Hartz IV

4  04.01.2007

Pro:
Sehr gute Charakteresierung und Psychostudie, Armut ist ein interessantes und immer aktuelles Thema, eindringliche Schilderung

Kontra:
Nahezu 100 Seiten, bis es "los geht" .  .  .

Empfehlenswert: Ja 

SVoigt2000

Über sich: "Die Tat ist alles, nichts der Ruhm", Goethe "Faust"

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Armut ist ein aktuelles Thema: Wir denken bei dem Wort an sterbende, hungernde Kinder in Afrika, an Flüchtlingsströme in Somalia, aber auch an Suppenküchen mitten in Deutschland, an viele Hartz-4-Empfänger, Arbeitslose, an die Diskussion um das Prekariat und so weiter. Die Diskussion um Armut und deren Auswirkungen ist allerdings schon älter, denn bereits im Jahre 1846 erschien in Russland der Briefroman "Arme Leute", der den damals gerade 24-jährigen Fjodor Michailowitsch Dostojewski über Nacht bekannt machte und der von der Kritik hoch gelobt wurde.

Mit seinen gerade einmal 24 Jahren schildert Dostojewski auf 176 Seiten, wie sich die materielle Armut auf das Wesen und die Psyche eines Menschen auswirkt und geht dabei beeindruckend präzise, nachvollziehbar, eindringlich und erschütternd vor.

Dostojewski stellt die Armut anhand von Makar Alexejewitsch, einem kleinen Beamten im Petersburger Armenviertel, dar, der der viel jüngeren Warwara Alexejewna ein Jahr lang fast täglich Briefe schreibt. Die Beiden wohnen zwar in direkter Nachbarschaft und korrespondieren über ihren Alltag, der bei Beiden nicht rosig ist: Sie wurde von einem reichen Gutsbesitzer vergewaltigt und lebt nun entehrt, ständig kränkelnd und ohne Arbeit sehr bescheiden bei ihrer Vermieterin in einer kleinen Wohnung. Er hat ein kleines Einkommen, lebt mit vielen Menschen in einer Wohnung und hat lediglich eine kleine Ecke als privaten Raum.

Trotzdem schickt Makar seiner geliebten Warwara immer wieder kleinere und größere Aufmerksamkeiten, wenn diese krank ist oder beiläufig erwähnt, sie hätte dies oder jenes gern. Dabei weist Makar immer darauf hin, dass es ihm gut ginge. Der Leser weiss allerdings sehr schnell, dass der Beamte weit über seine Verhältnisse lebt und irgendwann bricht Makars Kartenhaus unweigerlich in sich zusammen: Er hat sich bei seinen Vorgesetzten Gehaltsvorschüsse geholt, ist mit der Miete im Rückstand, seine Kleidung besteht nur noch aus Lumpen, weil er fast alles versetzt hat und sich keine neuen Stiefel oder Mäntel mehr leisten kann. Dies hingegen führt dazu, dass er sich vor anderen Menschen schämt, die nun anhand seiner Kleidung sehen, dass er arm ist. Dies hat zur Folge, dass sich seine Mitbewohner und Arbeitskollegen über ihn lustig machen und ihn herab würdigend behandeln... Ein Teufelskreis.

Dadurch, dass es sich bei "Arme Leute" um einen Briefroman handelt, erlebt der Leser das Gefühl der Armut direkt und subjektiv aus der Sicht von Makar und Warwara. Es gibt hier keinen auktorialen, alles wissenden Erzähler, der erklärend eingreift. Der Leser erlebt die Welt ganz durch die Augen der beiden Protagonisten und kann sich so sehr schnell in das Gefühl der Armut hinein versetzen, in das Gefühl wertlos, unwürdig und von ständigen (Geld-)Sorgen geplagt zu sein. Dies alles stellt Dostojewski sehr glaubhaft und überzeugend dar und zeigt, dass er bereits mit 24 Jahren ein fabelhafter Beobachter und Menschenkenner ist und dass er schon damals die Psyche eines Menschen fabelhaft beschreiben konnte.

Der einzige Vorwurf, den man Dostojewski machen kann, ist der, dass er sich sehr viel Zeit lässt, bis er Makar Alexejewitschs Kartenhaus einstürzen lässt. Fast 100 Seiten - von 176 - dauert es, bis Warwara endlich merkt, dass Makars Geschenke weitaus teurer sind, als es sich der Beamte hätte erlauben dürfen.

ZAHLEN, DATEN, FAKTEN:
Titel: Arme Leute
Autor: Fjodor M. Dostojewski
Verlag: insel taschenbuch
Erschienen: 1997
Seiten: 176
Preis: 7,00 €


FAZIT:
1846 erstmals veröffentlicht und immer noch aktuell. Dostojewski hat hier zeitlose und immer lesenswerte Literatur geschaffen und zeigt bereits mit seinem Erstlingswerk, dass er ein großer Autor werden würde.
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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
MALUSE

MALUSE

11.02.2007 21:55

Ich schätze Buchkritiken, die nicht in Referate ausarten (oder Referate sind!), aber zu kurz ist auch nichts, ich hätte gern etwas über den Stil erfahren und die Lesbarkeit für heutige Leser.

Sky112

Sky112

10.01.2007 11:42

Dein eigenes Empfinden kommt etwas zu kurz finde ich. Ich vermisse auch etwas allgemeines und zwar wie sind die Formulierungen darin? Einfach, schwierig, verständlich oder unverständlich?

HEIDIZ

HEIDIZ

09.01.2007 10:28

Top Bericht, hört sich interessant an, wäre evtl. auch was für mich, werd ich auf meine "Noch-zu-lesen-Liste" setzen. GLG HEIDI

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