Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
viele Aspekte aus ihrem Leben |
| Kontra: |
nichts |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
|
Am 14. November 2007 wäre Astrid Lindgren 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass werden zur Zeit verschiedene Filme mit und um Astrid Lindgren im Fernsehen gezeigt. Soeben ist eine Dokumentation über ihr Leben auf 3Sat zu Ende gegangen und ich möchte Euch, solange die Eindrücke noch frisch sind, darüber berichten.
Astrid Lindgren - Die Entdeckung der Kindheit
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Als begeisterter Fan und Leser der Bücher von Astrid Lindgren hat mich die folgende Ankündigung im 3Sat-Videotext besonders angesprochen:
"Mit Pippi Langstrumpf, Kalle Blomquist, Karlsson vom Dach und Michel aus Lönneberga hat die schwedische Schriftstellerin Astrid Lindgren (1907-2002) Identifikationsfiguren geschaffen, die auf einzigartige Weise die Möglichkeiten kindlicher Selbstbehauptung in einer Erwachsenenwelt verkörpern.
Anita Eichholz zeigt die Entwicklung der weltbekannten Kinderbuchautorin von der smaländischen Bauerntochter zur politisch engagierten 'Schwedin des Jahrhunderts'".
Meine Meinung: Eine "unbequeme" Frau, mit klaren Ansichten
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Die Dokumentation greift verschiedene Aspekte von Astrid Lindgrens Leben auf. Von der Kindheit bis zu ihrem Tod wird ein lebendiges Bild von ihr gezeichnet, in der sie auch häufig selbst zu Wort kommt (auf deutsch). Bis ins hohe Alter hat sie Interviews gegeben, von denen in dieser Dokumentation immer wieder Ausschnitte gezeigt werden. Die Bilder vom ländlichen Schweden heute und damals wechseln sich ab mit Einspielungen aus ihren Filmen und den Gesprächen mit Zeitzeugen (u.a. ihre Verlegerin und ihre Tochter) und einer Dozentin für Skandinavistik, die sich eingehend mit den Werken von Astrid Lindgren beschäftigt hat.
Astrid Lindgren präsentiert sich als weltoffene und engagierte Frau, die sich für alles und jeden interessierte. Am meisten lagen ihr jedoch die Kinder am Herzen. Für sie versuchte sie, möglichst viel zu erreichen und durchzusetzen, was ihr letztendlich auch weitgehend gelungen ist.
Bilder von ihren Eltern und Geschwistern sowie von ihr selbst werden in dieser Dokumentation teilweise zum ersten Mal gezeigt und prägen das Bild von einer lebenslustigen Frau, die nach ihrer Kindheit eine Ausbildung in Stockholm absolvierte. Filmausschnitte zeigen sie, wie sie zum Beispiel bei einem Schreibwettbewerb 1930 Sekretärin werden wollte
Astrid Lindgren sagte in einem Interview 1974 über ihre Werke: "Man muss nur die Erinnerungen an seine eigene Kindheit wecken, dann kann man auch darüber schreiben". Wenn es doch so einfach wäre :-)
In einem Gespräch mit ihrer Tochter erzählt sie, wie Pippi Langstrumpf entstanden ist. Jeden Abend hat ihre Tochter Karin gesagt "Erzähl mir was. Erzähl mir was von Pippi Langstrumpf." Und so war Pippi geboren. Dabei unterscheidet sich die Ur-Pippi von 1944 doch ein wenig von der heute bekannten Pippi Langstrumpf. Wie berichtet wurde, hatte die ursprüngliche Version auch einige Aspekte gegen den Nationalsozialismus enthalten, die in späteren Versionen jedoch verändert wurden. Davon abgesehen wurde Pippi Langstrumpf auch aus anderen Gründen in der ersten Zeit abgelehnt. Viele hielten den Einfluss einer rebellischen Göre, die mit Affe und Pferd in einem Haus wohnte, für sehr bedenklich auf die Kinder.
Doch Astrid Lindgren setzte sich durch und rund dreißig Millionen Bücher beträgt die deutschsprachige Auflage ihrer Werke bis heute, mehr als ein Fünftel ihrer Gesamtauflage von 145 Millionen. Sie schuf mit ihren Büchern eine neue Sicht auf Kindheit und Erziehung. "Kinder an die Macht" war ihr Motto und ihre Bücher waren ein Plädoyer für eine freie Entfaltung der Kinder. Wie ihre Figuren war auch die Autorin schelmisch und eigenwillig, kletterte noch im hohen Alter zur Freude der Journalisten auf Bäume. In den 80ern engagierte sie sich gegen Atomkraft, durch ihre Mithilfe trat 1988 in Schweden ein verbessertes Tierschutzgesetz in Kraft: die so genannte "Lex Lindgren" garantiert unter anderem jeder Kuh das Recht auf eine Wiese.
Dass die Welt von heute nicht mehr der entspricht, die Astrid Lindgren in ihren Büchern so wunderbar beschrieben hat, ist ihr klar. In einem ihrer letzten Interviews hat sie zugegeben, dass es "das Land ihrer Kindheit nicht mehr gibt und keiner weiß, wohin es verschwunden ist". Dennoch, oder vielleicht auch gerade deswegen, ist für sie die Liebe das wichtigste, was man den Kindern heute mitgeben kann.
Astrid Lindgren erhielt in ihrem Leben viele Auszeichnungen und Ehrungen. Neben der Goldmedaille der schwedischen Akademie wurde ihr 1978 der Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen. Das war damals eine Sensation, den zum ersten Mal erhielt eine Kinderbuchautorin diese Ehrung. Dennoch wäre es fast zum Eklat bekommen, denn das Komitee war mit der vorbereiteten Rede von Astrid Lindgren nicht einverstanden. Doch auch hier setzte sich Astrind Lindgren wieder durch und vertrat die Meinung "Entweder diese Rede oder keine". Es wurde also "diese Rede" und unter dem Namen "Niemals Gewalt" schuf sie wieder eine klare Position für Kinder und gegen Gewalt. Einen kleinen Ausschnitt dieser berühmten Rede, der auch in dieser Dokumentation gezeigt wurde, habe ich am Ende dieses Berichts reinkopiert.
Mir hat die Rede sehr gut gefallen, wie auch überhaupt diese ganze Dokumentation. Sie hat ein klares Bild von der Autorin geschaffen und viele interessante Aspekte in ihrem Leben geschildert. Vor allem auch viel Unbekanntes. Astrid Lindgren war keine Frau im Stil einer gutmütigen Großmutter, sondern eine für die damalige Gesellschaft (in der man Frauen lieber sah als hörte) "unbequeme" Frau, die klare Ziele hatte und diese auch durchsetzen konnte. Die wunderschönen Aufnahmen vom heutigen Südschweden und Stockholm wecken in mir das Gefühl, dort auch mal live auf den Spuren von Astrid Lindgren zu wandeln.
Die Dokumentation endet mit Aufnahmen von Astrid Lindgren kurz vor ihrem Tod. Mit 94 Jahren hat sie ihr Lebensziel erreicht: "Die Rechte der Kinder zu stärken und jung und alt einander näher zu bringen."
Biographische Daten
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Astrid Anna Emilia Ericsson wurde als Tochter eines Pfarrhofpächters in Näs in Småland in Schweden am 14. November 1907 geboren. Nach einer erfolgreichen Karriere als Kinderbuchautorin verstarb sie am 28. Januar 2002 im Alter von 94 Jahren in Schweden.
"Niemals Gewalt"
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Dieser Wunsch bzw. diese Forderung von Astrid Lindgren kann ich nur unterschreiben und ich vergebe für diese Dokumentation alle fünf Sterne und eine klare Empfehlung. Sicherlich wird sie irgendwann auch wiederholt, so dass ihr auch noch Gelegenheit habt, sie euch anzusehen. Ich wünsche Euch dabei viel Vergnügen.
Susi
CIAO November 2007
Im Folgenden der Ausschnitt aus ihrer Dankesrede zum Friedenspreis des dt. Buchhandels. Dieser Ausschnitt wurde in der obigen Dokumentation gezeigt. Die komplette Rede ist im Internet nachzulesen:
"Niemals Gewalt"
….Freie und un-autoritäre Erziehung bedeutet nicht, dass man die Kinder sich selber überlässt, dass sie tun und lassen dürfen, was sie wollen. Es bedeutet nicht, dass sie ohne Normen aufwachsen sollen, was sie selber übrigens gar nicht wünschen.
Verhaltensnormen brauchen wir alle, Kinder und Erwachsene, und durch das Beispiel ihrer Eltern lernen die Kinder mehr als durch irgendwelche anderen Methoden. Ganz gewiss sollen Kinder Achtung vor ihren Eltern haben, aber ganz gewiss sollen auch Eltern Achtung vor ihren Kindern haben, und niemals dürfen sie ihre natürliche Überlegenheit missbrauchen. Liebevolle Achtung voreinander, das möchte man allen Eltern und allen Kindern wünschen.
Jenen aber, die jetzt so vernehmlich nach härterer Zucht und strafferen Zügeln rufen, möchte ich das erzählen, was mir einmal eine alte Dame berichtet hat. Sie war eine junge Mutter zu der Zeit, als man noch an diesen Bibelspruch glaubte, dieses "Wer die Rute schont, verdirbt den Knaben".
Im Grunde ihres Herzens glaubte sie wohl gar nicht daran, aber eines Tages hatte ihr kleiner Sohn etwas getan, wofür er ihrer Meinung nach eine Tracht Prügel verdient hatte, die erste in seinem Leben. Sie trug ihm auf, in den Garten zu gehen und selber nach einem Stock zu suchen, den er ihr dann bringen sollte. Der kleine Junge ging und blieb lange fort. Schließlich kam er weinend zurück und sagte: "Ich habe keinen Stock finden können, aber hier hast du einen Stein, den kannst du ja nach mir werfen."
Da aber fing auch die Mutter an zu weinen, denn plötzlich sah sie alles mit den Augen des Kindes. Das Kind musste gedacht haben, "Meine Mutter will mir wirklich weh tun, und das kann sie ja auch mit einem Stein."
Sie nahm ihren kleinen Sohn in die Arme, und beide weinten eine Weile gemeinsam. Dann legte sie den Stein auf ein Bord in der Küche, und dort blieb er liegen als ständige Mahnung an das Versprechen, das sie sich in dieser Stunde selber gegeben hatte: "NIEMALS GEWALT!"