Aus die Maus: Ungewöhnliche Todesanzeigen / Matthias Nöllke

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Aus die Maus: Ungewöhnliche Todesanzeigen / Matthias Nöllke

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Ich bin umgezogen ~ auf den Friedhof.
Erfahrungsbericht von Cosmay über Aus die Maus: Ungewöhnliche Todesanzeigen / Matthias Nöllke
22.11.2009


Produktbewertung des Autors:   


Pro: Thematik an sich, bewegend, stimmt nachdenlich, amüsiert jedoch zugleich
Kontra: hier und dort wirkt es so, als wollen die Sammler nur unbedingt mehr Seiten füllen

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Über Ciao - bzw. dank Badsonja - erfuhr ich von der Veröffentlichung des Buches

Aus die Maus – ungewöhnliche Todesanzeigen

welches aufgrund meiner womöglich als makaber eingestuften Art, mancherlei Todesanzeigen zu sammeln, direkt auf meine Tauschticket-Suchliste kam. Das Buch erschien erst kürzlich und ist im Kiwi-Verlag für 7,95 EUR zu haben ~ für mich persönlich ein mehr als akzeptabler Preis, während andere vermutlich keinen einzigen Cent für „sowas“ ausgeben würde. Unabstreitbar eben, dass diese Textsammlung einem sehr spezifischem Interesse bedarf.

Schon allein die Einführung des Autoren spricht mir aus der Seele:

„Viele Menschen finden es absonderlich, Todesanzeigen zu sammeln. Weil Tod und Sterben in unserer Gesellschaft tabuisiert werden, vermutet man hinter dem Interesse des Sammlers schnell Geschmacklosigkeit oder Abgestumpftheit. Dabei gibt es nichts, was in wenigen Worten so herzzereißend, traurig, mitunter aber auch so komisch sein kann wie eine Todesanzeige.“
(ZITAT; S. 9)

Die Todesanzeigen sind thematisch in einzelne Unterkapitel untergeordnet und jeweils mit ein paar Worten des Autoren versehen. Diese persönlichen Ergänzungen der Autoren Christian Spang sowie Matthias Nöllke weisen noch einmal explizit auf die „Besonderheit“ der Anzeige hin; auf den Umstand, weswegen diese spezielle Anzeige in die Sammlung aufgenommen wurde.

Nachdem ich gestern Nachmittag „Aus die Maus“ entgegengenommen hatte, wollte ich abends eigentlich nur mal kurz reingucken ~ und hin dann fest. Sich über 208 Seiten lang Nachrufe anzusehen, zeugt schon von einem gewissen... nunja... von mir halt.

Doch unabstreitbar ist, dass mich manches berührt hat, über anderes war ich fassungslos und / oder fast schon geschockt.

Fast am eindringlichsten empfand ich den Nachruf des ehemaligen Bergmanns Bernhard H, in dem die Worte „Einzelgänger“, „wir kannten ihn ein wenig“, sowie „er war ein einfacher, einsamer Mann“ ihren Platz fanden. (vgl. S. 73)

Doch auf die Ironie findet hier ihr zuhause ~ ob nun gewollt oder ungewollt... wer weiß das manchmal schon so genau. Doch mein leichtes Grinsen konnte ich mir trotzdem nicht verkneifen, als ich den nachfolgenden Text las:

„Das sportlichste Mitglied unserer Familie wurde von seiner Krankheit überholt. Günther S. läuft nicht mehr!“
(vgl. S. 47)

Nichtsdestoweniger erschien es mir stellenweise so, als ob die „Sammler“ ein paar Anzeigen lediglich deswegen aufnahmen, um das Buch umfangreicher zu gestalten. Es gibt so einige Nachrufe, an denen mir „der Witz“ völlig abgeht. Soll heißen: manches musste ich dreimal lesen, mehrfach auf die „drumherum“ Worte der Autoren starren, um überhaupt zu wissen, was genau nun so bemerkenswert gewesen sein sollte. Insbesondere bei dem Kapitel „sprachliche Missgeschicke“ kommt es mir hin und wieder vor, als hätte man den Text absichtlich falsch verstanden, nur um ihn eben in dieses Buch drucken zu können.

Ich selbst kann jedenfalls keinen „ungewollten ironisch-höhnischen Unterton“ dank der Anführungszeichen in den Zeilen „die hilfreiche und aufrichtige Anteilnahme zum Tode „unserer“ geliebten Lucia hat mir sehr viel Kraft gegeben“ (vgl. S. 98) finden.

Dass das Wort „unser“ mittels Anführungszeichen hervorgehoben wurde, halte ich persönlich für eine Art Aussage darüber, das man bzgl. eines anderen Lebewesens eigentlich kaum von Eigentum (unser, mein) sprechen kann ~ oder es war ganz einfach ein Übertragungsfehler der Zeitung. Etwas ironisches kann meiner Meinung nach nur jemand sehen, der es unbedingt so sehen will.

Vielmehr brachte mich da schon der Satz seitens der Autoren in der Kapiteleinführung ins Rudern:

„Da darf nichts schiefgehen, sonst droht eine Blamage. So empfinden es zumindest diejenigen, die von der Sache betroffen sind. Als Angehörige oder als Mitarbeiter der Anzeigenabteilung, die womöglich den Fehler zu verantworten haben.“
(ZITAT; S. 93)

Ich weiß im Grunde, was der Autor uns damit sagen will.... doch den letzteren Satz hätte ich in der Tat sehr gerne mal erklärt ~ irgendwas fehlt da nämlich.

Obschon das Kapitel „Hassanzeigen“ mitunter jenes war, welches mir am meisten unter die Haut ging, fand ich auch hier etwas, wo ich fast schon von einem vermeintlichen absichtlichen Falschverstehen seitens der Sammler ausgehe. In einem Nachruf heißt es dortig

„Am 13. Januar 1993 verlor mein Bruder Karl-Heinz G das Geistige. Im Februar 1993 verstarb unser Vater Karl G. Im September 1993 verstarb unsere Mutter Bernhardine G. Am 1. Dezember 1994 wurde auch der Körper meines Bruders vom Leiden erlöst. Es war mir versagt, von meinem Bruder Abschied zu nehmen. Ich möchte es hiermit tun. Ich verlor einen der liebsten Menschen meines Lebens.“ (ZITAT; S. 108)

Der entsprechende Autorentext besagt hier, dass diese Anzeige von unharmonischen Familienverhältnissen zeugt ~ dem schloss und schließe ich mich schon vom ersten Augenblick an nicht an.
Vielmehr verstehe ich die Anzeige so, dass (womöglich durch einen gemeinsamen Unfall innerhalb der Familie) der Bruder ins Koma fiel (das Geistige verstarb vor dem Körper), während die Eltern Monate später ihren Verletzungen erlagen. Da der Bruder nicht mehr zu Bewusstsein gelangte, konnte sich Wilfried (der Anzeigenschreiber) nicht mehr von diesem verabschieden.

Und Ende.

Es sei mal von mir dahingestellt, ob die Textsammler diesen möglichen Umstand nicht sahen oder vielmehr nicht sehen wollten, um ihre einzelnen Kapitel ein wenig umfangreicher gestalten zu können.

Summa summarum

handelt es sich bei „Aus die Maus“ um ein sehr spezielles Buch, welches zum einen zwar reinen Unterhaltungswert bieten könnte, gleichzeitig jedoch hier und dort sehr nahe geht. Todesanzeigen bzgl. einstiger Haustiere sind – zumindest in der Zeitung, die ich hier immer bekomme – nichts neues mehr, und doch finde ich es immer wieder bemerkenswert, dass diese oft zärtlicher klingen als Worte über verstorbene Familienmitglieder.

Eine Sonderkategorie findet sich in dem bereits angesprochenen Kapitel sog. „Hass-Nachrufe“, hier und da schwappt die Wut der Hinterbliebenen regelrecht auf den Leser über:

„Der Verstorbene ist das dritte Mitglied unserer Familie, das an einer falsch bzw. zu spät behandelten Krankenhausinfektion verstarb.“

ebenso bzw. nochmal verstärkt durch die weitere Anzeige seitens der Familie:

„Wir danken dem Verwaltungsdirekter des Kreiskrankenhauses Mechernich für die großzügige Kostenübernahme der Verlegung des inzwischen verstorbenen Josef H in die Bonner Uniklinik. Die daran geknüpfte Bedingung „nie wiederzukommen“ erfüllen wir gern.“
(vgl. S. 111)

Wer hieran nicht sieht, dass das Buch „mehr tut“ als Todesanzeigen zu sammeln, der wird mit diesem ganzen Machwerk schlicht und ergreifend nichts anfangen können, während ich hier und dort regelrecht gerührt und gänsehautbelastet war.

Der guten Ordnung halber weise ich schlussendlich darauf hin, dass in „Aus die Maus“ sämtliche Nachnamen gekürzt wurden, um niemanden zu Nahe zu treten. Lediglich in jenen Anzeigen, wo die Namen eine gewisse Rolle spielen, wurden jene im Original wiedergegeben ~ ob sich jemand deswegen auf den Schlips getreten fühlt, wird sich im Falle des Falles zeigen. Wer weiß schon, was morgen noch alles indiziert wird... aber das ist in der Tat ein anderes Thema.

De facto halte ich „Aus die Maus“ für eine echte Bereicherung für meine persönliche Sammlung und würde die Lektüre in der Tat jedem empfehlen ~ vorausgesagt natürlich, er teilt meine Vorliebe zu arg kruden Machwerken.


   
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22.10.2009


Aus die Maus: Ungewöhnliche Todesanzeigen / Matthias Nöllke

Haupteigenschaften

Autor: Matthias Nöllke

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