Protokoll eines Trinkers
03.12.2002
Pro:
Den Abend angenehm verbracht
Kontra:
Der Morgen danach
Empfehlenswert:
Nein
 dasgelbevomei
Über sich:
Mitglied seit:01.01.1970
Erfahrungsberichte:6
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 53 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Samstag oder Sonntag habe ich durch Zufall diese Kategorie entdeckt. Und da ich ein Mann bin und ab und zu auch betrunken, was lag da näher als meine Erfahrungen mit euch zu teilen? Also beschloss ich gestern, mich selbst einem Feldversuch zu unterziehen. Ziel: eine Gaststätte in einem Ort, in dem mich keiner kennt. Bevor es los geht: daheim erst mal Mut antrinken und ein Klebezettelchen mit meiner Adresse aufs Hemd pappen, mit dem Vermerk „Bitte nach der Sperrstunde in ein Taxi setzen". Man(n) denkt ja mit. Nach drei Willys mach ich mich auf den Weg 19.30: Ich betrete das „Eckstübchen" zum ersten Mal. Zielstrebig geht’s gleich mal zum Tresen. Ich bestelle einen Korn und ein Pils. Für den Anfang genau das Richtige. Sehe mich um, man will ja wissen was noch so den Montagabend in einer solchen Spelunke verbringt. (Der Ausdruck Spelunke mag altmodisch erscheinen, aber er paßt hervorragend. Der Wirt ist so schmierig dass ich mir nicht sicher bin ob es mir Recht ist, dass er mit diesen Händen die Gläser gespült hat in denen er mir meine Getränke serviert. Nikotinverfärbte Gardinen, zugestaubte Zimmerpflanzen auf den Fensterbänken) Ich sehe zwei alte Weiber, die sich offensichtlich mit Apfelwein gütlich tun. Sehen irgendwie aus als hätten sie die Walpurgisnacht schon seit Monaten gefeiert. Eine komische Type, garantiert über 60, fettige Haare und mindestens 2 Schneidezähne weniger als ich drückt sich in einer Ecke rum. Die Musik ist etwas gewöhnungsbedürftig, eine Mischung aus Hans Albers und diesen Majo-Bräuten. Oder wars was mit Ketchup? Egal.20.45: Drei Korn & Bier und zwei Pernot später führe ich eine intensive Unterhaltung mit dem Wirt. Hatte mich eben an dem nicht irgendwas gestört? Ich weiß es nicht mehr genau, dafür könnt ich mir einen Ast lachen weil er so kernig aussieht wenn er in der Nase bohrt. Ich bestelle mal einen Ramazotti, Abwechslung muß sein. Die zwei komischen alten Tanten von eben wollen grade heim, da frag ich sie, ob sie nicht noch eine Runde Tequila mit mir trinken wollen. Erstens sei das Ritual ja geil und außerdem dürften zwei so hübsche junge Damen (habe ich das gesagt? Und warum erscheint mir diese Aussage auf einmal gar nicht so abwegig?) kein Lokal verlassen ohne was spendiert zu kriegen. Dieses komische Ketchuplied läuft wieder. Ich tanze. 22.00 Uhr: Ulla und Christel haben sich grade auf den Heimweg gemacht, 4 Tequila erschienen uns logischer als nur einer. Ich muss mal. Zu den Toiletten geht’s ne Treppe runter, aber ich bin ja noch nüchtern, da hab ich keine Bedenken. Ich hab das Pissoir getroffen. Wenn ich mich recht entsinn hab ich sogar 2 getroffen. Aber das ist nicht schlimm, die Kacheln an den Wänden hier werden eindeutig nur einmal im halben Jahr gewischt, und wenn dann nur in Schulterhöhe.) Im Spiegel seh ich etwas unscharf aus. Seit wann brauch ich ne Brille? Naja, was solls. Als ich wieder die Treppe raufgeh kommt es mir vor, als würde ich die Stufen empor schweben. Ganz klar, vom langen am Tresen stehen haben sich meine Beinmuskeln so gestärkt, dass ich mich gar nicht mehr anstrengen muss, um ein paar Stufen zurückzulegen. Gleichzeitig beglückwünsche ich mich selbst, dass ich solch wissenschaftlich fundierte Feststellungen treffen kann. Ich bin echt die Härte.22.15 Uhr: Außer mir ist nur noch der Wirt und der alte Sack da. Das Teil geht wohl noch nicht so gut. Ich lasse mir zwei Asbach-Cola einschenken und setz mich zu dem Endsechziger. Der is vielleicht mal voll. Der lallt ganz schön. Aber egal, wir finden schnell ein Gesprächsthema. Politik. Ich bin mittlerweile felsenfest der Überzeugung, ich wär ein echt guter König von Deutschland. Dann frag ich den Wirt ob er mal die olle Rio Reiser Platte leiser drehen könnte. 23.30 Uhr: Ich weiß immer noch nicht wie der alte Sack neben mir heißt, aber er ist mein bester Freund. Habe ich überhaupt andere Freunde? Ich kann mich dunkel an Menschen erinnern, mit denen ich mal gern meine Zeit verbracht habe. Aber die brauche ich nicht mehr. Die werde ich morgen alle anrufen und sagen, dass sie mich mal können. Jawoll. Der Wirt erzählt uns von einem Getränk dass sich Jugendliche reinpfeifen. Wodka-RedBull. Hört sich irgendwie gut an.0.45 Uhr: Günther-Wolfram, so heißt der gute Mann, und ich, wir wollen heiraten. Ja, in der Tat. Wir liegen uns in den Armen und gröhlen Herzilein. Der Wirt hat irgendwas anderes laufen, aber wir sind lauter. Niemals war ich so innerlich zufrieden wie in diesem Moment. Ich möchte die ganze Welt umarmen. Und küssen. Dann stehe ich auf, die Natur ruft wieder. Diesmal kann ich mich nicht erinnern, wie und ob ich das erledigt hab. Alles ist dunkel. Uhrzeit: keine Ahnung. Ein Unbekannter wühlt in meinen Taschen. Es ist kalt. Ich krieg grad mal die Augen auf und seh ein Taxi wegfahren. Ich liege auf der Treppe, die zu meiner Wohnung führt. Achso?! Dann wühl ich mal nach meinem Haustürschlüssel. Es wird wieder dunkel.Dann ist es hell. Ich liege in meiner Wohnung auf dem Küchenboden. Mein Kopf brummt. Es ist schätzungsweise 9 Uhr. Eigentlich müßte ich zur Arbeit gehen. Es schrillt beharrlich in meinem Schädel. Bis ich merke, das ist das Telefon. Der Chef. Wie ich mich anhöre brauch ich gar nicht keine Überzeugungsarbeit zu leisten, ich bin krank. Ich gehe ins Bad. Sehe in den Spiegel. Scheiße. Sehe in den Kühlschrank, ich hab Durst. Da is leider nix drin außer dem Willy, den ich gestern abend aufgemacht hatte. Egal, muss gehen. Fünf große Züge. Dann ins Bett. Irgendwer hat mal erzählt, wenn sich alles dreht soll man ein Bein aus dem Bett strecken, um das Karussell anzuhalten. Das ist gelogen. Hilft nichts. Ich möchte sterben. Alkohol schadet der Gesundheit.
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30.10.2004 21:04
*loooooooooooooL* bitte bitte mit dir möcht ich mal saufen gehn das is sicher ua lustig
12.02.2003 11:16
ich glaube diesen bericht werde ich mal jemandem zeigen der genau dies jeden tag aufs neue macht und das schon seit 50 jahren. es nützt da zwar nix mehr aber vielleicht erkennt er sich wenigstens! echt klasse geschrieben!
28.01.2003 15:39
Beim nächsten Versuch möchte ich gerne mitmachen *gg*