, mit anzusehen, welchen Widrigkeiten die beiden trotzen, und nicht früher oder später Sympathie für die glücklosen Musiker zu entwickeln.

Was der Film den Zuschauer miterleben lässt, könnte sich ein Drehbuchautor abenteuerlicher und absurder nicht einfallen lassen. Ein italienischer Fan namens Tiziana nimmt per Web Kontakt mit der Band auf, dient sich als neue Managerin an, schleift die Band auf eine viel versprechende wie atemberaubend schlecht organisierte Tour nach good old Europe und tritt schließlich mit einem Mitglied der Band vor den Traualtar – kann man sich so etwas ausdenken? Nein, solche Geschichten schreibt wirklich nur das Leben. Auf ihrer Tour de Force durch Europa verpasst die Band Zuganschlüsse und strandet auf Bahnhöfen, läuft in tschechischen Kellerkneipen ihrem Honorar hinterher und begegnet auf einem skandinavischen Rockfestival einer Reihe von Musikerkollegen, deren Los mehrheitlich besser ist als das von Anvil. Trotzdem zeigt sich Kudlow nicht etwa verbittert, sondern ist aufrichtig begeistert, Drummer-Legende Tommy Aldridge bei der Gelegenheit die Hand schütteln zu können – der Frontmann von Anvil ist und bleibt eben auch immer ein ganz großer Fan.

FFFF: Fans filmen für Fans

Da passt es ins Bild, dass auch der Film von einem Fan stammt; und man merkt dem hoch gelobten Debüt von Regisseur Sacha Gervasi deutlich an, dass ihm sein Werk eine Herzensangelegenheit gewesen ist. Der Film klingt auf einer durchaus verheißungsvollen Note aus: Erst scheint es so, als werde auch der Auftritt in Japan in einem Desaster enden – aber dann hat sich, o Wunder, die viel zu groß erscheinende Halle doch noch gefüllt, und Anvil dürfen vor einem begeisterten Publikum ordentlich die Hütte rocken. Ein Vorgeschmack auf den späten Ruhm, der Anvil dank des Films jetzt doch noch zuteil wird? Es scheint fast so, und der Erfolg ist den musikalischen Überzeugungstätern wirklich zu gönnen.

Bild und Ton der DVD tun sich weder im negativen noch im positiven Sinne besonders hervor – aus Erfahrung kann ich aber sagen, dass die Dokumentation auch dann noch Spaß macht, wenn man das Bild per Beamer auf eine Leinwand wirft. Bonusmaterial wird geboten, auf eine deutsche Synchronisation hat man jedoch verzichtet – wer auf die Untertitel der deutschen Fassung verzichten kann, darf also ruhig zur ansonsten „baugleichen“ englischen Import-DVD greifen, deren Preis im Zweifelsfalle unter dem der Veröffentlichung fürs deutschsprachige Publikum liegt.

Die Ausstattung der DVD ist übrigens erfreulich umfangreich geraten – die Interviews, die ich mir bereits angesehen habe, habe ich als aufschlussreich und unterhaltsam empfunden. Die Audiokommentare werden noch etwas warten müssen, aber ich finde es erfreulich, dass man sich die Mühe gegeben hat, das Material zu produzieren – und die Art und Weise, wie sich die Beteiligten im Film präsentieren, lässt mich vermuten, dass die Kommentare nicht langweilig geraten sein dürften.

• "This feels good": Interview mit der Band
• Interview mit Lars Ulrich von Metallica
• "Where are they now?": Interview mit ehemaligen Bandmitgliedern
• Audiokommentar 1 mit Sacha Gervasi, Robb Reiner & Steve "Lips" Kudlow
• Audiokommentar 2 mit Sacha Gervasi, Rebecca Yeldham und Andrew Dickler
• Deleted Scenes
• Sacha Gervasi rocks with ANVIL
• "Vox Pop": Zuschauerstimmen
• Kinotrailer
• 16-seitiges Booklet

R e s ü m e e

Anrührendes Porträt zweier in die Jahre gekommener „Metalheads“, die sich standhaft dagegen weigern, den großen Traum ihrer Jugend zu Grabe zu tragen. Der Film ist in erster Linie das, was der gut gewählte deutsche Untertitel suggeriert: die Geschichte von Freunden, die gemeinsam durch Dick und Dünn gehen – und die sich damit auch einem Publikum empfiehlt, das mit den musikalischen Idealen der Protagonisten sonst nicht viel am Hut hat. Als Extras bietet die DVD bietet gleich zwei zuschaltbare Audiokommentare, geschnittene Szenen, Interviews und mehr. Unterm Strich: 5 von 5 Punkten für einen sehenswerten Film auf einer überraschend gut ausgestatteten DVD.





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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Dr.Ed

Dr.Ed

26.10.2010 22:14

Auch einer dieser Filme, die ich immer mal sehen wollte, wo ich es aber nie geschafft habe. *Seufz* Dabei habe ich doch ein großes Herz für unterschätzte Rockstars!

Cosmay

Cosmay

21.10.2010 14:45

DAFÜR hab ich keinen Platz ;)

MissVega

MissVega

21.10.2010 11:40

Ja, doch...das könnte mir auch gefallen. Ich hab ja ein Herz für durch nichts zu erschütternde, nur vermeintliche Loser. Grandios rezensiert, auf gewohnt hohem Niveau. Danke! ;-)

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