In der letzten Zeit habe ich einige Berichte von User/innen hier gelesen, die über besondere Menschen bzw. für sie besondere Menschen geschrieben haben. Nachdenklich geworden sagte ich zu mir „da musst du auch was schreiben“ und so setzte ich mich frohen Mutes an mein Laptop, um zu schreiben zu beginnen.
Aber dann stellte sich mir schon die erste Frage. Nämlich nicht wer, sondern was ist denn eigentlich ein besonderer Mensch für dich? Wie ist jemand, den du als besonders empfindest? Was muss er/sie haben?Das sind Fragen, die gar nicht so leicht zu beantworten sind. Mag ich doch oft Menschen und weiß überhaupt nicht warum. Ein besonderer Mensch ist für mich ein Mensch mit Ecken und Kanten. Ein Mensch, der lebt, liebt aber auch leidet und trotzdem positiv durchs Leben läuft und seinen Humor bewahrt. Ein Mensch, der nie aufgibt und alleine durch seine Anwesenheit dafür sorgt, dass es einem besser geht – ohne dass er/sie dass oft selbst weiss. Ein besonderer Mensch weiss oft überhaupt nicht, dass er für andere etwas besonderes ist und dies wiederum macht ihn zu einem besonderen Menschen.
Jetzt habe ich wieder mal total verplaudert. Hoffentlich hat jetzt wenigstens der ein oder andere verstanden, was ich sagen wollte. Auch wenn es recht verwirrend ist.Ach ja, für mich ist es noch wichtig, dass dieser Mensch für mich ein Vorbild ist.
Und wie ich da jetzt so nachdenke, stelle ich fest dass ich schon einige Menschen kannte und kenne, die was Besonderes sind. Und ich stelle des weiteren fest, dass man im Prinzip schon froh sein darf, den Weg von so einem besonderen Menschen ein Stück begleiten zu dürfen. Es ist nicht jedem gegönnt, einen besonderen Menschen ein Leben lang um sich zu haben und so sollte man doch dankbar für jede Stunde, jede Minute sein.Und so habe ich nun beschlossen, über einen für mich besonderen Menschen zu schreiben, über KATHARINA. Sie ist im November 2000 gestorben und ich erzähle jetzt etwas über sie, aber auch etwas über ihre letzten, nicht so schönen Tage.
***KATHARINA****
Katharina war die Cousine meiner Mutter. Ich mochte sie schon alleine deshalb gerne, weil sie wie ich für den Rest der Verwandtschaft immer etwas suspekt war. Warum? Sie hatte ihre eigene Meinung und scherte sich nicht um das Gerede und Gelästere. Wir beide (jetzt leider nur noch ich) waren immer die schwarzen Schafe, bzw. die Paradiesvögel zwischen allen lammfrommen und braven, angepassten Lämmern. Dies nur mal bildlich dargestellt. Wir entsprechen halt einfach nicht den konservativen Normen unserer Verwandtschaft. Vielleicht war das mit ein Grund, warum sie gerade mir ihr kleines Häuschen vererbt hat.
Bevor ich damals 1994 eine Wohnung gefunden hatte, habe ich ein halbes Jahr bei Katharina wohnen dürfen. Das war mit meine solideste Zeit. Das heisst, nur fettarmes Essen und abends immer relativ früh im Bett. Abends haben wir damals meistens zusammen das Glücksrad angeschaut und immer über Peter Bond gelästert. Wir waren uns nie einig darüber, wen wir mochten. Aber wir waren uns einig darüber, wen wir
nicht mochten.
Aber mit Katharina konnte ich nicht nur lästern. Sie war für mich eine richtige Vertrauensperson. Es gibt ja den Spruch, Bekannte und Freunde kann man sich aussuchen, Verwandte nicht. Mit Katharina verwandt und gleichzeitig befreundet zu sein, war sozusagen ein Glücksfall.
Älter als meine Mutter, doch wesentlich moderner und aufgeschlossener konnte ich mit ihr auch immer über meine damalige Affaire sprechen. Und das ohne, dass sie gleich entsetzt und geschockt war. Sie machte mir auch nie Vorwürfe, weil er ja gebunden war. Sie hatte immer die Einstellung, dass ich selber wissen müsste, was ich tat. Bei meiner Mutter war es ja ein totgeschwiegenes Thema. Eine Frau aus katholischem Haus hat kein Verhältnis mit einem verheirateten Mann. So ist es eben.
Katharina war nur 155 cm groß. In der Rede bei der Trauerfeier brachte der Diakon dann auch meinen Ausspruch "Katharina, klein in der Statur, aber groß im Herzen". Und so war sie auch - immer hilfsbereit, immer bereit anderen zu helfen.
Allerdings hatte sie auch ihren eigenen Kopf, mal ganz harmlos ausgedrückt.
Ihre Tierliebe war total übertrieben. Am Schluss hatte sie sich mit einigen Nachbarn angelegt, weil sie tagtäglich verbotenerweise die Tauben fütterte. Das verursachte auch Schäden an ihrem Häuschen und auch bei den Nachbarn. Die sind jetzt total erleichtert, dass ich dies nicht weiterführe.
Am Schluss war sie wie mein Vater auch ziemlich schwerhörig. Ich weiß noch, wie wir sie mal ins Krankenhaus brachten. Ich bin mit meiner Mutter voraus gefahren. Meine Eltern wollten sich den ganzen Tag um sie kümmern, weil ich einen Vollzeittag hatte. Mein Vater ist mit Katharina hinterher gefahren. Im Rückspiegel habe ich beobachtet, wie sie sich angeregt unterhalten haben.
Meine Mutter und ich schmunzelten bei der Vermutung, wie oft sie wegen ihrer Schwerhörigkeit wohl aneinander vorbei redeten.
Am 17.02.2001 wäre Katharina 76 Jahre alt geworden. Es blieb mir nur ein Besuch an ihrem Grab.
***Ihre letzten Tage***
Im Herbst 2000 wurde Katharina krank. Bis kurz davor war sie noch topfidel. Sie war keine alte Frau, sondern modern, geistig interessiert und offen für Belange der jüngeren. Und plötzlich war sie krank.Tagelang konnte sie überhaupt nichts mehr essen und hat rapide abgenommen. Dadurch war sie auch schwerfällig und unbeweglich geworden. Eines Montags ist sie von ihrem Frauenarzt um 07.30 Uhr morgens angerufen worden, dass sie unbedingt nachmittags in die Praxis kommen muss. Ich habe sie hingefahren und bin auch mit zum Arzt rein und mit Tränen im Gesicht wieder raus.
Sie hatte Krebs - eine bösartige Geschwulst - und sollte umgehend ins Krankenhaus zum Operieren. Allerdings ist man sich nicht sicher ob es die Eierstöcke, der Darm oder Beides ist. Das war schon mal das Erste was ich nicht verstehen konnte. Müsste doch eigentlich zu lokalisieren sein, oder?
Also wir sind auf 'Befehl' des Arztes sofort in die Klinik gefahren um für den nächsten Tag ein Zimmer zu ordern (mit der Überweisung). Aber Pustekuchen. Originalton: Nein, so geht das nicht. Sie brauchen einen Termin. Die Ärzte haben zu tun. Ein Wunder, dass meiner Tante erlaubt wurde, sich hinzusetzen.
Irgendwann bin ich dann ausgerastet und habe gleichzeitig geweint und gebrüllt. 'Muss man bei Ihnen erst sterben, damit man einen Termin bekommt?' Meine Tante kann seit Tagen nichts mehr essen, wie soll sie denn das durchstehen?' Das Einzige, was ich erreicht habe, war ein Termin noch gnädigerweise in der gleichen Woche am Donnerstag. Da wollten sie noch mal alles untersuchen, obwohl der Befund vorhanden war. Der Hammer war, es kann sein, wenn es 'nur' der Darm ist, dass sie dann wieder in ein anderes Krankenhaus gemusst hätte. Am Donnerstag sind dann meine Eltern mit ihr ins Krankenhaus zu Untersuchungen, die eigentlich schon alle gemacht wurden. Dann wurde sie wieder nach Hause geschickt.
Am Freitag rief mich dann die Nachbarin an. Sie hatte Angst, dass meine Tante übers Wochenende zusammenbricht. Sie sollte nämlich die Vorbereitung zur Magen- und Darmspiegelung machen. Dabei hatte sie sowieso seit Tagen nichts behalten können und wiegt nur noch 45 kg. Ich habe dann von meiner Tante aus deren Hausarzt angerufen und mit seiner Hilfe haben wir dann endlich die Einlieferung ins Krankenhaus geschafft.
Das Krankenhaus war ziemlich als. Es gab nur ein Waschbecken im Zimmer mit Platz für eine Person. Es waren jedoch zwei Betten im Zimmer. Allerdings musste man sich ein Telefon teilen und die Toiletten sind auf dem Flur. Das Positive: Sie nehmen es dort mit der Besuchszeit nicht so ganz genau. Für die, die es genau wissen wollen: Es handelt sich hier um das Nordklinikum in Nürnberg, Abteilung Frauenklinik. Nachdem bei meiner Tante die Magen- und Darmspiegelung gemacht wurde, teilte sie mir erstmals mit, sie wolle sterben. Es hätte sowieso nichts mehr einen Sinn. Der Arzt hatte mir gesagt, dass sie nicht operieren wollen. Die Metastasen waren zu weit fortgeschritten, außerdem war sie zu schwach. Wir sollten mit allem rechnen - es könne sehr schnell gehen.
Nachdem der Arzt dann ein paar Tage später mitteilte, dass man nichts mehr machen kann, wurde meine Tante ganz schnell in ein Einzelzimmer verlegt. Ganz nach hinten - sarkastisch gesehen könnte man es auch die Sterbezimmerabteilung nennen. Irgendwann kam dann einer der Ärzte auf die Idee, die Schmerzmittel umzustellen. Aber erst nachdem sie bereits 10 Tage nichts essen konnte, nur noch 40 kg wog und bereits festgestellt wurde, dass sie innere Blutungen hatte. Wieder ein paar Tage später hatten die Schmerzmittel angeschlagen. Sie konnte wieder Suppe und Brei essen. Allerdings wurde sie nicht operiert, da der Krebs zu weit fortgeschritten war. Sie hatte immer noch Wasser im Bauch und für eine Chemotherapie war sie zu schwach. Ergo, außer Schmerzen zu stillen, knnnte das Krankenhaus nichts mehr für sie tun.
Ahnt Ihr es bereits. Sie wollten sie also los haben. Okay, Okay - das Krankenhaus kann nichts dafür - es ist die Politik. Ich habe mir die Haken nach einem Hospiz abgelaufen und Gott Sei Dank ein sehr gutes gefunden. Zumindest nach dem ersten Eindruck.
Aber hart war es schon, ihr klar zu machen, wo sie unterschreiben muss. Vor allem den Zusatz, dass ich für sie sprechen muss, wenn es mal so weit kommt, dass sie nicht mehr dazu in der Lage ist. Ich wünsche das niemanden. Dann haben wir meine Tante ins Hospiz gebracht. Für uns beide ein schlimmer Gang. Hilflosigkeit in dieser Art habe ich schon lange nicht mehr gespürt. Das ist einer dieser Momente, wo man sich fragt: 'WARUM?'
Im Krankenhaus hatte ich auf dem Flur noch einmal mit einem der Ärzte gesprochen - auf einen Hoffnungsschimmer gewartet - den er mir nicht geben konnte. Die Krankheit war nicht nur unheilbar, man konnte wirklich ausser die Schmerzen zu lindern, nichts mehr machen. Im Krankenhaus hatte sie Tränen in den Augen. Meine starke Tante, die ich noch nie habe weinen gesehen. Die sich immer durchs Leben geboxt hat und immer aller Hürden genommen hat. Sie wusste, dass sie schwerkrank ist. Sie wollte noch einmal so gerne in ihr Haus. Einfach einige persönliche Dinge in die Hand nehmen. Aber es war nicht mehr machbar.
Im Hospiz waren wir beide ohne Worte. Ich habe ihren Schrank eingeräumt und gefragt, was ich ihr aus dem Haus bringen soll. Aber sie lag nur da, so klein und hilflos, und meinte, sie muss das alles jetzt erst mal verarbeiten.
Draußen dann, im Gespräch mit der Schwester, war ich dann auch am Ende meiner Kraft. Ich habe nur noch geweint. Die ganzen letzten Wochen war ich stark für sie, aber hier kam dann der Zusammenbruch. Ich kann nur noch eines hoffen:
Wenn das Sterben kommt, dann bitte schnell und ohne Qual. Fünf Tage später, kurz nach 07.30 Uhr kam der Anruf vom Hospiz. Meine Tante war gestorben. Es ging dann doch unheimlich schnell. Die Schwester erzählte uns, dass sie um 07.00 Uhr noch miteinander gesprochen hätten. Als sie dann um 07.30 Uhr meine Tante waschen wollte, war sie schon tot. Es ist natürlich ein grosser Schock gewesen, aber für Katharina war es wohl besser so.
Erst am Tag zuvor hatte ich mir noch Gedanken darüber gemacht, wie schlimm und entwürdigend es für meine Tante sein muss, sich 'wickeln' zu lassen. Ausgerechnet sie, ein Mensch, der sich sein Leben lang selbständig durchs Leben geschlagen hat. Und am Schluss war sie zu schwach, um selbständig auf die Toilette zu gehen.
Ich glaube fast, sie wollte auch nicht mehr kämpfen. So ein Leben wollte sie nicht. Im Krankenhaus hatte sie mich mal gefragt, womit sie dies verdient hätte.
PS: Die Bewertung bezieht sich auf Katharina, nicht auf ihre letzten Tage.
03.12.2004 06:16
Ein Mensch "geht" erst wirklich dann wenn er vergessen wird... behalte sie in Deinem Herzen und sie kann ewig leben! --- Mich beschäftigt der "Gedanke" das meine Oma bald "gehen" könnte... muss... und ich habe Angst vor diesem Tag!! ...
25.01.2003 19:44
Ich habe jetzt eine ganz dicke Gänsehaut. Meine Mutter starb an einem Gehirntumor mit 58. Ich kenne das..den langen Tod. Liebe Grüße Annette
30.10.2002 17:43
bewahre ihr bild in deinem herzen