Erfahrungsbericht über

Aus dem Überall und andere seltsame Visionen / James jr. Tiptree

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Die leuchtenden Schwestern und andere seltsame Frauen

5  10.01.2001 (02.01.2012)

Pro:
meist hervorragende SF -  & Phantastik - Stories

Kontra:
gibts nur noch bei booklooker, ebay . de und Co .

Empfehlenswert: Ja 

Details:

Niveau

Unterhaltungswert

Spannung

Wie ergreifend ist die Story?

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mima17

Über sich: Mein jüngster Bericht: "Die Jägerinnen von Connacht" (Buch). +++ Bitte keine Leserunden-An...

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"Aus dem Überall..." ist eine erstklassige Sammlung von Erzählungen, die Alice Sheldon unter ihrem Autorenpseudonym "James Tiptree jr." ablieferte. Viele davon wurden mit Preisen ausgezeichnet, so etwa "Die Goldfliegen-Lösung".

Die Autorin
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Alice Hastings Bradley Sheldon alias James Tiptree jr. alias Raccoona Sheldon wurde 1915 in Chicago geboren. Ihre Mutter war eine Reiseschriftstellerin, ihr Vater Anwalt. Sie lebte in ihrer Jugend in Afrika und Indien, aber anscheinend war sie lange Jahre für die Regierung, die CIA (bis 1955) und das Pentagon tätig. Im Jahr 1967 machte sie ihren Doktor in Psychologie. Obwohl sie bereits 1946 ihre erste Story veröffentlicht hatte, machte sie die Schriftstellerei erst 1967 zu ihrem Hobby, und nach ihrer Pensionierung schrieb sie weiter bis zu ihrem Tod 1987. Sie beging Selbstmord, nachdem sie ihren todkranken Gatten erschossen hatte.

Obwohl sie einige Romane schrieb, wird man sich an sie immer wegen ihrer vielen außergewöhnlichen Erzählungen erinnern. Ihre besten frühen Stories sind im Heyne-Verlag unter dem Titel "10.000 Lichtjahre von Zuhaus" (1973) und "Warme Welten und andere" (1975) erschienen. Unvergesslich ist mir zum Beispiel die Story "Liebe ist der Plan, der Plan ist Tod", die den Nebula Award 1973 errang. Weitere Geschichten sind in „Sternenlieder eines alten primaten“, „Aus dem Überall“ und schließlich „Die Sternenkrone“ gesammelt. Ihr Roman "Die Feuerschneise" (Up the walls of the world, 1978, dt. bei Heyne) erhielt ebenfalls hohes Lob.

Die Erzählungen
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In dieser Storysammlung finden sich eine Reihe wunderbarer Geschichten, etwa "Ein sauberer Deal" und "Die Goldfliegen-Lösung". Diese Texte gleichen sich in der Handlung, sind aber völlig verschieden in Aufbau und Ton. Hier eine leichte, humorvolle Erzählung mit ironisch-schwarzer Pointe ("Deal"), dort eine aus Briefen, Artikeln und Tagebucheinträgen verschachtelte Form, deren Schockpotenzial auch noch Jahre nach ihrer Veröffentlichung (und mehrmaligem Lesen) kaum nachgelassen hat.

Und da ist die bereits mehrfach anthologisierte Novelle "Sphärenklänge" (aus dem "Magazine of Fantasy and Science Fiction"), in der Alice Sheldon ein wehmütiges Klagelied auf die letzten Menschen anstimmt, ein Lied mit einem so schönen, traurigen Schlussakkord, dass man sich ein paar Tränen verdrücken möchte.

Herausragend sowohl aus der Sammlung wie auch aus dem Genre ist jedoch die Story mit dem Titel "Eure Gesichter, meine Schwestern!...". "Phantastisch" ist hier lediglich die Welt, die sich eine Frau in ihrem Kopf geschaffen hat, um der Wirklichkeit zu entfliehen, eine Realität, die die Autorin als Kontrapunkt immer wieder zwischen die irrealen Sequenzen schaltet.

Dies ist eine feministische Geschichte, doch ohne den moralischen Zeigefinger. Mit dem Erfolg, dass am Schluss jeder Leser reichlich betroffen zurückbleibt. Dass die Autorin die entscheidenden grausamen Worte am Schluss ausgerechnet einer Frau in den Mund legt, unterstreicht nur noch ihre Fähigkeiten: "Was glaubt sie denn, wer sie ist, dass sie nachts allein herumläuft? Glaubt sie denn, die Polizei hätte nichts Wichtigeres zu tun?"

Wenige Zeilen weiter wird die Frau, von der die Rede ist, von vier Männern vergewaltigt und ermordet - die Frau, deren private Wirklichkeit aus soviel Wärme bestanden hatte, in der nur Frauen existieren, in der zwischen Menschen und Männern unterschieden wird. Sie wird ihre Gründe gehabt haben, gerade eine solche Fluchtwelt aufzubauen, für Männer wenig schmeichelhafte Gründe. Aber den Fehler, ins andere Extrem zu verfallen und Männer aus ihrer Wahrnehmung auszuschließen, musste sie mit dem Leben bezahlen.

Ist dies also schließlich doch Alice Sheldons Kommentar zu den Ansichten und Forderungen radikaler Feministinnen? Sie erscheint heute nicht mehr ganz zeitgemäß. Aber das liegt wohl eher an den Feministinnen als an der heutigen Zeit.

Unterm Strich
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Alle zehn Erzählungen sind in ihrer speziellen Art gelungen. Selbst aus verhältnismäßig abgedroschenen Plots holt Sheldon noch ein klein wenig mehr heraus als andere vor ihr. Ein unverkennbarer, persönlicher Stempel sozusagen.

Dies ist eine überragende Sammlung, nicht nur für Sheldon, sondern auch im Genre der Science Fiction selbst. Auf gleichem Niveau finden sich nur noch "Tangenten" von Greg Bear und "William Gibsons "Cyberspace".

Michael Matzer © 2000/2012ff

Info: Out of the everywhere and other extraordinary visions, 1981; Heyne 1989, Nr. 06/4612, München; 384 Seiten, DM 12,80, aus dem Englischen übertragen von Birgit Reß-Bohusch, Ronald M. Hahn und Jürgen Langowski; ISBN 3-453-03481-3
Bilder
Aus dem Überall und andere seltsame Visionen / James jr. Tiptree James jr. Tiptree alias Alice Sheldon
James jr. Tiptree alias Alice Sheldon


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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
Brandung

Brandung

02.01.2012 12:22

Sehr gut beschrieben! lg

Laurielle

Laurielle

04.05.2001 19:15

So... hiermit habe ich dir nun deinen Wunsch erfüllt und einige ältere Berichte gelesen. Dein Stil und die Themen, über die du schreibst gefallen mir. Werde demnächst noch so einige Berichte von dir lesen. Bis bald, sinful Laurielle ;-)

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