Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Relativ sicherer Arbeitsplatz, man steht ständig in der Zeitung |
| Kontra: |
Man kann sich nur unauffällige Farben für die tägliche Neulackierung des Bentley leisten . |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
|
Nach meiner triumphalen, aufsehenerregenen Rückkehr auf die immer noch verfilzte Ciao-Bühne stellte ich neulich überrascht fest, dass nach Eingabe meines Arbeitgebers tatsächlich eine Kategorie vorhanden ist. Der liebe Gott (wahlweise: Beelzebub, Odin oder Die Deutsche Eiche) erschafft diese Kategorien jedoch ausschließlich, um sie mit Leben zu füllen. Ich habe meine Bestimmung gefunden.
Arbeiten bei der Max-Planck-Gesellschaft. Es dürstet mich nach dem Wissen, warum man über so etwas einen Bericht schreiben soll. Ich habe bereits einen Text zu meinem Beruf verfasst, den ich ausübe. Was kommt jetzt hier rein, was DORT nicht hingehört?
Am Ende ist es gar so, dass man denkt, einen Arbeitsplatz von der MPG zu bekommen, sei etwas Besonderes, Elitäres. Nun, aus einem gewissen Blickwinkel aus mag das stimmen. Aus einem anderen, genaueren Blickwinkel heraus jedoch ist das falsch. Klingt komisch, ist aber so.
"Praktika & Berufseinstieg" steht da oben. Nun gut, ich möchte Euch also berichten, was die MPG ist, wie ich dazu gekommen bin, dort zu arbeiten (das ist das mit dem Einstieg) und wie es dort so ist.
Die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) wird nicht von der öffentlichen Hand genährt. Sie ist formell ein eingetragener Verein, der es sich zum Ziele gesetzt hat, die wissenschaftliche Forschung zu unterstützen. Oder, etwas hochtrabender formuliert, ein "Schrittmacher der Forschung" zu sein. Darum liest man in seiner aktuellen Tageszeitungen oder in populärwissenschaftlichen Magazinen wie der ungemein famosen P.M. auch andauernd von Max-Planck-INSTITUTEN. Wir MPG-Mitarbeiter nennen diese kurz, Ihr glaubt es kaum, MPIs. Es gibt derer eine Vielzahl in Deutschland, und jedes forscht in einem anderen Fachbereich. So gibt es MPIs für maritime Mikrobiologie, für Quantenoptik oder auch Bildungsforschung.
Allgemeine Daten und Fakten findet der geneigte und dankbare Leser am Ende dieses Berichtes.
Was also kann ich über die MPG als Arbeitgeber berichten?
Nun, zumindest die Arbeitnehmersuche läuft bei der MPG genauso ab, wie bei allen anderen Betrieben. Das bedeutet, eine offene Stelle wird intern ausgeschrieben, aber auch öffentlich, z.B. bei der Bundesagentur für Arbeit (BfA). Das ist die, wo früher Arbeitsamt hieß. Geändert hat sich da nur der Name, an Wirkung und Amtsschimmel ist alles gleich geblieben.
Auf der rasend schnellen Homepage der BfA kann man praktischerweise nach Stellenausschreibungen suchen, sogar gefiltert nach der Tätigkeit, die man ausüben möchte. Als ich also in den letzten Stunden meiner dreijährigen Ausbildung lag, ging ich den widerlich konservativen Weg über das Arbeitsamt. Ich entdeckte bei der BfA tatsächlich eine Stellenausschreibung, die passte.
Gesucht wurde ein Fachangestellter für Medien- und Informationsdienste (kurz: FAMI) für die Fachrichtung Bibliothek. Bion, genau DAS hatte ich gerade gelernt. Genauer gesagt stand ich kurz vor meiner Abschlussprüfung dazumal, 2003.
Überdurchschnittlich begabte Leser werden es schon bemerkt haben, ich bin nicht in der Wissenschaft tätig. Ich bin kein hochbezahlter Forscher, der jahrelang studiert hat. Nein, das MPI für Ausländisches und Internationales Privatrecht in Hamburg suchte vielmehr einen Mitarbeiter für ihre Bibliothek. Konsequenterweise handelt es sich hierbei um eine Wissenschaftliche Bibliothek (WB), die sich gehörig von der Öffentlichen Bibliothek (ÖB) unterscheidet, in welcher ich ausgebildet wurde.
Gesucht wurde also ein FAMI, vorerst befristet auf einige Monate, wegen Schwangerschaftsvertretung, dafür aber Vollzeit. Das ist gut, weil, bringt Schotter in das gähnende Portmonee. Ich würde zwar zwischen Bremen, wo ich lebe und Hamburg, wo ich arbeiten würde, pendeln müssen, aber für ein paar Monate kann man das ja mal machen. Hauptsache, man hat erst mal was, zahlt in die Rentenkasse ein (um irgendwann, in ferner Zukunft, nach Hartz 14 sowieso nichts wiederzubekommen), und überhaupt macht sich das ja gut im Lebenslauf.
Offen gesagt habe ich nicht ernsthaft damit gerechnet, die Stelle zu bekommen. Max Planck, das klang für mich wie was Außerirdisches, Mythisches, was auf dem Neptun irgendwas Hochkompliziertes macht, was ein OttonormalFAMI wie ich soweso nie verstehen würde. Aber getreu dem altgedienten und immer wieder stimmenden Motto "Scheiß drauf" schrob ich trotzdem eine Bewerbung und schickte diese mit der Gelben Post nach Hamburg.
Ihr werdet es kaum glauben, einige Tage später hatte ich tatsächlich Post von Max. Allerdings kein unheilvoller, großer brauner Umschlag mit meiner Bewerbungsmappe darin, sondern eine Mail in meinem Eudora, in der mich die Verwaltung des MPI zu einem Gespräch einlud. Um der Euphorie einen ersten Dämpfer zu verpassen, es handelte sich tatsächlich um eine stinknormale E-Mail, wie sie jeder verschicken kann. Nichts Hochqualifiziertes, was nur Max drauf hat. Es machte sich eine erste Ahnung in mir breit, dass auch Herr Planck mit dem gleichen Wasser kocht wie Josef Jedermann und Susi Schneckenschiss.
Was ein echter Deutscher Nörgler ist, treibt natürlich die Kosten für die Bewerbung bzw. das dazugehörende Gespräch beim Arbeitsamt ein. So trabte ich fohen Mutes mit meiner Blankobahnfahrkarte von Bremen nach Hamburg wenig später nach Hause.
Kurz darauf sammelte die MPG erste Pluspunkte bei mir. Die stellvertretende Bibliotheksdirektiorin rief mich persönlich zu Hause an, um mir Tipps zu geben, wie ich zum Institut finden würde. Wow, dachte ich, die kümmern sich ja rührend um die Bewerber. Wie gut muss es erst den Angestellten gehen? Kaffee satt und gratis? Pay-TV 24/7 und gratis? Blowjobs in der Mittagspause und gratis? Meine Fantasien kannten keine Grenzen…
Vor das Paradies hat Zeus jedoch das Bewerbungsgespräch gesetzt. Naturgemäß war ich im Vorfeld ziemlich nervös, was sich bei mir stets in einer übermäßig hohen Aktivität des Enddarms äußert. Mit anderen Worten, ich hätte alle zehn Minuten auf den Topf gehen können.
Stattdessen fand ich nach kurzer Suche das Gebäude, in dem das MPI beheimatet war. In meiner Vorstellung war es größer als der Reichstag, pompöser als Versailles und strahlender als Gorleben, mit mindestens zwei Pförtnern und einer hocherotischen Empfangsdame in einer marmornen Halle, die einem zur Begrüßung mit Kornblumenaugen zuklimpert. Nichts davon traf zu.
Das kleine unscheinbare Gebäude lugte scheu hinter einer riesigen Platane hervor, und selbst der nebenan gelegene Parkplatz wies nicht nur Lamborghinis und Bugattis, sondern vielmehr Ford Kas und Daimler-A Klassen auf.
Die Empfangsdame war kurz vor der Rente (mittlerweile ist sie schon drin, sie bekommt nämlich noch welche) und bat mich höflich aber bestimmt, doch eben zehn Minuten Platz zu nehmen. Ich lümmelte mich in eine abgegrabbelte Ledercouch und konzentrierte mich darauf, mein gestriges Abendessen im Innern zu halten.
Kurz darauf holte mich schon der Bibliotheksdirektor zum Gespräch ab. Ein wirklich guter Mann (ohne Ironie), und genauso, wie ich mir den Direktor einer WB schon immer vorgestellt habe.
Ich erwartete, kilometerweit durch Säulenpalaise wandern zu müssen, aber wir schritten flott durch diverse Baustellen zum Folterraum. Ja, es wurde nämlich gerade umgebaut am Institut.
Angekommen, lief das Gespräch ab, wie so ein Gespräch eben abläuft. Man erzählt was über sich, man beantwortet Fragen, man gibt sich lässig, obwohl der Blutdruck jede Skala sprengen würde. Daran änderte auch nichts die wirklich freundliche Haltung meiner zukünftigen Arbeitgeber *schleim*.
Nach etwa 15 Minuten führte mich meine spätere direkte Vorgesetzte noch herum, damit ich mir meinen zukünftigen Arbeitsplatz, der momentan nur aus Baustellen bestand, anschauen konnte.
Alles sehr viel kleiner und gewöhnlicher, als ich mir das ausgemalt hatte.
Ich fuhr auf Kosten des Staates nach Hause und war keiner guten Dinge, denn meines Ermessens war die Talkrunde viel zu kurz gewesen. Keine Tests, keine versteckten Fallen, nur ein gewöhnliches Gespräch unter gebildeten Menschen. Und mir.
Meiner Unkerei zum Trotze ließ es sich das Institut nicht nehmen, mich unter knapp 100 Bewerbern auszuwählen. Mich, den Berufsanfänger, der keinerlei Ahnung von der Juristerei hat. Selbstjauchzend war ich bester Laune und ließ die (Kron-)korken knallen. Der Wahnsinn, ICH, ganz normaler Leut, nicht der cleverste Typ auf der Welt, aber auch nicht der dümmste, würde bei einem Max-Planck-Institut mein Geld verdienen. Befristet zwar, aber wen juckt's, wenn danach in meinem Lebenlauf steht: Max Planck. Ich dachte nur daran, dass das meine Chancen auf eine Einstellung irgendwo anders beträchtlich erhöhen würde.
Dass mir Umfeld und Kollegen sehr viel weniger elitär vorkamen als vorher, störte mich nicht im Geringsten.
Um es vorweg zu nehmen: Natürlich haben MPIs aufgrund ihrer Reputation ausschließlich hochqualifizerte Kräfte in der Beschäftigung. Dies gilt zumindest für den wissenschaftlichen Bereich. Ich habe auch heute nur wenig mehr Ahnung von "Recht", aber man sieht an diversen Indikatoren, dass die Forscher hier im Haus teils wirklich international hoch angesehene Juristen sind, die mehrere Bücher veröffentlich(t)en und teils auch als Koryphäen auf ihrem Gebiet gelten.
Es gibt dann noch den nicht-wissenschaftlichen Bereich, also z.B. die Verwaltung, oder eben die Bibliotheksmitarbeiter. Auch hier bekommen MPIs eine Vielzahl an Bewerbungen und haben demnach quasi die freie Auswahl. Und es werden natürlich meist die herausgepickt, die auf dem Papier die Schlüsselqualifikationen mitbringen. Das stinkt jetzt verdächtig nach Eigenlob. Wie gesagt, ich kam ganz grün aus der Aubildung, und meine Noten sind auch nicht schlecht. Aber ich schätze, es waren noch Bessere als ich dabei. Ich behaupte, meine Trümpfe waren meine Bewerbung und mein Auftreten beim Gespräch.
So, genug in der eigenen Glorie gesonnt. Im nichtwissenschaftlichen Bereich ist es so, dass die Kräfte auf dem Papier zwar bestens geeignet sind, aber menschlich doch teils Problemfälle auftreten. Zerstört also die Illusion, dass hier ausschließlich elitäre Spitzenkräfte am Werk sind. Die wischen sich den Arsch mit dem gleichen Klopapier ab wie Du und ich auch.
Kommen wir nun zum Knusus Knaxus: Das Geld. Pinkepinke.
Ich erwähnte eingangs, dass die MPG ein Verein ist und nicht dem Öffentlichen Dienst angehört. Jedoch, es werden die Tarifrechte des Öffentlichen Diensts analog angewandt. Das bedeutet, auch bei der MPG wird man nach dem Bundesangestelltentarif bezahlt, dem BAT. Komplizierterweise haben sich Bund und Gewerkschaft (die berüchtigte ver.di) gerade auf eine umfassende Reform geeinigt. Ab 1 Oktober heißt die ganze Pampe dann Tarifrecht für den Öffentlichen Dienst (TvÖD). Ändert aber nichts daran, dass die Gelder überall mehr als klamm sind und somit der Verdienst von unsereiner nur eine Richtung kennt. Ich muss nicht erwähnen, welche.
Urlaubsgeld? Is nich. Weihnachtsgeld? Ja, früher mal. 13. Monatsgehalt, was soll das sein?
Neenee, künftig 39 Stunden Wochenarbeitszeit sind angesagt, ohne Lohnausgleich versteht sich. Feiertage auf Wiedersehen, hallo Sozialversicherungsbeiträge.
Mit einfacheren Worten: Der Verdienst ist genauso beschissen wie überall im Öffentlichen Dienst. Nur weil der Arbeitgeber einen hervorragenden Ruf hat, auch international, ist noch lange kein Geld für Personal da. Für schickes Interiereur ja, für Sanitärarmaturen von Grohe, ja. Aber für Personal? Vergiss es. Es reicht zum Überleben.
Was die "Betreuung" seitens der Verwaltung angeht, ist man stark auf den Ansprechpartner angewiesen. Bei Problemen mit der Lohnsteuerkarte oder der Berechnung der Urlaubstage gibt es hier Menschen, die sich sofort an den Telefonapparat setzen und den Hörer nicht wieder aus der Hand legen, bis Dein Problem gelöst ist. Die zanken sich tagelang mit der trägen Generalverwaltung in München, wenn es sein muss. Es gibt aber auch Leute, die schicken Dich mit dem müden Hinweis weg, dass sie sich "mal drum kümmern" würden. Da hört man schon mal tagelang nichts, und auf Nachfrage wird der Antrag aus der Wiedervorlage gekramt mit der Bemerkung, "achstimmtja, das wollte ich ja auch noch…" usf.
Ergo: Auch hier zeichnet sich die MPG weder besonders aus, noch hinkt sie hinterher im Vergleich mit anderen Arbeitgebern.
Wo sie sich Mühe gibt, das sind Rahmenverträge mit Privatversicherern. So gibt es eine Auswahl an privaten Rentenversicherungen, die spezielle Konditionen für MPG-Mitarbeiter bieten, sowie eine Handvoll anderer Angebote. Mein Bedarf dahingehend ist gedeckt, daher für mich weniger interessant. Aber, möglich ist's.
Im Übrigen wurde aus dem befristeten Vertrag bald ein unbefristeter. Man ließ immer wieder durchblicken, dass eine dauerhafte Einstellung durchaus erwünscht und angestrebt sei. Allerdings dauerte es bis kurz vor Ablauf meines Vertrages, bis das Ding auch wirklich gewuppt wurde, und ich musste so einige Male ein paar Bemerkungen fallen lassen. Da war ich lange Zeit im Ungewissen, empfand ich nicht als angenehm, nein, nein. Aber das Wichtigste: Für meinen Lebensunterhalt ist langfristig erstmal gesorgt. Zwar muss aufgrund der knappen Finanzlage in diesem unserem schönen Land auch die MPG das eine oder andere Institut schließen, aber viele MPIs sind relativ sicher davor, weil sie in Europa wirklich eine Vorreiterstellung bekleiden. Ergo: Der Arbeitsplatz sollte sicher sein. Es sei denn, ich scheiße meinem Chef auf den Schreibtisch oder verfasse Berichte mit politisch nicht korrekten Begriffen bei einer öffentlichen Internet-Verbraucher-Plattform.
Alles in allem kann ich guten Gewissens behaupten, dass das Arbeiten für die MPG weder gravierende Vor- noch Nachteile aufzuweisen hat. Es gibt die gleichen Probleme wie bei "normalen" Arbeitgebern auch. Wenn man jemandem erzählt, dass man in einem MPI arbeitet, sind die meisten recht beeindruckt, was mancheiner vielleicht nett finden würde. Der kann sich im firmeneigenen Fanshop dann auch gleich Krawatten, Basecaps und Polohemden mit dem Logo der MPG (der sog. Minerva) kaufen und damit draußen rumlaufen. Vielleicht wird er dann ja mal ins Fernsehen zu Vera am Mittag oder zu Pleiten, Pech und Pannen…
Hier noch die versprochenen Daten, die eh keiner liest:
www.mpg.de
www.mpipriv-hh.mpg.de (das ist "meins")
Forschungsinstitute: 78
Mitarbeiter: ca. 12.200
davon Wissenschaftler: ca. 4.100
Jahresetat 2005: 1332 Mio. EUR (geht fast alles für mein Jahresgehalt drauf, brutto)