Erfahrungsbericht über "BMW R 1200 RT"

veröffentlicht 28.11.2007 | andjo
Mitglied seit : 26.11.2007
Erfahrungsberichte : 1
Vertrauende : 0
Über sich :
Ausgezeichnet
Pro Fahrwerk, Motor, Komfort, Sicherheit
Kontra hoher Preis; Soziussitz nicht für alle geeignet
sehr hilfreich

"BMW R 1200 RT"

Ich habe meine neue "BMW R 1200 RT" jetzt seit einem Jahr (Baujahr 2006), bin 11 000 km damit gefahren und habe damit Erfahrungen, die ich weiter geben kann:
Das Vorgängermodell war eine unverkleidete BMW R 850 R (Baujahr 2002), mit der ich lange zufrieden war; bei längeren Touren nervte mich dann aber der Winddruck von vorn immer mehr; mit der Tourenscheibe (irgendeines Zulieferers) wurde ich auch nicht glücklicher, weil die Luftwirbel hinter der oberen Kante trotz allen Herumgebastels immer auf irgendeinen Teil des Helms trafen und mich das Gedröhne am Kopf gestört hat. War ich mit Sozia unterwegs, dann waren die 70 PS des Motors auch manchmal etwas dürftig und so habe ich mich nach einer neuen Maschine umgeschaut.

Das Programm war klar: es sollte eine Tourenmaschine sein - mit bequemer Sitzposition, mit der man auch einmal 500km/Tag auf Landstraßen durchhält, ohne am Abend dafür mit Verspannungen und Verkrampfungen in den Schultern büßen zu müssen. Ich wollte ein zwar komfortables dafür aber auch wendiges Motorrad mit ausreichender Schräglagenfreiheit - damit fielen Maschinen vom Typ einer Goldwing (mal abgesehen vom Preis) schon weg.
Angeschaut habe ich mir dann die Yamaha FJR 1300 - da war mir die Sitzposition mit der Belastung von Handgelenken und Schultern zu sportlich. Ausgiebige Probefahrten habe ich dann mit der Honda Paneuropean, der BMW R 1200 RT und der BMW K 1200 GT unternommen.
Die Honda hatte mir sehr gut gefallen (auch deshalb, weil mir der Händler ein sehr interessantes Angebot für ein Vorführmodell gemacht hatte). Die Kiste hat zwar beim Rangieren und in Schrittgeschwindigkeit ein enormes Gewicht, wenn man aber mal in Fahrt ist, ist das alles vergessen: Sie fährt sich leicht wie ein Fahrrad. Nach einigem hin - und her Probieren, war die Sitzposition auf der RT von BMW mit ihrem schmaleren Tank doch die Bessere (sicher eine sehr subjektive Einschätzung) und die Ausstattung der Honda war für meinen Geschmack doch etwas karg: z. B. keine Ganganzeige - ich gehöre nicht zu denen, die beim Schalten immer mitzählen oder immer genau wissen, ob jetzt gerade der 4. oder 5. Gang eingelegt ist.
Dann bin ich die K 1200 GT Probe gefahren und war erst einmal begeistert: Eine unglaublich handliche, wendige Maschine, Drehmoment und Leistung im Überfluß - ein Traum ! Aber im Lauf einer Stunde änderte sich der Eindruck: man sitzt doch nicht eigentlich bequem (in der Sitzbank scheinen zwei eigenartige kleine "Knubbel" unter dem Hintern darauf zu warten, ein paar Druckstellen verursachen zu dürfen), der geschützte Raum hinter der Verkleidung ist knapp bemessen und der Motor mit seinen heftigen Lastwechselreaktionen und kräftigen Vibrationen erweist sich dann doch als ein sehr rauer Geselle. Meine Frau, die ab und zu einmal mitfährt, mag solche Lastwechselreaktionen überhaupt nicht und so bin ich letztlich bei der R 1200 RT gelandet.

Der "Motor" der R 1200 RT mit 81 kW (110 PS) bei 7.500/min und einem Drehmoment von 115 Nm bei 6.000/min ist für einen Zweizylinder erstaunlich vibrationsarm und reagiert viel weicher als der von der GT. Im Vergleich zur älteren R 850 R scheint sogar der typische "Boxer - Schlenker" beim forschen Beschleunigen oder harten Einkuppeln schwächer zu sein. Wäre die RT ein Auto, hätte ich das Gefühl einen Sechszylinder zu fahren, mit dem man auch schalt-faul durch die Gegend tuckern kann und immer noch eine ganze Menge Drehmoment zur Verfügung hat. Wenn ich mit anderen Bikern unterwegs bin, kriege ich immer wieder zu hören: Also, wie deine BMW aus den Kurven raus beschleunigt ... .
Auch bei Hitze ist man vor der Wärme des Motors gut geschützt - ich habe überhaupt nur eine Ausnahme erlebt: an einem heißen Juni-Freitagnachmittag in Genf mitten im Berufsverkehr: Lauter Baustellen (Genf scheint überhaupt immer größtenteils aus Baustellen zu bestehen !) und mindestens einer Stunde Stop and Go und keiner Möglichkeit sich durchzuschlängeln. Da fing die Motortemperatur an zu steigen (so dass es ratsam wurde, an den Ampeln den Motor immer wieder auszuschalten) und die ganze Kiste wurde unangenehm warm. Da werden auch die Nachteile der Verkleidung spürbar: kein kühlender Fahrtwind mehr! Bei 33 Grad im Schatten, einige 100km weiter südlich in der Provenz ging mir dann die Frage durch den Kopf, ob ich mich nicht doch an den Vertretern der französischen Gendarmerie orientieren soll, die ohne Schutzkleidung, nur mit Helm und Handschuhen geschützt (und immer im sauber gebügelten blauen Hemd !) auf ihren RTs unterwegs sind. Die Vorteile der Verkleidung: auch bei 180km/h bleibt man vom Winddruck unbehelligt und bei Regen kann man bei einer sorgfälti-gen Einstellung der Scheibe mit offenem Visier fahren und sich die Regentropfen über den Helm blasen lassen.
"Fahrwerk und Bremsen": Untadelig ! Das Fahrwerk bleibt in allen Lebenslagen von alle Unebenheiten unbeeindruckt, die Bremsleistung ist gut dosierbar und eine Vollbremsung ist mit nur einem Finger problemlos möglich. Von den bei Modellen aus früheren Baujahren scheinbar aufgetretenen Schwachpunkten (z. B. ein Geräusch des Bremskraftverstärkers) bemerke ich nichts. Das ABS ist aus meiner Sicht unbedingt sinnvoll. Eine ganz schicke Zusatzoption, die man unbedingt ausprobieren sollte, wenn man mit dem Gedanken spielt, sich eine RT zuzulegen, ist die elektronische Fahrwerksabstimmung ESA. Die Federungsvorspannung lässt sich genauso wie die Dämpfung per Knopfdruck am Lenker einstellen - also mit Sozius und/oder Gepäck oder ganz ohne, alles geht ganz einfach. Und bei schlechtem Straßenbelag stellt man einfach auf "Comfort" und die meisten Unebenheiten werden einfach weggebügelt. Im Pfälzer Bergland bin ich einmal auf einer ausgesprochenen Holperstrecke einem Harley - Davidson - Fahrer begegnet, der mich im Rückspiegel kommen sah und heftig Gas gab, um sich nicht vorbei zu lassen. Das Folgende war richtig unsportlich: Einen Knopfdruck später schwebt die RT wie auf einem fliegenden Teppich an dem armen Kerl vorbei, dem es den Hintern 30 cm hoch aus dem Sattel schlug. Aber: So zufrieden ich mit meiner Sitzposition als Fahrer bin - so unzufrieden ist meine Frau als Sozia - im Gegensatz zur älteren R 850 R ist der Soziussitz hier leicht nach vorne geneigt, wahrscheinlich soll der Sozius ganz nah an den Fahrer heran gezwungen werden. BMW bietet hier weder gegen Geld noch gute Worte eine Lösung an. Wenn man nur ungern im Hohlkreuz sitzt, ist das unangenehm. Wer also öfters mit Sozius/Sozia unterwegs ist, sollte auch an eine Probefahrt zu zweit denken.
"Stauraum": Vor allem mit Topcase: Super. Eine sinnvolle Investition (die sich BMW leider extra bezahlen lässt) sind besonders für längere Touren die Innentaschen für die Seitenkoffer. Eine ganz andere Sache ist das kleine "Handschuhfach" rechts vorn neben dem Tank. Es ist auch abschließbar und könnte damit für Papiere, Handy und ähnliches geeignet sein, wenn nicht der nach innen ragende Rand und eine komische Klammer im Deckel die Handhabung derart erschweren würden. Ob da der Azubi in der Entwicklungsabteilung von BMW in einem unbeaufsichtigten Moment mal ein bisschen mit dem Computer und den Konstruktionsent-würfen herumgespielt hat .. ?
"Armaturen, Tacho u. s. w".: Gut; leider ist der obere Teil des Displays vom Bordcomputer für die Radioanzeige reserviert und bleibt ungenutzt, wenn man kein Radio hat. Damit ist z. B. der Platz für die Öldruckwarnanzeige sehr klein geraten. Richtig schick: Fährt man ins Dunkle, schaltet sich die Instrumentenbeleuchtung ein - das passiert aber nicht mit einem Klack - sie wird langsam aufgeblendet. Wenn es dann stockdunkel ist, bemerkt man aber, dass die vielen Knöpfchen am Lenker ruhig beleuchtet sein könnten. So muss man halt bis zur nächsten Ortschaft warten, wenn man statt den Schalter für die Sitzheizung den für den Bordcomputer getroffen hat. Die Ausleuchtung der Straße ist gigantisch. Im Raumschiff Enterprise dürfte die Sicht auch nicht schlechter sein.
Der tiefer gelegte "Rückspiegel" hat zwar seine guten Seiten (der Fahrtwind wird von den Händen abgelenkt und ich fahre z. B. bis November mit meinen Sommerhandschuhen herum, die für Temperaturen über 25 Grad gedacht sind), der Blick nach hinten ist aber nicht so berühmt.
"Diebstahlswarnanlage": Funktioniert gut; Anschaffung ist sicher von den persönlichen Gewohnheiten und Befürchtungen abhängig.
"Tempomat": Wozu das denn ?, werden sich viele fragen. Man kann sicher auch ohne glücklich werden ! Lohnen dürfte es sich nur für die, die gerne weit fahren. Bei langen Touren und auf Straßen, wo es sich wegen Radar - und sonstigen Kontrollen lohnt, ganz brav mit vorgegebener Geschwindigkeit zu fahren, kann man den Tempomaten aktivieren und endlich mal die rechte Hand vom Lenker nehmen; das entspannt und dann kann man sich noch den Spaß erlauben, entgegenkommenden Bikern mit der rechten Hand zuzuwinken. Ist doch auch nett !
Navigator: Ob man sich für die luxuriöse und teure Variante von BMW (eigentlich ein Produkt von Garmin) oder für ein anderes Produkt entscheidet, muss jeder (nach einem Blick in den Geldbeutel) selber wissen. Grundsätzlich gilt sicher: Nicht ständig die Karte auf dem Tankrucksack konsultieren zu müssen, das ist schon eine Erleichterung; letztlich ist man so deutlich schneller unterwegs. Dafür braucht man aber jeden Morgen mindestens eine halbe Stunde, wenn man eine komplexere Route mit vielen Zwischenzielen eingeben möchte. Die "Landkarte im Kopf", die dadurch entsteht, dass man sich selbst seinen Weg sucht, ist mit Navi deutlich schlechter. Verzichtet man auf Lautsprecher im Helm (oder an der RT) und orientiert man sich nur optisch am Navi, muss man wirklich aufpassen! Innerstädtisch den Verkehr und gleichzeitig den Navi im Auge zu behalten, erfordert so viel Konzentration, dass für Verkehrsschilder nicht mehr viel übrig bleibt. Andererseits kann man plötzlich Routen (z. B. im ländlichen Frankreich) abfahren, wo einem garantiert kein deutscher Motorradfahrer begegnet.
"Beheizbare Griffe und Sitzbank": Für Schönwetterfahrer nicht notwendig, für die ganz harten Biker verdächtig, für mich als bekennenden Warmduscher unbedingt notwendig. Auf dem Großen St. Bernhard oder dem Restefond/Cime de la Bonnette gibt es auch im Sommer Minustemperaturen und wer nicht auskühlt, hat die besseren Reflexe ! Für die Fahrsicherheit also unbedingt zu empfehlen.
Überhaupt das "Image" der RT: Ist man mit anderen Bikern unterwegs, wird die RT gerne zur Zielscheibe von Bemerkungen wie Fahrende Sitzgruppe oder ist da auch eine Badewanne eingebaut ? oder: ist RT die Abkürzung für Rentnerteil ?. Der RT -Fahrer kann das als Neid interpretieren und daran denken, dass die RT das klassische Polizeimotorrad in Deutschland und vielen an-deren Ländern ist: Ich denke, dass hier Haltbarkeit, entspannte Sitzposition und die Möglichkeit, bei Bedarf auch mal ganz forsch unterwegs sein zu können, entscheidend gewesen sein dürfte.

"Fazit:" von der reinen Optik her ein Dickschiff, vom Handling her ein wendiges, leichtfüßiges Motorrad mit einem Maximum an Bequemlichkeit, gutem Motor, ausgezeichnetem Fahrwerk und nur wenigen kleinen Macken. Preis - Leistungsverhältnis ? Finde ich schwer zu beurteilen. Billig ist die RT nicht, andererseits kriegt man Optionen geboten, die es bei keinem anderen Hersteller gibt und die Entwicklungsarbeit will auch bezahlt sein. Inspektion und Pflegedienst nach einem Jahr und 11000km kosteten beim Vertragshänder 321,13€ (ohne Reifenwechsel).
Wer eine aufrechte Sitzposition mag, auf längeren Touren auch einmal die Landschaft anschauen möchte und Wert auf bequemes Reisen legt, hat mit der RT ein Motorrad aus der 1. Liga, vielleicht sogar das derzeit Beste (Stand 2007).
Die Vertreter der Knieschleiferfraktion mit einer Vorliebe für eine sportliche Sitzposition und einer Neigung zu Streß und Magenschmerzen, falls eine Ducati im Rückspiegel zum Überholen ansetzt, werden sich wohl eher für andere Modelle entscheiden.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • Ciaobock veröffentlicht 05.11.2009
    Ich fahre auch seit 25.000km die R1200RT und kann Deine Feststellungen nur unterstreichen... - sehr guter Bericht!
  • Kroni2006 veröffentlicht 18.04.2009
    Man bekommt einen sehr plastischen, konkreten Eindruck von der Maschine ! Dankeschön !
  • dd61 veröffentlicht 29.11.2007
    Schöner Bericht lohnt sich wirklich von vorne bis hinten zu lesen. Gruß
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Produktdaten : BMW R 1200 RT

Produktbeschreibung des Herstellers

Ciao

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