Ick bin een Berlina!

5  05.12.2004

Pro:
leicht verständlich und locker

Kontra:
mag mitunter schroff und direkt wirken

Empfehlenswert: Ja 

Gayhound

Über sich: Momentan gesundheitlich mal wieder ein wenig angeschlagen und privat so ein bisschen was um die Ohre...

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Hallo liebe Mitleserinnen und Mitleser,
nachdem ich über meinen Beruf und über mich geschrieben habe, möchte ich Euch auch meine Stadt vorstellen bzw. über die „Sprache“ meiner Stadt berichten.
Wie Ihr aus meinem Fragebogen, (falls Ihr ihn gelesen habt *g*) wisst, stamme ich aus dem schönen und chaotischen Berlin oder auch Bärlin, wegen dem Wappentier, dem „Bären“.
Heute möchte ich versuchen, Euch meine „Mundart“, das „berlinerisch“ etwas näher zu bringen.

Das Berlinerische setzt sich zusammen aus verschiedenen Mundarten und Dialekten, sowie ebenfalls aus verschiedenen Sprachen, hierbei ist besonders das Französische zu nennen.
„Verberlinerte“ Worte aus dem französischen Sprachraum sind zum Beispiel „Bredullje“ (bredouille), „aus der Lameng“ (à la main) oder das Wort „Fisimatenten“ (visitez ma tente).
Dabei bedeuten die Übersetzungen der Wörter Folgendes:
Bredullje = in Schwierigkeiten sein – „Ick bin janz schön inne bredullje!“
Aus der Lameng = aus dem Handgelenk, einfach, - „det mach ick doch aus der lameng“
Fisimatenten = Ausflüchte haben, Mätzchen machen – „Nu mach keene Fisimatenten un komm endlich“.
Dass in Berlin auch französisch zum Sprachgebrauch gehört, mag vielleicht manchen wundern, aber das rührt daher, dass um 1700 die aus Frankreich geflohenen Hugenotten ein Fünftel der Berliner Bevölkerung stellten.
Des weiteren ist als Grundlage des „Berlinerischen“ das märkische Platt, dass Hochdeutsche und das Sächsische anzusehen. Als „Zutaten“ zum Berlinerischen kann man ebenfalls das Jiddische, dass Niederländische und das Slawische nehmen.

Einen Unterschied in der Berlinerischen Mundart gibt es auf jeden Fall zwischen dem ehemaligen Ost- und Westberlin, also dem Teil, der zur DDR gehörte und dem Teil, der dem freien Westen angegliedert war.
In diesem besagten „Westen“ galt das Berlinerische lange Zeit als „proletarisch“ und dem „niederen“ Volk zugehörig.
Der Urberliner sagt allerdings:“ Wichtich is, det Berlinerisch ene lebendije Sprache is, en Teil von unsre Identität und nischt uffjesetztet“
(„Wichtig ist, dass Berlinerisch eine lebendige Sprache ist, ein Teil von unserer Identität und nichts aufgesetztes.“)
Es gibt auch kein richtiges oder falsches berlinern, entweder man kann es, oder halt nicht.
Einem „Zugereisten“ der krampfhaft versucht zu berlinern, merkt es der Urberliner allerdings an.

Berlinerisch für Anfänger *g*:
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Der Berliner verwechselt „mir“ und „mich“, für ihn heißt es „ick, det und wat“ statt ich, das und was. Bei dem Berliner muss es immer schnell gehen und dabei bleibt auch sprachlich vieles auf der Strecke.
Der Berliner benutzt anstatt des im hochdeutschen üblichen „au“ ein langes „o“ also loofen statt laufen, roochen statt rauchen und statt des „ei“ nimmt der Berliner ein langes „e“:
Keener – keiner, Beene – Beine.
Im übrigen gibt es im Berlinerischen kein „G“ *lol* Der Berliner benutzt stattdessen fast immer den Buchstaben „J“.
Beispiel: Eene jut jebratene Jans is ne jute Jabe Jottes. – Eine gut gebratene Gans ist eine gute Gabe Gottes.


Einige Beispiele gefällig) (jefällich?? *g*)
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Ein Brötchen ist eine „Schrippe“, eine Frikadelle ist eine „Bulette“ und ein Pfannkuchen ist bei uns ein „Eierkuchen“. Dafür ist das, was ihr als „Berliner“ kennt, bei uns ein Pfannkuchen.
Im Übrigen ist der Berliner selbstbewusst und sagt „Mir recht nischt uff, mir kann nischt beeindrucken“ – Mich regt nichts auf, mich kann nichts beeindrucken.
Der Berliner hat eine große Schnauze und ist verdammt schnell mit derselben, aber er hat auch ein großes Herz für andere.
Wir sind mit Antworten schnell heraus, wir kommen spöttisch, arrogant oder überheblich rüber, aber wir sagen die Wahrheit, nämlich das, was wir denken.

Jemand, der 10 Jahre in Berlin gelebt hat, wird zum Berliner - ob er will oder nicht.

Ich denke, ich sollte Euch noch ein paar berlinerische Besonderheiten auftischen zum belächeln oder erfreuen.
Eine „Schwelle“ ist eine Schwester, meine „Atze oder Keule“ ist mein Bruder und wenn ich was „ausklamüsern“ will, dann versuche ich etwas herauszufinden. Jemand, der sehr vornehm tut kommt rüber wie „Jraf Koks vonne Jasanstalt“ = Graf Koks von der Gasanstalt oder wie ein Angeber, was sich im berlinerischen als „Jroßkotz“ anhört.
Wenn ich mal ein bisschen weiter aus Berlin fahre um mal ins Grüne zu kommen, „denn fahr ick nach Jott- Wee-Dee“, also janz weit draußen.

Ein Mensch der ein bisschen arrogant ist und vornehm tut, wird kommentiert: „Wat will denn der Fatzke hier, maaaaaaaaaaaaan (langgezogen) der tut aba etepetete“ – Was will den dieser arrogante (aufgeblasene) Mensch hier, der tut ja so was von fein (zimperlich).
„Und sowat kann der Berlina nu jarnich leiden, der soll doch so bleiben wia is! – Und so was kann der Berliner nun gar nicht leiden, der sollte doch so bleiben wie er ist.
Wenn ich meinen Tagesablauf in meinem Bericht über meinen Job auf Berlinerisch geschrieben hätte, dann würde sich das so lesen:

„Wenn morjens mein Wecka klingelt, bin ick sowat von bejeistert, det ick den am liebsten anne Wand feuern könnte. Denn mach ick jezwungenermaßen meine Oogen (Augen) uff und nehme mal det eene Been (Bein) aus’t Bette un warte daruff (darauf), det (das) der Wecka sich villeicht jeirrt haben könnte. Aba da er det wohl nich jemacht hat, nehme ick ooch det andere Been aus’t Bette und jeh, uff den Wecka knurrend, in’t Bad.
Denn mach ick mir n richtjen Kaffee, also keen Muckefuck, (Malzkaffee) damit ick wach wer.
Und denn um halb sieme (halb sieben) muß ick ja ooch zu mein Dicken runta un muß los……..“
Nun, ich hoffe, Ihr könnt das lesen, da ich ja für einige Wörter die Übersetzung beigefügt habe.

Kein Berliner kennt seine Stadt richtig (richtich) dafür ist sie viel zu groß.
Es gibt auch für mich noch Winkel und Ecken in denen ich nie gewesen bin. Berlin ist groß und unübersichtlich, ein wenig chaotisch und es treffen hässliche auf schöne Stellen.

Und vor allem, Berlin ist mit seiner Urbevölkerung proletarisch geblieben wie eh und je.
Berlin, und somit auch der Berliner, hat als einzige deutsche Stadt durch den Bau der Mauer mitten durch die Stadt die Teilung Deutschlands
direkt miterlebt und man sah sich von Freunden und Verwandten (Mischpoke auf berlinerisch :-) getrennt, die manchmal nur 100 Meter weiter wohnten.
Demzufolge ist Berlin und seine Menschen hart geworden und sehr schwer zu beeindrucken.
Dem typischen Berliner ist es egal, ob was „Neues“ in die Stadt kommt oder ob sich was Neues tut, er zuckt mit den Achseln und leistet wenig Widerstand.
Selbst VIP’s gehen in dieser riesigen Stadt einfach unter und werden kaum zur Kenntnis genommen.
Messlatte für Berlin war schon immer der Berliner selbst, von dem gesagt wird, er habe das Herz auf dem rechten Fleck und eine große Schnauze. Der Berliner mag keine Sentimentalität, aber er kann sehr wohl Gefühl zeigen.
Und, der Berliner ist stolz auf seine Weltoffenheit und seine Lebensart.

Fazit:
---------

Ich bin in Berlin vor nunmehr 61 Jahren geboren und „meiner“ Stadt auch mein ganzes Leben lang treu geblieben.
Ich mag meine Stadt und freue mich, ein Berliner zu sein.
Ich liebe meine Sprache, die ich absolut nicht als proletarisch empfinde sondern eben als Mundart, die dem Berliner möglich macht, seine Zugehörigkeit zu Berlin nach außen deutlich zu machen.
Leider wird die Berliner Mundart immer mehr in den Hintergrund gedrängt, weil sie als „schnoddrig und plump“ empfunden wird und dadurch zum Beispiel in der Welt der Arbeitgeber kaum Ansehen genießt.
Es ist halt eine Eigenheit der Berliner und ihrer Sprache, gerade heraus zu sein und oft auch schonungslos. Dadurch werden halt viele Leute abgeschreckt und dem Berliner wird nahe gelegt, doch hochdeutsch zu sprechen.
Ick finde det schade, weil dadurch een Teil dessen valorn (verloren) jeht, wat den Berlina ausmacht.

Mit echt berlinerischen „Jrüßen“

Euer Gayhound




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4stein

4stein

11.04.2007 23:16

Super Bericht - nicht nur unterhaltsam, sondern auch lehrreich. Obwohl ich auch Berlinerin bin, wußte ich einige Dinge noch nicht. Bei uns war es auch etwas verpönt zu berlinern, so daß wir als Kinder immer dafür gerügt wurden. Auf der Arbeit merke ich aber häufig, daß so ein paar Sätze berlinerisch doch gut ankommen. Mischpoke kenne ich nur als abwertenden Ausdruck, wie das Wort Augen auf berlinerisch geschrieben wird hatten wir schön häufiger überlegt Oogen oder Ooren, weil sich das G eher wie ein R anhört und das Wort Jroßkotz kann ich nicht aussprechen, irgendwie komisch. Jedenfalls ein toller Bericht! LG

Antemi

Antemi

14.11.2005 12:52

herrlich, ick hab mir bald ins Hemd jepinkelt :o)... obwohl ich kein gebürtiger Bärlina bin, sondern "bloss" Zugereister . Ich wohn seit etwas mehr als zwei Jahren hier und hab mich sofort zuhause gefühlt, Berlin hat einfach eine ganz besondere Atmosphäre und mein 4-jähriger hat das "berlinern" schon fast perfektioniert. LG, Antemi

AsmodinaHamburg

AsmodinaHamburg

22.02.2005 21:06

*lach* Bin ich also doch nicht die Einzige die sich mit solchen Thema den Wolf schreibt LOL - Es begab sich hier das ich mit meinen "Freund" das Thema hatte was es denn zu essen gibt!? Ich schlug "Pfannkuchen" vor woraufhin ich dämlich angeschaut wurde(!) denn das sei doch kein vollwertiges warmes Mittagessen *denk* Das Missverständnis nahm dann geschlagene 10 Minuten in Anspruch LOL Es ist eben nicht einfach mit euch Berlindern :o) LG Asmodina - P.S.: SKANDAL: "Hamburger" isst "Hamburger" LLOOLL

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