Truppenbesuch mit Martin Sheen
01.11.2005
Pro:
gut gemacht; nachdenlich; realistisch
Kontra:
lang
Empfehlenswert:
Ja
 h20stg
Über sich:
Hi, der alte Text war ja nun doch etwas überholt ;-) Bin inzwischen 21 Jahre alt und studiere Elektr...
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Schön das man Kommolitonen hat. Und noch schöner, das diese einen daran erinnern, das Apocalypse Now - Redux im Fernsehen läuft. Also DBox angeworfen und den ganzen Film nach Rausschneiden der Werbung auf DVD gebrannt. Und so tauchte ich (mal wieder) ab in die Welt des Wahnsinns. Story ------- Der Film beginnt damit, das Captain Willard (Martin Sheen) in seinem Hotelzimmer in Saigon liegt, allein, und sich betrinkt. Kurz darauf kommen zwei Militärangehörige um ihn zu einer Besprechung mit zwei hohen Offizieren sowie einem Zivilisten (aus dem Kontext zu entnehmen vermutlich ein Regierungsangehöriger oder Geheimdienst) zu bringen, wo der Captain seinen neuen Auftrag bekommt: ein Colonel der Armee (Marlon Brando als Colonel E. Kurtz) hat sich in einer weit entfernten Provinz Vietnams mit seinen Truppen eine Art privates Reich aufgebaut. Seine Herrschaft dort soll beendet , er offiziell wegen Mordes festgenommen werden. Captain Willard soll mit einem Patroullienboot den Nung-Fluss bis zu Kurtz hinauffahren. Die Besatzung des Bootes besteht aus Chief Phillips (Albert Hall), dem Kapitän des Bootes, Larry Fishburne (Laurence Fishburne), einem Jungen aus der Bronx, Lance Johnson (Sam Bottoms), einem berühmten Surfer und Jay "Chief" Hicks (Frederic Forrest), einem Saucier aus New Orleans. Der Film ist, wenn man diese klassische Unterteilung nimmt, ein Roadmovie. Die Charaktere fahren von einer Geschichte zur nächsten, wie sie von einer Stelle des Flusses zur nächsten fahren. Es gibt viele große und kleine Geschichten, ich werde exemplarisch ein paar herausgreifen.
Einmal die abgedrehten "Luftcowboys", eine Hubschrauberstaffel, die ein gewonnenes Gefecht abends mit einer Strandparty feiern und sich für verdammt cool halten, sogar so cool, das es kein Problem ist, mitten im Kugelhagel surfen zu gehen. Dann natürlich das Nachschubbattalion, wo man alles bekommt. Motorräder, Gras, Benzin, alles unter der Hand. Abends werden dann noch Playboy-Bunnies eingeflogen, natürlich alles von der Armee bezahlt.
Oder die Brücke, völliges Chaos, kein leitender Offizier da, einfach nur kämpfende Männer, niemand weiss wo der Feind ist, jeden Tag wird die Brücke neu aufgebaut und jede Nacht von den Vietkong wieder zerstört. Das letzte Drittel etwa beschäftigt sich nur noch mit Kurtz und seiner Herrschaft. Endlich angekommen finden Willard und Lance einen Ort des Wahnsinns vor. Überall hängen Leichen, dazwischen Vietnamesen, Kinder die spielen und lachen und das um sich herum gar nicht als schrecklich empfinden, amerikanische Soldaten, die jeder militärischen Ordnung entrückt scheinen, ein abgedrehter Fotoreporter. Und dazwischen Kurtz, der dort als eine Art Gott verehrt wird. Während Lance, der den ganzen Film über geistig sowieso schon immer als ganz woanders gezeigt wird (ob unter Drogen oder einfach so), wird einer von ihnen so das Willard ersteinmal in Gefangenschaft landet. Kurtz lässt ihn jedoch wieder laufen und das Ende verrate ich hier mal nicht, vielleicht will noch jemand den Film anschauen
Bild und Ton ----------------- Selten ist mir eine Kameraführung so positiv aufgefallen wie bei Apocalypse Now. Gerade bei Kurtz wird das Spiel aus Licht, Schatten und Nebel sehr eindrucksvoll in Szene gesetzt. Selten werden weite Landschaftsaufnahmen gemacht, wenn jedoch, dann passen sie auch sehr gut in die entsprechende Szene und wirken nicht aufgesetzt. Man fühlt sich auf dem Boot auch optisch nie eingeschränkt, sehr gut. Auch wichtig zu bemerken ist, das der Ekelfaktor des Films trotz vieler Leichen und auch abgeschlagener Köpfe durch die Kameraführung eher verringert als erhöht wird, es gibt eigentlich nie Gewalttaten in Nahaufnahme und wenn sie gezeigt werden, dann auch nur kurz. Der Film hat eigentlich wenige Special Effects zu bieten, Explosionen sind eher wirklichkeitsgetreu (nicht viele Flammen, großes Wumms und Erschütterung). Eine Ausnahme stellt die o.g. Brücke dar, hier leuchtet, kracht und rummst es eigentlich ständig. Den Ton finde ich auch sehr gelungen, einerseits ist die Filmmusik mein Musikgeschmack, anderseits wird auch oft nur mit künstlicher Musik, die an eine elektronische Orgel erinnern, gearbeitet, was dem ganzen eine weitere, surrealistische Note gibt. Sie soll allerdings, das muss man anmerken, auch die fast nicht vorhandene weitere Geräuschkulisse ersetzen. Denn Tiergebrüll und auch Betriebsgeräusche des Bootes sind nicht zu hören. Schauspieler ------------------- Die Bootscrew und Captain Willard bekommen im Film reichlich gelegenheit, ihre Rollen mit Leben zu füllen. Am blassesten bleibt dabei der Bronx-Junge, er stellt so etwas wie das Nesthäkchen dar, einer von denen, die aus Perspektivlosigkeit zur Armee gegangen sind. Chefkoch verkörpert so etwas denjenigen, der völlig unpassend nach Vietnam eingezogen wurde und am liebsten weiter kochen lernen würde. Er entwickelt sich im Film langsam zum Ersatz für den Kapitän, der im Verlaufe des Films stirbt, und besetzt dann am Ende den eher ruhigen, "Normalo"-Part. Chief Phillips ist zwar vielleicht nicht der Chef, aber es ist sein Boot mit dem da gefahren wird und sagt Captain Willard auch mal seine Meinung. Er ist diejenige Figur, die, zusammen mit Willard, am besten in das Szenario Vietnam-Krieg passt und die am wenigsten Klischeehaft (die anderen auch nicht sehr stark) ist. Lance überlebt als einziger der Crew bis zum Ende. Er ist den ganzen Film über irgendwie breit und nicht so ganz bei der Sache. Das steigert sich besonders zum Ende des Films, wo er von Kurtz's Leuten quasi assimiliert wird. Seine Figur stellt wohl diejenigen Soldaten dar, die geistig nie in Vietnam angekommen sind und deshalb auch völlig ungeeignet erscheinen. Captain Willard ist als Hauptfigur besonders im Bilde und gleichzeitig auch die komplexeste Figur. Er schwankt immer zwischen Diensteifer und der Suche nach dem Sinn des Ganzen, hat zuhause alles verloren durch den Krieg (erste Szene)und doch ist sein Dienst als Soldat das einzige, was ihn hält. Colonel Kurtz als wahnsinniger Halbgott kommt meiner Meinung nach ziemlich gut rüber. Er wird nicht als abgrundtief böse und damit völlig abgehoben dargestellt sondern als jemand der tief im Inneren seine Gründe hat, das zu tun was er da tut und seine Methoden und Formen sind zwar wahnsinnig und entrückt, aber gut durchdacht.
Meine Meinung dazu ---------------------------- Apocalypse Now Redux ist nur ein Stück weit ein Vietnam-Film, der Vietnam-Krieg dient zwar als Kulisse für diesen Film, viel mehr aber auch nicht. Das sieht man schon allein daran das keiner der Hauptfiguren ein Vietnamese ist. Es ist ein Antikriegsfilm, der ein paar politische Aussagen zum Vietnam-Krieg und zur Kriegsführung dort zieht. Ich habe schon ein paar Anti-Kriegsfilme gesehen, Paradise Road, Im Westen nichts Neues, Full Metal Jacket. Keiner dieser Filme schafft es jedoch wie Apocalypse Now die Grenze zwischen Gut und Böse so nachhaltig zu verwischen. Es gibt in einem Krieg keine Helden sondern nur Verlierer. Gerade das macht diesen Film so beklemmend und nachdenklich, denn egal in welcher Geschichte, jeder verliert etwas. Am Anfang noch nicht viel, die Jungs der Helikopterstaffel haben wohl etwas Heimweh, sonst gehts aber ganz gut, später bei der Brückenszene möchte man den Soldaten, die da flehend im Wasser stehen, am liebsten die Hand reichen um sie aus diesem Wahnsinn irgendwo anders hinzubringen. Dann, bei Colonel Kurtz wird sowie jedwede bekannte Form gesellschaftlichen Zusammenlebens über Bord geworfen. Militärisches mischt sich mit gesellschaftlichen Ideen, Dialektik mit kunstvoller Rede. Apocalypse Now bringt einen nicht dazu, den Krieg zu verabscheuen weil Menschen sterben sondern weil Menschen diesen Krieg erleben und überleben. Besonders an der Aufmachung von Kurtz's Lager kann man auch die Entwicklung des Wahnsinns klarmachen. Zwischen alten Tempelanlangen, Leichen, selbstgebauten Bambus-Käfigen und Fackeln stehen überall Armee-Equipment herum. Captain Willard wird in einem Armee-Container gefangen gehalten und am Eingang des Camps befindet sich auch noch das Wappen der Einheit. Es unterstreicht noch einmal das es nicht einfach nur irgendwer ist, der da wahnsinnig geworden ist, sondern ein Teil der Streitkräfte, ganz normale Menschen die eine Dienstakte haben und Sold bekommen. Zum Realismus kann ich als ehemaliger Soldat sagen, völlig unrealistisch ist diese Darstellung des Vietnam-Krieges nicht. Ich war zwar 1968 noch lange nicht geboren, aber da steckte die amerikanische Armee in Vietnam schon in ernsten Schwierigkeiten. Und gerade solche Formen wie die Hubschrauber-Staffel und vor allem das Transport-Battalion gibt es wirklich. Mit dem richtigen Draht kann man bei den Transportern vieles organisieren und ich kann mir vorstellen das gerade wenn es im Krieg viele Finanzmittel gibt, die Versorgung dort wirklich gut geht. Ich finde Apocalypse Now ist der beste Film den ich kenne, auf jeden Fall der beste Film, der sich mit Krieg und den Folgen auseinandersetzt. Man sollte ihn sich einmal angucken, aber auch damit Rechnen, hinterher entsetzt oder nachdenklich zu sein, denn am Ende ist gar nicht mehr so klar, ob die Ideen und Ziele der amerikanischen Regierung so viel besser sind als die von Colonel Kurtz. Apocalypse Now vs. Apocalypse Now Redux ------------------------------------------------------------- Apocalpyse Now Redux ist Apocalpyse Now um ein paar Szenen erweitert. Die beiden größten neuen Schauplätze sind einmal das völlig verdreckte Camp mit den Playmates und die französische Plantage. Die Szene mit den Playmates im Hubschrauber fügt sich meines Erachtens nicht so richtig ein und eine wirklich wichtige Bedeutung kommt dem ganzen im Film auch nicht zu da sich die Charaktere so völlig widersprüchlich zum Rest verhalten. Wieso gibt Captain Willard zwei Fässer Diesel weg um sie gegen ein paar Stunden mit den Mädchen zu tauschen wo er sonst immer so zur Eile drängt? Wieso fällt da ein toter Mann aus der Kiste? Die Szene mit der französischen Plantage soll lt. eines anderen Reviews den politischen Hintergrund etwas mehr beleuchten. Es zeigt meiner Meinung aber auch mal wieder welche Tragweite eigentlich so ein Krieg auch für eigentlich unbeteiligte Zivilisten hat und das diese sich damit auch arrangieren müssen. Wer aber Apcocalypse Now schon nicht mochte, braucht sich Redux wegen der neuen Szenen auch nicht angucken.
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02.11.2005 14:17
Toller Bericht zu einem absolut zeitlosem Klassiker. LG Andrea
02.11.2005 09:27
Als den Film das erste mal sah, konnte ich nicht so viel mit anfangen. Erst nach dem Lesen des Buches "Das Herz der Finsternis" das die Vorlage für diesen Film stellt, habe ich ihn mit anderen Augen gesehen.
01.11.2005 23:22
das erinnert mich an alte zeiten... guter bericht lg