Die Friedens-Bertha
27.02.2011 (28.02.2011)
Pro:
interessanter Mensch, gut geschrieben, ewig aktuelle Themen
Kontra:
nichts
Empfehlenswert:
Ja
 nadine1978
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Ilse Kleberger wurde 1921 geboren und lebt in Berlin. Sie hat lange als Ärztin gearbeitet und ist erst später zur Schriftstellerei gekommen. Viel mehr habe ich über die Autorin dieser Biographie allerdings nicht herausbekommen und kenne auch nur dieses eine Werk von ihr. Es ist erstmals 1985 erschienen, hat aber nichts von seiner Aktualität verloren. Meine Ausgabe ist 1988 bei dtv erschienen und 215 Seiten lang. “Die Friedens-Bertha” wurde Bertha von Suttner genannt, und dieser Name war abwertend gemeint. Ich habe ihn als Überschrift gewählt, weil ich so einen Namen keineswegs ehrenrührig finde, ganz im Gegenteil. “Made in Germany” war schließlich auch ursprünglich abwertend gemeint und wurde später zum Markenzeichen!In Wirklichkeit hieß sie Bertha von Suttner, geb. Gräfin Kinsky von Wchinitz (weiß jemand, wie man das ausspricht?!) und Tettau, geboren 1843, und wurde von der oberflächlichen jungen Adligen mit dem einzigen Ziel “Gute Partie” zur Pazifistin und Friedensnobelpreisträgerin. “Geschichte einer Emanzipation” nennt die Autorin Ilse Kleberger diese Entwicklung und hat recht damit. Bertha von Suttner hat sich emanzipiert – nicht nur von der Vorherrschaft der Männer, sondern auch von den Werten ihres Standes und nicht zuletzt vom Glauben an den Krieg als legitime Fortsetzung der Politik. Aber ich greife vor. Berthas Vater war kurz vor ihrer Geburt mit 76 (!) Jahren gestorben, und das Mädchen wurde erzogen von “Mama” Sophie Wilhelmine (einer Verwandten des Dichters Theodor Körner), ihrer Tante und ihrem Vormund “Fritzerl”, einem Grafen. Die Erziehung war sicher nicht übermäßig streng, sowohl die Mutter als auch der Vormund (obwohl ein alter Junggeselle und überzeugter Militarist) scheinen das Kind liebevoll behandelt zu haben – ein Hinternvoll als Strafe für einen Wutanfall war offenbar ein einmaliger Vorfall. Ilse Klebergers Schilderung liest sich, als sei Berthas Mutter nicht viel erwachsener gewesen als ihre Tochter. Berthas beste Freundin war ihre Cousine Elvira, die offenbar das Zeug zu einer großen Dichterin gehabt hätte, die aber leider jung gestorben ist. Deren Aufzeichnungen würden mich sehr interessieren, ich habe aber leider nirgendwo etwas von ihr gefunden, nicht einmal den Nachnamen.Wie wuchs Bertha auf, was sollte aus ihr werden? Eigentlich überflüssig zu sagen: Ihre Welt war der österreichische Adel, das Ziel eine glänzende Heirat. Ihre Mutter war ehrgeizig und wollte noch weiter aufsteigen – nämlich in den Hochadel. Bertha bekam die übliche Ausbildung einer höheren Tochter – Musizieren, Sprachen usw. Sie war eine Leseratte, die keineswegs nur Liebesromane verschlang, sondern auch bedeutende Werke in der Originalsprache – also doch nicht völlig oberflächlich, obwohl sie in einer Traumwelt gelebt hat. Dann kam der Super-GAU – Bertha wurde NICHT in den Hochadel aufgenommen! Die Ahnenreihe war nicht glanzvoll genug. Kleberger schildet eine demütigende Erfahrung, die Bertha auf einem Ball des Hochadels machen mußte: “Beim Souper schwatzten und lachten die jungen Komtessen miteinander, aber niemand wollte mit Bertha sprechen.” Ich sehe die eingebildeten Gänse buchstäblich vor mir und höre ihr Gegacker! Entsetzlich!Schlimmer noch: Aus der geplanten Heirat wurde nichts. Bertha wurde zwar umworben, aber entweder teilte sie Körbe aus – oder es kam irgend etwas dazwischen. Zuletzt mußte sie den Plan einer glanzvollen Heirat an den Nagel hängen und – da das Vermögen der Familie weitgehend aufgebraucht war (größtenteils von der Mutter am Spieltisch durchgebracht) – als Gouvernante arbeiten. Es hat den Anschein, als habe sie dieses “Schicksal” ohne Selbstmitleid akzeptiert – sympathisch! Wer weiß, vielleicht hat es ihr sogar gefallen, unabhängig zu sein und ihr Geld selber zu verdienen. Dann kam doch noch der Märchenprinz Arthur von Suttner, der Sohn ihrer Arbeitgeber und der ältere Bruder ihrer Schülerinnen, sieben Jahre jünger als Bertha. Natürlich war eine viel ältere Hauslehrerin ohne Vermögen keine Partie für den jungen Mann. Bertha wurde entlassen, aber Mutter Suttner war dennoch nicht verantwortungslos: Um Bertha nicht mittellos auf die Straße zu setzen, hatte sie schon eine neue Stelle für sie gefunden – als Sekretärin bei einem gewissen Alfred Nobel! Mit ihrem neuen Brötchengeber verstand sich die von Liebeskummer geplagte Bertha sehr gut, obwohl sie sehr gegensätzliche Auffassung hatten. Nobel glaubte an die Abschreckung und träumte davon, eine Waffe zu erschaffen, die so furchtbar sei, daß sie nicht eingesetzt würde. Die Bekanntschaft mit Bertha motivierte Nobel zur Stiftung des Friedensnobelpreises.Zuletzt brannte Arthur von Suttner von zu Hause durch und heiratete Bertha (die anfangs zutiefst gekränkte Familie verzieh den beiden später). Die beiden führten ein abenteuerliches Leben miteinander, das vor allem aus ziellosem Umherreisen bestand und das sie vor allem mit der Schriftstellerei finanzierten (erstaunlich, daß sie davon leben konnten!). Bücher schreiben und Reden halten – damit verbrachte Bertha von Suttner den Großteil ihres Lebens. Nicht nur Krieg und Frieden waren ihre Themen, sondern auch die Gleichberechtigung der Frau, der Tierschutz und vieles mehr. Eine ihrer Reden ist im Anhang des Buches abgedruckt. Es wird nicht ganz klar, wann, wo, wie und warum Bertha von Suttner endgültig zur Pazifistin wurde. Es war sicher eine allmähliche Entwicklung, begünstigt dadurch, daß sie die Welt kennenlernte und immer mehr Erfahrungen sammelte. Irgendwann kam sie zu dem Schluß, daß Krieg keine “Naturkatastrophe” ist, sondern “die Frucht von Dummheit und Egoismus”. Ihr Roman “Die Waffen nieder”, eine klare Stellungnahme gegen den Krieg, wurde ein regelrechter Skandalerfolg und schlug hohe Wellen. Daß der Verleger sich nur mit Angst und Bangen getraut hat, einen Antikriegsroman zu veröffentlichen und daß Bertha von Suttner sogar verklagt wurde wegen “Verletzung patriotischer Gefühle”, kann man sich heute kaum noch vorstellen. Zuspruch und Kritik hielten sich ungefähr die Waage, “Gefeiert und verlacht” lautet der treffende Untertitel eines Kapitels. Die großen Geister ihrer Zeit – z. B. Tolstoj – waren auf ihrer Seite. Bertha von Suttners Pazifismus war radikal. So war sie z. B. nicht damit einverstanden, daß der Schweizer Henri Dunant den Friedensnobelpreis erhielt. Sie bewunderte zwar die Arbeit des Rot-Kreuz-Gründers, kritisierte aber seine Absicht, den Krieg durch Einsatz von Pflegekräften zu “humanisieren”. Ihrer Meinung nach hätte er statt dessen für ein Ende aller Kriege eintreten müssen. Ob Bertha von Suttners Vorstellungen immer realistisch waren? Sicher nicht! Aber sie hatte in vieler Hinsicht recht, nicht zuletzt mit der Voraussage: “Der nächste Krieg wird von einer Furchtbarkeit sein wie noch keiner seiner Vorgänger.” Ihre letzten Worte sollen gewesen sein: “Die Waffen nieder – sag's vielen, vielen!” Das klingt für mich allerdings sehr nach einer Anekdote. Der Erste Weltkrieg ist ihr erspart geblieben, weil sie kurz zuvor gestorben ist. Am Ende des Buches sieht man zwei Fotos, eins von jubelnden Menschen beim Beginn des Krieges und eines von verwundeten Soldaten auf dem Weg in die Gefangenschaft – der Gegensatz könnte nicht krasser sein. Ilse Kleberger stellt am Ende fest, daß Bertha von Suttners gedanken heute so aktuell sind wie eh und je und hat natürlich recht damit.Eine wirklich spannende Biographie, die auch noch sehr leicht zu lesen ist – das Buch ist ausdrücklich auch für Jugendliche gedacht. Eindeutig 5 Sterne und natürlich eine Empfehlung.
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10.04.2011 11:39
Kleine Ergänzung: Die spätere Bertha von Suttner war eine geborene Gräfin Kinsky von Wchinitz und Tettau, also eine böhmische Adelige. Mit 30 Jahren musste sie Gouvernante für die vier Töchter der von Suttners in Wien werden, weil das hinterlassene Vermögen ihres Vaters vor allem durch die Spielsucht ihrer Mutter verbraucht war. Mit 46 Jahren schrieb sie ihren berühmten Erfolgsroman "Die Waffen nieder", in dem sie den Krieg und seine Gräuel aus der Sicht einer Ehegattin beschreibt. 1914 starb sie in Wien. Da es in Wien noch keine Krematorien gab, wurde sie auf ihren Wunsch im ersten deutschen Krematorium in Gotha eingeäschert und beigesetzt. lg Doris
29.03.2011 12:03
und auch wieder eine Biografrie einer Frau, die hochinteressant ist! - wunderbar von dir beschrieben!! - bh - lG Gisela
02.03.2011 23:27
Wer weiß, was geschehen wäre, hätte Bertha von Suttner länger gelebt und vielleicht sogar den Ersten Weltkrieg erlebt. Schade, dass sie vom Hochadel nicht wirklich anerkannt worden ist, doch dafür hat sie immerhin einen netten, verständnisvollen Mann an ihrer Seite gehabt. Über die frühverstorbene Cousine Elvira weiß ich leider auch nicht mehr - trotzdem ich bereits einige Bücher über Bertha von Suttner gelesen hab'.