Erfahrungsbericht über

Blade Runner [DC] (DVD)

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Die Zukunft wird düster

5  18.01.2005

Pro:
stilbildend, richtungsweisend, genreprägend

Kontra:
solche Filme gibt's nicht alle Tage

Empfehlenswert: Ja 

Gemeinwesen

Über sich: "Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück" (Gottfried Benn) ciao-Merksatz 2006: "...

Mitglied seit:13.10.2003

Erfahrungsberichte:328

Dieser Erfahrungsbericht wurde von 42 Ciao Mitgliedern durchschnittlich als sehr hilfreich bewertet


Wir schreiben das Jahr 2019. Die Menschheit siedelt längst nicht mehr nur auf der Erde; wer es sich leisten kann, tritt die Passage zu den „Outer (Space) Colonies“ an. Die locken mit dem Versprechen auf ein neues Leben jenseits des einstmals blauen Planeten, in dem die Verrichtung unangenehmer oder gar gefährlicher Tätigkeiten den so genannten „Replikanten“ obliegt: äußerlich nicht von Menschen zu unterscheiden, werden die künstlichen Intelligenzen speziell für den außerirdischen Einsatz gefertigt. Los Angeles, der Ort der Handlung, ist dagegen ein zur Megalopolis gewucherter städtischer, tags wie nachts in Zwielicht liegender Albtraum, in dessen Stadtschluchten ohne Unterlass der Regen fällt.

Die Szenerie von Ridley Scotts SF-Film „Blade Runner“ transportiert die des klassischen „film noir“ in eine nicht allzu ferne Zukunft – und folgerichtig begegnet uns in der Figur des Rick Deckard auch der Prototyp des abgeklärten, chronisch unter Geldmangel leidenden Privatdetektivs, der in den Filmen von Hollywoods „Schwarzer Serie“ meist von Darstellern wie Humphrey Bogart und Robert Mitchum verkörpert wurde.

Als vier Replikanten unter Einsatz von Gewalt die Flucht zur Erde gelingt, erhält Androidenjäger Rick Deckard (Harrison Ford) den Auftrag, die Arbeitssklaven unschädlich zu machen. Deckard hat den von ihnen bereits exekutiert, da erfährt die Handlung eine ungeahnte Wende: Deckard verliebt sich in Rachel (Sean Young), die Eldon Tyrell (Joseph Turkel), Chef der Roboterschmiede Tyrell Corporation, ihm als seine Nichte vorstellt. Als offenkundig wird, dass auch Rachel in Wahrheit eine Replikantin ist, ist Deckard gezwungen, sich mit seiner Rolle als „Problembeseitiger“ eingehender auseinanderzusetzen – und am Ende des Films stellt sich gar die Frage: Ist nicht vielleicht auch Deckard in mehr als nur einer Hinsicht ein „Prototyp“ ... ?

Mit „Blade Runner“, der im Deutschen ursprünglich einmal die Unterzeile „Aufstand der Anti-Menschen“ tragen sollte, gelang Regisseur Ridley Scott („Alien“, „Gladiator“) eine filmische negative Utopie, die in rund 20 Jahren, die seit der Entstehung des Filmes ins Land gegangen sind, nichts von ihrer visuellen und erzählerischen Kraft eingebüßt hat. „Blade Runner“ ist ein moderner Klassiker, der nicht nur dem Science Fiction-Film der 80er und 90er Jahre neue Impulse verlieh, sondern die gesamte Pop-Kultur nachhaltig beeinflusste.

Wurde „Blade Runner“ von Publikum und Kritik zwar wohlwollend, aber mit gehöriger Skepsis begrüßt, waren es in erster Linie Designer, die „Blade Runner“ mit offenen Armen empfingen: Vom Werbespot für Wodka („Smirnoff“), der Anleihen bei der in Blade Runner präsentierten Informationstechnologie machte („Zoom in – track out“), bis hin zur britischen Heavy Metal-Legende „Iron Maiden“, die ihr mit zahlreichen Anspielungen gespicktes LP-Cover und Bühnenbild („Somewhere in Time“) in deutlich erkennbarer Anlehnung an Scotts Film gestalteten – sie alle bedienten sich der Ästhetik von Scotts düsterer Zukunftsvision.

Zum Publikumsliebling entwickelte sich „Blade Runner“ erst, nachdem der Film längst wieder von der Leinwand verschwunden war. Erst in der Zweitverwertung, als so genannter „sleeper“; gelang „Blade Runner“ der Aufstieg in die erste Riege des SF-Films – an den Kinokassen war „Blade Runner“ zwar ein Achtungserfolg gewesen, hatte aber den Kampf um ein großes Publikum verloren. Gegen Produktionen von George Lucas und Steven Spielberg, die dem Zeitgeschmack mit großkalibriger Space Opera und leichter Fantasykost wie „Das Imperium schlägt zurück“, „E.T.“ und „Jäger des verlorenen Schatzes“ Rechnung trugen, war ein verstörender „Blade Runner“, der eher in der Tradition von Fritz Langs „Metropolis“ und Charlie Chaplins „Moderne Zeiten“ stand, chancenlos geblieben. In Insiderkreisen freilich wurde „Blade Runner“ schon bald als Geheimtipp gehandelt, und so ist es wohl nicht zuletzt einem treuen Fanpublikum zu danken, dass „Blade Runner“ gut zehn Jahre nach seiner Premiere erneut auf großer Leinwand zu bewundern war – und das in einer Fassung, die auch den Vorstellungen des Regisseurs noch etwas mehr entgegenkam als die ursprünglich im Kino gezeigte Fassung, die vom Filmstudio Warner Bros. mit einem versöhnlicheren Ende versehen worden war (das übrigens nicht verwendetes Bildmaterial aus Stanley Kubricks „The Shining“ nutzte) als der nun vorliegende Director's Cut, in dem sich 'Blade Runner' womöglich noch etwas bedrückender präsentiert.

Fazit: „Blade Runner“ ist ein Meilenstein des SF-Kinos – und das Thema, mit dem der Film sich befasst, heute so zeitgemäß wie eh und je, ja vielleicht mehr denn je. Tipp: Produktionen aus jüngerer Zeit, die sich einen Vergleich mit „Blade Runner“ gefallen lassen müssen, sind z.B. Chris Columbus' „Der 200 Jahre Mann“ (1999) und Spielbergs „A.I.“ (2001) – ob sie den Vergleich aushalten, ist eine Frage, auf die Filmfans ihre eigene Antwort finden müssen.

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Kommentare zu diesem Erfahrungsbericht
froes

froes

31.01.2005 15:39

Ich habe die ganze Zeit überlegt, ob Harrison Ford der Hauptdarsteller ist und es dann erst auf dem Produltbild gesehen. ;o) Shine On, Frank

dcbe

dcbe

24.01.2005 23:14

Ach ja, im Gegensatz zu Petra hat mich die Gnade der frühen Geburt davor bewahrt, den Film irgendwo anders zu erleben als im Kino. War damals dreimal drin. Und als er einige Jahre später als Reissue kam, da noch mal. Das Buch habe ich erst vor ein paar Monaten mal gelesen. Ist was anderes.

dcbe

dcbe

24.01.2005 23:12

Die Blade-Runner-Welt ist schon fast da. So in Shanghai oder Hongkong. Fehlt nur noch der Dauerregen...

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