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Dies ist die Geschichte eines anonymen Asthmatikers (wir wollen ihn der Einfachheit halber "Robert" nennen). Vor der Diagnose November 1981: Geburt in Rostock Der neugeborene Robert wird von seiner Mutter in Watte gepackt (im übertragenen Sinne), um ihn vor sämtlichen Keimen zu schützen. ... Bericht lesen





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Die asthmatische Gefangenschaft
Erfahrungsbericht von Kaeuzchen über Asthma
10.04.2008


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Fuer
Kontra: Wider

Empfehlenswert? nein 

Kompletter Erfahrungsbericht

Dies ist die Geschichte eines anonymen Asthmatikers (wir wollen ihn der Einfachheit halber "Robert" nennen).

Vor der Diagnose

November 1981: Geburt in Rostock

Der neugeborene Robert wird von seiner Mutter in Watte gepackt (im übertragenen Sinne), um ihn vor sämtlichen Keimen zu schützen. Man wohnt in Großmutters riesiger Altbauwohnung, die noch mit Kohle geheizt wird.
Mai 1983: Umzug nach Oranienburg

Da der Familienvater nördlich von Berlin lebt und arbeitet, zieht man nach anderthalb Jahren zu dritt in einen Oranienburger Plattenbau. Robert ist mittlerweile ein so genanntes Bronchitiskind. Weil die Mutter eine studierte Sprachmittlerin mit Bildungsidealen und der Vater ein einfacher Handwerker mit Freiheitsdrang ist, kommt es immer häufiger zu ehelichen Konflikten.
Mai 1985: Umzug nach Rostock

Die Kinderärztin in Oranienburg empfiehlt zurück an die Küste zu ziehen, da der dreijährige Robert ständig krank ist. Also bezieht die Familie eine Wohnung in einem gerade fertiggestellten Rostocker Plattenbau. In den folgenden Jahren perfektioniert seine Mutter die Methoden zur Durchsetzung ihrer Hygienevorstellungen, was immer groteskere Formen annimmt - der Volksmund würde hier wohl von einem "Putzfimmel" sprechen. Bald schon ist es ihm strengstens untersagt mit schmutzigen Sachen nach Hause zu kommen, was das Herumtollen im Freien etwas schwierig gestaltet. Damit sie am Wochenende in der Wohnung gründlich sauber machen kann, überlässt sie das gemeinsame Spielen dem Vater, der die wichtigste Bezugsperson ist.
September 1991: Schulfahrt nach Markgrafenheide

Der neunjährige Robert erwacht in der letzten Nacht vor der Heimfahrt mit Atemnot in einem stickigen Sechs-Bett-Zimmer eines Ferienbungalows an der Ostsee. Vorsichtig geht er zum Fenster, um dieses zu öffnen, aber es lässt sich nur ankippen. Er steckt Nase und Mund durch die Öffnung und schnappt nach frischer Luft. Obwohl er Angst hat zu ersticken, traut er sich nicht die im Nachbarzimmer schlafenden Lehrerinnen aufzuwecken. In der kindlichen Hoffnung das Problem würde sich von selbst erledigen, legt er sich wieder ins Bett und wartet - unruhig atmend - bis zum Morgen. Vor der Abfahrt geht er ganz langsam zu seiner Klassenleiterin und sagt ihr, dass er kaum Luft bekommt, weshalb er seine Sachen nicht zum Bus bringen könne. Sie schickt einen seiner Kameraden in die Spur und bald darauf geht es zurück nach Rostock. Dort angekommen begleitet ihn ein Schulfreund nach Hause und Robert erzählt seinen Eltern sofort, wie es ihm geht. Da Sonntag ist, fahren sie ihn umgehend zur Notaufnahme, wo er eine Spritze bekommt. Nach einer Reihe von Untersuchungen erfahren die Eltern die Diagnose: Asthma bronchiale.

Nach der Diagnose


Von nun an muss Robert dreimal täglich ein "Dosier-Aerosol" inhalieren und alle 14 Tage für weitere Maßnahmen zur Kinderärztin. Diese schickt ihn bald schon wegen Verdachts auf Heuschnupfen zwecks Allergietest zur HNO-Ärztin; anschließend ist er offiziell gegen Birkenpollen, Hausstaubmilben, Katzenhaare und Schimmelpilze allergisch. Ab der fünften Klasse hat er ein Teilattest für den Sportunterricht, das ihn von sämtlichen Ausdauersportarten (wie Ein-Kilometer-Lauf) befreit.
August 1993: Kur in Bad Salzungen

Auf Empfehlung seiner neuen Ärztin, einer Spezialistin für Atemwegserkrankungen, fährt der 11-jährige Robert für sechs Wochen in den thüringischen Kurort Bad Salzungen. Während die 14- bis 17-jährigen Jungen in zwei verschließbaren Räumen untergebracht sind, müssen die 11- bis 13-Jährigen in einem dreigeteilten Schlafsaal mit jeweils vier Betten übernachten, in welchem jeden Abend eine Schwester wacht, um ein pünktliches Einschlafen zu gewährleisten; die Mädchen schlafen im Obergeschoss. Die Medikation der Kinder bzw. Jugendlichen wird regelmäßig umgestellt, um zu testen, welches Medikament die beste Wirkung erzielt.

Nach drei Wochen wird Robert von seinen Eltern besucht, die sich auf der Reise in ihren ersten Südtirolurlaub befinden. Nachdem sie mit ihrem Sohn einen Nachmittag verbracht haben und sich von ihm verabschieden wollen, fleht er sie an ihn mitzunehmen, da er von zwei älteren Jungs schikaniert würde. Man erklärt ihm, dass das nicht ginge und lässt ihn heulend zurück. In der darauffolgenden Nacht erbricht er sich auf den Fußboden neben seinem Bett. Die Dienst habende Schwester bringt ihn ins Medikamentenzimmer, nötigt ihn Kamillentee mit bitterer Medizin zu trinken, beseitigt sein Erbrochenes und schickt ihn wieder schlafen. Kurz darauf muss er sich erneut übergeben, diesmal in den bereitgestellten Eimer. Am nächsten Tag kommt er auf die Krankenstation des Hauptgebäudes, wo er mit niemandem Kontakt hat, wenn man von der Haferschleim und Medizin bringenden Schwester einmal absieht.

Da sich sein Zustand tagelang nicht bessert, schickt die Ärztin eine junge Kinderpsychologin zu ihm. Diese nimmt sich für ihn Zeit, hört ihm zu, streicht über seinen Kopf. Ihre Frage, ob er in die benachbarte Kinderklinik möchte, wo man ihn vorübergehend künstlich ernähren würde, bejaht er sofort. Nachdem sie die Genehmigung der Ärztin eingeholt hat, fährt sie ihn im eigenen PKW zum Krankenhaus, wo sein Magen per Ultraschall untersucht wird. Anschließend kommt er in ein freies Zimmer und schließlich an einen Tropf. Damit er sich im Schlaf nicht dreht, befestigt die Schwester seinen Arm an einer schweren Schiene. Den nächsten Morgen hat er so große Schmerzen im steif gewordenen Arm, dass er die neue Schwester anfleht diesen zu befreien. Da diese nicht auf die Idee kommt die Schiene zu entfernen, erklärt sie ihm, dass er noch am Tropf bleiben müsse.

Ein zwei Jahre jüngerer Junge kommt herein, die beiden wechseln ein paar Worte nach Kindesart miteinander und kurz darauf holt der Neunjährige seinen ,Game Boy' aus dem gegenüberliegenden Zimmer. Robert lässt sich das Spiel (,Paper-Boy') erklären und nachdem er daraufhingewiesen hat, dass er den rechten Arm nicht bewegen kann, steuern sie das Gerät gemeinsam. Doch die willkommene Ablenkung kann den Schmerz nicht wegzaubern, sodass Robert die Schwester ein zweites Mal um Erlösung bittet, doch wieder vergebens. Nachdem er jedoch so laut geheult hat, dass sein Spielgefährte die Flucht ergreift, wird er irgendwann vom Tropf befreit. Weil nach seinem ersten morgendlichen Versuch in die Ente zu urinieren, das Laken gewechselt werden musste, schleppt er sich heimlich auf die Toiletten. Als er sich gerade wieder hinlegen will, zieht ihn der neunjährige Junge in sein Zimmer, um ihm Eva vorzustellen. Eva ist zehn Jahre alt und mit Gipsbein infolge eines Verkehrsunfalles ans Bett gefesselt. Da sich Robert noch sehr schwach fühlt, bleibt es bei einer kurzen Begrüßung und er sucht sein Bett auf. Bald darauf bringt ihm sein Nachbar den "Game Boy" mit der Begründung, er und Eva hätten gerade Besuch von ihren jeweiligen Eltern.

Am nächsten Tag wird er bereits von seinen Eltern abgeholt, sodass Robert nun Zeit mit Eva verbringt. Vormittags setzt eine Schwester diese in einen Kinderrollstuhl und bringt die beiden zum Videoraum, wo sie eine Stunde lang Disney-Cartoons anschauen. Danach schleicht sich Robert in das Kleinkindzimmer, in welchem zwei Winzlinge in vergitterten Betten liegen, von denen der eine schläft und der andere quietschfidel mit einem Spielzeug beschäftigt ist. Er schaut ihm eine Weile zu, streichelt dann seine Hand durch das auf ihn verstörend wirkende Gitter und kehrt schließlich ins eigene Zimmer zurück, um nicht plötzlich von den Schwestern überrascht zu werden. Trotz äußerst karger Kost ist Robert am Nachmittag fit genug, um Eva - mit ihrer Erlaubnis - in den Rollstuhl zu helfen und sie zum Videoraum zu schieben. Nachdem er die Dame eine Kassette auswählen lässt, bedient er erfolgreich den Videoplayer, obwohl er dergleichen von zu Hause nicht kennt. Die herbeieilenden Schwestern maßregeln ihn daraufhin für seine Eigeninitiative, schalten die Geräte wieder aus und bringen die beiden auf ihre Zimmer.

Als er ein Weinen aus dem Kleinkindzimmer vernimmt, geht er hinein, da sich die Schwestern nicht zu kümmern scheinen. Der Kleine von vorhin weint, weil sein Spielzeug auf den Boden gefallen ist. Robert will es gerade aufheben, als eine Schwester hereinkommt und ihm wütend befiehlt in seinem Bett zu bleiben. Zur Besuchszeit kommt die Kinderpsychologin, um zu schauen, wie es Robert geht. Sie erinnert ihn daran, dass in zwei Tagen ein Tagesausflug zur Wartburg ansteht, den er doch sicher nicht verpassen will. Tags darauf holt sie ihn ab und bringt ihn zurück zur Krankenstation der Kurklinik, aus der ihn die Ärztin wenig später entlässt.

Nach der fünften Woche wird Robert von seinen Eltern mit nach Hause genommen und erhält noch auf der Heimreise als Entschädigung für seine Leidenszeit einen ,Game Boy'. Die Hausärztin verschreibt ihm - auf Anraten der Kurklinik - von nun an immer zwei Sprays, ein sofort wirkendes und eines mit Langzeitwirkung. Außerdem lässt er sich in den folgenden Jahren von immer mehr "anstrengenden" Schulsportarten befreien: 100-Meter-Lauf, Stangenklettern, Liegestütze, Seilspringen, was mitunter dazu führt, dass ihm unsportliche Klassenkameraden mit Missgunst begegnen.

November 2000/August 2001: Grundwehrdienst in Goslar und Prangendorf

Nachdem er ein halbes Jahr vor dem Abitur bei der Musterung im Rostocker Kreiswehrersatzamt für "T7 (verwendungsfähig mit starken Einschränkungen in der Grundausbildung, innendiensttauglich)" erklärt wurde, fährt er am 2. November zum Luftwaffenausbildungsregiment nach Goslar, wo er sieben Wochen lang militärisches Denken und Handeln eingeimpft bekommt. Bei Vorgesetzten wie auch bei einigen übereifrigen Kameraden macht er sich aufgrund seiner mangelhaften Motivation recht unbeliebt. Da ihm ein Regimentsarzt den Status "Sport nach eigenem Ermessen" zugestanden hat, kann sich Robert vor allerlei Übungen drücken.

Kurz vor Weihnachten werden die Rekruten in "heimatnahe" Einheiten versetzt; Robert muss ins 30 Kilometer südlich von Rostock gelegene Prangendorf. Im Februar holt er sich den ersten Infekt seit zehn Jahren und liegt mit Fieber bei seinen Eltern zu Hause flach: in der ersten Nacht sind es 41 Grad. Weil er eine natürliche Abneigung gegen Tabletten und Kapseln hat, nimmt er weder das Antibiotikum noch das Fieber senkende Medikament ein, die er von einem Rostocker Stabsarzt erhalten hat. Da sich sein Zustand nicht bessert, gesteht er den Grund beim nächsten Termin, wird zur Schnecke gemacht und bekommt ein Rezept für ein flüssiges Antibiotikum.
September 2001: Umzug nach München

Mit zwei Koffern, einem Rucksack sowie einer großen Plastiktüte (deren Inhalt nicht verraten wird) reist Robert per Bahn in die bayerische Landeshauptstadt, wo er übergangsweise in der Wohnung der vierköpfigen Familie seiner ältesten Halbschwester wohnt und sich am 1. Oktober für einen naturwissenschaftlichen Diplom-Studiengang einschreibt. Zu seinem 20. Geburtstag lässt er sich ein Trekkingrad schenken, mit welchem er die nächsten Jahre sämtliche Wege zurücklegt und sowohl die Stadt als auch das unmittelbare Umland in alle Himmelsrichtungen erkundet. Kurz vor Weihnachten findet er ein Untermieterzimmer bei einem halbseitig gelähmten 60-Jährigen, wo er Ende des Jahres einzieht.

Etwa ein Jahr nach dem schweren Infekt bei der Bundeswehr wird Robert erneut krank, weshalb er sich genötigt sieht einen Münchner Internisten aufzusuchen. Als der Arzt hört, dass er wegen Asthmas dreimal täglich vier Hübe aus zwei Sprays einnimmt, klärt er ihn darüber auf, dass man "heutzutage" Kombinationspräparate auf Kortisonbasis verschreibt und Robert führt von nun an nur noch morgens und abends ein Medikament an seine Lippen. Im August stirbt sein Vermieter völlig überraschend, während er im gegenüberliegenden Raum schläft, sodass er gezwungen ist, wieder bei seiner Halbschwester einzuziehen. Das zu anspruchsvolle Studium bricht er unmittelbar danach ab, sucht verzweifelt nach einer interessanten Ausbildung im ,Berufsinformationszentrum', wird jedoch nicht fündig, will ,Soziale Arbeit' an der Fachhochschule studieren, was aber zulassungsbeschränkt ist. Im Oktober bezieht er ein Untermieterzimmer bei einer 60-jährigen Hauptschullehrerin, die ihm aber nach zwei Wochen sagt, er solle sich bis Weihnachten etwas anderes suchen. Pünktlich zu seinem 21. Geburtstag (November 2002) fängt er sich den dritten Infekt ein, geht aber diesmal nicht zum Arzt.

Nachdem er ein drittes Mal bei der Halbschwester eingezogen ist, liegt er Anfang 2003 bereits mit dem vierten Infekt flach. Im April findet er sich erneut an der Universität wieder, diesmal in einem kultur- bzw. sozialwissenschaftlichen Magisterstudium. Im August kann er - nach 22 Monaten des Wartens - in ein Neun-Quadratmeter-Zimmer eines zentral gelegenen Studentenwohnheims einziehen. Von nun an bleibt er von schweren Infekten verschont, fängt sich aber auch weiterhin jährlich eine fieberhafte Erkältungskrankheit ein.

Im April 2005 trennen sich seine Eltern nach einem Vierteljahrhundert der Auseinandersetzungen. Kurz darauf ersteigert er bei ,eBay' ein kaum benutztes Mountainbike, mit welchem er extremere Touren unternimmt als es mit dem Trekkingrad möglich gewesen ist. 2006 ist der erste Frühling seit anderthalb Jahrzehnten ohne nennenswerte Heuschnupfensymptome. Im Sommer beschließt Robert seine Medikamentenabhängigkeit in den Griff zu bekommen, um Deutschland den Rücken zu kehren und seinen Traum vom Weltenbummlerdasein in die Tat umzusetzen. Er geht zu einem Allergologen, der ihn ermutigt seine Medikation in Eigenregie zu variieren. Ab Januar 2007 inhaliert er nur noch einmal am Tag.

November 2007: Sierra de Espuña

Um seinen Organismus an körperliche Strapazen zu gewöhnen - und um in einer gesundheitsfördernden Umgebung zu leben -, beginnt der frischgebackene Nomade sein neues Leben im spanischen Naturpark ,Sierra Espuña'. Als Roberts "Arbeitgeber" in einem Gespräch Ende Dezember erfährt, dass sein letzter Anfall schon über zehn Jahre zurückliegt, äußert er die Vermutung Robert habe gar kein Asthma mehr. Daraufhin inhaliert dieser ab Januar nur noch alle zwei Tage - und weil er keine Veränderung bemerkt, obgleich er einen Berg nach dem anderen besteigt, stellt er die Einnahme am 29. Februar ganz ein.   

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