Gute Fahrt mit Avid Juicy 3
07.07.2009
Pro:
Wartungsarm, leicht zu entlüften, sehr gute Bremskraft, Bremshebel einstellbar
Kontra:
Druckpunkt kommt spät, ist aber reine Gewöhnungssache
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Verarbeitung
Häufigkeit der Nutzung
mehr
 M-Drummer
Über sich:
Mitglied seit:22.05.2009
Erfahrungsberichte:5
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 28 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Hallo Biker, Da ich diese Bremse seit einigen Tagen fahre, möchte ich mal meine Meinung dazu äußern.
Einleitung: Meine letzte Bremse, eine Magura Julie, gab nach einem ungünstigen Sturz leider ihren Geist auf, da die Bremsscheibe komplett verbogen wurde und darausfolgend die Bremsbeläge rausgerissen wurden, als sich noch das Rad drehte. Zwar könnte man sie nach einer mehr oder weniger kleinen Investition leicht wieder in Betrieb nehmen, aber netterweise bekam ich von einem Biker-Kollegen sofort Ersatz, sodass ich mir die Mühe für die alte Julie gar nicht machen brauchte. So bekam ich die Avid Juicy 3 geschenkt, da sie bei ihm nur nutzlos in der Garage rumflog. Das einzige, was zu tun war, waren neue Bremsbeläge zu kaufen und Bremsflüssigkeit musste auch noch hinein. Also ging ich zum Fahrrad-Shop meines Vertrauens, ließ ein Pack Bremsbeläge für 17€ bestellen, besorgte mir von meinem Bruder noch DOT4 (Bremsflüssigkeit), und ab gings.
Die Funktionsweise und ihre Geheimnisse: So wären wir erst einmal beim Thema Entlüften, was ich bei dieser Bremse schon mal sehr lobenswert finde. Es werden im Internet für sämtliche hydraulischen Bremsen extra Entlüftungs-Kits für viel Geld angeboten, was ich persönlich schwachsinnig finde, da das Entlüften bei dieser Bremse (aber auch bei allen Magura-Bremsen) keinerlei Probleme bereitet, solange man keine zwei linken Hände hat. Das Geld kann man sich also sparen und sich ein Eis kaufen, das Entlüften dauert nur wenige Minuten und gefährlich ist es auch nicht.
Vorne, an der Amatur, befindet sich ein Ausgleichsbehälter. Dieser ist mit einem abgedichteten Plastikdeckel verschlossen. Innendrin sieht man nur einen Hohlraum mit einem winzigen Loch, wo wir die Bremsflüssigkeit hineinpumpen müssen. Der Hohlraum dient als Luftpolster und ist sehr wichtig, da ohne ihn die Bremsbeläge ungewollt zupacken würden. Beim Fahren erhitzt sich die Bremsflüssigkeit und dehnt sich aus. Da sie dank dem Luftpolster oben ein wenig Spielraum besitzt, wirkt sich die Ausdehnung nicht auf die Bremsbeläge aus. Ohne diesen Luftpolster würden wir also nach kurzem Einsatz mit blockierten Rädern fahren. Der Bremsleitung entlang zur Bremszange finden eine weitere Öffnung. Diese ist mit einer kleinen Schraube (bei mir ist es Torx) verschlossen. Ist diese Schraube aufgedreht, ist das System geöffnet. Dies ist zum Entlüften notwendig, da so auch die Luft herausgepumpt wird. Das Entlüften:
Nun geht es zum eigentlichen Entlüften. Das Prinzip ist recht einfach und verständlich: Man füllt vorne die Bremsflüssigkeit rein, welche durch Betätigen des Bremshebels durch die Leitung gepumpt wird, und gelangt zur Bremszange, was logischer Weise nur mit geöffneter Schraube an der Bremszange funktioniert, da man sonst einen geschlossenen Raum hat und lediglich Luft zusammendrückt. Achtet aber auch darauf, dass ihr den Bremshebel gerade haltet, es sei denn, ihr seid verschwenderisch. Auch hinten ist von einer zu starken Neigung nach Rechts abzuraten, da die Bremsflüssigkeit am besten auch nicht auf die Scheibe gelangt. Ich halte daher ein Tuch ganz fest unter die Öffnung, damit die Bremsflüssigkeit sofort aufgehalten wird. Ist also keine Bremsflüssigkeit in der Bremse, so muss zunächst die Schraube an der Bremszange aufgedreht werden, und solange Bremsflüssigkeit hineingepumpt werden, bis diese hinten aus der Öffnung läuft. Habt ihr allerdings vorher schon genug Bremsflüssigkeit intus, und wollt nur so mal entlüften, könnt ihr den letzten Satz ignorieren und direkt hier weitermachen: Nun kann man die Schraube erst einmal schließen, im Grunde hat die Bremse nun genug Bremsflüssigkeit in sich drin, um Bremsen zu können. Allerdings kommt jetzt noch die Feinabstimmung. Denn ein klein wenig Luft ist normaler Weise noch immer irgendwo drin, was manche als „schwammigen Druckpunkt“ kennen, und diesen Rest kriegt man wie folgt raus: Man pumpt bei geschlossener Schraube (die da hinten, an der Bremszange) so lange am Bremshebel, bis der richtige Druckpunkt erreicht ist. (Anmerkung: Der Pegel der Flüssigkeit darf unter keinen Umständen bis zum Loch gelangen, da man logischer Weise sonst nur wieder Luft in die Leitung pumpt. Daher gegebenenfalls immer ein paar Tropfen nachkippen, während man pumpt – ansonsten dauert das ganze eben länger.) Damit erreicht man, dass die Restluft ganz nach hinten zum Ende gepumpt wird. Nun zieht man den Bremshebel fest an, und hält ihn gezogen. Während er angezogen ist, wird hinten die Schraube gelöst, woraufhin wieder ein wenig Flüssigkeit entweicht. Dabei wird man merken, dass der Hebel nun von alleine locker lässt und sich bis zum Lenker durchziehen lässt. Hebel trotzdem weiter so halten, und die Schraube hinten wieder schließen. Nun kann man den Hebel loslassen, und man wird sehen, dass dadurch wieder ein wenig Flüssigkeit aus dem Ausgleichsbehälter oben in die Leitung gezogen wird (an dieser Stelle noch einmal meine Anmerkung weiter oben beachten). Diesen letzten Vorgang zur Sicherheit noch einmal wiederholen, aber dann dürfte auch endgültig jedes Luftteilchen aus der Bremse verschwunden sein. Es klingt viel, ist aber im Prinzip sehr leicht, wenn man das System einmal verstanden hat. (Einen Tipp habe ich aber noch, falls doch mal etwas Bremsflüssigkeit auf die Scheibe/die Beläge gelangt. Dies ist KEIN Grund sich neue Beläge zu kaufen. Die Scheibe kann man ganz leicht mit Bremsenreiniger reinigen, und die Beläge kann man auf eine Herdplatte legen und erhitzen. Irgendwann fängt es an zu dampfen und die Flüssigkeit verschwindet vollständig, sodass die Beläge wieder voll einsatzfähig sind. Nur nicht die Pfoten verbrennen.) Dieses Entlüftungs-System ist idiotensicher und deshalb ein Pluspunkt für dieses Produkt.
Die Montage: Nun werde ich zur Montage übergehen. Sie lässt sich ganz normal anbauen wie jede andere Scheibenbremse. Da ich jedoch nur Magura gewöhnt war, gab es bei den Bremsbelägen einen Unterschied. Die Beläge hängen nicht an einem Draht, sondern werden einfach mithilfe von Klammern eingeklemmt. Dieses Prinzip hat man aber sehr schnell durchschaut und man muss die Beläge nur in der richtigen Position hineindrücken bis es klickt. Das Gute an den Bremshebeln der Avid Juicy ist, dass diese für keine Seite bestimmt sind. So ist es völlig gleich, ob man den Hebel Links oder Rechts anbringt (vergleichbar mit Hayes HFX9). Bei Magura war dies leider nie der Fall. Falls man also mal eine neue Amatur benötigt, konnte man nicht einfach seine Vorderbremse nehmen, sondern musste wieder nur unnötig Geld ausgeben. Mit dem Preis der Beläge bin ich auch ganz zufrieden. Ich bekam von meinem Fahrrad-Laden die originalen Beläge von Avid für 17€, allerdings gibt es auch alternativen von anderen Herstellern, wie beispielsweise Kool-Stop. Die Preise reichen von 8€ bis <20€, was mit der Beschichtung und Herstellung zusammenhängt (organisch, semi-metallisch etc.). So wie man bei Magura nur Mineral-Öl verwenden darf, darf man bei Avid Juicy als Bremsflüssigkeit nur DOT 4 oder DOT 5.1 verwenden. Alles andere würde die Dichtungen angreifen (was auch viele nicht wissen: Mineral-Öl ist keine Bremsflüssigkeit, auch wenn beides Flüssigkeiten zum Bremsen sind. Mineral-Öl = Hydraulik-Öl und DOT = Bremsflüssigkeit). Ich verwende DOT4, allerdings nicht original von Avid, sondern vom Motorrad- und Auto-Zubehör-Hersteller Polo. Das funktioniert genauso und die Kompatibilität ist erfreulich, da man auch hier nicht wieder extra einkaufen gehen muss.
Qualität und Leistung: Nun aber endlich zum wichtigen Teil. Wie verhält die Bremse sich und wie ist ihre Bremskraft? Vorerst möchte ich etwas anmerken. In vielen Testberichten von Scheibenbremsen lese ich immer wieder Sätze in etwa wie: „Die Bremskraft ist in Ordnung, aber sobald ich einen Berg runterfahre setzt sie aus und fängt an zu quitschen. Nicht zu empfehlen.“ Anscheinend ist vielen Bikern nicht klar, um was für Bremsen es sich bei ihren eigenen handelt. Ich habe dies allen Ernstes in einem Testbericht über die Magura Julie, aber auch Magura Louise, gelesen. Und Beides sind keine Hochleistungs-Bremsen für Extreme-Downhill, sondern für leichtere Einsatzbereiche. Und plötzlich wundern sich alle, warum die Bremse nicht mehr blockiert. Wer also Downhill fährt, benötigt natürlich größere Scheiben und muss dementsprechend für noch mehr Leistung und Qualität mehr Geld ausgeben. Für Downhill und dergleichen sind Bremsen dieser Art und Preisklasse nicht geeignet, was man sich aber auch vorher denken kann. Ich fahre ausschließlich Dirt und manchmal Street, und für diesen Bereich ist die Bremskraft einfach enorm. Man hat vor dem Druckpunkt etwas mehr Spiel als man vielleicht von anderen Bremsen gewohnt ist, aber wenn der Druckpunkt da ist, ist er stark. Am Anfang war ich etwas skeptisch, aber mittlerweile finde ich dies sogar ziemlich gut, da man so ganz gut dosieren kann. Der Druckpunkt wandert auch nicht, so wie es bei meiner alten Julie der Fall war. Außerdem ist es eine wirklich sehr gute Option, dass man den Bremshebel per Inbus-Schraube verstellen kann. So kann man den Hebel vom Lenker entfernen, oder ihn heranziehen, falls man zu kurze Flossen hat. Der Druckpunkt wird dadurch natürlich nicht negativ beeinflusst, dieser geht nämlich Proportional mit dem Hebel mit. Anderenfalls würde diese Option ja gar keinen Sinn machen. Die gesamte Bremsanlage besteht aus Metall, was auf jeden Fall für gute Qualität sorgt. Meine alte Julie bestand größtenteils aus irgendeiner Kunststoff-Legierung (vielleicht, um Gewicht zu sparen), woraufhin die Gewinde nach wenigen Malen schon rausgedreht waren. Dieses Problem gehört nun auch der Vergangenheit an.
Der Verschleiß der Beläge ist laut Angaben im Internet nicht sehr hoch, das ist er aber bei hydraulischen Scheibenbremsen eigentlich nie. Im Normalfall kann man Beläge ein ganzes Jahr fahren, was also kein Grund zur Aufregung ist. Der Verschleiß schwankt aber von Hersteller zu Hersteller, weshalb die Angabe bei den Produktdetails nicht eindeutig ist. Fazit:
Meiner Meinung und bisherigen Erfahrung nach für die üblichen Einsätze außerhalb vom extremen Downhill eine Spitzen-Bremse, die in keinster Weise zu knapp kommt. Für den normalen Bereich von Dirt zu Street, aber natürlich auch für die ganz gemütlichen Waldfahrer, und sicherlich auch für Freerider, die ein bisschen schneller fahren und ein wenig droppen, eine enorme Bremskraft und auf jeden Fall empfehlenswert. Ehrlich gesagt habe ich keine Nachteile entdeckt, dass mit dem Druckpunkt ist wie gesagt nichts als Gewöhnungssache.
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