Eine Hommage für zwei starke Frauen.

5  06.07.2006 (18.01.2007)

Pro:
Sie waren immer für mich da .

Kontra:
xxxxxxxxxxxxxxxxxxx

Empfehlenswert: Ja 

Puenktchen3844

Über sich: Danke an alle User für die Anteilnahme (Herzinfarkt), ich finde Euch STARK. Die „Anderen Nasen“ kenn...

Mitglied seit:02.02.2006

Erfahrungsberichte:59

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 119 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich so einen Bericht schreiben kann und darf. Eigentlich habe ich keine Klarheit gefunden und die vielen Fragen, die die in diesem Zusammenhang in mir hoch kamen, konnte mir auch keiner beantworten.
Vielleicht könnt ihr mir Antworten geben.

Ich wurde von zwei starken Frauen großgezogen und erzogen mir wurden noch Werte beigebracht, die unserer heutigen Gesellschaft leider verloren gegangen sind.
Meine Mutter hatte sich in einen jungen Soldaten verliebt. Es gab ja nur Soldaten. In den Kriegswirren wusste keiner, ob er den nächsten Tag noch erleben würde. Es blieb keine Zeit, den Partner kennen zu lernen oder, wie ich immer sage, zum üben. In diesem kurzen Moment entstand ich. Gleich nach der Hochzeit, musste mein Vater in den Krieg.

Meine Mutter war alleine mit ihren ganzen Gefühlen und mit einer Schwangerschaft. Meine Mutter lebte mit meiner Großmutter zusammen, dass sollte sich auch die nächsten Jahre nicht ändern. Meine Mutter und meine Großmutter haben mir oft von dieser Zeit erzählt, von den Zweifeln, von den Luftangriffen, von den Ängsten, vom Hunger und dem Zusammenhalt der Bevölkerung.

Ganze Stadtteile haben zusammen gearbeitet um zu überleben. Eine Gruppe organisierte (klaute) oder tauschte (versetzt) Gegenstände gegen Mehl und andere Lebensmittel. Die andere Gruppe, organisierte Heizmaterial für den Bäcker und für die noch heilen Wohnungen. Es gab keinen Neid und keinen Hass. Der Bäcker warf seinen Backofen an und jeder bekam etwas ab. Meine schwangere Mutter und meine Großmutter haben feste mit gehamstert. Hamstern so nannte man das in dieser Zeit.

Auch Kleidung war Mangelware. Alte Kleidungsstücke wurden gewendet, Kragen wurden umgedreht oder aus Zuckersäcken wurden Kleidungsstücke genäht. Meine Großmutter konnte wie ein Teufel nähen, sie saß Nächte lang an der mit den Füßen zu tretenden Nähmaschine. Viel später habe ich alles von ihr gelernt, was mir in der Schule, im Handarbeitsunterricht, eine glatte fünf einbrachte, weil die Lehrerin nicht glauben wollte, dass ich so schell und genau, nähen konnte ( Das Handwerkliche Talent kam da schon durch). Heute kaufe ich meine Kleidung im Secon-Händ-Läden. Noch vor dem Kauf weis ich wie ich die Kleidung ändern werde, so habe ich garantiert einmalige Sachen.

Das war nur ein Abriss dieser Zeit, zum Euch zu zeigen, in welcher Zeit ich geboren wurde. Bei meiner Geburt gab es einen Fliegerangriff, alle mussten in den Luftschutzkeller. Meine Mutter war sehr tapfer, dass sie das durch gehalten hat. Zu meiner Geburt heulten die Sirenen, das ist wohl das erste, was ich zu hören bekam, wenn ein Baby schon was hören kann.

An die Zeit als Baby kann ich mich nicht erinnern, aber ab ca. meinem zweiten Lebensjahr setzen die Erinnerungen ein.

Es war Karnevalzeit; mein Vater war aus dem Krieg zurück. Alle Menschen wollten den Krieg vergessen und feierten die fünfte Jahreszeit, mein Vater auch. Er malte große Schilder, die er mit Band auf dem Rücken und an der Brust befestigte. Was auf den Schildern stand kann ich nicht sagen, meine Mutter hat es mir nie erzählt. Meine Mutter musste zu Hause bleiben, sie saß in der Küche und trennte Kleidung auf, mit dem Gesicht zum Fenster. Als sie meinen Vater nach Hause kommen sah, raffte sie ihre Schürze zusammen und rannte zum Spülbecken und versuchte ihre Schürze zu säubern. Mein Vater kam durch die Wohnungstür, sah meine Mutter am Spülbecken ihre Schürze säubern, er schimpfte laut und schlug meine Mutter ins Gesicht. Warum? Der Kartoffelschnaps und eine Profilneurose, seine Frau durfte keine schmutzigen arbeiten verrichten. Meine Gr0ßmutter trennte die Beiden.

Swingerclubs sind heute fast normal, zu der damaligen Zeit war das Abartig. Mein Vater hatte diese Ambitionen. Scheidungen wurden zu der Zeit, von der Gesellschaft nur schwer toleriert. Meine Mutter ließ sich trotzdem scheiden.
So entstand der drei Weiber Haushalt.

Eines Tages kam meine Mutter nach Hause und hatte für mich neue Kleidung organisiert, einen blauen Turnanzug und ein Paar zweifarbige Schuhe. Sie zeigte mir voller Stolz ihre Eroberung. Zu dem Zeitpunkt ging ich schon in den Kindergarten. Leider waren mir die Schuhe zu klein, meine Mutter sollte das nicht wissen, es war Sommer die Schuhe habe ich ausgezogen, wenn ich außer Sichtweite war. Der Turnanzug hat nur zwei Tage gehalten, ich war beim Laufen gestolpert und hatte eine Bauchlandung gemacht. Meine Großmutter hat den Anzug mit viel Mühe geflickt.

Eine Angelegenheit werde ich nie vergessen. Das Geld war bei uns mehr als kapp, meine Mutter arbeitet in einer Druckerei an einer Maschine, sie ernährte meine Großmutter und mich. Ich stand oft, wenn Feierabend war, vor dem Fabriktor und holte meine Mutter ab. Sie kaufte mir dann immer Eis. Ich war noch zu jung um zu begreifen wie kapp das Geld bei uns war. An einem Abend, ich wartete wieder auf meine Mutter und mein Eis, sagte sie mir, ich möge sie nicht mehr abholen, sie habe kein Geld, um mir Eis zu kaufen. In ihren Augen standen Tränen. Ich wusste nicht warum, erst einige Zeit später habe ich begriffen, wie schwer ihr diese Worte gefallen waren.
Weihnachten war was ganz Besonderes für mich. Der Weihnachtsbaum wurde heimlich, von meinen Damen geschmückt und die Geschenke platziert. Meinen ersten Kaugummi und die erste Coca Cola habe ich unter dem Weihnachtsbaum gefunden.
Jeden Weihnachten bekam ich die Puppenstube und das Puppengeschirr mit dem meine Urgroßmutter schon gespielt hatte. Andere Geschenke bekam ich natürlich auch. Meine Lieben jagten schon im Frühjahr nach Geschenken für mich. Mach den Feiertagen wurde die Puppenstube und das Geschirr gut verpack und auf dem Dachboden für das nächste Jahr aufbewahrt.

Eine Sache möchte ich noch schreiben, wie einfach und leicht wir es doch heute haben, ich kenn noch andere Zeiten. Keine Waschmaschine, kein Geschirrspüler, kein Badezimmer und fast keine Autos.

Der Wäschetag: Der Wäschetag wurde einmal im Monat angesetzt, ein Tag an dem meine Großmutter, im Großeinsatz war.
Als erstes wurde die Wäsche sortiert.
Dann wurde in der Waschküche der Kessel mit Wasser gefüllt, Eimer für Eimer.
Ein Feuer wurde unter dem Kessel angemacht. Der Kessel wurde so lange beheizt, bis die Wäsche kochte. In der Zwischenzeit wurde die Wäsche immer wieder mit einem Holzlöffel gedreht und gewendet. Für stark verschmutzte Wäsche gab es Waschbrett, auf dem die Wäsche geschruppt wurde.
Fünf Wannen wurden mit kaltem Wasser gefüllt. Die heiße saubere Wäsche wurde aus dem Kessel geholt und nacheinander in den fünf Wannen gespült.
Danach gab es schon eine Maschine (Wäschewringer) mit zwei Rollen, die an einer Kurbel per Hand bewegt wurde. Bei diesem Vorgang wurde Wasser aus der Wäsche gepresst.
Nach dieser Quälerei ging es aber noch weiter. Die Wäsche musste zur Bleiche getragen, ausgebreitet oder mit Klammern, aus Holz, aufgehängt werden.
Das war Schwerstarbeit so verging immer einen Tag. Abends war die Wäsche geschafft und meine Großmutter auch. Wie gut, das es heute Waschmaschinen und Trockner gibt. Bedenkt mal, vor einigen Jahren, gab es noch Familien mit vier oder fünf Kindern, wie haben die Frauen das geschafft.

Soll ich euch noch beschreiben wie das Leben ohne Badezimmer war? Oder könnt ihr euch das vorstellen?

Also ganz kurz in Stichpunkten.
Einen Kessel mit Wasser wurde auf dem Kohleherd erwärmt.
Das warme Wasser wurde mit kalten gemischt und über den Kopf gegossen.
Genauso wurde auch die Körperreinigung betrieben.

Als ich geheiratet habe, hatte ich die gleichen Arbeiten zu erledigen.

Trotz der ganzen Strapazen hatten meine Beiden immer Zeit für meine kleinen Wehwehchen und die vielen Fragen. Auch in späteren Jahren, waren beide auch bei größeren Problemen für mich da.

Leider bin ich nicht dazu gekommen, mich bei meiner Großmutter oder bei meiner Mutter für ihre Führsorge, ihr Verständnis und den vielen Wohltaten zu bedanken.
Ich LEIDE noch heute unter dem Versäumnis. Also sagt euren Lieben alles, bevor es zu spät ist.
Noch VOR der Beerdigung, meiner Mutter, gab es Krach. Wenn ein Mensch stirbt und Geld oder andere Wertgegenstände hinterlässt. Wenn die "geliebte Familie" dann kommt ist der Ärger meistens vorprogrammiert.
Ich hoffe ich habe etwas von der Sträke meiner Beiden mit bekommen.

************************Schlusswort*************************** *********************************
Beim Schreiben ist mir aufgefallen, dass ich alles mit diesem Bericht noch mal verarbeiten konnte. Jetzt es geht wir viel besser. Liebe Grüsse Wilfriede

Ihre Bewertung dieses Erfahrungsberichtes

Wie hilfreich ist dieser Erfahrungsbericht für Ihre (Kauf-)Entscheidung?

Bewertungsrichtlinien

Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
strubl27

strubl27

23.07.2007 10:58

toll

ozimmi

ozimmi

03.06.2007 13:55

ich erinnere mich sehr gut ... °°° BH °°°

Anamcara1

Anamcara1

04.02.2007 01:07

Wir sollten unseren Lieben viel öfter sagen, wieviel sie uns bedeuten und wie dankbar wir sind...viel zu viel nehmen wir für selbstverständlich hin, dabei ist es das gar nicht! Danke, dass du mir das mit deinem Bericht wieder deutlich gemacht hast. LG, Sabine

Eigenen Kommentar schreiben

max. 2000 Zeichen

  Kommentar abschicken


Bewertungen
Dieser Erfahrungsbericht wurde bislang 959 mal gelesen und von Mitgliedern wie folgt bewertet:

"besonders hilfreich" von (35%):
  1. ozimmi
  2. Anamcara1
  3. fairetta
und weiteren 39 Mitgliedern

"sehr hilfreich" von (65%):
  1. nicki28
  2. strubl27
  3. dahia
und weiteren 74 Mitgliedern

Informationen zur Berechnung der Gesamtbewertung.