Erfahrungsbericht über "BMW R 1200 RT"

veröffentlicht 11.01.2010 | Ciaobock
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Über sich :
Bin ein manchmal netter aber immer ehrlicher Zeitgenosse... - ich bitte auf JEGLICHE Bewertung meiner Berichte ohne sinnvollen Kommentar zu verzichten und es gibt KEINE Gegenlesungen! "Beam me up Scotty... - there is no intelligent life down here..."
Sehr gut
Pro Hervorragendes Tourenpaket, Langstreckentauglichkeit, kräftiger Motor, Wetterschutz
Kontra Preis, Bedienungsanleitungen, Tankanzeige, Rückspiegel, Ergonomie, Sitzbank
sehr hilfreich
Fahreigenschaften:
Gewicht
Motor:
Bremsleistung bei Trockenheit:
Getriebe:

"Mein Touren-Sofa"

BMW R 1200 RT and me

BMW R 1200 RT and me

Zur Abwechslung gibt es von mir mal einen Schmalspur-Bericht, was allerdings weniger mit dem Umfang des Berichts als vielmehr dem beschriebenen Produkt zu tun hat… ;o))

Das Vorspiel:

Da ich im wirklichen Leben ein eher ungestümer ( die Kurve geht schnell ...) und optimistischer Mensch (... oder sogar noch schneller!!?? ) bin und das Leben liebe ( Oh, Scheibe, Sand. ...), faßte ich mit 20 Jahren den vernünftigen Entschluss nur den Autoführerschein zu erwerben und auf den Motorradführerschein zu verzichten.
Diverse Stürze mit meinem Rennrad incl. einiger Frakturen, u.a. beide Unterarme gleichzeitig gebrochen (!) legten mir diesen Verzicht zur Freude meiner Eltern nahe.

Im Sommer 2004 gab es hier in Bayern eine längere Hitzeperiode, die einen Spontankauf eines kleinen 50ccm Peugeot-Rollers mit 4,9 PS zur Folge hatte und einen unheilbaren Virus entfachte: das Zweirad-Fieber.
Im Sommer 2007 war es dann nach 5.000km auf meinem kleinen Roller soweit; 5 PS und 45 km/h Höchstgeschwindigkeit reichten angesichts immer längerer Touren und der vielen Autostraßen, die wie Pilze aus dem Boden schossen, nicht mehr aus.

Als ich meinen kleinen Roller im Juni 2007 zur Inspektion brachte verliebte ich mich spontan in einen bildschönen blauen Großroller von Suzuki, den Burgman 400 mit 34 PS, den ich vom Fleck weg kaufte nachdem ich nach kurzer Überlegung zur Meinung gekommen war, das ich nunmehr mit 45 Jahren erwachsen genug für ein stärker motorisiertes Zweirad sein sollte...

Da ich dieses wunderschöne Gefährt natürlich schnellstmöglich auch fahren wollte, meldete ich mich umgehend und hochmotiviert bei einer nahegelegenen Fahrschule zum Motorradführerschein an und hielt nicht einmal 7 Wochen später das ersehnte neue Führerscheinkärtchen in den Händen.

Mit dem Burgman 400 legte ich in nur etwas über einem Jahr mehr als 14.000km höchst angenehm und problemlos zurück. Im September 2008 musste ich mich dann leider schweren Herzens von meinem geliebten Burgman trennen, weil mein damaliger Arbeitgeber mich für 3 Jahre in die USA delegieren wollte.

Leider kam dann über Weihnachten alles anders. Anstatt den bereits gebuchten und vorbereiteten Umzug nach Los Angeles zu starten verhandelte ich nun um meine Abfindung, weil ein neues Management kein Interesse mehr an mir hatte.

Auch nicht schlecht! Auf so eine Gelegenheit hatte ich gehofft und angesichts der baldigen Freizeit begann ich Pläne für meinen Urlaub 2009 zu schmieden. Ein Motorrad musste her, das Mittelmeer wollte ich abfahren, Osteuropa unter die Räder nehmen, etc.

Die Suche nach der optimalen Reisemaschine:

Also wurde Anfang 2009 eine Tourenmaschine gesucht, nur welche?
Eine Yamaha FJR 1300? Eine Honda PanEuropean? Eine Triumph oder doch eine „normale“ Allzweckmaschine à la Bandit 1250 mit Aufrüstungen oder eine Reise-Enduro à la Suzuki V-Strom 650?

Da ich irgendwie keine wirkliche "Traummaschine" hatte und überall Unzulänglichkeiten sah, beschloß ich die Emotion auszuschalten und eine ganz nüchterne Statistik entscheiden zu lassen.
Ich setzte also eine ständig wachsende Exceltabelle mit Anforderungen und Bewertungsfaktoren auf, wälzte in der Stadtbibliothek jahrgangsweise Motorradmagazine (die leider überwiegend wenig hilfreich waren, weil sie sich selber permanent widersprochen haben), fuhr hunderte von Kilometern um dutzende von Händlern heimzusuchen und erweiterte die Liste wochenlang mit immer mehr Kriterien und Motorrädern und Ende Februar stand der Sieger auf dem Papier fest.
Obwohl ich meinen Excel-Kenntnissen normalerweise blind traue habe ich die Formeln noch dreimal überprüft bevor ich es geglaubt habe.

Die damals nagelneu überarbeitete BMW R1200RT hatte ich nur so als Ergänzung mit aufgenommen und vorher nur am Rande in die Erwägung mit einbezogen. Dazu kam, dass ich 2008 mal eine alte, schlecht gewartete R1100RT probefahren durfte und mich das "Geschüttel" und die sehr "merkwürdige" Bremsanlage nicht unbedingt erfreut hatten und ich bisher weder mit BMW noch Boxern warm geworden war.

Da BMW beim Generationswechsel von der R1150 zur R1200RT aber ganze Arbeit geleistet hatte und der neuen Generation nicht nur mehr Leistung und weniger Gewicht verpasst hatte, sondern vor allem auch dutzende von entscheidenden Detail-Verbesserungen ins neue Modell einfließen lassen hat und zudem die neuen Modelle seit Ende 2008 nochmals deutlich „modellgepflegt“ wurden, sollte es jetzt wohl eine R1200RT werden.

Also auf zu den BMW-Händlern in der Gegend und Angebote von Neufahrzeugen eingeholt und Ende März habe ich sie dann abgeholt - meine R1200RT in Saphirschwarz-Metallic, Baujahr Februar 2009.
Technische Daten: (Herstellerinformationen)

  • Hubraum: 1170ccm (Boxermotor mit 4 Ventilen pro Zylinder und Ausgleichswelle)
  • Leistung: 81kW (110PS) bei 7.500 U/min
  • Drehmoment: 115 Nm bei 6.000 U/min
  • Höchstgeschwindigkeit: 223 km/h
  • Leergewicht fahrbereit: 259kg (allerdings wohl ohne Koffer und Extras!!!)
  • Leergewicht trocken: 229kg
  • Max. Zuladung: 236kg (!!!!)
  • Höchstgewicht: 495kg
  • Radstand: 1485mm
  • Länge: 2230mm
  • Breite: 905mm ohne Koffer, 980mm mit Koffer
  • Sitzhöhe: einstellbar 820mm oder 840mm (niedrigere Sitzbank optional erhältlich)
  • Reifen: 120/70 ZR17 vorne, 180/55 ZR17 hinten
  • Kraftübertragung: Kardan
  • Getriebe: 6-Gang manuell, schrägverzahnt, hydraulische Trockenkupplung
  • Verbrauch bei konstant 90 km/h: 3,6 Liter/100km
  • Verbrauch bei konstant 120 km/h: 4,8 Liter/100km

Serien-Ausstattung:
  • ABS-Teilintegral-Bremssystem
  • Elektrisch verstellbares Windschild (Höhe und Neigung)
  • Info-Flatscreen (Uhr, Ganganzeige, Benzinstand, Öltemperatur, Restreichweitenanzeige, doppelter Kilometerzähler)
  • Stahlflex-Bremsschläuche
  • Integrierte Seitenkoffer (je 32L, abschließbar und abnehmbar)
  • Elektronische Wegfahrsperre
  • Steckdose für Handys/Navis
  • Gepäckbrücke
  • Einstellbare Handbrems- und Kupplungshebel
  • Zweiteilige, höhenverstellbare Sitzbank
  • Hauptständer

Auch wenn schon die nackte R1200RT sehr gut ausgestattet ist und serienmäßig einige Extras hat die man bei anderen Herstellern nur bei Tunern bekommt, wollte ich noch eine ganze Menge Sonderausstattungen, um das Vergnügen zu maximieren.

Sonder-Ausstattungen:
  • Heizgriffe (zweistufig)
  • Beheizte Sitzbank (getrennt regelbar vorn/hinten mit zwei Heizstufen)
  • ESA (elektronische Fahrwerkseinstellung)
  • ASC (elektronische Traktionskontrolle)
  • Bordcomputer mit Ölstandsanzeige, Thermometer, Durchschnittsgeschwindigkeit, etc.
  • Reifendruckkontrolle
  • Verchromte Auspuffanlage
  • Tempomat
  • Radio mit CD-Laufwerk und MP3-Anschluß (3,5mm Klinkenstecker)
  • Zweite Steckdose unter Sitzbank
  • Weiße Blinkleuchten
  • Topcase 49L in Fahrzeugfarbe lackiert mit Rückenpolster, abschließbar (Einschlüsselsystem)

Auf Grund der unverschämten Preise der Münchner Motorradmanufaktur kletterte der Listenpreis von schon stolzen 15.850€ damit auf knapp 20.000€, trotz Ausnutzung diverser Angebotspakete hinsichtlich der Extras.

Nach zähen Verhandlungen gelang es mir, den Barpreis auf akzeptable 17.500€ zu drücken und nahm meinen neuen Untersatz umgehend in Betrieb.

Praxis-Erfahrungen:

Seitdem habe ich im ersten Jahr mit der RT in knapp 8 Monaten etwas über 26.000km zurück gelegt und inzwischen auch die 30.000km weit überschritten, kenne mein Motorrad inzwischen also in- und auswendig und habe dieses seinerzeit so emotionslos nach Excel-Tabelle ausgewählte Motorrad schätzen- und sogar lieben gelernt.

Inzwischen habe ich folgende Länder teils mehrfach besucht (alphabetisch sortiert):

- Dänemark
- Frankreich
- Gibraltar (muss man ja separat zählen)
- Holland
- Italien
- Österreich
- Polen
- Schweiz
- Slowakei
- Spanien
- Tschechei

Auch wenn ich mich zuerst ein wenig an die eingebauten "Macken" (Bordcomputer, Restreichweitenanzeige, Tankanzeige, Getriebe, linker Wackelspiegel) gewöhnen musste, war meine RT ein absolut zuverlässiger Begleiter.
Keine Panne, kein Liegenbleiben, keine außerplanmäßigen Werkstattaufenthalte - nix! Okay, einmal nach nur 1.100km fuhr ich mir einen Bohrer in den Hinterreifen, der daraufhin quasi neuwertig ausgewechselt werden musste.

Dabei habe ich es meiner RT nicht einfach gemacht, bin mit ihr im April durch hohe Schneeverwehungen nach Österreich gefahren und habe im Juli bei bis zu 46°C im Schatten und voller Zuladung ohne Probleme mit der Motortemperatur die Sierra Nevada durchfahren. Mir hat die Hitze viel mehr zugesetzt als meiner RT!
Bin in Gibraltar mit ca. 500kg Gesamtgewicht den Affenfelsen rauf (bis zu 22% Steigung!) und habe ihr eine Rückfahrt aus Polen durch heftigste Regen- und Graupelschauer zugemutet.

Auch die Straßen, die ich mit ihr gefahren bin, verdienten teilweise den Namen nicht... - die Schlaglochsammlungen auf polnischen Landstraßen dritter Ordnung mag ja mancher von euch auch kennen, aber die Sand/Schotter/Staub-Wege in Spanien hätte ich ihr nie zugemutet - wenn ich eine andere Wahl gehabt hätte als durchzukommen...
Der breite Lenker und die entspannte aufrechte Sitzposition machen die RT aber ähnlich leicht kontrollierbar wie eine große Enduro, auch wenn die Straßenreifen in so einem Gelände keinerlei Chance haben die mögliche Motorleistung auch nur ansatzweise auf die Piste zu befördern.

Auch bei Seitenwind machen das Gewicht, das stabile Fahrwerk und der breite Lenker die R1200RT noch fahrbar, wenn andere Fahrer ihr Motorrad schon lange in Deckung geschoben haben. In den Bergen vor Tarifa in Südspanien hatten wir Seitenwindböen mit Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 120 km/h aber selbst das war beherrschbar, auch wenn meine Freundin auf dem Soziussitz teilweise am liebsten abgesprungen wäre.

Aber, meine R1200RT hat mir alle diese Strapazen verziehen und alles mitgemacht und selbst jetzt, nach den ersten 26.000 Kilometern ist immer noch alles (fast) wie am ersten Tag - Bremsen, Kupplung, Fahrwerk - da ist nichts ausgeleiert oder macht den Eindruck, es würde demnächst den Dienst einstellen. Klasse Ergebnis!

Der Motor macht einfach Laune - das Drehmoment schiebt das Motorrad sogar vollbeladen schon ab 2.800 U/min mächtig voran. Wenn man die 5.000 U/min passiert hat, kommt sogar sowas wie Rennfeeling auf. Meistens ist es mir ja zu albern, aber ich habe es mir doch manchmal nicht verkneifen können, dem einen oder anderen 600er Rennsemmelpiloten zu zeigen das auch ein Elefant mächtig sprinten kann... ;o))
Jedenfalls hatte ich noch nicht eine Sekunde das Gefühl, ich wäre untermotorisiert unterwegs. Im Gegenteil, mehr Leistung braucht kein Mensch und für meine bevorzugte Fahrweise wären auch 90 PS mehr als ausreichend.

Ansonsten würde ich den Motor mit Attributen wie charakterstark und souverän belegen. Wer einen Boxermotor immer noch für eine "Rüttelmaschine" hält, sollte unbedingt mal die R1200RT antesten. Klar, verglichen mit einem turbinenartig laufenden japanischen Reihen-Vierzylinder ist hier unterschwellig immer noch der alte Charakter zu spüren - und das ist auch gut so. So spüre ich jederzeit im Popometer wie es dem Motor geht ohne das grobe Vibrationen den Fahrspaß vermiesen würden. Jenseits der 6000 U/min vibriert es immer noch leicht in den Lenkerenden aber das ist nichts, was wirklich stört.
Bis in mittlere Lastbereiche sind Motor und Auspufftrakt kaum zu hören - was ich persönlich beim Landschafts-Cruisen genial finde. Erst wenn der Gasgriff voll aufgezogen wird, erhebt der 1,2 Liter Boxer seine Stimme ein wenig, wobei er allerdings heftig Beschleunigung generiert.
Bei anderen Mopeds ist der Gasgriff manchmal eher ein Lautstärkeregler aber sonst tut sich nicht viel - nicht so bei der RT. Die erinnert an einen Bären - sieht ungefährlicher aus als sie ist. Das Kläffen überläßt sie anderen...

Auch der Kardan-Antrieb verhält sich nahezu unauffällig. Der früher bei Kardan-Motorrädern gefürchtete Lastwechselschlag beim Gaswegnehmen in Kurven ist nur noch sehr dezent angedeutet ohne die Kurvenlinie zu versauen. Wenn man nicht bewußt darauf achtet, bekommt man das kaum noch mit. So wird man lediglich daran erinnert, das man am Ende der Tour nicht die Kette säubern und einölen oder nachspannen muss. Ist das nicht schön?!

Das Fahrwerk ist für viele erfahrene Motorradfahrer erst einmal gewöhnungsbedürftig...
Bei "normalen" Motorrädern erledigen die Vorderrad-Gabeln gleich drei Aufgaben: Federung, Dämpfung und Radführung. Diese drei sich beeinflussenden Aufgaben sauber abzustimmen ist nahezu unmöglich und meistens wird zu Lasten des Komforts eine eher harte Abstimmung der Gabel bevorzugt. Dadurch spürt man jedes Staubkorn auf der Straße in der Lenkung.
Bei der R1200RT dienen die Standrohre des Vorderrads lediglich der Radführung. Federung und Dämpfung erfolgen über den so genannten 'Telelever', eine komplizierte Hebelkonstruktion mit Zentralfederbein hinter dem Vorderrad.
Durch diese aufwändige Bauweise kann das Vorderrad viel komfortabler und geschmeidiger abgestimmt werden, als das normalerweise möglich wäre. Vorteil dieser Bauweise ist, das das Vorderrad einen hervorragenden Straßenkontakt hat und die R1200RT auch bei hartem Bremsen vorne kaum einknickt - andere Motorräder gehen da, vor allem beladen, schnell auf "Block".
Der Nachteil ist, das man als Fahrer weniger taktile Rückinformationen als von anderen Motorrädern gewohnt über den Straßenzustand erhält. Viele Fahrer empfinden das erst einmal als "gefühllos" oder "synthetisch", wenn man sich aber daran gewöhnt hat, das man immer viel mehr Grip hat als man erwartet und das nötige Vertrauen gewonnen hat, ist man mit dieser Konstruktion locker genauso schnell unterwegs wie auf anderen Motorrädern, die dann schon längst zu knautschen anfangen wenn die RT quasi noch "in Badelatschen" unterwegs ist.

Man sollte zwar grundsätzlich mit jedem Motorrad zu Saisonbeginn ein paar Übungsstunden oder besser noch ein Sicherheitstraining absolvieren, auf Grund der speziellen Konstruktion und Leistungsfähigkeit der R1200RT ist es bei diesem Motorrad allerdings fast unabdingbar, wenn man das Motorrad wirklich ausfahren möchte.
Hierbei sollte man unbedingt auch seine Sozia mitnehmen um sie speziell auf die brachiale Bremsleistung der R1200RT vorzubereiten. Bei vollem Einsatz der Bremsen steht die R1200RT bei einer Vollbremsung aus 100 km/h nach weniger als 40m - andere Motorräder sind bei der gleichen Übung dann noch mit 40 km/h unterwegs!!! Wenn die Sozia da nicht sofort und richtig reagiert und sich entsprechend abstützt, hat der Fahrer keine Chance mehr, sich auf der Maschine zu halten.

Eine andere wichtige Übung für den Hinterbänkler ist das Verhalten in langsamen Kurven. Wenn die R1200RT vollbeladen, eventuell auch noch mit beladenem Topcase unterwegs ist, verlagert sich der Schwerpunkt der Maschine sehr weit nach hinten. Das hat, insbesondere in engen Bergaufkurven, den Effekt, das die Maschine fast nur noch auf dem Hinterrad "steht". Stellt euch ein 500 kg schweres Einrad mit 110 PS vor, das mit zwei Mann bergauf bugsiert werden soll - na? Dämmert es?
Der Sozius muss also lernen, sich in solchen Situationen weit nach vorne an den Fahrer zu drücken um den Schwerpunkt möglichst weit vorne zu halten. Dieses Training ist übrigens nicht nur auf der R1200RT sinnvoll, sondern sollte grundsätzlich bei Soziusbetrieb geübt werden.
Sitzkomfort

Die Sitzposition für den Fahrer ist, wie schon gesagt, hervorragend geeignet um die Maschine jederzeit im Griff zu haben. Die aufrechte Sitzposition verführt den Fahrer geradezu, das Credo von Bernt Spiegel (berühmter Autor von Motorrad-Büchern zur Fahrtechnik) umzusetzen: man schaut weit voraus, sogar in engen Kurven, wenn man auf einer Sportmaschine längst nur noch die weißen Striche der Mittellinie zählt. Die Sitzposition führt aber auch fast automatisch zu einer ergonomisch korrekten Rückenhaltung und entlastet die Handgelenke fast vollständig vom Körpergewicht. Der Kniewinkel ist sehr entspannt und ermöglicht auch lange Intervalle am Stück ohne das Krämpfe in den Beinen drohen. Ich habe mit meiner R1200RT schon Etappen von über fünf Stunden ohne Pause abgeritten.
Einziges Manko ist die viel zu weiche Polsterung der Sitzbank. Man sinkt zu tief ein, die Blutzirkulation wird behindert und irgendwann schmerzt der Allerwerteste dann. Ich kann damit noch leben, so werde ich wenigstens ab und zu erinnert eine Pause zu machen und wen es zu sehr stört, der kann ja immer noch auf die teils hervorragenden Produkte der Zubehöranbieter zurückgreifen.

Auch für die Sozia ist die R1200RT, bis auf die zu weiche Polsterung, eine hervorragende Reisemaschine. Die Sitzbank ist lang genug um dem Hinterbänkler ein wenig Bewegungsfreiheit zu verschaffen, der Kniewinkel ist ebenfalls sehr entspannt, die Haltegriffe sind sehr stabil und gut plaziert und wenn man dann noch so wie ich das große Topcase mit Rückenpolster montiert hat, ist der Langstreckenkomfort perfekt. Dazu kommen der sehr gute Wind- und Wetterschutz und bei mir noch die optional erhältliche zweistufige Sitzheizung. Nachdem mir meine Freundin allerdings einmal hinten drauf glatt eingenickt ist, fahre ich nur noch mit Gegensprechanlage, um im Falle einer plötzlichen Schlafattacke meiner Freundin rechtzeitig eine Pause einschieben zu können.

Reifen:

Inzwischen hat meine RT den dritten Satz Reifen drauf. Der erste Hinterreifen fiel nach nur 1.100km einem 6mm Bohrer zum Opfer, den ich mir irgendwo reingefahren habe. Dabei hat mir die optional erhältliche Reifendruckkontrolle den Allerwertesten gerettet, weil sie mir rechtzeitig den Druckverlust mitteilte und ich mein Tempo umgehend reduzierte - zwei Minuten später war der Reifen platt. Ab Werk waren Continental RoadAttack Reifen aufgezogen, die bei Trockenheit sehr agil und präzise zu fahren und auch zu bremsen waren. Bei Kälte und Nässe waren die Reifen jedoch ein wenig indifferent in schnellen Kurven. Nach 11.000km war der zweite Hinterreifen fast runter und auch der Vorderreifen sah nicht mehr gut aus.
Diesmal wechselte ich auf die unter RT-Fahrern überaus beliebten Metzler Roadtec Z6 und war ebenfalls begeistert. Die Metzler Z6 sind mindestens so fahraktiv wie die Conti RoadAttack bei Trockenheit, aber haben spürbar mehr Grip bei Nässe und Kälte. Interessanterweise ist auch die Haltbarkeit besser als bei den Conti-Reifen. Bisher habe ich schon 15.000km mit den Z6 runter und das Profil reicht wohl noch für weitere 3.000 bis 5.000 km.

Wartungskosten:

Grundsätzlich bin ich sehr zufrieden mit den Betriebskosten meiner R1200RT. Bisher halten noch alle Verschleißteile (außer den Reifen) und die für Motorräder relativ langen Wartungsintervalle von 10.000km sorgen zusätzlich für geringe Betriebskosten.
Mit meiner Werkstatt bin ich nach anfänglichen Problem inzwischen sehr zufrieden. Die Kosten sind verglichen mit anderen BMW Werkstätten (vor allem in Großstädten) akzeptabel und inzwischen weiß der Kundendienstleiter, dass ich ein wenig pingeliger bin als seine anderen Kunden.
Jedenfalls bin ich bisher sehr zufrieden und halte die Kosten von 5,53€ pro Arbeitswert (ohne MWSt) für sehr konkurrenzfähig, zumal ich jedesmal kostenlos ein Ersatzmotorrad bekam (immer eine F800ST).

Dies sind die bisherigen Wartungskosten (incl. MWSt und Materialien):
  • 1.000km : 225,93€
  • 10.000km: 246,89€ (incl. Arbeitsaufwand für Reifenwechsel v/h)
  • 20.000km: 175,63€
  • 30.000km: 246,14€ (incl. Arbeitsaufwand für Reifenwechsel hinten)

Inzwischen habe ich neben den herausragenden Fahreigenschaften und dem bärigen Motor auch andere Eigenschaften schätzen gelernt:

Fixkosten:

Die Fixkosten sind angesichts der Leistung der Maschine durchaus human und ich war überrascht, das einige Versicherungen inzwischen intelligente Rabatte anbieten, u.a. BMW-Discount (die RT wird trotz 110PS zu gleichen Konditionen versichert wie bei anderen Herstellern ein Motorrad mit maximal 98PS!), ABS-Discount, Altherren-Discount, etc.

Folgende Fixkosten fielen bei mir für 2010 an:
  • KFZ-Steuer: 86,00€
  • Haftpflicht: 183,45€ (gerechnet bei 100%)
  • Teilkasko: 132,08€ (bei 150€ Selbstbeteiligung)

Positive Eigenschaften:

  • ESA: Die elektronische Fahrwerkseinstellung funktioniert wirklich und beeindruckend und ohne Werkzeug und sofort, egal ob alleine oder mit 230kg Zuladung. Man kann drei Zugstufen wählen (Solo, Solo mit Gepäck oder mit Sozius, Achtung: das geht nur im Stand mit laufendem Motor!!!) und für jede Zugstufe drei Dämpfungseinstellungen (Comfort, Normal und Sport). Insgesamt also stehen ohne Werkzeug und ohne Absteigen zu müssen 9 unterschiedliche Fahrwerkseinstellungen zur Verfügung, die nicht nur Sinn machen sondern auch noch vortrefflich gelungen sind.
    Dazu kommt, das aufgrund des hervorragenden "Grip" des Fahrwerks die Reifen extrem lange halten. Die von mir bevorzugten Metzeler Roadtec Z6 (nicht die neuen "Interact") haben vorne 18.500km und hinten 20.000km gehalten! Hervorragend!
  • Sicherheit: Die R1200RT gibt mir jedesmal wieder das Gefühl, in einer Burg zu sitzen - jedenfalls was die Sicherheit angeht! Ich rede hier nicht nur vom hervorragenden ABS, der optionalen Reifendruckkontrolle oder meiner ebenfalls optionalen Traktionskontrolle, nein auch die Beleuchtung übertrifft alle Sicherheitsstandards. Das Abblendlicht ist nicht nur doppelt vorhanden (auch wenn Spötter sagen dass das nur daran liegt, weil man die Birnen nicht wechseln kann), es leuchtet die Straße auch perfekt aus und liefert selbst dann noch genug Licht, wenn eine Birne den Geist aufgibt! Allerdings sollte man auf die Höheneinstellung und auch die Einstellung des hinteren Federbeins genau achten, sonst werden entgegenkommende Verkehrsteilnehmer massiv geblendet.
    Auch das Rücklicht ist ausfallsicher! Sollte die Birne durchbrennen wird das vom Bordcomputer erkannt und aushilfsweise die Bremslampe mit reduzierter Leistung als Rücklicht benutzt! Genial einfach und deshalb genial.
    Wäre da nicht die stümperhafte Ergonomie der Lenkerbedienungselemente würde ich schwören, das die R1200RT das sicherste Motorrad der Welt sei, sogar trotz Goldwing mit Airbag!
  • Radio/CD/MP3: Nie mehr in den nächsten Stau segeln, Nachrichten hören und Musik genießen, fast wie in der Dose (Motorradjargon für Auto). Unterhaltung pur! Egal ob mit Integralhelm oder Jethelm, bis 130 km/h kann problemlos Musik genossen werden, vorausgesetzt das Windschild ist korrekt eingestellt.
  • Heizgriffe- und beheizte Sitzbank: Damit - und der richtigen Bekleidung - werden Temperaturen unter 5°C zu einem Ereignis, das nur noch auf dem Bordthermometer stattfindet – sehr zur Freude meiner sehr kälteempfindlichen Freundin.
  • Windschutzscheibe: für mich mit meinen 177cm funktioniert die elektrisch verstellbare Windschutzscheibe ideal! Runtergefahren kommt noch Kühlluft im Hochsommer bei mir an, hochgefahren wird das Wetter zur Nebensache...
  • Teilintegralbremse: die Idee alleine ist genial! Bremse ich nur mit der rechten Hand, werden Vorder- und Hinterrad gemeinsam optimal gebremst und wenn ich eine Kurve doch mal zu optimistisch angegangen bin, kann ich mich alleine mit der Fußbremse, die nur auf das Hinterrad wirkt, in die Kurve reinziehen ohne auf das Vorderrad aufpassen zu müssen.
    Auch ohne den früher oft kritisierten und seit 2008 endlich abgeschafften Bremskraftverstärker ist die Bremswirkung heftig - mein ABS bekomme ich auch mit nur 2 Fingern zum pulsen und ich bin KEIN Bodybuilder. So stelle ich mir die ideale Bremsanlage auf einem Motorrad vor! Hätte ich früher auch nicht gedacht, aber das Leben ist der beste Lehrmeister.
  • Tempomat: welch eine Erleichterung auf menschen- und fahrzeugleeren spanischen oder südfranzösischen Autobahnen. Einfach Richtgeschwindigkeit einprogrammiert und schon kann man ein kleines Nickerchen machen… - äääh, jedenfalls kann man die rechte Hand locker mal vom Lenker nehmen und die Arme entspannen. Aber auch in heimischen Gefilden ist der Tempomat beim gemütlichen Landstraßencruisen an der Grenze zur Tschechei eine willkommene Komfortmaßnahme.

Auch den Benzinverbrauch von bisher im Schnitt 4,85 L/100km (errechnet anhand von Benzinquittungen und notierten Kilometerständen) halte ich angesichts der bewegten Masse für mehr als akzeptabel. Immerhin habe ich fast zwei Drittel der Distanz mit Sozia und vollem Gepäck absolviert!

Der Minimalverbrauch lag bei 4,24 L/100km bei einer gemütlich 550km Tour durch Dänemark, der Maximalverbrauch bei 6,18 L/100km bei einer flotten Autobahnetappe mit ca. 160 km/h Reisegeschwindigkeit.
Öl brauchte ich bisher außerhalb der Wartungsintervalle noch nicht nachzufüllen, nicht einmal beim 8.500km Trip nach und durch Spanien... TOP!

Zum Thema Benzin ist übrigens ein wenig Vorsicht geboten:
Da BMW die Handbücher leider etwas schlampig schreibt und manchmal anscheinend auch nicht genau weiß, was sie da eigentlich beschreiben ist grundsätzlich Vorsicht mit den Daten und Aussagen im Handbuch angebracht.
Auch wenn BMW wohl in einigen Handbüchern Superbenzin zum Betrieb der R1200RT empfiehlt und sogar den Einsatz von Normalbenzin mit nur 91 ROZ auf Grund der Klopfsensoren der Motorsteuerung noch als unbedenklich beschreibt, wird von Fachleuten dringend davon abgeraten und auch meine Erfahrungen sprechen eindeutig dagegen.

Fakt ist, dass der Motor der R1200RT auf den Betrieb mit SuperPlus Benzin mit 98 Oktan ausgelegt ist, er verkraftet aber mit leichten Leistungseinbußen auch Superbenzin mit 95 Oktan, wobei man mit Superbenzin bei hohen Motorbelastungen (Beschleunigung bergauf) bereits ein deutliches Klingeln/Rasseln aus dem Motorblock vernehmen kann - also Obacht!

Da ich mein Motorrad allerdings meistens sehr entspannt fahre und lieber reise als zu rasen, habe ich trotzdem meistens Superbenzin getankt, übrigens ohne negative Auswirkungen auf den Verbrauch zu bemerken!
Für schnelle Autobahnetappen oder Gebirgsfahrten tanke ich dann aber doch lieber SuperPlus um den Motor nicht zu sehr zu strapazieren und jederzeit ausreichend Leistung mobilisieren zu können.

Kritikpunkte:
Leider ist auch die zweite Auflage der R1200RT nicht fehlerfrei und einige Dinge haben mich an meinem Moped anfangs echt genervt:
  1. Das Getriebe: wer früher mal eines der butterweich schaltenden Honda-Getriebe gefahren ist fühlt sich in die Steinzeit des Motorradbaus zurückversetzt! Auf den ersten 10.000km begrüßte mich mein Motorrad morgens beim Einlegen des ersten Ganges jedesmal mit einem lauten „Klonck“, bei kaltem Getriebeöl konnte ich an den ersten Ampeln jeden Gedanken an den Leerlauf vergessen. Meistens findet man ihn sowieso nicht zwischen dem ersten und zweiten Gang und wenn er dann mal überraschenderweise im x.ten Versuch rein ging, sperrte sich anschließend der erste Gang wenn die Ampel auf Grün sprang. Glücklicherweise verschwindet diese Macke mit warm werdendem Getriebeöl und auch zunehmender Kilometerleistung… Jetzt nach 26.000 km scheint das Getriebe "eingeschliffen" zu sein. Nicht verschwunden sind jedoch die harten Schaltgeräusche beim runterschalten in den kleinen Gängen.
  2. Scheinwerfer-Zugänglichkeit: Für so einen Schrott muss man wohl lange üben und den noch inkompetenteren Auto-Entwicklern über die Schulter schauen. Mein erster "Übungswechsel" der Halogenlampen dauerte gute 30 Minuten und kostete mich 2 Fingernägel und einen Quadratmeter Pflaster, um meine Wunden zu verbinden. Hallo? Denkt da jemand in der Entwicklung?!!!
    Ich war froh, das ich mir die Sache erst einmal ohne Zeitdruck bei Helligkeit und in leichter Bekleidung angeschaut und dann geübt habe. Wenn mir jetzt mal eine Lampe auf der Strecke ausgehen sollte, weiß ich jetzt, das ich im Dunkeln und in Motorradkluft gar nichts machen werde und einfach nach Hause fahre - wozu hat die R1200RT schließlich 2 Scheinwerfer! ;o))
  3. Tankanzeige und Restreichweitenanzeige: beide sind sehr ungenau und pessimistisch. Wenn die gelbe Warnlampe nach ca. 350km Fahrt anspringt um Reserve zu signalisieren, kann ich noch locker 90 bis 120km weiterfahren, bevor der Tank wirklich leer ist. Auch die Restreichweite ist ähnlich unbrauchbar. Inzwischen bin ich schon bis zu 40 km über die 0 km Anzeige weitergefahren und habe trotzdem noch nie mehr als 23,9 Liter nachtanken können, obwohl der Tank nach kleinlauter Korrektur von BMW wohl doch nur 25 Liter fassen soll (im Handbuch und in der Werbung werden von BMW noch imposante 27 Liter Tankinhalt angegeben). Ich empfinde sowas nicht als Marginalien, immerhin entsprechen die 3,1 Liter Differenz zwischen der Prospektangabe und meiner maximalen Tankfüllung bei meinem Verbrauch ca. 60 km Tourenreichweite...
    Noch nerviger ist, dass die Tankanzeige nach dem Tanken häufig mehr als einen Kilometer Fahrtstrecke braucht um festzustellen, dass überhaupt getankt wurde. Danach ist Selbstbeschäftigung für den Bordcomputer angesagt, der meistens gute 100km braucht, bis er die Restreichweite mühsam hochgezählt hat, dann erstmal weit in den optimistischen Bereich abdriftet (600km und mehr!?) um dann irgendwann wieder 50km vor Tankende seinen Dienst mehr oder weniger zu verweigern. Wenn das in BMW-Sicht Qualität "Made in Germany" bedeutet kaufe ich gerne in Zukunft mehr in China oder Afghanistan...
  4. Die Rückspiegel: sind zwar als Handschützer sehr brauchbar und halten die Hände bei schlechtem Wetter warm, trocken und sauber aber sehen kann man leider nicht optimal. Nicht nur versperren die voluminösen Koffer einen Teil der Sicht, die Halterung der Spiegel ist auch so fragil, das vor allem linker Seitenspiegel bei Drehzahlen unter 3.000U/min derart wackelt, das ich kaum mehr Unterscheiden kann ob ein Auto oder ein Jumbojet hinter mir her ist… Verglichen mit den meisten Sportmotorrädern, bei denen man in den Rückspiegeln nur die eigenen Arme bewundern kann, sind die Spiegel der R1200RT sicher nicht schlecht, optimal ist aber anders!
  5. Die Lenker-Ergonomie: ist wohl für 2m Riesen gedacht mit Händen so groß wie Kloschüsseln. Ich kann jedenfalls etliche Multifunktionsschalter nicht mit dem Daumen erreichen und muss die linke Hand zur Bedienung vom Lenker nehmen – nicht sehr sicherheitsdienlich und vor allem VÖLLIG unnötig.
    Inzwischen hat BMW dieses Sicherheitsmanko zwar endlich angepackt und mit den neuen K1300 Modellen ein neues, deutlich ergonomischeres Bedienkonzept vorgestellt, meinem Moped hilft das aber leider nicht mehr.
  6. Die Cockpitbeleuchtung: Der Bordcomputer wird zwar ausreichend illuminiert und steuert die Helligkeit sanft und präzise entsprechend der Umgebungshelligkeit, leider werden aber die Bedienungselemente der "Q" (Kosename der R1200RT in Motorradkreisen) in keiner Weise beleuchtet.
    Wer bei Nacht unterwegs ist, sollte vorher ein paar Pilotendrills absolvieren um die Schalter auch quasi mit geschlossenen Augen zu finden, ansonsten bleibt nur die Beschränkung auf Blinker und vielleicht noch die Bedienung der Frontscheibe.
  7. Die Sitzbank: Ja, man kann mit ihr 12 Stunden und ca. 1.150km am Tag (meine 'Bestleistung' 2009) überleben aber angenehm ist was anderes. Leider ist die Sitzbank zu weich und bietet zu wenig Halt um lange Strecken wirklich komfortabel zu machen. Dies gilt auch für den Soziussitz und ist unabhängig vom Gewicht. Mein Burgman war da auf Strecke deutlich bequemer!

Die verschiedenen Versionen:
Seit Anfang 2010 gibt es mittlerweise drei unterschiedliche Versionen der BMW R1200RT. Ursprünglich vorgestellt wurde die R1200RT im Dezember 2004 auf der Messe in Bologna und dann ab Frühjahr 2005 verkauft.

Die zweite Generation wurde im Herbst 2007 vorgestellt und ab 2008 verkauft. Zu den geringfügigen Modifikationen zählen u.a. die geänderte Bremsanlage, die jetzt endlich ohne den viel kritisierten Bremskraftverstärker auskommt und sich hervorragend dosieren läßt, Spiegelfangseile und ein serienmäßiger MP3-Anschluß beim optionalen BMW Radio.
Außerdem gibt es wieder eine Ölablassschraube am Kardan um das Kardan-Öl wechseln zu können. Ursprünglich ging BMW wohl davon aus, das der neue Kardan ein Leben lang halten würde, hat wohl aber die Reisefreudigkeit der RT-Cowboys arg unterschätzt. Bei der ersten R1200RT Generation ist der Wechsel des Kardan-Öls wohl eine zeit- und kostenintensive Sache.

Die neueste Generation rollt im Frühjahr 2010 gerade in die Verkaufsräume und ist stärker überarbeitet worden als die zweite Evolutionsstufe. Neben einem überarbeiteten Motor mit DOHC-Ventilsteuerung (2 obenliegende Nockenwellen) mit gleicher Leistung bei allerdings höherer Drehzahl und leicht erhöhtem Drehmoment (120Nm statt bisher 115Nm) gibt es auch neue Lenkerarmaturen, ein verbessertes Windschild, etc.
Leider steigt lt. Herstellerangaben auch der Benzinverbrauch deutlich trotz kaum verbesserter Fahrleistungen, was nicht unbedingt ein gutes Licht auf die Produktplaner und -entwickler von BMW wirft...

Den Hammer finde ich aber die neue "Lärmklappe" im Auspufftrakt. Bei hohen Drehzahlen öffnet sich im Auspuff eine Klappe, welche den Verbrennungslärm ungehindert auf die Nerven der Mitmenschen losläßt. Bei niedrigen Drehzahlen bleibt die Klappe geschlossen, um die gesetzlichen Auflagen zum Lärmschutz einzuhalten. Ob das wirklich sein muss?

Gegenanzeigen:

Dieses Motorrad ist nichts für Anfänger und zierliche Personen, trotz seiner verblüffenden Handlichkeit in Fahrt und den geringen Bedienkräften beim schnellen Kurvenschwingen.
Erstens kommt immer irgendwann der Moment, wenn man anhalten muss und dann die mindestens 259 kg per Muskelkraft rangieren darf, was selbst bei geringer Neigung des Untergrunds schweißtreibend sein kann, und zweitens kommt man zum Beispiel in den Bergen doch ab und zu in Lagen, wo nur schiere Muskelkraft hilft (Serpentinen bergauf mit Sozia und voller (!) Zuladung samt Topcase bei 5m Kurvenradius!!!)...
Wer nur kurze Beine hat, kann die R1200RT mit etwas niedrigerer Sitzbank kaufen und wer auf das letzte bißchen Schräglage verzichten kann, kann die R1200RT sogar noch tiefer legen lassen, so das die Größe alleine nicht ganz so kriegsentscheidend ist. Wer aber nur 50kg wiegt sollte sich seiner Balance schon sehr sicher sein, wenn er auf die RT aufsteigt.
Noch ein Wort zum Gewicht des Motorrades: 229kg Trockengewicht und 259kg fahrfertig hören sich zwar erstmal "schlank" an für so ein Motorrad, allerdings hat BMW diese Messwerte wohl an einer "nackten" Maschine ohne irgendwelche Extras und sogar ohne die serienmäßigen Seitenkoffer ermittelt.
In der Realität wiegt meine R1200RT mit allen Extras und Koffern eher 285kg und erreicht sogar mit leerem Topcase schon die 290kg Marke. Wem seine R1200RT beim Rangieren also heftig schwer vorkommt, leidet wohl meistens nicht unter einem akuten Schwächeanfall, sondern hat wohl eher (so wie ich) beim ersten Durchlesen des Handbuchs das Kleingedruckte übersehen...

Dazu kommt, das auch dieser "Elefant", auch wenn er sich gelegentlich elegant wie eine Elfe durch den Porzellanladen schwingen kann, ein Kraftprotz ist und es locker schafft seine vielen Pfunde in etwas über 13 Sekunden auf 200 (in Worten: zweihundert) km/h zu beschleunigen - und das mit nicht mehr als ein paar Quadratzentimetern Gummi als Kontaktfläche zur Straße.

Fazit:

Ich habe also relativ viel Geld bezahlt für meine BMW (für ein Motorrad) und trotzdem nichts davon bereut! Gut, wie auch andere kritische RT-Fahrer schon angemerkt haben kann man sicher immer noch ein paar Details verbessern, insgesamt aber ist die RT ein in der Gesamtqualität nahezu unglaubliches Touren-Paket. In diesem Fall hat Excel also richtig gerechnet und mir mein ideales Motorrad beschert, auch wenn ich das bis dahin noch nicht wusste.
Jetzt würde ich nicht mehr tauschen wollen, jedenfalls nicht gegen ein anderes Motorrad...

© 2010 Bernd Almstedt

Update vom 07.01.2013

Inzwischen habe ich 62.420km mit meiner R1200RT abgespult und es wird Zeit für ein Update meines Erfahrungsberichts...

Fazit vorab: bis auf diverse Reifenwechsel und einen zweimaligen Wechsel der H7-Glühbirnen gab es nur einen Defekt seit ich die R1200RT fahre! Im Oktober 2011 stellte nach 50.300km der Tankgeber seinen Dienst ein.
Eine Garantieanfrage wurde von BMW zwar zuerst mit Hinweis auf meine "vielen Kilometer" abgelehnt, mein Händler hat den Wechsel dann aber auf eigene Kappe auf Kulanz und für mich komplett kostenlos im Rahmen der fälligen 50.000km Inspektion erledigt. Seitdem zeigt die Tankanzeige sogar deutlich präziser als vorher den Benzinstand wieder an.

Ansonsten hatte ich mit der R1200RT kein einziges Problem, nicht einmal eine wirkliche Störung! Auch die Verschleißteile wie Batterie, Bremsbeläge, Kupplung, Bremsscheiben sind immer noch Original.
Die einzige sonstige nennenswerte Störung war ein zweimaliger Ausfall der Reifendrucksensoren bei Fahrten im strömenden Regen, die jedesmal durch Ausschalten der Zündung wieder behoben werden konnte. Im Rahmen der 60.000 km Inspektion hat mein Händler die Sensoren neu kalibriert... - bislang gab es keine Fehlermeldung mehr.

Der Durchschnittsverbrauch ist auf 4,78 L/100km zurückgegangen, seit ich seit gut einem Jahr fast nur noch in Tschechien tanke. Mein Minimalverbrauch auf Tour waren einmal lächerliche 3,76 L/100km über eine Strecke von 618 km (!!!) mit einer Tankfüllung... - beides sensationelle Werte für so ein Motorrad.

Leider habe ich es auch geschaftt meinen Maximalverbrauch zu "verbessern"... - während einer Autobahn-Hetzjagd mit 200-240 km/h auf dem Tacho hat meine RT auf 220km glatt 8,20 L/100km durch die Einspritzdüsen gesaugt...

Soviel zum Update, auf die Auflistung der neu hinzugekommenen Länder die ich mit der RT besucht habe verzichte ich dieses Mal genauso wie auf die Auflistung der weiteren Inspektionskosten... - alles ganz normal...

(C) 2013 Bernd Almstedt

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • Myhnegon veröffentlicht 27.03.2016
    bh + LG :)
  • TukTukTukTuk veröffentlicht 04.01.2014
    Ich habe dich zufaellig in meinem Gaestebuch entdeckt. Der Eintrag war von 2009 ;) BH!
  • straus07 veröffentlicht 16.10.2013
    toll gemacht
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Produktdaten : BMW R 1200 RT

Produktbeschreibung des Herstellers

Ciao

Auf Ciao gelistet seit: 27/11/2007