Berufliches Gymnasium

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Meine Motivation für diesen Bericht: Wie ich gesehen habe, gibt es hier einige Erfahrungsberichte von Schülern, die berufliche Gymnasien besuchen. Vielleicht ist die Sichtweise und Erfahrung einer Lehrerin, die an einem beruflichen Gymnasium unterrichtet, aber auch ganz hilfreich und interessant. Logo, ... Bericht lesen





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Alles andere als ein zweitklassiges Abitur!
Erfahrungsbericht von Lilamond über Berufliches Gymnasium
09.02.2007


Produktbewertung des Autors:   


Pro: reelle Chance für "Spätzünder" das Abitur zu machen, oft Vorteile für Ausbildung oder Studium
Kontra: spätestens jetzt sollte es auch zünden, schwierig bei nicht durchdachter Wahl des fachspezifischen Schwerpunktes

Empfehlenswert? ja 

Kompletter Erfahrungsbericht

Meine Motivation für diesen Bericht:
Wie ich gesehen habe, gibt es hier einige Erfahrungsberichte von Schülern, die berufliche Gymnasien besuchen. Vielleicht ist die Sichtweise und Erfahrung einer Lehrerin, die an einem beruflichen Gymnasium unterrichtet, aber auch ganz hilfreich und interessant.
Logo, damit oute ich mich als Lehrerin, aber ich hoffe doch sehr, dass die üblichen Klischeevorstellungen jetzt nicht mit aller Härte auf mich niederprasseln. Bitte nicht!
Im Ernst: Man (und frau natürlich auch) hat echt schon fast Angst den Beruf zu nennen. Wie ich das finde, könnt ihr euch denken.

Wen könnte dieser Bericht interessieren?
In erster Linie Schüler der Sek I und/oder deren Eltern, die sich fragen, wie es nach der 10. Klasse bzw. nach der mittleren Reife schulisch weitergehen kann...
Dann könnte sich der Besuch eines beruflichen Gymnasiums durchaus anbieten. Es führt zur allgemeinen Hochschulreife und vermittelt zudem in der gewählten Fachrichtung auch wesentliche Inhalte einer Berufsausbildung. In other words: Man kann danach alles studieren bzw. hat Vorteile für eine fachbezogene Ausbildung.
Das berufliche Gymnasium - im weiteren BG abgekürzt - umfasst die Jahrgangsstufen 11 - 13 und danach erfolgen wie bei jedem allgemeinbildenden Gymnasium die Abiturprüfungen.
Was die allgemeinbildenden Fächer betrifft (Mathe, Deutsch, Englisch etc, die etwa ich unterrichte), so entspricht der Lehrplan exakt den Vorgaben des Lehrplanes für allgemeinbildende Gymnasien. Es wird also nicht mehr und nicht weniger verlangt als von jedem anderen Oberstufenschüler.

Was ist das Besondere am BG?
Der wesentliche Unterschied ist die bereits erwähnte berufliche Fachrichtung. In Hessen (ich kann eben nur für Hessen sprechen) sind die mir bekannten beruflichen Fachrichtungen folgende:
- Wirtschaft
- Technik
- Ernährung und Hauswirtschaft
- Agrarwirtschaft.
(Bei Sozialwissenschaften bin ich mir nicht ganz sicher)

Zur Frage der Wahl eines BGs:
Ich selbst arbeite an einem BG mit dem fachlichen Schwerpunkt Wirtschaft.
Das bedeutet für die Schüler, dass sie von Anfang an, also ab der Klasse 11, verpflichtende Fächer wie
Wirtschaftslehre,
Datenverarbeitung und
Rechnungswesen haben.
Es ist nun allerdings blöde, ein BG Wirtschaft zu besuchen, wenn man weder Interesse noch Verständnis für wirtschaftliche Belange hat. Und ich weiß, wovon ich rede, denn einige meiner Schüler hatten sich das vorher leider nicht gut genug überlegt. Wirtschaftslehre wird man auch nicht los; es ist automatisch auch eines der beiden Leistungskurse und daher im höchsten Grad abiturrelevant; den zweiten Leistungskurs kann man aus Mathe, Deutsch und Englisch wählen.
Es macht also unbedingt Sinn, sich vorher zu überlegen, ob man mit der Fachrichtung die richtige Wahl getroffen hat. Wenn das nämlich der Fall ist, hat man unheimlich viele Vorteile:
- der Unterricht macht Spaß,
- die Noten stimmen,
- das Schwerpunktfach bietet große Vorteile aufgrund bereits vorhandener Fachkenntnisse für ein entsprechendes Studium
> man hat einfach bereits mehr Ahnung von der Materie als vergleichsweise "unwissende" Absolventen eines allgemeinbildenden Gymnasiums,
- viele Ausbildungsberufe, z.B. Bankkaufleute, Industriekaufleute etc. sind mit einem am BG Wirtschaft erworbenem Abitur leichter zugänglich: Ist ja logisch, es werden jene Schüler bevorzugt, die entsprechende Vorkenntnisse haben.

Wo ist der Haken?
Das würde ich lieber so formulieren, dass etwas zu kurz kommt - und das sind die künstlerischen, musischen Fächer. Der Stundenplan bietet neben der entsprechenden fachlichen Ausrichtung nicht die Möglichkeit, Fächern wie Musik oder Kunst gerecht zu werden. Das ist superschade, aber es würde den Stundenplan echt sprengen.
Des Weiteren bedeutet der Besuch eines BG bestimmt nicht, dass man weniger tun müsse - im Gegenteil. Die Schüler müssen viel Leistungsbereitschaft entwickeln und - warum sollte ich es verschweigen - nicht jeder kommt durch.

Wie sind die Aufnahmebedingungen?
Wie für die gymnasiale Oberstufe werden vorausgesetzt:
- Versetzung nach Klasse 11 oder
- mittlerer Abschluss (Realschule) mit im Durchschnitt besser als befriedigenden Leistungen (2,75) in den Fächern Deutsch, Mathe, Englisch und einer Naturwissenschaft.
- Auch im Gesamtnotenschnitt müssen die Leistungen besser als 3,0 sein.
- Einigungsgutachten der Klassenkonferenz.
Wichtig wäre noch, sich frühzeitig (möglichst mit dem Halbjahreszeugnis der Klasse 10) zu bewerben. Alle Aufnahmen erfolgen unter dem Vorbehalt, dass auch am Ende der Klasse 10 im Abschlusszeugnis die Voraussetzungen erfüllt sind.

Mein Fazit:
Ich halte das BG für eine hervorragende Möglichkeit, das Abi plus eine berufliche Orientierung mit entsprechenden Kenntnissen zu erwerben. Ich halte es nicht für sinnvoll, wenn Schüler "einfach so" das BG besuchen, weil sie sonst keinen Plan haben. Hier sind Frustrationen und oft genug auch das Scheitern vorprogrammiert.
Als Lehrerin erlebe ich meine Schüler oft als sehr liebenswert, fleißig, schlau und viel weniger "arrogant" als manch andere Oberstufenschüler. Leider scheint es mir manchmal fast so, als empfänden sie sich ein wenig als Abiturienten 2. Klasse, weil sie eben nicht den direkten Weg zum Abi gehen konnten.
Das ist natürlich kompletter Unsinn. Ich finde, es wird jungen Menschen nicht gerecht, wenn man sie schon nach Ende der Grundschule in eine Schublade zwingt und dadurch bereits sortiert, wer das Gymnasium, wer die Realschule und wer nur Hauptschulen besuchen darf. Es gibt so viele Beispiele von Schülern, die erst später "aufgedreht" haben und für jene muss der Weg der schulischen Ausbildung nach der 10. Klasse einfach weitergehen können. Das BG ist eine der Möglichkeiten, die es dann gibt.

Ich hoffe, ich hab nichts Wichtiges vergessen und euch mit diesem zugegeben recht trockenen "Stoff" nicht zu sehr gelangweilt - vielleicht konnte ich ja dem einen oder anderen ein wenig helfen.
Freue mich über Lesungen, Kommentare, wenn's sein muss, auch Lehrerwitze.

Bis dann, Lilamond    

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