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Krise als Spirale von Lügen

4  17.02.2004 (18.02.2004)

Pro:
Ruhiger, schöner Film über eine Krise und ihre Bewältigung,  .  .  .

Kontra:
.  .  .  bei dem Spannung und Unterhaltung nicht vorkommen .

Empfehlenswert: Ja 

w.gruentjens

Über sich: Ich dachte ja mal, in der Pensionszeit könnte ich hier wieder aktiver werden, aber ich werde von jun...

Mitglied seit:13.11.2001

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Dieser Erfahrungsbericht wurde von 133 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Auszeit kann eine Zeit zur Erholung, Muße und Meditation sein. In diesem Film aber ist es eine erzwungene Auszeit (Arbeitslosigkeit), die einen in der Mitte des Lebens stehenden Manager in eine Spirale von Lebenslügen führt, die bis an den Rand der Katastrophe geht.


INHALT

Vincent (Aurelién Recoing) hat einen tollen Job, den er aber nicht liebt, ein schönes Haus, eine glückliche Familie, nette Freunde und einen Vater, der ihn menschlich und wohl auch einmal finanziell unterstützt. Dass eine solche Idylle zerbrechlich ist, liegt auf der Hand. Ein Netz von Versicherungen kann die meisten Katastrophen erträglicher machen, aber eines kann es nicht: Es kann nicht vermeiden, dass eine Katastrophe eine persönliche Krise auslöst, dass diese Krise zu einer ersten Lüge führt, dass diese Lüge weitere Lügen hervorbringt.

So passiert es ihm, dem Manager, der damit aber nicht glücklich ist, dem abgesicherten, glücklichen Familienvater: Seine Firma schließt alle Abteilungen, die nicht deutlich mit Profit arbeiten, und seine Abteilung ist dabei.

Er wird mit dieser Nachricht der Arbeitslosigkeit nicht fertig. Für ihn bricht eine Welt zusammen, eine Welt, die er nicht geliebt hat, die ihm aber materielle Vorteile gegeben hat, bis seine innere Ablehnung des Berufs zu Erfolglosigkeit geworden ist und zur Kündigung geführt hat.

Er steckt, statt sich arbeitslos zu melden und eine neue Stelle zu suchen, den Kopf in den Sand und tut vor sich und seiner Familie so, als sei nichts geschehen.

Als dann durch den Kontakt zu einem früheren Kollegen die Aufklärung unvermeidlich ist, behauptet er, er hätte gekündigt und wäre dabei, eine ganz tolle Stelle zu bekommen, bei der er dann auch viel mehr verdienen würde.

Aber all das ist gelogen, und um seine Lüge finanzieren zu können, belügt er seinen Vater und seine Freunde, damit sie ihm größere Summen Geld zur Verfügung stellen.

In der Zeit, in der er angeblich arbeitet, treibt er sich in Hotelhallen, auf Parkplätzen, in einer Skihütte herum und fällt dabei auch schon mal unangenehm auf. Schließlich wird er von einem Schmuggler als Partner angeworben.

Ob es ihm wohl gelingt, aus dem Teufelskreis wieder herauszufinden?


QUALITÄT

Wir haben den Film gestern auf ARTE gesehen und er hat uns gut gefallen. Er ist weder ein ausgesprochener Kunstfilm noch ein Unterhaltungsfilm: Er ist ruhig und erzählt die Geschichte einer Krise ganz neutral.

Experimente bei der Kamera, bei der Beleuchtung, bei der Musik gibt es kaum. Hier ist eher die Abwesenheit aller filmischen Stilmittel auffallend; allenfalls könnte man die etwas düstere Beleuchtung mit wenigen Farben als Symbol des inneren Geschehens ansehen.

Der Film macht also nicht viel her; umso erstaunter waren wir dann doch, dass wir nach über zwei Stunden, die wir mit diesem wenig auffallenden, wenig spannenden, ja noch nicht einmal besonders künstlerischen Film verbrachten, den Fernsehabend als gelungen und den Film als bereichernd ansahen.

Aber so kann man den Film wohl empfinden: Einerseits eher langweilig als spannend und eher neutral als spektakulär, andererseits aber auch als gelungene Erzählung einer Krise. Das Kunstvolle des Films liegt nicht in Beleuchtung oder Kamera, das Kunstvolle liegt eher in der ruhigen Beschreibung der Krise – und Krisenbewältigung – und dem Gefühl des Zuschauers, selbst seine Gedanken dazu gebildet haben zu können.

Der Regisseur Laurent Cantet hält also den Film ruhig, zwischen Dokumentation und Drama liegend, und erlaubt so dem Zuschauer weitestgehend, eigene Gedanken und Empfindungen dazu zu entwickeln.

Der Hauptdarsteller Aurélien Recoing spielt den Menschen, der durch einen Anstoß in eine Krise gerät und dann die falschen Wege aus dieser Krise wählt, sehr überzeugend: Er spielt nicht den Gequälten, der ein Opfer seiner Umgebung wird, sondern er spielt denjenigen, der vor sich und seiner Umgebung so tut, als gäbe es gar keine Krise. Die andern Schauspieler sind mir weder negativ noch als besonders überragend aufgefallen.

Die Musik ist eher modern, ruhig, getragen, meist wie ein langsamer Satz aus einem Streichquartett des frühen 20. Jahrhunderts.

Regie und Kamera sind unspektakulär und erleichtern eine neutrale Beobachtung des Geschehens.

Spannung und Witz fehlen hier völlig. Wer sich von einem Film unterhalten lassen will, der ist hier mit Sicherheit falsch.


FAZIT

Dies ist ein ruhig erzählter Film über eine Krise, der durch diese Ruhe zwar nicht viel hermacht, der auch nicht unterhält, der aber nach dem Betrachten ein gutes Gefühl hinterlässt.

Ich gebe volle 4 Sterne; für den fünften Stern hätte ich mir etwas mehr Ausdruck in der Kamera und Spannung gewünscht.

Frankreich 2001 - Originaltitel: L'emploi du temps - Regie: Laurent Cantet - Darsteller: Aurélien Recoing, Karin Viard, Serge Livrozet, Jean-Pierre Mangeot, Monique Mangeot, Nicolas Kalsch, Marie Cantet, Félix Cantet, Olivier Lejoubioux - Länge: 128 min. (von http://www.filmz.de/film_2002/auszeit/)

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
xxxxxxxxxxMaexxxxxxxx

xxxxxxxxxxMaexxxxxxxx

28.05.2004 01:44

Schöner Bericht, aber wohl nicht so mein Genre =) Grüßle, Thomas

Athomzombie

Athomzombie

27.03.2004 13:42

hallo wolfgang, bist du wirklich sicher, dass der mann aus seiner krise herauskommt? ich verstehe die geschichte so, dass gerade - wie du auch sagst - sein job seine krise war, und er sich am wohlsten fühlt, wenn er auto fährt und an nichts denken muss. so ist das ende, also ein neuer job, auch der endgültige abstieg in eine neue gefangenschaft, aus der er versucht hatte, auszubrechen. der titel "auszeit" ist deshalb wörtlich zu nehmen, weil er nicht als manager arbeiten will... hast du am schluss des films seinen gesichtsausdruck gesehen? für mich die völlige verzweiflung - in dem moment, in dem es ja offiziell "aufwärts" geht...viele grüße, andreas

Stormwatch2k3

Stormwatch2k3

24.02.2004 15:23

Hört sich nicht unbedingt nach meinem Genre an. ~~Gruß Norman~~

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