Black Clouds & Silver Linings - Dream Theater

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Black Clouds & Silver Linings - Dream Theater

Rock - 3 - CD - Label: Roadrunner - Vertrieb: Warner Music - Veröffentlicht am: 19. Juni 2009 - EAN: 016861788353

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100% positiv

1 Erfahrungsberichte der Community

Erfahrungsbericht über "Black Clouds & Silver Linings - Dream Theater"

veröffentlicht 25.07.2009 | Pengoblin
Mitglied seit : 05.09.2005
Erfahrungsberichte : 126
Vertrauende : 9
Über sich :
"Dies sind meine Überzeugungen und Grundsätze. Wenn Sie Ihnen nicht gefallen - ich hab' auch noch andere." (Groucho Marx)
Ausgezeichnet
Pro Perfektion; Virtuosität; Spielspaß; reizvolle 120 min Bonus
Kontra Etwas ungeschickte Verpackung; schwächelnde Texte
sehr hilfreich
Cover-Design:
Klangqualität:
Langzeithörspaß:
Häufigkeit der Nutzung
Dieser Tonträger ist:

"Sehr hörenswerte Nichtselbstneuerfindung"

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Intro
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Wenn man ganz streng nur reguläre Studioalben zählt und die diversen opulenten Livealben und EPs und Extras ausklammert, ist Black Clouds & Silver Linings (im folgenden BCSL) das zehnte Werk der amerikanischen Hochleistungsprogrocker (ansonsten wäre es das 18.), und vielleicht um das zu feiern, gibt es neben den rd. 74 Minuten des 'regulären' Albums im Wege einer Special Edition noch zwei weitere CDs mit zusammen rd. 120 Minuten Bonusmaterial. CD 2 versammelt dabei rd. 45 Minuten Coverversionen u.a. von Iron Maiden und The Queen. CD 3 bietet auf rd. 75 Minuten das komplette BCSL-Album nochmals in Form instrumentaler Remixes. Manch eine/r mag das im ersten Moment eher abschreckend finden und sich sagen, 'Na ja, richtiges Bonusmaterial wäre mir ja lieber gewesen', aber der DT-Kenner vertraut darauf, dass die New Yorker schon wissen, was sie da abliefern. Wollen mal sehen, ob sie Recht haben.
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Hier die Tracklist:
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Titel auf CD 1 (das reguläre Studioalbum)
1.: A Nightmare to Remember, 16min
2.: A Rite of Passage, 12min
3.: Wither, 5min
4.: The Shattered Fortress, 12min
5.: The Best of Times, 13min
6.: The Count of Tuscany, 19min
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Titel auf CD 2 (Coverversionen)
1.: Stargazer, 8min
2.: Tenement Funster / Flick of the Wrist / Lily of the Valley, 8min
3.: Odyssey, 8min
4.: Take Your Fingers from My Hair, 8min
5.: Larks Tongues in Aspic Pt. 2, 6min
6.: To Tame a Land, 7min
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Titel auf CD 3 (Das reguläre Studioalbum nochmal in Form instrumentaler Remixes)
1.: A Nightmare to Remember [Instrumental]
2.: A Rite of Passage [Instrumental]
3.: Wither [Instrumental]
4.: The Shattered Fortress [Instrumental]
5.: The Best of Times [Instrumental]
6.: The Count of Tuscany [Instrumental] - Längen wie CD1
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Wollen doch mal sehen, was uns da im Detail erwartet…
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CD 1 – das reguläre Album
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A NIGHTMARE TO REMEMBER
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Picture for a moment
The perfect irony
A flawless new beginning
Eclipsed by tragedy.
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Gleich mit einem 16-Minüter legt das neue Album los, und was DT-Freunde lieben und DT-Verächter hassen, wird bei diesem 'erinnerungswürdigen Alptraum' in Reinform serviert. Nach einem leisen Intro für Gewitter und verstimmtes Piano baut sich bereits nach wenigen Sekunden genau jener körperlich spürbare druckvolle Sound auf, für den die Band bekannt ist: John Myungs Bass ist so plauderfreudig, virtuos und ruppig-schwungvoll, wie es der Mann selbst (klassischer Bassist: zuverlässig, treu und schweigsam) offenbar nicht ist. Mike Portnoys legendäres Schlagzeugspiel fügt hier den auch schon vertrauten Eindruck hinzu, der Mann besäße nicht nur sechs Arme, sondern auch vier Beine. Dazu gesellt sich John Petrucchis machtvolle Leadgitarre, kombiniert die Rhythmusunterstützung mit spektakulären Läufen und Kürzestsoloeinsprengseln, dass es dem Metalfan ein schieres inneres Kawuppdich der Freude bereitet. Im Unterschied zu früheren Alben hält sich dagegen Jordan Rudess am Keyboard meinem Eindruck nach hier eher zurück, liefert die üblichen Soundteppiche und Überleitungen zwischen den zahlreichen Brüchen, Sprüngen, Umkehrungen und Variationen, ist aber teilweise dann auch mal für Minuten kaum bewusst zu hören. Ab und an darf er mal ein Halbminütchen lang losgelassen über die Tasten schliddern, aber so präsent wie Gitarre und Drums sind die Keyboards insgesamt nicht. Nach einiger Zeit kommt dann James LaBries Gesang hinzu, und damit beginnt das Stück sich den Text entlangzuarbeiten, in dem es um …. ja, um was geht? Der von Petrucchi verfasste Text deutet irgendetwas an, eine Familientragödie anscheinend, aber so ganz genau hat man es nicht zu erfahren die Chance. Der Text reisst mich nicht vom Hocker, aber vielleicht erschließt sich mir das ja noch.
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Nachdem ich das Album jetzt dreimal gehört habe, scheint mir A Nightmare To Remember so absolut makellos und so absolut DT reinsten Wassers zu sein, dass es schon fast wieder reizlos wird. Es ist ein klassischer 5-Sterne-Track, da gibt's nix, aber so richtig hängengeblieben ist er bei mir noch nicht: Ich kann's sofort gutfinden, bejubeln und abhaken. Das Oeuvre so ziemlich jeder mir bekannten richtig guten ProgRock-Band mit längerer Discographie enthält solche Stücke: glanzvolle Reproduktionen des Besten, aber eben keine Grenzgänge.
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A RITE OF PASSAGE
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The final stage
A sacred home
Unlock the door
And lay the cornerstone
A rite of passage.
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Ein komplexer, kraftvoller Einstieg, ein engmaschig dicht mit Bass und Drums und Akkorden zugestopfter Drive, dass kein Durchkommen möglich scheint: das sind auch hier wieder die vordergründigen Qualitäten. Etwas überraschend dann der eingängige und eher leichte Refrain (einer von diesen, bei denen ich mich unwillkürlich frage, ob ich den nicht irgendwoher kenne), der zunächst etwas flach erscheint, aber sich als geschickt plazierter melodischer Gegenpart zur Dichte des Reststückes erweist. Das war ja bei 'Train of Thought' zuweilen das Problem, das manche mit dem Album hatten: es hatte wenig 'leichtere' Kontrapunkte und kam daher insgesamt sehr schwerblütig rüber. Das ist bei diesem Durchgangsritual aber dann ganz gut gelungen, und auch Petrucchi steuert seine blitzschnellen, schrillen, exakten, wenngleich hier nicht unbedingt filigran ausgesteuerten Läufe dazu (die denn auch eher was für Steve Howe-Fans sind als für Verehrer Steve Hacketts, wenn Ihr wisst, was ich meine). Der Text ist wiederum von Petrucchi und besteht aus singfähigen Halbsätzen mit losem thematischem Zusammenhang. Der Mann kennt mehr Akkorde als Sankt Clapton, aber nur ein Reimschema. Ich kann mich insgesamt nicht recht entscheiden und gebe dem Ganzen daher 4,5 Sterne.
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WITHER
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I wither
And render myself helpless
I give in
And everything is clear
I break down
And let the story guide me.
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Irgendwo in den Büroräumen aller größeren Plattenlabel gibt es eine Hängekartei, auf der steht "Hier Förmchen und Schablonen für perfekte Rock- und Metalballaden", welchselbige an veröffentlichungswillige Bands ausgeliehen werden (die Radioformathandschellen liegen gleich daneben). DT kann natürlich sowas freihändig und liefert mit 'Wither' (Dahinschwinden, Vergehen) einen melodischen, perfekten, allerdings auch etwas unbesonderen melancholischen Wunderkerzenschwenker ab. Zwischen den wesentlich komplexeren, originelleren und fordernderen Langstücken ist das mal ganz schön, aber zugleich ist es ein Stück, das mich, im Radio gehört, nicht wirklich aufhorchen lassen würde. DT haben ja mit der selbstironischen Betitelung ihres Best ofs 'Greatest Hit … and 21 other pretty cool songs' schon selbst darauf hingewiesen, nicht wirklich eine Singleband zu sein. Dennoch lassen sie sich zuweilen herab, mal unter Beweis zu stellen, dass sie die Standardformate auch beherrschen und dazu kräftig mit unverwechselbarem E-Gitarrengefrickel versüßen können. Nicht, dass ich Zweifel gehabt hätte. 4 Sterne.
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THE SHATTERED FORTRESS
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Look into the mirror, what do you see?
The shattered fortress, that once bound me.
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Wer sich vornehmlich für die treibenden, härteren und dramatischeren Passagen des Werkes von DT begeistert, wird an dieser 'zerschmetterten Festung' seine Freude haben, die nicht nur stilistisch (und in gewisser Hinsicht auch titeltechnisch) wie eine Fortführung von The Glass Prison (von 'Six Degrees Of Inner Turbulence') und The Root Of All Evil (von 'Octavarium') wirkt, sondern diese beiden, wenn ich das Wiedererkannte richtig verortet habe, auch gegen Ende musikalisch kurz zitiert. Der bei guten Bassboxen sicherlich auch unter den Sohlen gut spürbare Drumteppich erinnert an die lauteren der wirklich guten Passagen von 'Awake', und auch der Gesang LaBries, der zwar souverän wie immer ist, aber doch insgesamt auf dem Album nicht mehr ganz so seinen eigenen Hemdkragen zu sprengen droht/verspricht (je nach Vorliebe…) wie vor 10 Jahren noch, hat hier einen seiner besseren Momente. Nach einem donnernden und mitreißenden ersten Teil beruhigt sich das Stück später etwas und hat dann auch wieder mehr Zeit für subtilere und filigranere Details, und genau dieser Wechsel ist es doch, den wir an DT so mögen, gelle? Der Text ist diesmal von Portnoy und erscheint mir über die reine Funktionserfüllung hinaus (d.h. James LaBrie zu ermöglichen, etwas anderes zu singen als das Adressverzeichnis von New York) etwas reizvoller als die bisherigen des Albums. Ah, und Mr. Rudess hat einen seiner seit langem losgelassensten Momente am Keyboard, sehr schön.
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Für mich persönlich ist es bislang eines der beiden besten Stücke des Albums, zumindest ist es zuerst bei mir hängengeblieben. Das mag nächsten Dienstag wieder anders sein, aber so oder so: 5 Sterne.
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THE BEST OF TIMES
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… but most of all:
Thank you for my life.
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Leise und balladesk beginnt dieses Stück und fällt thematisch ein wenig aus dem üblichen ProgMetal-Schema heraus, denn es ist nichts anderes als ein sehr persönlicher und liebevoller Dank an Mike Portnoys verstorbenen Vater. Wer jedoch jetzt zwölfminütige Rührseligkeit befürchtet, wird eines Besseren belehrt, denn bereits nach anderthalb Minuten ist sie wieder da, die DT-Dampflok, nicht so dramatisch treibend und ruppig (zumal durch Streichertöne abgemildert), aber doch mit enormem Schmiss und Schwung.
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Irgendwie werde ich den Verdacht nicht los, Portnoys enger Umgang mit Meisterballadeur Neal Morse, seines Zeichens Erschaffer zahlreicher melodiöser, üppig-lebensbejahender (in seinem Fall: christlicher) Rockepen könnte sich hier ausgewirkt haben, denn abgesehen vom Gesang hätte das Ganze auch auf Morses 'One' drauf sein können.
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Das Stück ist sehr schön melodiös und hat aufgrund der Kombination aus unverhüllt positiver Stimmung und sehr unballadeskem Schmiss irgendwie ein Alleinstellungsmerkmal, denn Herzenstöne sind im ProgRock ja meist eher mit akustischen Fünfminütern verbunden, während das meiste über 10 Minuten textlich dem Aufgewühlten, Verzweifelten und Finsterdramatischen zuneigt (ja, ich weiß, es gibt sehr schöne Ausnahmen z.B. von den Flower Kings, aber die Liste der Devil-Demon-Despair-und-Doom-Epen ist doch insgesamt ein Gutteil länger).
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Einziges deutliches Manko ist für mich der Schluss des Stückes, denn ich reagiere nunmal allergisch darauf, wenn einfach ausgeblendet wird (im Übrigen in der Instrumentalversion nicht der Fall). Ich ziehe einer hymnischen Dauerschleife, die sich nochmal und nochmal festsetzt, ehe sie dann einfach runtergedreht wird, jederzeit einen richtigen Schluss vor. Zum Glück wird bei DT nur sehr selten ausgeblendet, und so sei es hier verziehen, weil das Werk ja ohnehin ein wenig Ausnahme ist. Vier Sterne auf der DT-Messlatte und 5 auf der aller anderen.
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THE COUNT OF TUSCANY
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Several years ago
In a foreign town
Far away from home
I met the Count of Tuscany…
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Andere Rezensionen, die es zu diesem Album schon gibt, loben zumeist dieses Stück in allerhöchsten Tönen und vergleichen es mit den beiden DT-Meisterepen 'A Change of Seasons' und 'Octavarium'. Um mich dem vorbehaltlos anzuschließen, werde ich es denn doch erstmal noch öfter gehört haben wollen (zumal ich persönlich andere Lieblingsstücke von DT habe als 'A Change of Seasons'), denn ich möchte nicht zu automatisch meiner (wohl allen anderen ProgRock-Fans vertrauten…) Neigung folgen, allen Epen über 15 Minuten erstmal gewaltigen Sympathievorschuss zu gewähren, einfach weil mal wieder so ins Volle gelangt wurde. Denn nicht immer kann ein so langes Stück diese Länge auch hörenswert füllen, ohne aufgeplustert zu wirken. Und nicht immer kann auch ein gelungenes Stück einen direkt so umhauen wie mich seinerzeit 'Octavarium' und 'Six Degrees of Inner Turbulence'.
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So, jetzt habe ich's nochmal gehört. Immerhin kann ich schonmal sagen, dass mir 'The Count of Tuscany' mindestens so gut wie 'A Nightmare to Remember' vorkommt, eher besser, weil einfach ein bißchen mehr hängenbleibt, zumindest bei mir & hier und jetzt. Es beginnt mit einem simplen Melodiestückchen für Gitarre, was bei DT immer so ein bißchen was von einem Hufescharren auf der Startlinie vor dem Losdonnern hat und dem künftigen Konzertpublikum Zeit geben wird, das Stück zu identifizieren (bzw. sich zu fragen, ob jetzt doch 'A Change of Seasons' kommt, das beginnt recht ähnlich) und schonmal ein bißchen auf Vorrat zu johlen. Recht rasch und klassisch-elegant eingeleitet geht es dann aber los, und die ersten zehn Minuten des Stückes gehören ganz klar dem Dramatischen und Flotten und sind ganz großes DT-Kino. Besonders verfrickelt oder komplex hört sich das flotte und mitreißende Stück erstmal nicht an, aber das täuscht, denn DT haben die Angewohnheit, auch und gerade eher simplen Melodiebögen und Strukturen eine doch recht filigrane und detailverliebte, dabei zugleich unnachahmlich exakt einstudierte Soundstruktur zu unterlegen, überstrichen von der hier wieder souveränen und freundlich-manischen Stimme LaBries. Das hat ganz klar die Qualität der besseren Stellen aus 'Octavarium' und 'Metropolis pt. 2', und der Umstand, dass DT solche Nummern auch ohne Netz auf der Bühne umsetzen, ohne irgendwelche Komplexitätsabstriche zu machen, lässt mich als einen, der vor Jahren schon an den simpelsten Gitarrenakkorden gescheitert ist, immer wieder völlig begeistert zurück.
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Der Text ist wieder eine von Petrucchis etwas halbherigen Vierzeilerabfolgen, deutet immer irgendeine große Geschichte an, ohne zu Potte zu kommen. DT sind eine Band, bei der ich das ganz gut verzeihen und ignorieren kann, obwohl es natürlich schade ist, denn z.B. mit 'Metropolis pt. 2' haben sie vor Jahren bewiesen, dass sie das eigentlich besser können. Da trauere ich doch etwas den guten alten Genesis-Alben der 70er Jahre nach, die man mögen kann oder nicht, aber die in jedem Fall bewiesen, dass man komplexe, vielschichtige Rockmusik auch mit komplexen, interessanten Texten bereichern kann.
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Ziemlich genau zur elften Minute wird es plötzlich für ein Weilchen sehr ruhig, und über einem Synthieteppich schweben langgezogene, entrückte Saitenklänge wie auch schon zu Pink Floyds besten Zeiten oder wahlweise im ausgedehnten Intro des 'Octavariums'. Diese Ruheinsel trennt den aufgeregten ersten Teil von der ruhigeren, leichteren und balladeskeren zweiten Hälfte, in dem LaBrie sich doch wesentlich entspannter entfalten kann, weil er nicht mehr gegen die geballten Entladungen seiner vier Kollegen ansingen muss. Dieser zweite Teil liegt irgendwo zwischen 'The Silent Man' und 'Solitary Shell' und stellt nicht gerade Originalitätsrekorde auf, ist aber so, wie er plaziert ist, die absolut perfekte Ergänzung, und ich zögere nicht, dem Stück volle fünf Sterne zukommen zu lassen.
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CD 2 - Coverversionen
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STARGAZER
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Original: Rainbow
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Recht ruppig setzt diese Versammlung von allesamt etwa achtminütigen Coverversionen ein. Das Original von Rainbow kenne ich nicht, daher habe ich vor allem Assoziationen zu DTs Frühwerk, speziell dem oft etwas stiefmütterlich behandelten DT-Debut 'When Dream And Day Unite' (das mit dem anderen Sänger und dem besonders gräßlichen Frontbild) und vielleicht noch den wenigen Stücken, die man aus ihrer Zeit als Majesty kennt. 'Stargazer' ist ein schöner Schlenker weg vom Gefrickel und mehr in Richtung der Gefilde, wo der gute alte Hardrock und sogar der Rock'n'Roll abhängen, und besonders Petrucchis Gitarre darf sich hier austoben. Leider blendet das Stück wieder aus, was es bei mir wieder ein Sternchen kostet. Da waren's nur noch 3,5.
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TENEMENT FUNSTER / FLICK OF THE WRIST / LILY OF THE VALLEY
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Originale: The Queen
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Na, aber hier kenne ich das Original… Diese drei Queen-Stücke stammen von deren 1974er Album 'Sheer Heart Attack', und jeder, der sich traut, Freddie Mercury nachsingen zu wollen, verdient schonmal Frechheitsrespekt (bei Roger Taylor ist das zumindest auch nicht ganz einfach). Das schwerblütige Taylor'sche Tenement Funster (hier wesentlich weniger manisch als das Original, dadurch leider auch etwas unspannender) wird gefolgt vom komplexen, rockigen und frechen Flick of the Wrist (Mercury), das sich zuletzt zum lyrischen Lily of the Valley (wieder von Mercury) abmildert. Erwartungsgemäß ist dieses Cover vor allem eine Glanznummer für Sänger James LaBrie, der sich gegen die 35 Jahre alte Steilvorlage recht wacker schlägt, wenngleich auch er alles in allem nur würdig unter Beweis stellen kann, dass Freddie Mercurys Songs am besten einer singen konnte, der eben leider nicht mehr unter uns weilt. Aber eine gelungene Hommage alles in allem und mir (wenn auch knapp) 4 Sternchen wert.
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ODYSSEY (instrumental)
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Original: Dixie Dregs
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Das von Gitarrist Steve Morse und dem Album 'What If …' der Dixie Dregs entnommene Instrumentalstück setzt (wohl auch im Original) mit E-Violin ein, einem Instrument, von dem ich gar nicht gewusst hatte, dass außer Kansas noch eine andere andere Rockband in den 70ern damit unterwegs war, nämlich die besagten Dixie Dregs, einer experimentier- und genrejonglierfreudigen Liverockband, auf die ich durch dieses Cover richtig neugierig geworden bin. Das Stück beginnt sehr sanft und episch, wird dann herrlich verfrickelt, reiht Stimmungs- und Rhythmuswechsel aneinander und bleibt so gewöhnungsbedürftig/frisch. Es strahlt dabei aber insgesamt eine schöne Spielfreude aus und deswegen gebe ich dem guten Stück 4 Sterne.
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TAKE YOUR FINGER FROM MY HAIR
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Original: Zebra
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Recht folkballadesk beginnt dieses von einer mir zuvor völlig unbekannten Band namens Zebra entliehene Stück, gewinnt Schwung und Schmiss und geht flott und glatt ins Ohr. Hätte mir einer erzählt, das Original wäre von Slade oder Sweet, hätte ich's auch geglaubt. Für DT ist das recht leichte und losgelassene, gradlinige Musik, und Petrucchi kommt gegen Ende richtig schön auf der Sologitarrenüberholspur in Fahrt. Aber dann, mittendrin, wird plötzlich wieder ausgeblendet, was ich völlig unsäglich finde – ich drucke ja auch nicht mitten im Satz plötzlich die Wörter immer kleiner, bis sie keiner mehr lesen kann. Es gibt nur sehr wenige Stücke, bei denen ein Ausblenden ein akzeptabler, passender Schluss ist, und dies ist keines davon. Schade, bis kurz vor Schluss war's richtig gut. 3,5 Sterne.
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LARKS TONGUES IN ASPIC PT. 2 (instrumental)
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Original: King Crimson
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Wenn man erstmal weiß, dass dieser Instrumentaltitel von Experimentalgitarrist Robert Fripp komponiert wurde, rechnet man ja freiwillig schon mit etwas schwererer Kost. Das Stück hat schon rd. 37 Jahre auf dem Buckel und zählt zu den internen Klassikern der Playlist des langlebigen Individualistenkongresses King Crimson. Wesentlich kühlverfrickelter als Odyssey und etwas schwerblütiger kommt es daher, eine technisch offenkundig äußerst vertrackte Angelegenheit, welche DT wie immer souverän meistern. Das Ganze erinnert mich an einige Momente des Liquid Tension Experiments, jener spielwütigen, kompositorisch bewusst unvorbereiteten Instrumentalalben von Portnoy, Petrucchi, Rudess und Basslegende Tony Levin. Das könnte man auch mal einem Zappa-Fan vorspielen. 4 Sterne.
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TO TAME A LAND
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Original: Iron Maiden
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Es gibt ja Marken, bei denen man – ohne immer so genau sagen zu können warum – nie auf den Gedanken käme, einen Erwerb auch nur in ernsthaft Erwägung zu ziehen. So geht es mir zumindest: ich würde nie Opel und nie Darboven-Kaffee kaufen und auch nie ein Iron Maiden-Album (schon wegen der gräßlichen Zombie-Cover nicht). Aber ich muss doch gestehen: das Stück hier hat was. Es entstammt dem 1983er Album 'Piece of Mind', das offenbar unter Kennern als eines der kompositorisch besseren aus dem Repertoire der Eisernen Jungfrau gilt, wenn es auch nicht den Klassikerstatus von 'The Number of the Beast' innehat. Umrahmt von einem schlicht-spannungsvollen, ansatzweise orientalisch anmutenden Thema entfaltet sich hier eine geerdete, richtig solide Mucke, die es gar nicht nötig hat, sich New Metal oder Progressive oder sonstwas zu nennen: es ist schlicht und einfach Rock, und zwar sehr guter. Deutlich spürt man, dass DT hier eine ihrer vielen Wurzeln würdigen, und so ist 'To Tame A Land' ein richtig schöner Schlussteil für die zweite CD der Special Edition. 4,5 Sterne.
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CD 3 - das reguläre Album noch einmal in Form instrumentaler Remixes
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Ich möchte bei diesem dritten Scheibchen nicht noch einmal auf jeden einzelnen Track eingehen, weil sich die Remixes nicht wirklich grundsätzlich von den Versionen des regulären Albums unterscheiden, sondern hier eher Detailvarianten angeboten werden – das Intro zu 'A Nightmare To Remember' ist etwas verändert, 'The Best Of Times' hat einen richtigen Schluss und derlei, aber völlig andere Arrangements bekommt man hier nicht geboten.
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Statt dessen möchte ich darüber reflektieren, welchen Reiz es denn überhaupt haben kann, sich die rein instrumentale Version eines DT-Albums anzuhören.
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Zum einen ist da natürlich die Möglichkeit, das virtuose Zusammenspiel der vier Instrumentalisten völlig ungestört zu genießen, und man bemerkt stellenweise Feinheiten und Ebenen, die einem zuvor womöglich entgangen waren. Auch bewirkt das Weglassen der Stimmen, dass man die Musik sehr gut nebenbei hören kann (neue DT Alben, die ich noch nicht gut kenne, kann ich z.B. beim Autofahren meist erstmal nur bedingt ertragen, weil sie die Aufmerksamkeit doch sehr fordern würden, und wenn das nicht geht, hat man eben wieder was nicht mitgekriegt – hier geht das dagegen recht gut).
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Trotz der unvermeidlichen ein und anderen Passage, bei der natürlich relativ wenig Originelles passiert, weil hier sonst Mr. LaBrie sich entfaltet, ist BCSL auch als Instrumentalwerk überraschend vollständig und rund. Überhaupt ist es hochspannend, direkt Vergleich zu hören und mal zu erspüren, wie sich allein durch den Gesang die Atmosphäre eines Stückes doch sehr stark verändert. Es wird ja wohl kein Zufall sein, dass rein Instrumentales es in der Rockmusik oder im Pop doch immer schon etwas schwerer hatte (man versuche sich mal zu erinnern, wann es denn den letzten instrumentalen Charthit gab), weil der Stimme – wenn schon oft nicht dem gesungenen Text – doch in unserer Musikmögigkeit eine besondere Rolle zukommt (mit Ausnahme von Klassik, möglicherweise auch der von Trance und, ehm, Fahrstuhlmusik).
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Vielleicht ist das eines der Dinge, die ich an DT mag: hier ist die Band ganz offensichtlich nicht nur der Backgroundgeber für einen sich wie immer inszenierenden Frontmann, sondern der Gesang ist den Hauptinstrumenten eher bei- als übergeordnet – würde man die Drums oder Gitarre weglassen (bzw. mal auf das Nicht-mehr-DT-Basisniveau reduzieren), ich bin sicher, es würde wesentlich mehr an Substanz fehlen.
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Natürlich wäre DT auch ohne LaBrie nicht mehr DT, ebenso wie ohne Petrucchi und Portnoy – Myung wäre, glaube ich, ebenfalls kaum zu ersetzen, und bei Jordan Rudess (der ja tatsächlich als einziger erst nach zwei Wechseln am entsprechenden Instrument dazukam, um sich dann als stabiler Mitträger zu erweisen) bin ich mir nicht ganz sicher.
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Insgesamt empfinde ich die längeren Stücke damit auch in der Instrumentalvariante sehr reizvoll – nur das in Relation zur Gesamtlänge sehr gesangslastige und formatkorsettierte 'Wither' bleibt dabei etwas auf der Strecke – und habe bemerkt, dass ich diese Variante von BCSL zum Beispiel beim Schreiben gerne im Hintergrund höre.
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Daher 5 zusammenfassende Sammelsterne für CD No. 3.
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Sonstiges & Fazit
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Nein, sich selbst neu erfunden haben DT mit ihrem neuen Album nicht gerade. Aber sie sind sich ein weiteres mal treu geblieben, und das mit annähernd jedem Stück dieser Veröffentlichung auf einem Niveau, das sehr viele andere Vertreter des Faches nur in ihren absoluten Sternstunden kurzzeitig einmal erreichen.
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DT haben mit der Special Edition ein weiteres mal bewiesen, dass sie ihren Fans gerne die volle Ladung servieren und durchaus hochwertiges Material quasi beiläufig als Bonusmaterial raushauen. Ich bereue jedenfalls den Erwerb der erweiterten Version keineswegs, schon wegen der Option, das komplette neue Album auch rein instrumental würdigen zu können (ich gestehe, CD 3 läuft bei mir daheim derzeit sogar häufiger als CD 1).
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Kleine Nachteile des Albums: Die Verpackung ist zwar ganz hübsch, aber nur bedingt schlau konzipiert und wird bei häufiger Nutzung rasch auseinanderfallen. Auf Plastik wurde ganz verzichtet, statt dessen gibt es einen Pappschuber, in den rechts das Booklet eingesteckt ist, links verbergen sich in einem eigenen Fach die drei Papphüllen mit den CDs. Nun ja, immerhin schon etwas besser als die Papphüllenvarianten der letzten Livealben der Band, die doch arg billig ausgefallen waren.
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Was noch? Die Texte sind diesmal tendenziell eher schwach, und einige der Stücke blenden aus, was aber womöglich nicht jede/n so stört wie mich. Ansonsten gibt's eigentlich nix, aber auch gar nix zu meckern.
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Was soll ich diesem neuen Dream Theater-Album denn also zusammenfassend geben, wenn nicht 5 Sterne? Die Band hat sich ein weiteres Mal souverän als eine der hörenswertesten Rockbands dieses Planeten bewiesen. Zwar muss ich zugleich gestehen, dass ich beginne, von Dream Theater nur noch bedingt wirklich Neues und Innovatives zu erwarten, aber was soll's, solange alle Beteiligten offenkundig so viel Freude an der Weiterführung des Bisherigen haben und darin einen reizvollen Moment nach dem anderen finden. Hauptsache, sie sind nicht irgendwann so blutleer bombastisch wie Yes oder Pink Floyd in ihren rheumatischeren Phasen. Aber 'Black Clouds & Silver Linings' ist noch weit davon entfernt, nichts als blutleere Selbstwiederholung zu enthalten. Play it loud!

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht

  • l.x.klar veröffentlicht 08.11.2010
    bh ! greetz from wallcity beartown
  • Anacrusis veröffentlicht 20.01.2010
    'Stargazer' ist sicherlich der beste (Hard-)rocksong ever. Nicht nur wegen Dio am Mikro. Hier konnte DT nur verlieren. 'To Tame A Land' geht thematisch um "Dune - Der Wüstenplanet' und ist beinahe als Scherz an den Autoren Frank Herbert gedacht, der Rockmusik hasst. Das nur am Rande;) Ein erstklassiger Berciht, dessen Meinung ich beinahe bis ins kleinste Detail teile (vor allem was die Texte angeht). Mehr davon, bitte.
  • Wachbergindianer veröffentlicht 25.07.2009
    Ich glaube, das würde mir auch gefallen! LG, Randolf
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Produktdaten : Black Clouds & Silver Linings - Dream Theater

Produktbeschreibung des Herstellers

Rock - 3 - CD - Label: Roadrunner - Vertrieb: Warner Music - Veröffentlicht am: 19. Juni 2009 - EAN: 016861788353

Haupteigenschaften

Titel: Black Clouds & Silver Linings

Künstler: Dream Theater

Komponist: .

Genre: Rock

Schlagworte: Progressive Rock; Power Metal; Hard 'n' Heavy; Hard Rock; Mainstream

Medium: CD

Set-Inhalt: 3

Veröffentlichungsdatum: 19. Juni 2009

Label: Roadrunner

Vertrieb: Warner Music

EAN: 016861788353

Titel auf CD 1

1.: A Nightmare to Remember (Album Version)

2.: A Rite of Passage (Album Version)

3.: Wither (Album Version)

4.: The Shattered Fortress (Album Version)

5.: The Best of Times (Album Version)

6.: The Count of Tuscany (Album Version)

Titel auf CD 2

1.: Stargazer (Album Version)

2.: Tenement Funster / Flick of the Wrist / Lily of the Valley (Album Version)

3.: Odyssey (Album Version)

4.: Take Your Fingers from My Hair (Album Version)

5.: Larks' Tongues in Aspic [Part 2] (Album Version)

6.: To Tame a Land (Album Version)...

Titel auf CD 3

1.: A Nightmare to Remember [Instrumental] (Album Version)

2.: A Rite of Passage [Instrumental] (Album Version)

3.: Wither (Instrumental) (Album Version)

4.: The Shattered Fortress [Instrumental] (Album Version)

5.: The Best of Times (Instrumental) (Album Version)

6.: The Count of Tuscany (Instrumental) (Album Version)

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Auf Ciao gelistet seit: 15/05/2009