Gefühl, Rhythmus und viel Herz
19.11.2001 (20.11.2001)
Pro:
Musik, Story, Hauptdarsteller, aber auch die restliche Besetzung, Spaß, keine Klischees
Kontra:
- - - - -
Empfehlenswert:
Ja
 Berte
Über sich:
Mitglied seit:21.04.2000
Erfahrungsberichte:223
Vertrauende:25
Dieser Erfahrungsbericht wurde von 62 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet
Filme von der englische Arbeiterklasse gibt es nicht gerade wenige. In einige lassen die Darsteller spontan die Hosen fallen (GANZ ODER GAR NICHT), ein andermal ist es König Fußball, der die hart arbeitenden Mannen zusammenschweißt. In BILLY ELLIOT bietet die eher ärmliche Arbeiterkulisse eines typisch nordenglischen Arbeiterstädtchens die Kulisse für eine packende Story rund um Ballett und Musik. Billy Elliott ist 11 Jahre alt. Seine Mutter ist vor einigen Jahren gestorben. Sein Vater und sein älterer Bruder arbeiten in der Kohlezeche, um die Familie mehr schlecht als recht über die Runden zu bringen. Auch die Oma lebt mit im Haushalt, sie ist aber aufgrund ihrer Alterssenilität sehr hilfebedürftig. Billy´s Vater (Gary Lewis) war früher Boxer und dessen Vater war es auch. Selbst wenn das Geld knapp sitzt, die wöchentlichen 50 Pennies für die Boxschule sind immer noch drin. Doch das Schicksal schlägt gleich an mehreren Seiten zu. Die Zeche steht kurz vor dem Aus und weil die Arbeiter Angst um ihrer Jobs haben, wird der Generalstreik ausgerufen. Streikbrecher werden mit Tomaten beworfen und Billy´s Bruder (Jamie Draven) gehört zu der Streikbrigade, die auch vor etwas drastischeren Mitteln nicht zurückschreckt. In all dem Tohuwabohu entdeckt Billy plötzlich seine Liebe zum Tanz und zum Ballett. Seine 50 Pennies gibt er nunmehr jede Woche heimlich für die Ballettstunde aus. Er weiß sehr gut, mit welchen Vorurteilen diese Sportart belastet ist und als sich langsam aber sicher die Homosexualität seines besten Freundes herausstellt, wird die Sache für ihn nicht leichter. Seine Trainerin (Julie Walters) entdeckt in Billy viel Talent und möchte ihn gerne für eine Elite-Tanzschule anmelden. Als Billy´s Vater die Aktivitäten seines Sohnes durchschaut, hängt der Haussehen erst einmal mächtig schief. Doch Billy lässt sich nicht ins Boxhorn jagen und kämpft tapfer gegen alle Vorurteile.
Der Film lebt von seinem famosen Hauptdarsteller Jamie Bell. In den Tanzszenen scheint er nur aus Energie zu bestehen und als er später gesteht, dass er sich beim Tanzen wie Elektrizität fühlt, weiß man genau, was er meint. Die Tanzszenen sind perfekt choreographiert und zusammen mit den gut ausgewählten Musikstücken, fangen die Beine ganz von alleine an mitzuzucken. Selbst die tristen grauen Vororthäuser wirken viel weniger traurig, wenn Billy tanzend und springend durch die Strassen zieht. Doch Jamie Bell kann nicht nur gut tanzen. Auch als Schauspieler weiß der Kleine von der ersten Minute an zu überzeugen. Das gleiche gilt auch für alle anderen Darsteller, die die Milieustudie glaubhaft machen. Der an sich vorprogrammierte Vater-Sohn-Konflikt verdoppelt sich, als auch Billy´s älterer Bruder eigene Wege beschreitet und sich die Grenzen erneut verschieben. Wie die Familie wieder zusammenwächst ist spannend zu beobachten. Die Entdeckung der Sexualität ist noch mit zu viel Kindlichem verwoben, als dass sie dem Film einen wichtigen Aspekt verleihen könnte, selbst wenn dieser Aspekt zweifellos vorhanden ist. Billy´s Freund in Frauenkleidern oder die Tochter der Tanzlehrerin, die sich bereitwillig entblößen würde, wenn Billy das wollte, verdeutlichen nur eines: Billy Sexualität wird nicht eindeutig aufgeklärt. Das Klischee, dass Balletttänzer allesamt schwul wäre, wird weder bestätigt, noch dementiert. So wirkt der Film sehr ehrlich und verdirbt den Spaß nicht durch tumbe Sexualitätsklischees. Und BILLY ELLIOT – I WILL DANCE macht Spaß. Die komödiantischen Elemente sind nicht übermäßig zahlreich, dafür hat der Film eine ganze Menge Herz zu bieten, ohne aber zu irgendeinem Zeitpunkt zu sehr auf die Tränendrüde zu drücken. Auch in dieser Hinsicht weist der Film das Merkmal auf, dass eine Geschichte vor dem Hintergrund der englischen Arbeitergesellschaft unbedingt braucht: Ehrlichkeit und Authentizität. Zusammen mit der hervorragenden Darstellerriege, einer mitreißenden Story und viel, viel Gefühl ist BILLY ELLIOT mal wieder ein Film, der glücklich macht und der meinerseits vorbehaltlos empfohlen werden kann.
PS: Kleiner Nebeneffekt des Filmes: ein Teil der Hintergrundmusik ist klassisch; wer genau hinhört, erkennt das Original zu Jeanette Biedermann´s neuem Stück (HOW IT´S GOT TO BE, oder so ähnlich). Alles nur geklaut, und jetzt auch schon in der Klassik, wer hätte das gedacht *g*
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01.12.2001 15:44
Hi! Den Film wollte ich schon immer mal sehen, weil ich die Story sehr interessant und außergewöhnlich finde. Mittlerweile gibts den Film ja sicherlich auf Video oder DVD, so das ich ihn mal demnächst ausleihen werde. Dein Bericht ist nämlich sehr schön flüssig geschrieben und macht richtig Lust auf den Film :-) Übrigens stammt das Lied das Jeanette jetzt so "wundervoll" trällert aus "Schwanensee" einem sehr bekannten Balettstück. Bye Tonibabe
29.11.2001 17:45
Ich habe den Film leider im Kino verpasst. Anscheinend muss ich ihn mir wirklich mal auf Video ausleihen.
20.11.2001 17:42
Danke, werd´s gleich korrigieren. Berte