Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Eine sehr gelungene Analyse des armen Menschen |
| Kontra: |
ist nicht so der Gute - Laune - Roman |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Liebe Leser!
Heute will ich mich mit Dostojewski´s Erstwerk befassen, "Arme Leute" ( russisch: Bednye ljudi ). Es ist eines der 2 Werke, die vor Dostojewski´s 4jähriger Lagerhaft in Tomsk entstanden sind, nämlich im Jahr 1846. Dieses Werk zeigt einen Schriftsteller Dostojewski, der von den vielen Schicksalsschlägen, von denen sein Leben durchzogen war, noch fast unbehelligt ist. Man sagt von ihm immer, dass er zuerst ein Atheist gewesen sei, der sich während seiner Lagerhaft den christlichen Glauben und aus diesem wiederum diesen konsequenten und teils radikalen Humanismus zugelegt hat, der in seinen Werken zu finden ist. Ferner sagt man, dass "Arme Leute" noch sehr an Gogols intensiven Darstellungen der Armut angelehnt sei und einen Dostojewski zeige, der sich noch nicht wirklich selbst gefunden habe und so noch nicht emanzipiert war, was dann im nächsten Werk "Der Doppelgänger" anders wurde. Warum ich das für falsch halte, werde ich nachfolgend behandeln, jetzt erst mal die Geschichte.
I. Die Geschichte
Die Geschichte besteht aus einem Briefwechsel, der zwischen dem Titularrat ( schon erstaunlich, wie viele Titularräte es in Dostojewski´s Romanen gibt ) namens Makar Djewuschkin und der Näherin Warwara Dobrisiolowa stattfindet. Sie leben in den Armutsvierteln von Sankt Petersburg und sind weitläufig miteinander verwandt. Die Briefe behandeln ihren mehr als bitteren Alltag, in dem sie eigentlich ums nackte Überleben kämpfen, aber dies immer voreinander verbergen und sich gegenseitig Mut zu machen versuchen. Dwujeschin opfert sich ungeheuer auf, er liebt die Näherin, welche ungleich jünger ist als er, von ganzem Herzen, und er überhäuft sie mit Geschenken, weswegen er sich kaum das Lebensnotwendigste leisten kann. Sie treffen sich manchmal und gehen ins Theater oder spazieren, aber nur ausgesprochen selten, so dass die Zeit geradezu lückenlos von Briefen abgedeckt ist. Zwischendurch schickt die Näherin Dwujeschin eine Art Tagebuch, damit er von ihrer Vergangenheit erfahren kann, die ihr zu bitter ist, um sie selbst zu berichten.
Die ganze Geschichte dreht sich um eben das, was der Titel aussagt, nämlich um die Armut und ihre Auswirkung auf die Menschen, was im Titel bestens illustriert ist.
Schließlich aber deutet sich ein Wechsel an, es wird der Näherin bekannt, wie schwer es für Dwujeschkin ist, das nötige Geld aufzubringen, sie verweigert sich seinen Zuwendungen, weil sie ihn nicht ins Unglück stürzen will und plant bei einer reichen Familie als Kindermädchen anzufangen. Er ergibt sich immer mehr dem Trunk und es deutet sich eine Spaltung an.Schließlich heiratet sie einen Mann, der sie früher sehr schlecht behandelt hat und der Roman findet sein bitteres Ende, das Dewuschkin einsam und verzweifelt zurück lässt.
II. Beurteilung
Es ist in meinen Augen absolut kein Wunder, dass dieses Werk Dostojewski über Nacht zu einer Berühmtheit machte. Es ist der Anfang einer Art der Literatur, die mit so viel psychologischem Feinsinn geschrieben wird, dass man hier kaum glauben kann, dass Dostojewski das mit gerade mal 25 Jahren zu Papier bringen konnte, der Menschenkenner lag ihm definitiv im Blute und ist nicht ausschließlich während seiner Lagerhaft in Tomsk entstanden. Man steht hier vor einem Psychogramm des armen Russen schlechthin, Dostojewski hat erstens 2 ausgesprochen glaubhafte und plastische Persönlichkeiten konstruiert, deren in Briefen wiedergegebene Gedankengänge einfach wunderbar menschlich und nachvollziehbar sind. Es wird hier das dargestellt, was Dostojewski immer begeistert unter der schlichten, ehrenhaften, typisch russischen Seele verstanden hat, die aus der Armut erwachsenden Ideale. Es wird schonungslos dargestellt, wie der Mensch in der Armut auch geistig verarmt, wie er immer mehr verzweifelt, wie er leidet unter seiner gesellschaftlichen Position, wie er seine Fähigkeiten sehenden Auges versiegen sieht, mit einem Wort, es kann einem die Tränen in die Augen treiben. Schon die Art Dostojewskis, das zu beschreiben, zeigt, dass er schon immer diesen Menschen sehr zugetan war, dass er schon sehr früh zu dem Humanisten Dostojewski wurde und nicht über Nacht wegen der widrigen Umstände seines Lebens.
Das Buch zeigt in einer ungeheuren Plastizität, wie der Teufelskreis der Armut in die geistige Labilität nahtlos übergreift und wie sich diese beiden Phänomene ergänzen und gegenseitig verstärken, wie man es noch heute in den psychoanalytischen Theorien lesen kann, ein weiteres psychologisches Meisterstück eines sehr jungen Künstlers, der einer der ganz grossen wurde und es damals schon war.
Die Sprache in diesem Buch ist wirklich schon sehr ausgereift, Dostojewski hat einfach einen wundervollen literarischen Stil, geistreich und ungeheuer scharfsinnig, ein bisschen blumiger geschrieben als "Der Doppelgänger", den ich irrtümlicherweise für ein frühes uns so schlichtes Werk hielt, aber die Nummer eins zeigt, dass ich mich geirrt habe. Die Anlehnung an Gogol ist lediglich thematisch, Gogols Ironie wird man vergeblich suchen, das Werk hat schon eher den Charakter einer Studie. Durch seine verhältnismässige Kürze ist das Buch auch schon als Einstiegsroman geeignet und er ist sehr kurzweilig, da er nur ein Jahr abdeckt und die Ereignisse Schlag auf Schlag kommen.
Letztendlich vergebe ich 5 Sterne für ein meisterhaftes Debutwerk und eine Kaufempfehlung.
III. Allgemeines
Arme Leute
Roman
Aus dem Russischen von Hermann Röhl
Erschienen: 27.10.1997
Insel-Taschenbuch 2146
175 Seiten, Broschur
Neupreis Euro 7,00
(ISBN 3-458-33846-2)
Antiquarisch ist das Buch allerdings nicht nur billiger sondern auch schöner zu haben.
| weitere Erfahrungsberichte |
Hartz IV
Bewertung für Arme Leute / F.M. Dostojewski von
SVoigt2000
Pro: Sehr gute Charakteresierung und Psychostudie, Armut ist ein interessantes und immer aktuelles Thema, eindringliche Schilderung
Kontra: Nahezu 100 Seiten, bis es "los geht"...
Armut ist ein aktuelles Thema: Wir denken bei dem Wort an sterbende, hungernde Kinder in Afrika, an Flüchtlingsströme in Somalia, aber auch an Suppenküchen mitten in Deutschland, an viele Hartz-4-Empfänger, Arbeitslose, an die Diskussion um das Prekariat ...
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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als sehr hilfreich |
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sehr hilfreich
04.01.2007
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Arme Leute - unbedingt lesenswert
Bewertung für Arme Leute / F.M. Dostojewski von
HelenaB
Pro: s.o.
Kontra: s.o.
Arme Leute war der erste Roman von F.M. Dostojewski der ihn auch auf einen Schlag berühmt machte.
Es ist ein Briefroman. Die Näherin Varenka und der Amtsschreiber Makar schreiben sich gegenseitig Briefe.
Beide sind sehr arm, trotzdem macht der etwas ält ...
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Ciao Mitglieder bewerteten diesen Erfahrungsbericht insgesamt als hilfreich |
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hilfreich
14.10.2000
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