Produktbewertung des Autors:
| Pro: |
Sehenswerte Doku über Filmfans, die gern von gestern sind |
| Kontra: |
Die DVD verschenkt leider Chancen - schade ! |
| Kompletter Erfahrungsbericht |
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Die Tenbuß-Zwillinge sind für mich die heimlichen Stars in „Bellaria". Seit Jahrzehnten schon lassen sich die beiden Schwestern Christel und Margret zusammen mit ihren Idolen aus Film und Fernsehen ablichten und haben auf diese Weise ein privates Archiv mit Zehntausenden von Fotos zusammengetragen.
Die beiden munter plappernden, lebens- wie reiselustigen Dämchen sind stets auf der Pirsch; immer auf der Lauer, irgendeinen Star abzuknipsen. In „Bellaria“ werden wir unter anderem Zeuge, wie die beiden im Blumenladen sinnieren, welches Sträußchen wohl am ehesten bei Ufa-Star Marika Rökk ankommen könnte. Als die beiden an der Rökk’schen Villa klingeln, erscheint zwar nur die Haushälterin und lässt bestellen, die Hausherrin sei nicht zu sprechen, aber das ficht die beiden nicht sonderlich an. Statt der Dame des Hauses wird halt deren Hündchen im Bild festgehalten und die Haushälterin gebeten, den Strauß zu überreichen. Dass das alles überaus wortreich vonstatten geht, ist durchaus typisch für das Tenbuß-Gespann.
Karl Schönböck, dessen Auftritt in „Bellaria“ zu seinen letzten vor der Kamera gehört haben dürfte, scheint den beiden agilen Seniorinnen nicht zum ersten Mal zu begegnen. Als die beiden Schönböck anlässlich einer Autogrammstunde bitten, sich fürs Erinnerungsfoto in Positur zu setzen, entfährt dem Mimen gar ein „Net die schon wieder!“ Zum Glück hören Christel und Margret das nicht (oder überhören sie es geflissentlich? Man weiß das nicht so genau, und es spielt wahrscheinlich auch keine Rolle).
Wiener Originale: die Bellaria-Kinobesucher
Rökk und Schönböck sind zwei Vertreter des deutschen Tonfilms, dessen Sternstunden allabendlich im Wiener Programmkino Bellaria über die Leinwand flimmern, und die Tenbuß-Zwillinge sind nur zwei der Unentwegten, die sich im Bellaria einfinden, um dort ihren Stars zu huldigen.
Regisseur Douglas Wolfsperger hat einige der Kino-Stammgäste mit der Kamera begleitet und lässt sie ihre persönlichen Geschichten erzählen. Die sind teils tragisch, teils komisch und oft genug lässt sich gar nicht sagen, welcher Teil da überwiegt. Da ist zum Beispiel der Witwer, der seit Jahr und Tag akribisch jede noch so kleine Meldung aus der Zeitung ausschneidet, die sich mit einem seiner Idole befasst, und der die gesammelten Schnipsel in Ordnern ablegt, die sich inzwischen auch auf dem Bett seiner verstorbenen Frau stapeln. Und der ohne erkennbare Ironie den hausärztlichen Befund zitiert, ohne seine selbst auferlegte Aufgabe sei er, der Ausschnitt-Sammler, wahrscheinlich schon längst tot.
Kein Interesse an Tsching-Bumm und Nackerten
Das scheint eine Eigenschaft zu sein, die die Bellaria-Besucher eint: Ihre Leidenschaft hat etwas zutiefst Ernstes. Ihre erklärte wie verklärende Liebe zum Kintopp vergangener Tage ist aufrichtig und frei von jeder Frivolität. „Heute gibt es nur noch Tsching-Bumm und lauter Nackerte – das interessiert mich nicht“, gibt da einer zu Protokoll; und mit dieser Ansicht steht er wohl nicht allein da.
Für das Publikum ist sein Stammkino viel mehr als ein Kino. Das Bellaria, so scheint es, ist für sie eine Zeitmaschine. „So lange wir leben“, so der Untertitel des Films, wollen sie mit der reisen. In eine Vergangenheit, in der alles scheinbar besser war und die natürlich eine idealisierte, romantisierte Vergangenheit ist, die alles Negative konsequent ausblendet: Das Bellaria-Publikum besteht aus Ewiggestrigen, denen man die Rückwärtsgewandtheit insofern gern nachsieht, als sie ideologisch unverdächtig ist. „Früher war alles besser“ – bei den betagten Bellaria-Besuchern bezieht sich das, den Eindruck gewinnt man jedenfalls, auf die Leinwand, und sehr viel anderes scheint die Damen und Herren, von denen sich manche und mancher den regelmäßigen Kinobesuch vom Mund abspart, auch nicht zu interessieren.
Soviel schlichte, aber tief empfundene Liebe nicht charmant oder doch zumindest rührend zu finden, fällt schwer. Die Bellaria-Liebhaber sind Zeitgenossen, die in einem durchaus guten Sinne harmlos sind. Das gilt nicht nur für die Besucher, sondern auch für den Filmvorführer, der zum Schluss des Films, als diverse der durchgehend sehr betagten Protagonisten zu ihrer Einstellung zu den letzten Dingen befragt werden, Kauziges von sich gibt: Ein mittelmäßiges Begräbnis wünsche er sich, passend zu seinem mittelmäßigen Leben.
Verschenkt Chancen: die DVD
Die DVD, auf der der Film erschienen ist, stellt leider keinen wirklichen Zugewinn im Vergleich mit der TV-Ausstrahlung des Films dar. Abgesehen von ein paar kärglichen Infos, die in Form von Texttafeln präsentiert werden, bietet die DVD keine typischen Mehrwerte. Das ist ein bisschen schade, denn gerade in diesem Fall hätte ich mir gewünscht, etwas mehr über den Hintergrund der Doku zu erfahren – und geschnittenes Material, das es auch in diesem Falle sicher zuhauf gibt, wäre bestimmt auch eine interessante Dreingabe gewesen.
Wer sich für den sehenswerten Film interessiert und sich nicht bis zur nächsten Ausstrahlung im Fernsehen gedulden möchte, kann die DVD derzeit direkt über den Regisseur beziehen, der sie im Shop seiner Website (http://www.douglas-wolfsperger.de/) zum Preis von EUR 19,99 anbietet.