"Voskresenie" - "Auferstehung"
21.09.2004 (26.11.2006)
Pro:
Tiefgehende Gedanken zu Staat und Kirche
Kontra:
Nichts für Urlaubsleser
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Niveau
Unterhaltungswert
Spannung
Wie ergreifend ist die Story?
mehr
 uweBeelitz39
Über sich:
CARPE DIEM !!
Mitglied seit:14.06.2003
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DICHTER UND WERK Lew Nikolajewitsch Tolstoj wurde im September 1828 in Jasnaja Poljana / Tula geboren und starb im November 1910 auf der Fahrt zu einem unbekannten Einsiedlerdomizil - wahrscheinlich im damaligen Konstantinopel - auf dem Bahnhof von Astapowo / Tambow. Er entstammte einer alten Adels- und Gutsbesitzerfamilie, studierte die Rechte und orientalische Sprachen, um dann als Offizier im Kaukasus und an der Krim zu dienen. Reisen führten ihn nach Westeuropa: Deutschland, Italien, Frankreich, die Schweiz. Nachdem er 1862 geheiratet hatte, zog er sich fast völlig auf sein Gut Jasnaja Poljana zurück, wo die meisten seiner Werke entstanden. Er geriet in eine schwere religiöse Krise, woraus 1882 die Autobiographie "Meine Beichte" entstand. Tolstoj überwarf sich mit der Kirche und wurde 1901 exkommuniziert; später kam es auch zum Bruch mit seiner Familie.Unter Verwendung seiner Tagebuchaufzeichnungen schrieb er die autobiographischen Werke "Kindheit", "Knabenjahre", "Jugend". Die offene Kritik an der ungerechten Klasseneinteilung im damaligen Staat - z.B. in dem Roman "Auferstehung" (1890) - führte alsbald zu seiner Ablehnung aller staatlichen und kirchlichen Autorität. Dennoch vertrat er stets sehr christliche Ideale, moralische Forderungen, vor allem Nächstenliebe und Gewaltlosigkeit. Realistisch deckte er auf, was in den Menschen an Irrwegen und falschen Vorstellungen ruht. Weltberühmt ist sein Werk "Krieg und Frieden", aber auch "Anna Karenina", "Herr und Knecht" oder "Die Kreutzersonate" sind weltweit bekannt und gehörten zu Tolstojs Lebzeiten zu den meistgelesenen Werken der Weltliteratur. WORUM GEHT ES ?Der Roman "Auferstehung" handelt von einem Angehörigen der Oberschicht, Fürst Nechljudow, der ein Mädchen der unteren Schicht, Maslowa, verführt und dann sitzen gelassen hat. Später, als sie auf Grund eines Irrtums zur Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt wurde, reist er dem Gefangenentransport in einem Personenzug nach. Er hat den festen Entschluss gefasst, sie zu heiraten; jedoch ebenso fest und bestimmt hat sie seinen Antrag ausgeschlagen. Ich will vom Inhalt selbst nicht viel verraten, denn gerade bei dieser - von mir sehr geschätzten - Literatur ist "Selbstlesen" sehr wichtig, um einen wirklichen Zugang zu dem Werk und dem Dichter selbst zu bekommen. Der Roman endet mit einer durch das Evangelium bewirkten "Bekehrung" des Fürsten. Nach der Lektüre von Stellen aus dem Neuen Testament (Mathäus 18, Verse 10 - 14, "Vom verlorenen Schaf" und der Verse 21 - 35, "Von der Vergebung - Der Schalksknecht"), vor allem dieses zuletzt genannten Gleichnisses vom unbarmherzigen Gläubiger, kommt der Fürst, selbst aus der höchsten Schicht stammend, zur Einsicht grundsätzlicher Art. Er bemüht sich bei allen möglichen Behörden um die Maslowa und damit auch um die übrigen Gefangenen dieses Transportes, und immerhin erreicht er die Begnadigung der jungen Frau. Diese aber zieht mit einem Mitgefangenen fort, weil sie befürchtet, den Fürsten, den sie auch liebt, zu ruinieren. Den Fürsten überkommt daraufhin eine schreckliche Müdigkeit und Hoffnungslosigkeit. Erlösung ist für ihn die Einsicht in die "einfachste unbezweifelbare Wahrheit der zehn Gebote Gottes". Er stellte sich all die Gräuel unseres Lebens vor und sah ganz deutlich, "wie unser Leben sein könnte, wenn die Menschen in diesen Geboten erzogen würden, und ein lange nicht empfundenes Entzücken erfasste seine Seele, als ob er nach langem Schmachten und Leiden plötzlich Beruhigung und Freiheit gefunden hätte." (Zitat Teil III, Kap.27). Mittelpunkt des Romans ist der Prozess gegen die Maslowa. Die Justiz ist in Tolstojs Sicht der Inbegriff staatlicher Willkür und sozialer Ungerechtigkeit, weil sie in erster Linie diejenigen verfolgt, die aus sozialer Not mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Die Reichen brauchen nicht zu stehlen, und alle ihre illegalen Handlungen "erledigen" sie, weil sie genügend Mittel und Beziehungen haben. (Einwurf von mir: Ist das nicht ein ganz modernes Denken?!). Mehr möchte ich nicht über den Inhalt dieses Romans sagen, weil die Zusammenfassung nur äußerst ungenau sein kann und wenig aussagt über die Intentionen, die Kritik an der Gesellschaft oder auch nur über die Sprache des Dichters. Deshalb mein ernst gemeinter Tipp: Lest selbst - aber erwartet nichts Seichtes, Nur-Unterhaltendes, Oberflächliches!TEXTPROBE (aus: Die Auferstehung, I .Teil, 40. Kap.) (Es hatte ein Gottesdienst für die zu Zwangsarbeit in Sibirien verurteilten Gefangenen stattgefunden): "Und niemandem unter den Anwesenden - von dem Priester und dem Inspektor bis zur Maslowa - kam es in den Sinn, dass derselbe Jesus, dessen Namen der Priester so unzählige Male mit wohltönender Stimme wiederholte, indem er ihn mit allen möglichen seltsamen Worten pries - dass gerade dieser Jesus all das verboten hatte, was hier verrichtet wurde: nicht nur einen solchen sinnlosen Wortschwall und die gotteslästerliche Hexerei der Priester mit dem Brot und dem Wein, sondern auch, dass die Menschen die andern Meister nennen; dass er die Gebete in den Tempeln verboten und jedem befohlen hatte, in der Einsamkeit zu beten, … dass man nicht in den Tempeln, sondern im Geist und in der Wahrheit beten solle. Und vor allem, dass er nicht nur verboten hatte, über andere zu richten und sie in Kerkern festzuhalten - sie zu quälen, zu beschimpfen, hinzurichten, wie es hier geschah - , sondern dass er jegliche Vergewaltigung der Menschen verboten hatte, indem er sprach, dass er gekommen sei, die Gefangenen in Freiheit zu setzen. Niemandem von den Anwesenden kam es in den Sinn, dass alles, was hier verrichtet wurde, die größte Lästerung und Verhöhnung des gleichen Jesus sei, in dessen Namen all das geschah; dass das vergoldete Kreuz … das der Priester den Leuten zum Kuss gereicht hatte, nichts anderes war als eine Darstellung jenes Galgens, an dem Christus gerade dafür hingerichtet worden war, dass er all das verboten hatte, was jetzt hier in seinem Namen geschah."GEDANKEN ZU TOLSTOJS ANSICHTEN Tolstojs Kenntnis der religiösen Probleme rührt aus umfangreichem Selbststudium her. Er hat sich selber die vier Evangelien übersetzt und sie kommentiert. Er wollte die reine Lehre Jesu wieder finden, ohne störende Dogmen, ohne Mystik und Kult. Für ihn steht die Kirche neben dem Staat und der Justiz für die alles zermalmende und unterdrückende Macht. Er sieht Jesus als Verkünder der einfachen Heilsbotschaft "Das Reich Gottes ist nahe!", und dieses Reich sollte besonders den Armen und Geächteten offen stehen. Den Reichen ist es viel schwerer, zu Gott zu gelangen. Diese einfache Botschaft ist, nach Tolstojs Auffassung, erstickt unter Kult, Bildern, Gewändern, Kerzen, unverständlichem Gemurmel und Kreuzküssen … Diese Religion gehört der Obrigkeit, ihre Anerkennung ist von oben verordnet. Auch bei uns in der Gegend des heutigen Deutschland gab es in den vielen damaligen Fürstentümern einst die Regel "cuius regio - eius religio" - etwa: Wer regiert, bestimmt auch die Religion. Man glaubt nicht an eine Botschaft, sondern daran, dass "man an diese Religion glauben müsse", also ein Zwang zum Glauben. Tolstojs Argumente klingen fast schon marxistisch: Religion ist Opium fürs Volk; für den Priester zählen nur seine Einkünfte - also eine ökonomische Basis für den Stand der Geistlichkeit. Aber er setzt sich auch ein für individuelle und nicht-materielle Lebensqualität, und das wiederum ist nicht marxistisch.Das fundamentale Gesetz menschlichen Lebens, die Liebe zum anderen Menschen, ist Tolstojs Forderung; es ist das Gesetz Gottes im Herzen des Menschen. Welch schöne Vorstellung, wenn dieses Gebot Christi "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst" von allen Menschen verstanden und umgesetzt würde! Widersprüchlichkeiten sind in Tolstojs Ansichten zementiert, doch gerade das macht ihn und seine Romanfiguren so anziehend. So bringt er nach der grundsätzlichen Ablehnung von Staat und Zwang dieselbe Denkweise wieder in seine eigene Weltanschauung hinein durch sein unkritisches Zitieren der Bibel, dass jeder Verstoß gegen Gottes Gebote "ein Fehler sei, der sofort die Strafe nach sich ziehe". Aber gerade gegen Bestrafung hatte er sich vorher vehement gewehrt. Ich habe diesen Roman sehr gerne wieder gelesen, nachdem ich ihn in meiner Studentenzeit zum ersten Mal kennen gelernt hatte. Viele Gedanken von damals habe ich in diesen Bericht aufgenommen und beim Lesen "geprüft" und auf den heutigen Stand meiner Meinung gebracht.SONSTIGES Der Roman "Auferstehung" wurde nach meiner Recherche bisher über zwanzig Mal verfilmt; erstmals 1907 in Dänemark, zuletzt (?) 1967 für das ZDF als Theateraufführung der Württembergischen Staatsoper Stuttgart. Der Winkler Verlag München hat viele von Tolstojs Werken veröffentlicht.Wie immer bedanke ich mich für euer Lesen, Bewerten und vielleicht auch Kommentieren und die Geduld, die man braucht, einen solchen Bericht zu lesen! Uwe
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18.11.2012 20:33
Sehr angenehm zu lesender Bericht und dann auch noch sehr informativ. Klasse!
14.03.2012 22:19
Leo Tolstoi ist schwere Kost für mich :-) auch wenn mein Lieblingsverlag ihn veröffentlicht
10.11.2011 16:22
bh