BMW R90S

Erfahrungsbericht über

BMW R90S

Gesamtbewertung (1): Gesamtbewertung BMW R90S

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The Beauty and The Beast : BMW R90S

5  23.04.2002 (05.10.2002)

Pro:
Sportlich, schnell, stark, schön, hervorragender Wiederverkaufswert

Kontra:
Selten, teuer,

Empfehlenswert: Ja 

DerFetteZwerg

Über sich:

Mitglied seit:14.02.2002

Erfahrungsberichte:18

Vertrauende:3

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 27 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

The Beauty and the Beast -. BMW R90S.

Anfang der 70er Jahre war der weltweite Motorradmarkt in Bewegung geraten.
Das Motorrad hatte sich endgültig vom ehemals billigen Transportmittel für Wenigverdienende zum Freizeitgerät gemausert, - und besonders die Japaner trieben diesen Imagewandel vehement voran. Begleitet von ebenso genialen, wie aggressiven Werbekampagnen brachten die "großen Vier" (Honda, Kawasaki, Suzuki und Yamaha) jedes Jahr neue, stärkere und schnellere Maschinen auf den Markt, und überboten sich dabei gegenseitig mit immer neuen Superlativen.

Dem hatte man in good old Europe kaum etwas entgegenzusetzten....

Zu spät und zu träge hatten die europäischen Motorradhersteller auf die japanische Invasion reagiert, - man hatte die fernöstlichen Motorräder zu lange als billige Kopien der eigenen Modelle belächelt.

Die Folge war ein Massensterben traditioneller Motorradmarken, - vor allem in England.
Velocette, BSA, Villiers, Douglas und viele andere verschwanden für immer vom Markt, selbst große Firmen wie Triumph oder Norton kämpften um's Überleben.

Auch in Deutschland gab es nur noch einen einziger Hersteller großer Motorräder : BMW.

Nun hatte BMW allerdings zwei wichtige Vorteile, die das Überleben im heißumkämpften Motorradmarkt sicherstellten:

Zum Einen die mit satten grünen Zahlen arbeitende Automobilproduktion, - als Sicherheit im Hintergrund,
Zum Anderen der hervorragende Ruf, den die Motorräder aus dem Hause BMW weltweit genossen.

Vor allem im wichtigen Exportland USA war der Besitz einer BMW ein Statussymbol , - vergleichbar etwa mit einem Mercedes-Benz der Oberklasse im Automobilsektor.

Entsprechend gelassen , wenn nicht sogar ein wenig arrogant - war das Verhalten der Bayern, wenn es um die Präsentation von neuen Maschinen ging - die letzte Neuentwicklung war die – zugegebenermaßen beinahe schon revolutionäre – Baureihe /5 , - und sie datierte aus dem Jahr 1969 !!

Doch Ende 1973 war es endlich soweit, - BMW ließ verlauten, man werde noch innerhalb diesen Jahres eine neue Motorrad-Baureihe präsentieren, - die Serie /6.
Diese Baureihe habe ich bereits in einem früheren Bericht vorgestellt, - deshalb beschränke ich mich hier auf das Spitzenmodell der neuen BMW-Motorradgeneration : der R 90 S.

Die R90S – Optik

Die neue R90S schlug bei der Präsentation ein wie eine Bombe ! Keiner hatte den (nicht ganz zu Unrecht) als erzkonservativ belächelten bayerischen Motorradbauern solch ein Sportgerät zugetraut !
In der Tat war in Wahrheit ein Amerikaner, nämlich BMW- Verkaufsleiter und Vorstandsmitglied Robert "Bob"

Bilder von BMW R90S
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BMW R90S Bild 722 tb
R90S Silberrauch, erste Serie 1974
Lutz
letztendlich derjenige, der, - nach heftigen internen Glaubenskriegen - das Projekt durchgesetzt hatte !!) !Selbst ein begeisterter Motorradfahrer, überzeugte er alle Skeptiker im Hause BMW davon, dass die Zeit reif war für ein Motorrad wie die 90S !

Recht hatte der Mann !!

Schon die Optik der 90S ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass man es hier mit dem neuen Flaggschiff der Baureihe /6 zu tun hatte !
Sie war die erste Serienmaschine der Welt, die mit einer Verkleidung ausgeliefert wurde, - einer kleinen, schnittigen, lenkerfesten Sportverkleidung, die auch zwei Zusatzinstrumente aufnahm, - Zeituhr und Voltmeter.

Der Tank wurde ein wenig verändert, zusammen mit der Sitzbanklinie, die hinten in einem sportlichen Bürzel auslief, ergab sich ein sehr dynamisches Gesamtbild, - das Motorrad sah schon im Stand enorm schnell aus !

Entworfen hatte diese gelungene Linienführung ein gewisser Herr Muth, - eben jener Designer Hans A. Muth, der später auch das Katana - Design für Suzuki gezeichnet hatte.

Exklusiv für die 90S gab es auch eine aufwändige Zweifarb-Lackierung. Dieser Lack mit der Bezeichnung „Silberrauch“ wurde von Hand aufgebracht, - keine R90S glich deshalb exakt der anderen, sondern jede ausgelieferte Maschine war dadurch ein individuelles Motorrad.
Ein Jahr später gesellte sich eine zweite Farbvariante dazu, - „Daytona-Orange“ genannt, -
Motorräder mit dieser Lackierung sind heute die gesuchtesten, - und teuersten Varianten.


Die R90S- Technik

Auch technisch hatte sich einiges getan, - sehr viel mehr, als rein äußerlich zu erkennen war !

Auf den ersten Blick sah man natürlich die doppelte vordere Scheibenbremse, - anfänglich noch ohne Löcher. Alsbald wurden die Scheiben aber mit Lochmuster ausgestattet, - zum besseren Ansprechen der Bremse bei Nässe.

Ebenfalls sofort erkannte der interessierte Betrachter ein zweites Chartakteristikum der 90S, - die Vergaser. Sie stammten nicht vom Hauslieferanten Bing, sondern von der italienischen Nobelmarke Dell’Orto.

Natürlich klang „Dell’Orto“ viel besser als „Bing“, - die Entscheidung für die italienischen Vergaser war allerdings aus einem wesentlich trivialeren Grund gefallen: Bing hatte keine passenden Vergaser mit 38 mm Durchmesser im Programm, - und konnte auch in der Schnelle keine solchen liefern !

Der Motor präsentierte sich ansonsten im gewohnten Erscheinungsbild, - dennoch war auch dort manches verändert worden.

Im Einzelnen:

Veränderte Zylinderbeschichtung, nadelgelagerte Kipphebel, Pleuel aus höherwertigem Stahl, Vierstoff-Gleitlager am Pleuelfuß, Ventile aus widerstandsfähigerem Material (Nimonic 80A), Durchmesser der Auslassventile vergrößert, Verdichtung auf 9,5 angehoben, Bohrungen im Luftfiltergehäuse zur besseren Beatmung.

Resultat: beachtliche 67 PS bei 7000U/min.

Damit war die R90S die mit Abstand stärkste und schnellste Serien – BMW aller Zeiten.
Zwar erreichten nur sehr wenige Exemplare die von der Werbung vollmundig versprochenen 200km/h, - aber viel fehlte daran nicht, und eine Beschleunigung von knapp unter 5sec auf 100km/h war für eine Serien 90S durchaus möglich.

Die Beanspruchung des Fahrwerks war bei der 90S natürlich am größten, - entsprechend gab es anfänglich einige Kritik daran, obwohl der Rahmen ebenfalls verstärkt worden war.

Die bereits von den Vorgängermodellen her bekannte Empfindlichkeit des BMW-Fahrwerks gegen unsauber eingestellte Rad,- Schwingen- und Lenklagern, sowie des Luftdrucks in den Reifen wurde auch bei der 90S bemängelt.

Lässt man jedoch dem Fahrwerk die ihm gebührende Aufmerksamkeit zuteil werden, ist eine 90 S im Hochgeschwindigkeitsbereich ein sicher zu fahrendes Motorrad.

Fahren mit der 90S

Vor etwas über einem Jahr habe ich mir einen langgehegten Traum erfüllt, - und mir eine 90S angeschafft ! Ich wollte immer eine in Silberrauch, - da kam es mir gerade recht, dass diese Lackvariante etwas günstiger im Preis liegt, als die „Daytona-Orange“ – Version.

Meine 90S hatte bereits über 100 000 km gelaufen, - zeigte sich aber nach wie vor in hervorragender physischer Verfassung.

Was beim Fahren sofort auffällt ist der enorme Schub, den der bajuwarische Großkolben-Motor bereits in niedrigen Drehzahlen zur Verfügung stellt.

Ohne sich zu verschlucken zieht der Motor sauber hoch. Voraussetzung dafür: peinlich synchron und sauber eingestellte Dell’Ortos !!

Der Schaltpunkt liegt , - dank des günstigen Drehmomentverlaufs – bereits deutlich unter den erlaubten 7000 U/min. Hohe Drehzahlen sind für ein flottes Vorankommen absolut nicht nötig.

Reißt man das Gas auf, so sprintet die 90S in für eine BMW geradezu obszöner Vehemenz vorwärts, und distanziert ihre Schwestern um Längen. Selbst die nominell nur 7 PS schwächere 90/6 hat nicht den Hauch einer Chance, da mitzuhalten ! (Mein Schwager fährt die 90/6, - der hat das bereits oft genug erleben können !!)

Nun war man ja speziell von Japanern auch damals schon Beschleunigungen jenseits von Gut und Böse gewohnt, - von einer BMW aber eben nicht !!

Die Schaltbarkeit der 5-Gang-Schaltbox ist nach wie vor gewöhnungsbedürftig, - ein von japanischen Getrieben verwöhnter Schaltfuß hat anfänglich sicherlich Schwierigkeiten, die Gänge der BMW geräuschlos zu wechseln.

Ebenso BMW-typisch ist die Lastwechselreaktion des Kardanantriebes. Darüber ist allerdings wohl schon soviel geschrieben worden, dass ich mir nähere Erläuterungen sparen kann. Nur soviel: Man gewöhnt sich überraschend schnell daran !

Die Bremsanlage ist hervorragend, - vorausgesetzt, man hat vorne nicht Bremsbeläge irgendeines Billigherstellers verbaut ! Die originalen Beläge vernichten derart vehement Bewegungsenergie, dass man Mühe hat, das Fahrzeugheck am Boden zu halten.

Dabei ist die Dosierbarkeit der beiden Schwimmsattelbremsen recht gut, der Druckpunkt deutlich spürbar.

Die hintere Trommelbremse spricht ebenfalls gut an, - ihre Wirkung genügt als Unterstützung der vorderen Scheibenbremse vollkommen.

Die Sitzposition hinter der kleinen Verkleidung ist auch für großgewachsene Fahrer bequem, - über den Wetterschutz der kleinen S-Verkleidung darf man sich allerdings keine Illusionen machen. Immerhin reduziert sie den Winddruck erstaunlich effektiv.

Die Instrumente sind leider im Durchmesser etwas zu klein geraten, - aber noch ausreichend deutlich abzulesen. Daß sie nicht hundertprozentig wasserdicht sind, merkt man ob der geschützten Einbaulage hinter der Verkleidung wahrscheinlich nie...

Wer, - wie ich – bisher gewohnt war, seine BMW mit dem Kickstarter anzuwerfen, wird feststellen, dass dies bei der 90S kaum mehr möglich ist.

Die hohe Verdichtung in Verbindung mit der (bei den neuer 5-Gang-Getrieben) ungünstigen Kickstarterübersetzung setzt dem Fuß einen fast unüberwindbaren Widerstand entgegen.

Ich hab’s zwar schon geschafft (wobei das bei meinen anderen BMWs durch meine Körpergröße von 192cm wirklich kein Problem darstellt), aber dafür musste ich mich mit dem anderen Fuß erst auf den linken Zylinder stellen !

Auch der serienmäßige Anlasser ist bis zur oberen Grenze seiner Leistungsfähigkeit gefordert, eine kalte 90S anzuwerfen!
Dazu bedarf es einer vollständig geladenen Batterie und eines gut eingestellten Motors. Viele Versuche hat man nicht, - dann sucht man sich entweder jemanden zum Anschieben, - oder lässt die 90S stehen !! (Ist mir gottseidank noch nicht passiert !!)

Der Zubehörhandel hat längst reagiert, und bietet für die 90S einen Anlasser mit günstigerer Übersetzung an.

Trotz aller Sportlichkeit ist auch eine 90S ohne Wenn und Aber langstreckentauglich. Die Sitzposition für den Sozius ist BMW-typisch sehr bequem, - und eine BMW liegt auch mit Beifahrer und Gepäck wie ein Brett auf der Straße.

Wer allerdings heute noch ein solches Schmuckstückchen im Originalzustand erwerben konnte, - oder seit längerem besitzt, - der wird es kaum über’s Herz bringen, damit auf Landstraßen dritter Ordnung irgendwo in der Weltgeschichte herumzufahren !
Zu selten sind die original erhaltenen 90S mittlerweile auf den Straßen anzutreffen, - und zu teuer ist eine Instandsetzung, oder gar der Neuerwerb !
Die 90S ist mit weitem Abstand die teuerste Gebrauchtmaschine der Serien /5 und /6, - und im Originalzustand die seltenste !

Fazit

Die R90S hat Motorradgeschichte geschrieben, - sie ist eine Schönheit, - über alle Geschmacksunterschiede hinweg, - und sie ist bissig - in einer für BMW bis dahin unbekannten Intensität.

Sie war das Symbol einer neuen Ära im Hause BMW, - fort von konservativer Hausmannskost und Leistungsverzicht, - und hin zu modernem Design und sportlichen Motorrädern. (Die spätere Entwicklung sollte zeigen, wie richtig diese Entscheidung für BMW als Motorradhersteller war, - mit den Erfolgsmodellen 100S, RS und RT)

So ist die 90S wirklich beides: The Beauty and the Beast,
- und hier stimmt auch der alte Werbeslogan: „Freude am Fahren“ !!



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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
dd61

dd61

09.12.2003 22:08

Fand den Bericht sehr interessant. Werde mich aber wohl nicht mit einer BMW anfreunden können. Denn ich bin meinem Chopper treu. Außer dem mag ich den Boxer nicht so da dieser mich beim Schalten stört, welches ich bei einem neueren Modell gemerkt habe. Man liest sich.

Fletscher

Fletscher

17.11.2002 16:39

Super gut geschrieben

homorphus

homorphus

24.04.2002 10:13

Da ist eindeutig der Motorradfreak herauszuhören. Gruß Alexandra

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