Dieser Film reißt mich hin und her.
Einerseits begeistert mich das außergewöhnliche Thema, welches tiefste Einblicke in die Abgründe der menschlichen Seele liefert, andererseits stößt mich ebensoviel an diesem Film ab.
Hervorragend finde ich die abgedrehten Überleitungen zwischen den einzelnen Szenen, sowie die psychedelisch anmutende Hintergrundmusik.
Gerade die Musik ist es, die den Zuschauer unweigerlich in den Bann des Filmes zieht und die verschiedensten Emotionen hervorruft.
Aufmerksam geworden bin ich auf "Blue Velvet" über den Regisseur, David Lynch.
Seine Fernsehserie "Das Geheimnis von Twin Peaks" ist für mich eine der mystischsten und spannendsten Serien überhaupt und ich habe keine der Folgen verpasst.
David Lynch ist dafür bekannt, daß er gerne bestimmte Schauspieler um sich schart, die er immer wieder in seinen Filmen einsetzt (so wie hier Kyle McLachlan aus Lynchs "Twin Peaks" und Laura Dern).
Jeder dieser Künstler hat eine außergewöhnliche Ausstrahlung, die sich hervorragend mit dem Thema des speziellen Films verbindet.
Unvorstellbar, wenn hier einer der typischen Mainstream-Stars agieren würde!!
Davon abgesehen, daß viele um ihre Karriere fürchten würden, denn die Filme von David Lynch sind durchweg skurril und bizarr.
Geschmackvolle Bilder und Abstoßendes gehen eine seltsame Mischung ein, die den Zuschauer entweder in seinen Bann zieht, oder aber fluchtartig aus dem Kino treibt.
Jeffrey (Kyle McLachlan), ein jungenhaft und naiv wirkender Student wächst wohlbehalten bei seinen ältlichen Tanten auf, während der Vater im Krankenhaus um sein Leben kämpft.
Eine Szene am Anfang des Films, in der sein Vater hilflos anfängt zu weinen, macht sehr betroffen, ...in welchem Film sieht man schonmal einen Mann weinen??
David Lynch bricht liebend gern gesellschaftliche Tabuthemen und das ist gut so!!
An einem ganz normalen Sommertag findet Jeffrey auf einer Wiese ein menschliches Ohr und wird in ein skurriles Abenteuer hineingezogen, über das er fast die Kontrolle verliert.
Sandy, die Tochter des Polizeibeamten, dem er seinen Fund zeigt, interessiert sich brennend für den Fall ...und für Jeffrey, was sie aber zunächst unschuldig kokett verheimlicht. Dargestellt wird die Tochter von einer noch jungen Laura Dern, die mit ihrem blonden Haar und ihrer Zerbrechlichkeit wie ein personifizierter Engel erscheint.
Immer wieder betont sie, daß sie einen eifersüchtigen Freund habe, um Jeffrey eifersüchtig und sich selbst interessant zu machen, doch Jeffrey scheint zunächst gar kein Interesse an ihr zu haben...er möchte nur herausfinden, was hinter dem abgetrennten Ohr steckt...
Doch Sandy ist hartnäckig. Sie belauscht ihren Vater bei einem dienstlichen Gespräch und findet heraus, daß der Besitzer des Ohres vermutlich noch lebt.
Eine Nachtclubsängerin namens Dorothy Vallens soll in den Fall verwickelt sein...
Problemlos findet Sandy deren Adresse heraus und Jeffrey gelingt es durch einen Vorwand, in Dorothies Appartement zu gelangen.
Was für eine seltsame Person...Dorothy wirkt fahrig und nervös.
Ein merkwürdiger Mann stattet ihrer Wohnung einen Kontrollbesuch ab...
Was wird hier gespielt??
Um mehr herauszufinden, läßt Jeffrey den Schlüssel zu ihrem Appartement mitgehen.
Er ist fest entschlossen zurückzukehren und das Rätsel zu lösen.
Auch Sandy bekommt Gelegenheit, sich ein Bild von Dorothy zu machen:
Allabendlich haucht diese in einem Nachtclub das Lied "Blue Velvet" auf eine lasziv erotische und hingebungsvolle Art und Weise ins Mikrofon.
Sie ist der krasse Gegensatz zur jungfräulich wirkenden patenten Sandy: ein mystischer Vamp durch und durch.
Doch der Schein trügt.
Als Jeffrey in ihre Wohnung eindringt und im Kleiderschrank von ihr gestellt wird, zeigt sich, daß Dorothy eine zutiefst verwirrte Persönlichkeit ist.
Innerhalb weniger Augenblicke schwankt sie zwischen, Dominanz, Unterwürfigkeit, Rachegelüsten und Fürsorge hin und her. Eine sehr zwiespältige Frau, die schließlich beschließt, Jeffrey zu vertrauen.
Der naiv und unerfahren wirkende Jeffrey ist sichtlich verwirrt und unterliegt schließlich Dorothies immens erotischer Ausstrahlung.
Die vertraute Zweisamkeit wird jedoch abrupt gestört, als ein Mann Zutritt zu Dorothies Wohnung verlangt.
Jeffrey gelingt es gerade noch, sich im Kleiderschrank zu verstecken und durch die Lamellen der Tür wird er Zeuge einer abstoßenden Szene.
Die ungewöhnliche Kameraperspektive hat in dieser und noch einigen weiteren Szene etwas verboten Exhibitionistisches an sich und hat mir als Zuschauer (gewollt??) Gewissensbisse bereitet.
Der Mann, Frank (gespielt von Dennis Hopper), der sich ausschließlich durch Fäkalsprache und übelste Schimpfwörter artikuliert, erniedrigt und vergewaltigt Dorothy.
Er zerschneidet ihre Kleidung mit einer Schere und verlangt abartige Dinge von ihr.
Mit zunehmender Erregung gerät Frank so sehr in Atemnot, daß er mittels einer Maske einen Asthmaanfall bekämpfen muß.
Nicht nur Sex erregt Frank dermaßen, auch Gewalt, die er anderen Menschen antut.
Mein Ekel dieser Kreatur gegenüber wurde mit jeder Sekunde größer, aber das ist wohl auch die Absicht des Regisseurs.
Was mich hier jedoch äußerst gestört hat, ist die permanent verwendete Fäkalsprache.
Außer "Scheiße", "F...en" und weiteren heftigen Ausdrücken, gibt diese Person nichts von sich.
Es mag ja sein, daß dies für die Handlung notwendig war, aber mir ging es nach ein paar Minuten tierisch auf den Geist.
Mein Bedarf an diesen Wörtern ist für die nächsten Jahre echt gedeckt!!
Es stellt sich heraus, daß Frank mit Drogen und finsteren Geschäften zu tun hat und für die Entführung von Dorothies Mann und Sohn verantwortlich ist.
Dorothy wollte sich schon aus Verzweiflung umbringen, doch Frank droht ihr an, ihren Lieben Böses anzutun.
Das abgeschnittene Ohr stammt von ihrem Mann Don...
Frank zermürbt Dorothy und macht sie vollends willenlos und gefügig.
Scheinbar bereitwillig macht sie all seine Spielchen und Erniedrigungen mit.
Sowohl Frank, als auch Dorothy wirken unberechenbar, fast schon schizophren.
Zeitweise bildet Dorothy sich ein, Jeffrey sei ihr Mann...
Ungewollt erfährt Frank von Jeffreys Existenz und zwingt ihn, ihn auf eine alptraumhafte Tour zu begleiten.
Zwischenzeitlich bandelt sich eine zarte unschuldige Liebe zwischen Jeffrey und Sandy an.
Wie fast alles in diesem Film ist auch diese Liebe der absolute Gegensatz zu dem, was Jeffrey mit Dorothy erlebt.
Sandy ist intelligent, selbstbewußt, couragiert und poetisch...Dorothy hingegen hilflos, zwiespältig und labil. Es wirkt so, als sei sie besessen von sexuellem Verlangen...und kurz darauf ist sie wieder ein hilfloses kleines Kind...
Die schöne heile Welt steht in diesem Film bei jeder Einstellung einem nicht enden wollenden Alptraum gegenüber.
Für zusätzliche Verwirrung sorgen kitschige Liebesschnulzen, die in den unpassendsten Momenten eingespielt werden.
Die Gegensätze sind es auch, welche diesen Film so interessant machen.
Die Handlung selbst konnte mich weniger begeistern...
Besonders positiv ist hier übrigens die unverbraucht wirkende Laura Dern zu erwähnen, die durch ihr emotionales Schauspiel voll überzeugen und die großen Stars an die Wand spielen kann.
Eine echte Bravourleistung...
06.10.2000 23:56
Der Film hatte mich auch begeistert, trotz aller Zwiespaeltigkeit. Wirklich gut beschrieben, es ist als ob der Film noch mal laeuft. Gruss Manukun.
30.09.2000 22:40
Da hat sich jemand Mühe gegeben um den Bericht zu schreiben! Respekt! Ich finde diesen Film auch sehr Klasse, nur aus einem Grund er paßt nicht in eine Schublade! Er ist außergewöhnlich, aber ohne Dennis Hopper wäre er sicherlich nicht so gut! Das Licht spielt in diesem Film eine große Rolle. Tolle Bilder, speziell in den Wohnungen! Und wer vergißt nicht das meist benutzte Wort von Dennis,...FUCK, und sein Beatmungsgerät! Ein schräger Film, wie Pulp Fiction! Kannst ja mal bei mir reinschaun :o)