...Ich war für die ARGE ein schwieriger Fall! Jung, ich würde sagen nicht mal ganz dumm und ich wollte einfach nur arbeiten. Vor meinem Auslandsaufenthalt lagen 12 Jahre Schule hinter mir. Ich habe einen Realschullabschluss und eine abgeschlossene Berufsausbildung vorzuweisen und doch gab mir bis zum Zeitpunkt meines Auslandspraktikums noch keiner die Chance mich zu beweisen. Aber es sollte ja auch für mich eine Möglichkeit geben nicht ganz dumm zu sterben...
ANGST...ANGST...ANGST...
Im Februar letzten Jahres bin ich durch meinen Vermittler vom Amt auf eine Maßnahme aufmerksam gemacht wurden. Es hieß, die Stiftung, die das alles organisiert sucht noch Bewerber für ein Programm für junge Arbeitslose, die im Rahmen des Praktikums in Wales Arbeitserfahrungen sammeln wollen. Na Glückwunsch! Jeder hätte mich wohl um diese Chance beneidet, doch ich war mir meiner Sache noch nicht ganz sicher. Ich habe mich dann mit meinem Vater hingesetzt und pro und kontra abgewägt, doch ich hatte immer noch Angst. Es folgten ewige Debatten, viele Probleme zwecks der Finanzierung, für die ich letztendlich jedoch mit zwei mir jetzt nahestehende Personen eine Lösung fand und auch meine Unsicherheit musste zunächst ersteinmal bekämpft werden. Schlussendlich jedoch entschied ich mich mit einem mehr oder weniger guten Gefühl die Reise in ein anderes Leben anzutreten.
INFOS ZUR REISE
- 3 Wochen Sprachkurs
- 10 Wochen arbeiten
- Cofinanzierung durch die EU
- Einmalige Zahlung von 300€ durch die Teilnehmer
- zusätzlich monatliche Eigenfinanzierung von 130 €
- Taschengeld/Geld zum Leben muss selbst getragen werden
- Wahl self-catering oder bewirtet werden
- für self-catering wöchentlich zur Verfügung: 30 Pfund
- für Arbeit stehen wöchentlich 10 Pfund für Bus zur Verfügung
GOOD BYE HOME
Am 28. April 2006 hieß es dann good bye friends and family!
Als ich in den Bus einstieg, der uns erstmal bis Frankfurt fahren sollte, wollte ich nur noch wieder zurück nach hause. Ich wollte nur noch zurück zu meinem Hund Gonzo (ruh in Frieden,Schatz). Aber! No way back! Von Frankfurt an wurde es dann langsam besser, denn nun wussten wir alle, wir können nicht mehr zurück und drei Monate haben wir nur noch uns zum festhalten. Nach dem wir Belgien, Frankreich und den großen Teich hinter uns gelassen hatten, waren wir nun endlich auf der insel. Noch ein paar Stops, Warteaufenthalte und nach über dreißig Stunden Busfahrt hatten wir nun endlich unser Ziel Llangollen in Nord-Wales erreicht. Jetzt wurde es also Ernst. Die erste Gastfamilie (ein ganz süßes, junges Pärchen mit nem ganz süßen Zwergnase) schloss mich in die Arme und bei mir kullerten die Tränen. Nur für kurze Zeit, aber in diesem Moment war ich einfach nur überfordert. Nach einer herzlichen Hausbesichtigung und einer schönen heißen Dusche jedoch war alle Unsicherheit weggespühlt und nun hieß es Arschbacken zusammen kneifen und durch. Ich wollte es mir selbst einfach nur beiweisen und mit Stolz zurück nach Deutschland kommen.
LLANGOLLEN
Die ersten drei Wochen unseres Aufenthalts wohnten alle 14 Teilnehmer des Programms in unterschiedlichen Gastfamilien in Llangollen und wir hatten einen Sprachkurs, also nichts anderes als wieder einmal Schule. Aber man hat alle Kenntnisse wieder auffrischen können und die Lehrer waren auch ganz liebenswert. Wir
Bilder von Auslandspraktikum (sonstiges)
waren jeden Tag zusammen in der Gruppe, genossen das Leben in dieser kleinen Touristen-Stadt, haben Wanderungen unternommen und unternahmen viele Ausflüge. Zwei von unserer Gruppe sind mit ihren privaten PKWs angereist und somit haben wir alle das Spritgeld zusammen geschmissen und sind einfach raus in die, für uns große, weite Welt. ARBEIT und ALLTAG
Doch diese Idylle sollte auch schon bald ihr Ende finden, denn außer den privaten Stress (Verletzungen wie eine gebrochene Nase, ein gebrochener Ellenbogen, der operiert werden musste) wurden wir jetzt auch noch getrennt. Ich bin mit einer Vielzahl von Leuten aus der Gruppe nach Wrexham verfrachtet wurden, andere wurden in Chester, Denbigh, Oswestry und Cardiff untergebracht. Als erstes wohnte ich in Wrexham bei einer alleinstehenden Frau. Ganz geheuer war mir die Dame ja nicht und auch die Umstände in denen sie lebte und ich nun auch leben sollte auch nicht ganz, aber ich konzentrierte mich erstmal voll und ganz auf meinen bevorstehenden ersten Arbeitstag. Ich muss dazu sagen, dass das Programm erweitert wurde und nicht nur JUNGE arbeitslose daran teilgenommen haben, denn ich mit meinen 19 Jahren war die Jüngste und Thomas mit seinen 42 Jahren war der älteste, aber worauf ich hinaus will ist, dass ich wieder einmal die Kleinste und Jüngste war und in die größte Firma kam. Ich hätte schreien können! Aber meine Angst war komplett für umsonst, denn ich hatte nicht nur die größte sondern auch die genialste Company. Meine Chefin war nicht nur zwischenmenschlich sondern auch äußerlich eine Bombe und das Team war der Knaller.
FIRMA
Ich habe bei F. Bender Limited in der Finanzabteilungen als Finance-Officer und Credit-Controller gearbeitet. Die Arbeitszeiten waren für mich zwar sehr ungewöhnlich, aber früh aufstehen ist nicht gerade die Lieblingsbeschäftigung der Waliser. Die Arbeit begann also um 9 Uhr und endete 17 Uhr, doch meist arbeiteten wir darüber hinaus. Benders stellen Catering-Equipment her, also vom Pappbecher bis hin zu Servietten die ganze Bandbreite. Gegliedert war bzw ist Benders in Lager, Produktion, Entwicklung und Design, Personal- und Finanzabteilung.
Aber zurück zu ARBEIT und ALLTAG
Wie gesagt, die Firma und Arbeit war einfach nur spitz. Ich wurde gefordert und gefördert, hatte eine Menge Spaß und konnte Kontakte knüpfen, denn auch privat haben wir viel unternommen. Doch mit meiner Gastmutter krieselte es immer mehr. Also hieß es für mich ein paar Tage später; Beschwerde einreichen. Ich musste dort nur noch raus. Die Alte hat gesoffen wie ein Loch. Also stand der nächste Umzug vor der Tür. Ich bin zurück nach Llangollen. Dort stand nun schon die dritte Familie für mich bereit, aber es war ja nur für fünf Tage. Nach diesen Tagen hatten sie endlich auch eine Familie wieder in Wrexham für mich gefunden. Juli (eine ganz ganz liebe aus meiner Gruppe) und ich zogen nun zusammen in eine Familie. Diese Familie war ein Traum! Elain und Malcom sind mitte fünzig aber noch spritzig wie mit 17. Mal davon abgesehen, dass das Haus und der Garten der Wahnsinn war, aber auch das Zusammenleben hat sich sehr angenehm und harmonisch gestaltet. Egal, was uns auf dem Herzen lag, Stress auf Arbeit, Heimweh, die Beerdigung von Amy, oder was weiß ich, sie waren immer mit einem offenen Ohr und einem Rat an unserer Seite.
Aber wie schon gesagt, wir hatten auch viel Stress und richtigen Mist an der Backe. Wir haben immer gesagt; "3 Monate - 3 Katastrophen.... und die täglich!!!"
Gleich in der zweiten Woche unseres Aufenthalts wurde mir die Nase gebrochen. Jetzt wird wohl jeder sagen, "tja, wenn du die große Schnauze hast, dann haste das verdient", aber dem war nicht so. Als Deutsche hatten wir dort nämlich nicht gerade das große Los gezogen. Die Älteren waren in Pubs, in Gesprächen oder Treffen immer sehr aufgeschlossen, sie waren entweder sehr interessiert am Leben in Deutschland oder sie waren selbst schon mal hier in Deutschland, doch die Jugendlichen waren da etwas anders gestrickt. Die jungen Leute haben, als sie erfuhren woher wir kommen, immer aggressiv reagiert, ständig diese Verbindung zum 2. Weltkrieg hergestellt und allsolche Sachen. Also bei allem Verständnis, aber 15 jährige Kinder wollten uns was von der Geschichte erklären und uns verantwortlich machen. HALLO! Ich war erst 19. Ich habe keine Ahnung von der Geschichte und trage keine Schuld, an dem was passierte.
Aber egal, die Nase verheilte gut und die nächste Katastrophe stand schon an.
Einer von uns hat sich beim Skaten den Ellenbogen so schlimm gebrochen, dass er noch in der Nacht operiert werden musste. Aber unsere Aufnahmeeinrichtung interessierte das relativ wenig. Wir hatten weder eine Notfallrufnummer einer unserer "Betreuer" noch irgendeinen Ansprechpartner. Also mussten wir auf eigene Faust ins Krankenhaus mit ihn fahren.
Doch sehen wir mal von allen körperlichen Schmerz ab, auch der Herzschmerz war vertreten. Einer von uns verliebte sich unsterblich in eine aus unserer Gruppe. Wir waren immer fünf Leute, die durch dick und dünn gegangen sind, doch nun schien es, als würde alles an dieser Herzschmerz-Kriese zu zerbrechen. Es war ein Drama.
Zu dem kamen dann noch Probleme einiger mit ihren Gastfamilien oder mit ihren Familien daheim.
Es war echt zum aus der Haut fahren!!! Aber das Schlimmste stand uns noch bevor...
Amy, we celebrate your life...
Am ersten Abend lernten wir die Pub-Besitzer Eileen und Peter kennen. In Deutschland wäre so ein Verhältnis, wie das, was sich entwickelt hat nicht vorstellbar, aber sie sind im Laufe der Zeit für uns alle eine Art Elternersatz geworden. Zwei wundervolle Menschen, die für uns immer Ansprechpartner, Eltern und Freunde waren. Nach längerem Hin und Her, möchte jetzt nicht die ganze Geschichte ausweiten, starb ihre Tochter Amy und Eileen und Peter wollten, dass wir fünf Personen (der "Kern") zur Beerdigung kommen, weil wir ein Teil ihres Lebens geworden waren und sie unsere Unterstützung brauchten. Wie will man da nein sagen, oder wir können nicht. Also, gesagt, getan...
Eileen wollte kein schwarz auf der Beerdigung, sie wollte alle in bunten, fröhlichen Kleidern sehen. Wie sagte sie so schön; "Wir wollen nicht um ihren Tod trauern, wir wollen ihr Leben feiern". Es war der schlimmste Tag, den wir wohl durchleben mussten. Wir haben alle geheult wie die Schlosshunde. Aber meine ganze Hochachtung an die Familie, wie sie das alles durchgestanden haben.
...
Nach diesem Schock waren wir dann auch ganz froh, dass sich die Zeit dann auch langsam dem Ende geneigt hat. Die ruhigen letzten Wochen haben wir meist nach der Arbeit entspannt und am Wochenende waren wir immer mal feiern gegangen und haben Tagesausflüge gemacht.
Die letzten drei Tage mussten wir dann wieder und vor allem das letzte Mal umziehen - zurück nach Llangollen. Wir hatten noch ein Auswertungsgespräch mit unserer Aufnahmeeinrichtung und dann haben wir noch mal richtig Party gemacht. Am Freitag den 28. Juli 2006 ging es dann wieder auf die lange Reise zurück nach hause. Natürlich haben wir uns alle auf Freunde und Familie gefreut, doch es ist uns nicht leicht gefallen. Wir mussten nämlich nun eine neu gewonnene "Familie" zurück lassen. Über 30 Stunden später hielten alle ihr altes Leben wieder in den Armen. Die einen mehr, die anderen weniger glücklich.
FAZIT
Ich wollte nicht zurück in mein altes, arbeitsloses Leben…
Ich habe dort beruflich wie menschlich so viel gelernt, konnte mich dort verwirklichen, hatte einen Job…ich war glücklich
Jedem kann ich solch ein Auslandspraktikum nur empfehlen. Denn man lernt nur vor Ort die Sprache richtig, mit seiner konkreten Aussprache und seinen Redewendungen, wenn man in solch einer Gastfamilie lebt lernt manTraditionen und Lebensarten hautnah kennen. Wales ist landschaftlich gesehen ein wahrgewordener Traum,ehrlich,mir fehlen bis heute die Worte.
Wichtig jedoch ist, dass man gut vorbereitet ist und immer einen kompetenten Ansprechpartner hinter sich stehen hat. Ich hatte zwar, bis auf kleinere Ausnahmen einen sehr schönen Aufenthalt, aber nicht jedem meiner Gruppe wurde dieses Glück zuteil.
Mein Aufenthalt konnte ich nur so schön gestalten und die Rahmenbedingungen für mich verbessern, weil ich die Kämpfernatur meines Vaters geerbt habe und eine Menge Durchhaltevermögen bewiesen habe. Ich bin fähig mich in neuen Gruppen einzufügen und anzupassen, jedoch nicht verbiegen zulassen. Und wenn doch mal alles hart auf hart kam konnte ich mich durchsetzen. Ich glaube das ist die wichtigste Charaktereigenschaft,wenn man an solch einem Projekt teilnimmt. Wer dieses Durchsetztungs- und Durchhaltevermögen nicht besitz,dem würde ich prinzipiell abraten. Ich weiß nicht wie andere Projekte dieser Art verlaufen, aber wir hatten die absolute Eigenverantwortung für uns und kein anderer.
Jeder,der an dieser Erfahrung teilhaben möchte sollte sich aber vorher über die Institutionen informieren, die solch ein Projekt verwalten und begleiten. Wir waren leider so naiv und haben darauf vertraut, dass das Amt schon eine kompetente Institution ausgewählt haben sollte. Wir haben geirrt und somit keinerlei Hilfe von Außen bekommen oder wenigstens einen Ansprechpartner für wirklich heikle Situationen gehabt. Das hat uns als Gruppe zusammengeschweißt, hat aber viel Nerven gekostet und hätte beinahe einige zum Aufgeben gezwungen.
In diesen 3 Monaten habe ich mehr über mich selbst gelernt als in den ganzen 19 Jahren davor. Meinem beruflichen Werdegang hat dieser Aufenthalt natürlich auch nicht geschadet, aber ausschlaggebender ist mein Persönlichkeitswandel. Seit dieser Zeit bringt mich nichts mehr so leicht aus der Ruhe und auch meine Angst vor Veränderungen und unbekannten Herausforderungen ist kleiner geworden. Ich habe herausgefunden, was ich wirklich vom Leben will,was mir wichtig ist und welchen Sachen wirklich essentiell für mich sind, ich habe in dieser Zeit erkannt,wer meine wahren Freunde sind und wem ich und wer mir wirklich etwas bedeutet.
Ein großer Dank geht da an meine drei Jungs und meine Eltern...
Doch das wichtigste an allem ist;
Ich wollte MIR und niemanden anders beweisen,wozu ich fähig bin.Ich hab an mich geglaubt und es mir bewiesen
ICH WÜRDE ES IMMER WIEDER WAGEN
29.10.2007 19:04
super dein Bericht, sehr ausführlich und interessant geschrieben
29.10.2007 18:29
Einfach Klasse-Bericht!!! Voller Gefühle und sehr unterhaltsam geschrieben. Ich habe beim Lesen heimlich das eine oder andere Tränchen unterdrücken müssen.
29.10.2007 18:01
Klasse Bericht.... Wünsche Dir einen schöne Woche... ;-)) LG Nicki