The Big Lebowski (DVD)

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The Big Lebowski (DVD)

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Hintersinnige Genreparodie

5  13.02.2002

Pro:
Ein Fest für Cineasten

Kontra:
für Cineasten? Nichts .

Empfehlenswert: Ja 

Mister.Spenalzo

Über sich:

Mitglied seit:01.01.1970

Erfahrungsberichte:167

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 57 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet

Jeffrey "The Dude" Lebowski ist einer der letzten Aufrechten - einer, für den der Summer of Love nie zu Ende gegangen ist. Dass der Dude keiner geregelten Beschäftigung nachgeht, ist für ihn, zu dessen Höhepunkten im Alltag laut eigenem Bekunden "the occasional flashback" zählt, ebenso eine Selbstverständlichkeit wie das "Creedence"-Tape im fahrbaren Untersatz, der, wie auch der Dude selbst, schon bessere Tage gesehen hat.

Jeffrey "The Big" Lebowski hat mit dem entspannt in den Tag hinein lebenden Dude allein das gemein, was in der Folge eine Reihe von zunehmend schwerer zu durchschauenden Ereignissen in Gang setzen wird: wer kann schon ahnen, dass in der Nachbarschaft von Los Angeles zwei Menschen auf den gleichen Namen hören - zwei Menschen, deren Lebenswandel unterschiedlicher kaum sein könnte?

Mit Sicherheit nicht der unangemeldete Besuch, der eines Abends bei Jeff "The Dude" Lebowski vorstellig wird - und der aus zwei Herren besteht, deren gesamtes Betragen nicht gerade von einer schnellen Auffassungsgabe zeugt: Noch bevor der Dude auf fehlenden Ehering, hochgeklappte Klobrille und andere Anzeichen dafür hinweisen kann, dass der Haushalt, zu dem die zwei sich auf höchst unsanfte Weise Zugang verschafft haben, nun nicht gerade die ordnende Hand einer Frau verrät, hat der Wortführer der beiden Kleinkriminellen das Dude'sche Haupt bereits zum wiederholten Male in die Kloschüssel getunkt - um dem unter chronischen Geldmangel Leidenden so hoffentlich zu entlocken, an welchem Ort sich das Geld befinde, dass Jeffrey Lebowskis Ehefrau Bunny einem gewissen Jackie Treehorn schuldet.

Bunny? Ehefrau?

Auch die ominöse Bunny scheint Liquiditätsprobleme zu haben - dass es andere Gemeinsamkeiten, geschweige denn ein eheliches Band zwischen der fraglichen Dame und ihm selbst gebe, kann der Dude nur in Abrede stellen. Und die einzig plausible Erklärung für die Stippvisite der beiden verhinderten Geldeintreiber, die sich in Abwandlung alter Wildwestideale einem "Dunk 'em first - ask questions later" verschrieben haben, kann nur lauten: Sie haben schlicht und ergreifend den falschen Lebowski erwischt. Dies ein Fauxpas, der ihnen möglicher Weise hätte nicht unterlaufen müssen, wenn, ja wenn ... sie den Schluss gezogen hätten, den schon das wenig mondäne Wohnviertel, in dem der Dude Quartier bezogen hat, nahe legt: Dass in dieser Gegend ein millionenschwerer Lebowski residiert, ist, gelinde gesagt, wenig wahrscheinlich.

Diese späte Erkenntnis allerdings ficht das Duo offenbar nur wenig an: die beiden haben den Auftrag, einen gewissen Jeffrey Lebowski gehörig unter Druck zu setzen - und da den Herren bezüglich der Wahl ihrer Mittel offenbar weitgehend freie Hand gelassen worden ist, erleichtert sich einer der beiden zum Abschied noch von einem ganz speziellen Druck und tut etwas, das selbst ein in die Jahre gekommenes Blumenkind wie der Dude als einen allzu harschen Verstoß gegen gesellschaftliche Spielregeln werten muss: Seine Blase einfach auf den Teppich zu leeren - das gehört sich ja nun wirklich nicht. Auch nicht für einen Amerikaner chinesischer Abstammung, um den es sich bei dem blasenschwachen Herrn zu handeln scheint.

Und so wenig Alt-68er Dude Lebowski sein Herz auch an materielle Dinge hängen mag - "the rug", daran ist nicht zu rütteln, "really tied the room together": Dieser Teppich hat dem Eingangsbereich von Lebowskis Domizil nun einmal das gewisse wohnliche Etwas verliehen.

Kann man es dem Dude verdenken, wenn er beschließt, es sei ein guter Gedanke, sich mit seiner Regressforderung an den wohlhabenden Namensvetter zu wenden? Immerhin, auch da beißt die Maus keinen Faden ab, trägt, wenn vielleicht auch nur mittelbar, die Gattin des Herrn an der Verunreinigung des Lebowski'schen Läufers doch wohl eine gewisse Mitschuld.

Diese Sichtweise auf die Dinge allerdings kann, will und wird Jeff "The Big" Lebowski nicht teilen: Ganz offensichtlich handelt es sich bei dem, der sich ihm da als "Dude" vorstellt, um einen Leistungsverweigerer und Schnorrer der übelsten Sorte. Ihm, der
da vor den Augen des großen Lebowski Gras raucht, gebricht es offenkundig an jeglicher Bereitschaft, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und zu tragen.

Undenkbar, dass dieser Tagedieb dem Ruf zur Fahne folgen und sich wie er, der sich seiner Pflichten als Staatsbürger stets bewusst gewesen ist, für sein Land zum Krüppel schießen lassen würde. Unvorstellbar, dass aus diesem Liederjan einer der "Lebowski Young Urban Achievers" hätte werden können, für deren Erziehung und Ausbildung er, der einst der Präsidentengattin die Hand schüttelte, eigens eine Stiftung ins Leben gerufen hat. Unbelehrbar - dieser Kerl, der da tatsächlich noch immer glaubt, er könne ihn, den Großen Lebowski, für das Verhalten irgendwelcher dahergelaufenen Teppichpinkler haftbar machen!

Der Dude Lebowski allerdings zeigt sich von den Tiraden des Tycoon Lebowski gänzlich unbeeindruckt - und lässt sich's nicht verdrießen, sondern statt dessen einen Teppich aus dem imposanten Haus des aufgeblasenen Lebowski mitgehen.

Nun will es jedoch der Zufall, dass Maude Lebowski, ihres Zeichens Avantgarde-Künstlerin und des Großen Lebowski Töchterlein, ihr Herz an just diesen Teppich gehängt hat - und so dauert es nicht lange, bis der Dude erneut Überraschungsbesuch bekommt: Auch diesmal fackeln die ungebetenen Gäste nicht lange - lassen die Fäuste sprechen - und befördern den Dude erst einmal ins Reich der Träume.

Ferner will es der Zufall, dass besagte Bunny Lebowski wenig später verschwindet - sollten etwa die ominösen Teppichbesudler die Millionärsgattin entführt haben ... ? Genau das soll der Dude auf Geheiß des Großen Lebowski nun herausfinden - cherchez la femme! Für des Dudes Bowlingkumpel Walter Sobchak (John Goodman) freilich liegen die Dinge schon jetzt auf der Hand: dieses Flittchen Bunny hat seine Entführung selbst inszeniert, um mit dem Lösegeld, das ihrem Mann abgepresst werden soll, ihre Schulden bei Pornoproduzent Jackie Treehorn zu begleichen!

Vietnamveteran Walter jedenfalls beschließt, seine Nahkampferfahrungen in den Dienst dessen zu stellen, was er für eine gute Sache hält: Schließlich hat er seine Kumpels nicht im Schlamm sterben sehen, um nun tatenlos mit anzusehen, wie Amerikaner fernöstlicher Abstammung den Teppich des Dude verunreinigen und irgendwelche Weibsbilder ihre Ehemänner betrügen! Den Einwand, zwischen Walters offenkundigem Vietnamtrauma und den Geschehnissen der jüngsten Zeit bestehe nicht der geringste Zusammenhang, bürstet Walter ebenso rüde ab wie die Einlassungen von des Dudes und Walters Bowling-Teamkollege Donny (Steve Buscemi), dessen Wortmeldungen von Walter ohnehin in schöner Regelmäßigkeit mit einem lakonischen "Shut the fuck up, Donnny" quttiert werden. Leider ist der zu Temperamentsausbrüchen neigende Walter einer jener Zeitgenossen, die stets in bester Absicht handeln - m.a.W.: einer jener Zeitgenossen, die stets zur falschen Zeit am falschen Ort sind. Sei es auf der Bowlingbahn, wo Walter schon mal den Gebrauch der Schusswaffe androht, um einen vermeintlichen Regelverstoß zu ahnden - oder auch in seiner Eigenschaft als Beifahrer des Dude, als der er die Übergabe des Lösegeldes, mit der der Große Lebowski den Dude beauftragt hat, zu verhindern weiß.

Klingt das bisher Geschilderte verwirrend? Wer andere Filme des Brüderpaares Joel und Ethan Coen ("O brother, where art thou?", "Fargo", "Blood Simple", "Hudsucker - Der große Sprung", "Barton Fink", "Arizona Junior") kennt, mag ahnen, dass sich auch den Handlungssträngen von "The Big Lebowski" am besten eingedenk der Devise "Expect the Unexpected" begegnen lässt: Wer nach 117 Minuten zu rekonstruieren weiß, "wer was wann warum" in "The Big Lebowski" tut - dem gebührt für seine analytischen Fähigkeiten Lob und Anerkennung.

Wer allerdings "The Big Lebowski" als eine Persiflage auf den "film noir" sieht, mit der die Coens dem Genre gleichzeitig ihre Reverenz erweisen - und wer akzeptiert, dass, wie in den Vorbildern, die die Coen-Brüder sich für ihren Film gewählt haben, der Zufall "eine ganze Menge will" und dass nicht jede Frage, die ihr Film aufwirft, auch beantwortet wird - der wird an "The Big Lebowski" möglicher Weise das größere Vergnügen haben.

Tipp für Coen-Fans: Ein Filmabend mit "The Big Lebowski" und Howard Hawks' "The Big Sleep" (1946) kann ähnlich aufschlussreich sein wie ein "Double Feature", das aus "Hudsucker - Der große Sprung" und Frank Capras "Meet John Doe" (1941) besteht.

Tipp für Nicht-Coen-Fans: Wer mit Steve Martins "Tote tragen keine Karos" und mit Terry Gilliams "Brazil" rein gar nichts anfangen kann, den wird auch "The Big Lebowski" möglicher Weise eher verwirrt als amüsiert zurücklassen.

Die DVD:

Am Bild der DVD (wahlweise im Format 4:3 oder 16:9 anamorph) gibt es, ebenso wie am deutschen und englischen Ton in Dolby Digital 5.1, nichts zu beanstanden. Untertitel werden in deutscher sowie englischer Sprache angeboten - erstere lassen sich, wie sich's gehört, bei Wahl des englischen Originaltons ausblenden. Manko: ein Wechsel zwischen Untertiteln und Tonformaten ist nicht "on the fly", sondern nur über die Menüsteuerung möglich; und auch mit Extras geizt die deutsche Veröffentlichung: bis auf den Trailer gibt's hier leider nichts - bedauerlich, bietet doch die amerikanische Version der DVD laut Info von amazon.com außerdem TV-Spots sowie ein 30-minütiges Interview mit den Coens.

Mister.Spenalzos Trivia:

- die Traumsequenzen in "The Big Lebowski" sind erkennbar an Szenen aus Musicals des Choreographen und Regisseurs Busby Berkeley angelehnt.

- "It never rains in Southern California": eine film noir-Parodie zu drehen, in der nicht ein einziger Tropfen Regen fällt - darauf können wohl nur die Coens kommen.

- eine "Speed of Sound"-Tournee von Metallica, wie sie der "Dude" in einer Szene erwähnt, hat es meines Wissens zwar nie gegeben - den Namen aber finde ich äußerst treffend gewählt.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
rouvinho

rouvinho

07.02.2004 07:09

Schade, dass es dieses Mitglied nicht mehr gibt!

TeaJay

TeaJay

14.02.2002 12:12

Wie kommt es, dass ich mindestens 10 Berichte hierzu gelesen habe, die mein Interesse nicht weckten, und ich nach diesem hier den Lockruf von ebay ignorieren muss?

Apicula

Apicula

13.02.2002 19:55

Ich fasses nicht ... *tse* ... da gab es gar keine Speed Of Sound Tournee ??? Ne, da komm' ich jetz' nich drüber weg. *murmel*

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