Vulkanausbruch und Steuern auf Urin
27.02.2006
Pro:
unterhaltsam
Kontra:
wie die meisten Dokus leider etwas teuer
Empfehlenswert:
Ja
 Herzenspiratin
Über sich:
Mitglied seit:19.02.2006
Erfahrungsberichte:24
Vertrauende:30
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 97 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
BUMM! Heißglühende Lava, Schnitt, eine Explosion, Schnitt, schreiende Menschen in den Straßen, die sich die Ohren zuhalten. Schnitt. Am anderen Ende des Golfs von Neapel, in Misenum, beobachten die Bewohner eines Hauses fassungslos, wie über dem Vesuv eine gigantische Rauchsäule in den Himmel steigt, 15 Kilometer hoch bereits nach wenigen Minuten. Später im Film werden wir erfahren, daß es sich um den Haushalt von Plinius dem Älteren handelt. Plinius ist Historiker, Naturforscher, - und der Oberbefehlshaber der römischen Flotte in Misenum. Bei ihm ist sein Neffe Gaius, von dem wir den umfassendsten Bericht über diese Katastrophe des Altertums erhalten haben. Schnitt. Die Stadt Pompeji in Aufruhr. Menschen, die umherrennen, Menschen, die auf die größer werdende Säule aus Rauch, Asche und Steinen über dem Vesuv starren. Schnitt. Die Sonne verdunkelt sich durch den Rauch und die Asche. Schnitt. Menschen fallen in der zunehmenden Dunkelheit hin, diskutieren verzweifelt über Fluchtmöglichkeiten. Dächer stürzen ein, getroffen von Bims- und anderen Steinen. Schnitt. Eine Lawine aus Geröll und Lava wälzt sich den Hang hinab. Schnitt. Eine hochschwangere Frau in Todesangst. Schnitt. Bisher ist gerade mal die erste dreiviertel Minute der Dokumentation über den Untergang von Pompeji vorbei, und mein Adrenalinpegel ist schon höher, als ich ohne Hilfsmittel springen kann. Meine Aufmerksamkeit hat der Film auf alle Fälle, auch wenn es ab jetzt geordneter weitergeht.
Worum geht es: ----------------------- Wie der Titel der DVD verspricht, wird der letzte Tag von Pompei nacherzählt, beginnend um 10 Uhr vormittags, etwa drei Stunden vor dem Ausbruch des Vesuv am 24. August des Jahres 74 n.Chr. Etwa 5000 der 20.000 Einwohner der Stadt kamen damals ums Leben, die meisten wurden von einer dicken Schicht von Asche und Bimsstein begraben. Erst vor 250 Jahren wurden die Ruinen von Pompeji wiederentdeckt. Die Ruinen... und mehr: durch die dicke Ascheschicht waren nicht nur Gegenstände des täglichen Lebens konserviert worden, sondern Abdrücke ganzer Menschen im Augenblick ihres Todes. Ein Schlaraffenland für Archäologen und Historiker!
Inschriften an den Häusern, keinerlei Verwitterung ausgesetzt, zeigen noch heute, was für die Römer damals wichtig war: sie erzählen von reichen Bürgern, die sich um ein politisches Amt bewerben, und von herzensbrechenden Gladiatoren. Eine Inschrift verkündet: "Es lebe der Gewinn" - Pompeji war damals eine der reichsten Städte des römischen Reiches. Einige der gefundenen Gegenstände und ausgegrabenen Ruinen ernöglichen eine Rekonstruktion der letzten Stunden einiger der Bewohner Pompejis. Natürlich ist bei dieser Form der Nacherzählung auch viel Spekulation im Spiel, aber wo immer es möglich ist, zeigt die Dokumentation, auf welchen Funden die "Geschichte" basiert.
Da gibt es z.B. den reichen Gerber Stephanus. Er wird von der Katastrophe überrascht, als er grade ein Stelldichein mit einer seiner Sklavinnen hat. Woher wissen wir das: Der Armreif der Sklavin mit der Gravur: "von meinem Herrn für seine kleine Sklavin" wurde in einem billigen Hotel fernab des Haushalts von Stephanus gefunden. Stephanus war ein bekannter Bürger auch außerhalb der Stadt, da Urin, die Grundlage erfolgreicher Tuchwalkerei, als kostbarer Rohstoff galt, der vom Kaiser mit einer Steuer belegt war (wie das funktionierte, wird leider nicht erklärt...). Seine Frau macht sich, verlassen von den Sklaven, mit den Ersparnissen auf die Flucht, während Stephanus, vermutlich ebenfalls an die Ersparnisse denkend, zu seinem Haus zurückeilt, in dessen Nähe er dann später gefunden wird. Anhand dieser und einiger anderer Einzelschicksale sowie des Berichtes von Gaius Plinius wird die Geschichte des Vulkanausbruchs in ca. 2stündigen Abständen nachvollzogen - die gesamte Katastrophe dauerte nur etwa 24 Stunden. Dramatische Sequenzen wechseln sich dabei mit Computeranimationen und erklärenden Einschüben ab. Teilweise wird aus der dramatischen Sequenz direkt in ein Bild der Ausgrabung gemorpht, was den dokumentarischen Charakter zusätzlich unterstreicht. Die musikalische Untermalung ist unaufdringlich bis dramatisch ... den jeweiligen Szenen gut angepaßt.
Der dokumentarische Teil... -------------------------------------- ...kommt dabei keineswegs zu kurz. Wir bekommen Karten gezeigt und viele Fotos der Ausgrabungen, wobei die Fotos der menschlichen Abdrücke in der Asche wohl am beeindruckendsten sind - Menschen, die versuchen ihr Gesicht zu schützen, Gesichter, deren Mimik die Qual des Luftholens verdeutlichen. Wir erfahren, warum der Ausbruch so viele Leben kostete, und wie ein Vulkanausbruch dieser Sorte überhaupt zustande kommt. Nicht nur Pompeij wird dabei unter die Lupe genommen, sondern auch das benachbarte Herkulaneum, das mit dieser Katastrophe auf etwas andere Weise, aber nicht minder verheerend getroffen wurde. Nicht zuletzt erfahren wir auch einiges über das römische Reich zu jener Zeit, insbesondere in gesellschaftlicher Hinsicht.
Extras: --------- Wer im Film nicht genug erfährt, bekommt in den Extras noch ein paar Seiten mit Fakten nachgereicht. Außerdem gibt es je ein Interview mit dem Regisseur Peter Nicholson und Isolde Sommerfeldt, die für die Kostüme verantwortlich zeichnet. Beide Interviews sind auf englisch, mit deutschen Untertiteln.
Und sonst... ----------------- Der Film ist eine Koproduktion des Norddeutschen Rundfunks mit dem Science Department der BBC und The Learning Channel (TLC).
Schauspieler: Rachel Atkins, Jim Carter, Rebecca Clarke u.a. Veröffentlichung: 28.05.2004 Regie: Alisa Orr und Peter Nicholson FSK: ab 12 Laufzeit: ca. 60 Min. Sprachen und Tonformate: Deutsch DD 2.0 deutscher Sprecher: Gert Heidenreich Bildformat: 16:9 (1,78:1) Untertitel: keine Kapitelanwahl
Menüführung: übersichtlich Preis: ca. 15 Euro, also im gängigen Bereich für Dokumentationen.
Dem Pappcover liegt ein Prospekt mit weiteren BBC-Produktionen bei. www.pompeji.de
Fazit: --------- Diesen Film hätte ich mir im Geschichtsunterricht in der 5. Klasse gewünscht (obwohl er erst ab 12 Jahren empfohlen wird, wegen der sich am Ende natürlich doch häufenden Leichen). Sehr viel anschaulicher kann man über ein geschichtliches Ereignis kaum berichten. Trotz des spektakulären Katastrophenfilm-Charakters kommt die wissenschaftliche Aufarbeitung nicht zu kurz, ohne einen jedoch mit Fakten zu erschlagen. Die Spannung bleibt bis zur letzten Sekunde erhalten, und darüber hinaus: damals lag der letzte Vesuvausbruch 1500 Jahre zurück, heute sind es 2000 Jahre... Kurzum: sehenswert!
Bilder von Pompeji - Der letzte Tag (Digi) (DVD)
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22.04.2008 20:50
Oh ja, ich glaube, die hab ich mal im TV gesehen! Kommt auf meine amazon-wunschliste! Dabei wollte ich mich eigentlich über "Die letzten Tage von Pompeji" informieren ;-D Viele Grüße
27.07.2006 20:51
Hach, das hatte ich mal vorgeschlagen :-)) Bin gerade am Durchschauen meiner Entwürfe, hier brauch ich dann ja nichts mehr schreiben
18.07.2006 17:49
Sehr guter Bericht. Will ich sehen! LG Barbara