Zweizehenfaultier
14.10.2001
Pro:
durchschnittlich gute Qualität, Langlebigkeit, vielseitig einsetzbar, deutsches Markenprodukt
Kontra:
wie alle Videokassetten teuer in der Anschaffung, bei neueren Videorekordern mit Hochgeschwindigkeitsspulwerken selten ein Bandsalat, 300 Minuten selten Ist - Wert
Empfehlenswert:
Ja
Details:
Zuverlässigkeit
Robustheit:
Haltbarkeit
 Martin
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:92
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 475 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Eine solche, schlaflastige animalische Ausgeburt ist den meisten von uns wohl nur aus Kreuzworträtseln oder unter der weitaus geläufigeren Bezeichnung Megalonychidae ein wohldefinierter Begriff. Wo genau die Parallele zu uns allen bekannten Videokassetten für handelsübliche Fiddscho-Regordärr des leicht in Ungnade gefallenen deutschen Mammutchemiekonzerns BASF zu ziehen ist, will auf den ersten Blick nicht jedem Leser einleuchten. Denn künstliche Chemie ungleich Natur – offensichtlich auf Verständnis treffend. Ein Zweizehenfaultier gehört üblicherweise der Gattung freilebender Geschöpfe zugeordnet, wohingegen eine Videokassette eher nur sporadisch ihren Daseinsanspruch in der Darwinschen Evolutionslehre findet. Mit Zauberchemikalien vollgepumpte Flüsse, vermögen durchaus das Potential zu außergewöhnlichen Mutationen zu besitzen, der Zusammenhang in diesem Falle sei jedoch vielmehr als kleines Wortspiel zu verstehen. Wobei in letztgenanntem Fall bereits die Entwicklung neuer High-Tech Tabletten gänzlich genügen würde, um durch Verabreichung an ungewünschte Genvariationen das Problem zügig und sauber "entschlafen" zu lassen...
Bekanntlich aus zwei mehr oder minder trägen Rotationshohlzylindern in oftmals weißer Koloratur aus preiswertem, fernöstlichen Plastik gefertigt, mit einer in freier Videolaufbahn häufig vorkommenden schwarzen, quaderförmigen Behausung umrahmt und von einem anthrazitfarbenen Magnetband durchzogen, frönt die gewöhnliche Videokassette einem doch eher friedlichen Dasein. Umfaßt der Tagesablauf eingangs erwähnter Kreaturen mindestens zwanzig wertvolle Stunden, geistige Aktivität fördernden Schlafes, so verbringen Videokassetten gleichermaßen nur wenige Prozentteile ihrer gesamten Lebensphase in zugehörigem Metier – den Abgründen abspielwütiger Bildaufnahmegeräte. Vor allem Bänder des BASF Tochterunternehmens EMTEC zeichnen sich durch eine extrem hohe Widerstandsfähigkeit innerhalb der dunklen, lebensfeindlichen Umgebungen aus. Wissenschaftlich belegt sind unterbrechungsfreie Aufenthaltszeiträume von 300 Minuten im Inneren konsumfreudiger Videogeräte, wobei sogar vereinzelte Beobachtungen von teilweise um etliche Minuten längeren Streifzügen übermittelt sind, ehe der Drang nach Repetition unvermeidbar wird. Kranke oder von Erschaffung an beeinträchtigte Exemplare erreichen Zeit ihrer Existenz oftmals nur weitaus weniger gute Werte, welche dem Besitzer häufig wertvolle Sendungsminuten entgehen lassen. Durch die im Produktionsprozeß bedingten Klonverfahren treten derartige Mangelerscheinungen ungewöhnlich häufig auf, eine Beseitigung dieses Problems scheint aufgrund von Fehlertoleranz und Verbraucherbetrug jedoch unwahrscheinlich.
Zur Nahrungsaufnahme begibt sich die mit einem unikalen Investitionsaufwand von acht Mark zu erwerbende Spezies durch äußeres Einwirken in bereits beschriebenes Innere eines Videorekorders. Selbständige Fortbewegung scheint ebenso wie bei Faultieren unwahrscheinlich und konnte noch nie ausreichend dokumentiert werden. Befriedigend im Vergleich mit moderneren Lebensformen geht der Verdauungsvorgang vonstatten. Auf dieser prähistorischen Evolutionsstufe erfolgt die Zuführung von Nährstoffen nach wie vor auf analogem Wege. In den eigens dafür vorgesehenen Ton- und Bildspuren wandert der einmal aufgenommene Quellstoff – in der Fachsprache findet sich oft die Bezeichnung des "sinnleeren Informationsbreis" ("Brain-Drain-Effekt") – in den Speicherapparat des Verdauungstraktes, welcher sich bei ausgewachsenen Kassetten von außen mittels durchsichtiger Plastikschalungen anschaulich und selbsterklärend einsehen läßt. Erstaunlich ist die Genügsamkeit dieser einzigartigen Lebewesen. Im Inneren angelangt, verbleibt die vierschichtig (im einzelnen durch "extra smooth burnished surface", "high output coating", "high performance film" und "heavy duty back coating" determiniert) eingelagerte Nahrungssuppe über mehrere Jahre unberührt. Zwar schwindet die Konzentration der einzelnen Bildcodierungen zusehends, es bleibt jedoch selbst nach längerer Zeit die Grundinformation der spezifischen Zusammensetzung erhalten. Ein Großteil der Jungtiere hält es auf Wunsch sogar zeitlebens ohne zugeführte Nahrung aus – ein in der Fauna überaus seltenes Phänomen.
Bei der Fütterung ist weiterhin der Sinngehalt des Inputs stets sorgfältig zu kontrollieren. Kommerzielle Sendungen, Talkshows, Soap-Operas, Insel- und Hausbesetzer sowie alle ähnlichen Produktionen schädigen durch ihre niedrige oder gänzlich reziprok gegen Unendlich (Gruß an sloopy!) gehende Konzentration an Intellekt den physischen und psychischen Zustand von Videokassette als auch Betrachter. Zu bevorzugen sind hochwertige Dokumentationen als auch Fachsendungen, wobei wie in allen Dingen des Lebens die gesunde Mischung zu letztendlichem Erfolg führt. Bei Kassetten von BASF der Untergattung EQ läßt sich erfreulicherweise feststellen, daß selbst tägliche, mehrmalige Fütterung keine Schädigung des Gastralsystems bewirkt. Je nach Gebrauchshäufigkeit und Umweltbedingungen liegt die durchschnittliche Verweildauer im realen Videodiesseits bei zwei bis fünf Jahren, wobei zwischen den Populationen einzelner Jahrgänge große Unterschiede festzustellen sind. Zurückzuführen sind diese vermutlich auf schwankende Rohstoffe und den jeweilig verwendeten Replikationsmechanismus. Genaue Ursachen und Einflußfaktoren bleiben dennoch unbekannt. Ähnlich der Nahrungsaufnahme läßt sich auch die Wiedergabe des gesammelten Ton- und Bildgewirrs nur durch explizit induzierte Einwirkung hervorrufen. Gewöhnlich durch lokale Verfrachtung in die Mundhöhle des Videorekorders und anschließende Betätigung entsprechender Funktionalitäten zur Wiedergabe. Die besondere Eigenschaft, einmal gelagerte Informationen beliebig oft wiedergeben zu können ohne den geringsten Verlust, zeichnet diese Spezies für ihren Verwendungszweck aus. Man möchte beinahe von Prädestination sprechen, von welcher jedoch nur vorsichtig verbal Gebrauch gemacht werden sollte, schränkt sie ja das naturgegebene Recht auf Selbstbestimmung erheblich ein. Glücklicherweise liegt der Genius von Videokassetten noch unterhalb der Stufe von Felsgestein, so daß Rebellionen oder visuelle Aufbegehren als unwahrscheinlich einzuordnen sind. Kriegerische Veranlagungen oder religiöse Wahnvorstellungen werden bei dieser kulturlosen Spezies im Gegensatz zu den humanen (?) Lebewesen dieser Welt ebenfalls nicht vorgefunden, wodurch sie selbst für privaten Wohnraum oder das kindliche Spielzimmer zumindest faktisch geeignet sind. Über den pädagogischen Nutzen läßt sich aufgrund vielfältiger, teils unsittlicher Mißbrauchsarten dieser sonst so friedvollen und passiven Gefährten streiten.
Die Fortpflanzung erfolgt vermutlich durch ungeschlechtliche Teilung, welche aber nur durch BASF-Techniker angeregt und kontrolliert werden kann. Eigene Aufzuchtsversuche in Videotheken oder Pirateriefabriken gelingen nie zufriedenstellend und beschränken sich häufig auf die bloße Replizierung des Inhaltes. Diese Charakteristik findet ihre Ursache ebenfalls in dem besonders scheuen Verhalten. Am wohlsten fühlen sich Videokassetten eben nur in zugehörigen Abspielgeräten oder lichtgeschützten – und somit zappendusteren, trockenen und ruhigen Plätzchen. Auch Anhäufungen in Gruppen (Videosammlung) sind typisch, liegen aber mehr in den Nutzungsgewohnheiten der Besitzer begründet. Hier vorgestellte Spezies eignet sich wie gesagt verhältnismäßig gut zu Archivierung und/oder ständiger Verwendung. Nach dem Ableben, welches wie bereits beschrieben von diversen Faktoren abhängt, läßt sich die Videokassette leider nicht 100%ig als Biomasse entsorgen. Durch anhaltende Genmanipulation und Entwicklung neuer Vererbungsverfahren wird jedoch weiterhin fieberhaft nach einer Verbesserung gesucht. Der letztendliche Erfolg auf diesem Sektor scheint durch Kreation neuer Rassen (unter anderem DVD) wohl aber nicht mehr allzu glaubhaft.
Alterserscheinungen oder besonders heimtückisches Jagdverhalten bei der Beutesuche in Videoaufnahmegeräten führt gelegentlich zu bösartigen Verkrallungen mit der umgebenden Materie. Alleinig der Fachmann kann bei Ausstülpung des Mageninhalts (sogenannter "Bandsalat") Abhilfe schaffen. Simple Verdrehungen und Verknitterungen des Speicherdarms lassen sich aber mit geübter Hand auch selbst durch Öffnen des Videokörpers vornehmen. Verluste der jeweiligen Informationen sind zu befürchten, trösten aber zumindest über den Verderb der gesamten Inhaltskost hinweg. Bei dieser Gattung aufgrund hoher Festigkeit äußerst selten (um zu sagen in meiner Verwendung noch nie) auftretend, sind vollständige Magnetbandrisse. Im Großen und Ganzen läßt sich somit von einer sehr gut an die Umweltbedingungen angepaßten Lebensform sprechen. Annehmbare Qualität des Verdauungssystem, vielseitige Einsatzzwecke, flexible Eigenschaftsmerkmale und ein halbwegs diskutabler Preis für Einzelexemplare – Auslandsimporte scheinen ähnlich der Henfield'schen Zahnbürsteanomalie wenig empfehlenswert – sprechen für die Verwendung von BASF EQ 300 Videokassetten.
Und für alle, denen das jetzt eine Nummer zu groß war, die keine Leselust besitzen oder anderweitig an einer akzeptablen Wertschätzung dieser bescheidenen Abhandlung gehindert sind, hier eine kurzes Resümee: Videokassetten von BASF/EMTEC, Marke EQ mit einer Wiedergabedauer von 300 Minuten lassen sich gut für den Tagesgebrauch als auch die dauerhafte Videofilmsammlung verwenden. Spitzenwerte hinsichtlich Bild- und Tonqualität sind zwar nicht zu erwarten, durch den moderaten Preis aber durchaus vertretbar. Beständigkeit und Verarbeitung zeichnen sich ebenso zufriedenstellend, zu bemerken in der gleichwertigen Bespielbarkeit mit Normalbetrieb oder Longplay. Somit eine "gute" Empfehlung meines Hauses. Aus dem Reich der Tier- und Videowelt verabschiedet sich,
Martin
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10.03.2002 15:08
Ich hab seit Jahren keine bespielbaren Videokassetten mehr in der Hand gehabt, weiß gar nicht mehr wie die aussehen.
05.03.2002 01:03
Ich wusste bislang noch nicht einmal, dass es 300er Kassetten gibt... :-) Toller Bericht, der mit einer unglaublichen Lesezahl gekrönt wird. Lieber Gruß vom Tom
28.02.2002 16:25
Sehr ausführlich, suoer Bericht. Gruß John