Apocalypse Now

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The Horror! The Horror!

5  29.09.2004

Pro:
Meisterwerk, siehe Bericht

Kontra:
nichts

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Humor

Spannung

Anspruch

Action:

Romantik:

mehr


LennyVanDohlen

Über sich:

Mitglied seit:28.09.2004

Erfahrungsberichte:4

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 39 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

1. "Apocalypse Now!" als Unikat
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"Apocalypse Now!" ist nicht einfach ein Antikriegsfilm, und dennoch ist es der Film, der mir den Wahnsinn des Krieges am besten verdeutlichen kann. Wenn ich an Oliver Stones mauen "Platoon" oder an Kubriks Totalausfall "Full Metal Jacket" denke, erinnere ich mich daran, daß mich diese Filme seltsam unberührt zurückließen. Sicher, sie waren zornig, blutig und technisch perfekt, aber dennoch vermochten sie nicht, mich unter die Oberfläche des Schreckens blicken zu lassen, ja, sie schienen mir sogar unangemessen eindimensional. Später kam dann "Saving Private Ryan", und obwohl (oder gerade weil) er die Invasion am D-Day enorm plastisch und aus realistischen Perspektiven zeigte, fühlte ich mich stets geborgen in der technischen Perfektion, die Spielberg nun einmal seit jeher gepachtet hat. Auch wenn es nicht beabsichtigt war: Gerade das Streben nach einem vollkommenen Realismus führte in meinem Fall dazu, daß ich mir in jedem Moment bewußt war, ein Kunstprodukt vor Augen zu haben. Über den weiteren Verlauf von "Private Ryan" komme ich später noch zu sprechen, aber Tatsache bleibt, daß ich auch in diesem Fall das Kino sonderbar unberührt verließ.

2. Joseph Conrads Romanvorlage "Heart Of Darkness" und Coppolas Umsetzung
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Franics Ford Coppolas Idee, Joseph Conrads "Heart Of Darkness" aus dem Afrika der Kolonialzeit ins Vietnam zur Kriegszeit zu verlegen, war die erste Idee, die man gut und gern als genial bezeichnen kann. Wenige Regisseure sind in der Lage dazu, eine Literaturvorlage sinnvoll umzusetzen; sie auch noch zu interpretieren und dabei in einen zeitgemäßen Kontext setzen zu können, das ist ein Privileg, welches höchstens einer handvoll Leuten zu eigen ist.
In Conrads Roman wird der Brite Marlow von einem belgischen Handelsunternehmen mit dem Auftrag versehen, zum Kongo zu reisen, um in einer abgelegenen Handelsstation nach dem Rechten zu sehen: Der Leiter der Station, Kurtz, offenbar ein höchst talentierter Mann, ist den Unternehmern ein Dorn im Auge, weil er sich seit geraumer Zeit nicht mehr an vorggebene Regeln hält und den Kontakt zu seinen Bossen vollkommen eingestellt hat. Ohne zu wissen, was ihn erwartet, tritt Marlow seine Reise in das "Herz der Finsternis" an, als welches sich ihm das Afrika der Kolonialzeit darbietet: Eine Hölle aus Verschwendung, Wahnsinn und sinnloser Gewalt, in der niemad zu wissen scheint, welches Ziel er mit seiner Arbeit verfolgt. Ratlos und verstört, beginnt Marlow zu hoffen, daß Kurz, den er mittlerweile anhand von Zeitungsartikeln und Tagebüchern kennen und schätzen gelernt hat, ihm eine Antwort auf seine Fragen geben kann. Als er jedoch die "Innere Station" erreicht und Kurz kennenlernt, findet er stattdessen nur weitere Ungeheuerlichkeiten vor.

Coppola hat, wie bereits erwähnt, diese Odyssee in den Vietnamkrieg verlegt, und einen besseren Weg zu demonstrieren, wie zeitlos Conrads Roman über die Abgründe der menschlichen Seele ist, hätte er nicht finden können. Die Hauptfigur heißt nun Marlowe (Martin Sheen), und Kurtz (Marlon Brando) ist ein amerikanischer Colonel, der sich an einem Flußufer in Kambodja verschanzt und als eine Art Gottheit unter den Einheimischen installiert hat. Ansonsten ist Coppola der Romanvorlage jedoch sehr treu geblieben, wenn auch auf einer weitaus weniger oberflächlichen Ebene, als man es erwarten könnte: Er folgt nämlich eher dem psychologischen Tempo des Romans, als daß er bloße Ereignisse rekonstruiert, und findet für Conrads Metaphorik der Ratlosigkeit und des Wahnsinns erstaunliche Korrelate: Die Szene, in der ein amerikanischer Captain einen Strand freischießen läßt, während aus den todbringenden Kampfhubschraubern der "Ritt der Walküren" dröhnt, dürfte eine der berühmtesten der Filmgeschichte sein. Besonders pervers erscheint dieser Luftangriff, weil der Captain ihn hautsächlich vornimmt, um ungestört surfen zu können. In einer anderen Szene werden wir Zeuge einer nächtlichen Playboy-Show, die zur Steigerung der Moral unter den G.I.s iniziiert wird. Die Models werden mit einem schwarzen Helikopter eingeflogen, machen einen kurzen Walk und werden schnell wieder entfernt, als die G.I.s aufgrund der Mädchen außer Kontrolle geraten. Bei solchen Szenen wird ein sensibler Betrachter sich in fassungslosem Staunen daran erinnern müssen, daß er einem Film über den Krieg beiwohnt. "Das ist doch Wahnsinn!", wird er denken, und genau das ist der Punkt, der "Apocalypse Now!" so besonders macht. Der Wahnsinn, den Krieg bedeutet, wird so deutlich wie in sonst keinem Film; es ist der Wahnsinn, den Conrad in seiner Romanvorlage so treffend zu Papier gebracht hat.

Es ist absolut unumgänglich, den Roman zu lesen, will man den Film wirklich verstehen.

3. The Horror! The Horror!
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Das Herz der Finsternis ist kein geographischer Ort. Diese Botschaft aus Conrads Roman hat Francis Ford Coppola verinnerlicht. Es ist nicht an einen Punkt auf dem Globus gebunden, sondern erscheint stets dort, wo jegliche menschliche Bindung an Moral und Ratio sich auflöst. Im Krieg ist das natürlich am häufigsten der Fall. Kaum ein Mensch kann dem Grauen über längere Zeit ins Auge sehen, ohne daß es ihn irgendwann überwältigt und in den Wahnsinn treibt. Spielbergs "Saving Private Ryan" zum Beispiel erzählt von der Ausnahme: Trotz des Grauens erhalten sich die Gutmenschen (Amerikaner, natürlich) ihre Würde und Menschlichkeit, der Kriegsschauplatz wird zum Feld der Ehre. So schön und gut es ist, eine positive Geschichte im Krieg zu erzählen, so wenig sagt uns dies über das Wesen des Krieges. Finden wir uns in "Private Ryan" in einem zwar furchtbaren, aber dennoch geordneten System wieder, in dem Dinge planbar und durchführbar sind, herrscht in "Apocalyse Now!" die pure Entropie. Nichts hier scheint Sinn zu machen, die Bilder wirken wie Eindrücke aus schiefgelaufenen LSD-Trips (tatsächlich beschreibt der Film auch einen solchen), unzusammenhängend und ziellos. In einem solchen System ist es schier unmöglich, seine Menschlichkeit zu bewahren, und selbst der Bezugspunkt Marlowe verliert die seine spätestens, als er ein verwundetes Mädchen erschießt, um die Reise nicht zwecks eines Umweges in ein Krankenhaus unterbrechen zu müssen. Er versucht dadurch, einen Plan durchzuführen, dem Grauen einen Sinn zu geben, mit dem Ergebnis, daß er selbst Teil dieses Grauens wird.

Die äußerst informative Dokumentation zu den Dreharbeiten, "Heart of Darkness", zeigt sehr anschaulich, daß das Herz der Finsternis nicht nur auf der Leinwand, sondern auch hinter der Kamera zugegen war: Martin Sheen erlitt mehrere Nervenzusammenbrüche, Brando verschanzte sich wie Colonel Kurtz und weigerte sich, Regieanweisungen zu gehorchen, Dennis Hopper (in einer kleinen, aber sehr wichtigen Rolle) kam als völliges Drogenwrack ans Set und war kaum dazu fähig, seine Rolle zu spielen. Das Projekt drohte mehrfach zu scheitern, aber irgendeine Triebkraft hielt dann doch alles bis zum Ende zusammen. Ein Großteil der enormen Wirkung von "Apocalypse Now!" rührt sicher daher, daß es zwischen dem Inhalt des Films und seinen Produktionsbedingungen einen so deutlichen Zusammenhang gab.

4. Warum dieser Film so unendlich wertvoll ist
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Die jüngsten Entwicklungen im Irak und die damit verbundene weltweite Krise zeigen wiederum sehr deutlich, daß sich seit Conrads "Herz der Finsternis" wenig geändert hat. Die Folterungen durch amerikanische G.I.s beispielsweise, so schändlich sie auch sein mögen, kann man sich ungleich leichter erklären, wenn man bedenkt, daß diese Menschen selbst tagtäglich dem Wahnsinn ausgeliefert sind. Es ist einfach zu viel von der menschlichen Psyche verlangt, einer ständigen Todesangst ausgesetzt zu sein, irgendwann wird sie darüber zusammenbrechen. Wenn die geregelte Gesellschaft, die wir gewohnt sind, durch ein gewalttätiges Chaos ersetzt wird, sind wir nicht mehr in der Lage, rational zu handeln. Wenn es ein Film jemals geschafft hat, uns diese Wahrheit nahezubringen, dann ist es "Apocalypse Now!".

5. Credits
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Marlon Brando .... Col. Walter E. Kurtz
Martin Sheen .... Capt. Benjamin L. Willard
Robert Duvall .... Lt. Col. Bill Kilgore
Frederic Forrest .... Jay 'Chef' Hicks
Sam Bottoms .... Lance B. Johnson
Albert Hall .... Chief Phillips
Laurence Fishburne .... Tyrone 'Clean' Miller
Dennis Hopper .... Fotojournalist

Drehbuch: Francis Ford Coppola und John Milius
Regie: Francis Ford Coppola

Laufzeit: 152 min. (Redux-Fassung: 202 min.)

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Milsch

Milsch

01.10.2004 13:44

Ein äusserst brillianter Filmbericht, der ein tiefes Verständnis des Werkes offenbart. Dennoch möchte ich zumindest der Wertung von "Full Metal Jacket" als Totalausfall widersprechen, wohlwissend, dass der Film äusserst streitbar ist. "Apocalypse Now" bewegt sich natürlich schon vom Ansatz her auf einer völlig anderen Ebene.

ZordanBodiak

ZordanBodiak

30.09.2004 14:12

Ich möchte mal Einspruch erheben. Zwar nicht gegen die "Apocalypse now"-Qualität, denn die ist wirklich verdammt hoch - aber dafür gegen das "Niedermachen" von "Platoon" und "Full Metal Jacket". Beide gehen anders an die Thematisierung des Krieges heran [wobei ich so oder so "Apocalypse now" eher als Fahrt in die Abgründe der menschlichen Psyche bezeichnen würde!] - und sind in dieser Hinsicht schlichtweg grandios. Kubrick, der den Bruch des menschlichen Denkens [hinsichtlich der Rekruten] vor allem in seiner ersten Hälfte famos präsentiert - oder Stone, der einfach "nur" die Grausamkeit des Krieges an der Person des Chris Taylors festmacht und dessen Albtraum visualisiert. Für mich persönlich sind alle drei Filme herausragend und einige der wenigen, die in Sachen (Anti-)Kriegsfilm wirklich brauchbar sind [gerade Spielbergs "Saving Private Ryan" hat abgesehen von der erschreckenden Eröffnungssequenz nichts zu bieten außer stumpfen Pathos!]........ carpe diem - JENS, dessen Wertung für sich spricht!

larshermanns

larshermanns

30.09.2004 10:52

Ehre, wem Ehre gebührt! =O=O= Liebe Grüße, Lars :o)

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